shifting reality

Es gibt kein richtiges Lesen im valschen!

dreifach instrumentalisiert

with 50 comments

Bei der Online-Suche nach einem kleinen Büro im Viertel bin ich auf das bisher widerwärtigste Beispiel dafür gestoßen, dass ganze Bevölkerungsgruppen explizit und ungeniert als Dekoration für die Mehrheitsgesellschaft (welche ja in diesem Viertel noch nicht mal die Mehrheitsgesellschaft ist, das macht es noch zynischer) betrachtet und dargestellt werden.
Da wurde mir ganz abgesehen von der Gentrifizierung gleich nochmal extra schlecht wegen der unwürdigen Ausdrucksweise. Gutes Beispiel dafür, dass das diminuierende „Multikulti“ verrät, dass es nie das meint, was es einem verkaufen will: weiße deutsche Sozialkompetenz und kulturelle Vielfalt auf Augenhöhe.

Objektbeschreibung
modernstes Bürohaus in der Entstehung. Fertigstellung Mitte 2009! Heute schon an morgen denken… 

Markante Lage, markantes Gebäude. Präsentieren Sie Ihr Unternehmen in einem Büro- und Geschäftshaus welches man kennen wird. 

Im Erdgeschoss wird Einzelhandel und Gastronomie zur Verfügung stehen. 
Die darüberliegenden Etagen werden durch Büro- und ggf. Praxisflächen geprägt
Ausstattung
nach Absprache

Lage
„Die Schanze“ hat sich von einem eher unattraktiven Altbauquartier zu einem angesagten Szene- und Ausgehviertel entwickelt, das vor allem bei jungen Leuten und in der Medienwelt als Wohngegend hoch im Kurs steht. Hier haben die Bars und Restaurants jeglicher Couleur Tag und Nacht geöffnet. 
Die Vielfalt ausgefallener Läden vom indischen Basar bis zur hippen Boutique sucht ihresgleichen. Aber auch zahlreiche Unternehmen fühlen sich vom besonderen Flair dieser eigenwilligen Ecke Hamburgs in der Nähe der Messe zwischen Altonaer Straße, Schlachthofgelände, Schanzenpark und Schulterblatt angezogen. Ob New Economy, Modedesigner, Werbeagenturen, Filmproduktionsfirmen oder Fotostudios – das Schanzenviertel mit seiner „Multikulti“-Szene wird als inspirierender Standort mit hohem Freizeitwert immer beliebter.

Sonstiges
Mehr Informationen auf http://www.imPuls-Schanze.de oder in einem persönlichen Gespräch. Sprechen Sie uns gerne an 


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50 Antworten

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  1. „dass ganze Bevölkerungsgruppen explizit und ungeniert als Dekoration für die Mehrheitsgesellschaft (welche ja in diesem Viertel noch nicht mal die Mehrheitsgesellschaft ist, das macht es noch zynischer) betrachtet und dargestellt werden.“

    Ja, richtig, kenne ich auch gut, daß Homos bestens zur Dekoration taugen, so als nette Acessoires im Event- und Viertelgeschehen. So lange es nicht zu viele werden, versteht sich.

    Aber wie is’n dann die Umkehr-Perspektive? Oder was wäre die Antwort jenseits der „bestimmten Negation“, falls man nicht wie manch Adornit lieber gleich bei dieser stehen bleiben möchte?

    momorulez

    3. Oktober 2007 at 8:30

  2. Multikulti war nie etwas Anderes als Ethnopluralismus: Das Nebeneinander unterschiedlicher Kulturen bei Aufrechterhaltung und Betonung ihrer Unterschiedlichkeit. Das Konzept geht zurück auf Vertreter der Bevölkerungsbiologie und Rassenhygiene, hat mithin braune Wurzeln, wurde von den Neuen Rechten weiter ausformuliert und verbreitet, ist ideologische Grundlage der Gesellschaft für bedrohte Völker mit ihrem tatsächlich höchst völkischen Volksbegriff und wurde von den Grünen unverändert übernommen, nur in der Stoßrichtung geändert – nicht Türken in der Türkei und Schwarze in Afrika lassen, sondern Koexistenz der Kulturen in Deutschland bei Aufrechterhaltung der kulturellen Schranken, letztlich eine Art sanftere Apartheid.Daniel Cohn-Bendit und Dan Diner hatten das multikulturelle Konzept ganz unverblümt als Herrschaftskonzept begründet: Die Migranten sollen in Deutschland der soziale Bodensatz sein, die Schicht für die Jobs, die kein Deutscher macht. Das unterscheidetMultikulturalismus von Antirassismus und Grünalternative von Sozialrevolutionären. Never surrender!

    che2001

    3. Oktober 2007 at 13:21

  3. Echt jetzt? Das eine Wort, das gar noch in Anführungszeichen geschrieben wurde, löst diese heftigen Reflexe aus?
    Eindrucksvoll.

    Boche

    4. Oktober 2007 at 9:20

  4. Ich werte den Werbetext anders. Der Autor bzw. die Autorin mag das Schanzenviertel bzw. die Immobilienlage, und preist sie an. Und er/sie hält ein „Multikulti-Flair“, was immer sie darunter verstehen mag, für etwas Positives.

    So, what?

    Das soll schon Rassismus sein? Nein. Stände im Text, dass die anzupreisende Immobilienlage z.B. „ganz ohne nerviges Multikulti“ sei, dann wäre das Rassismus.

    Man mag den Werbetext nun trotzdem unangenehm finden, aber ich (ähem: ehemaliger und langjähriger Werbetexter) sehe nur, dass da jemand mit schlampiger Sprache und begrenzten Mitteln ein 0815-Werbetextchen verfasst hat. Der Ton wirkt ggf. aufgedonnert, vielleicht auch etwas arrogant, aber hält sich m.E. noch völlig im Rahmen.

    Dr. Dean

    4. Oktober 2007 at 11:49

  5. @Boche + Dean:

    Nee, so einfach isses nicht. Die Relation Mehrheitsgesellschaft versus Multikulti-Minderheit macht sich ja nicht an einem Wörtchen fest, sondern an einem Gestus, der „das Andere“ konstituiert. Was man als Mehrheitsgesellschafler eben in der Regel gar nicht mitbekommt, als Anderer aber sehr wohl …

    momorulez

    4. Oktober 2007 at 13:10

  6. Aha. Es fehlt mir wohl das Feingefühl, um diesen Gestus aus dem obigen Text herauszulesen.

    Deshalb empfinde ich die Schanze wohl auch als tatsächlich multikulturell, wenn ich dort durchspaziere.

    Boche

    4. Oktober 2007 at 14:07

  7. Komm doch dann gerne mal auf ’nen Kaffee vorbei! Dann erklär ich Dir, warum das mit Feingefühl gar nix zu tun hat …

    momorulez

    4. Oktober 2007 at 14:17

  8. Au ja, wir können uns gemeinsam treffen: Dean, Boche, Lebemann, Blogmama, Du und ich und gemeinsam durch Hamburg schlendern bei zwischendurch nem Wein und Krabben.

    che2001

    4. Oktober 2007 at 14:20

  9. Wenn nicht unbedingt alle Genannten dabei sind, hat die Idee tatsächlich etwas für sich. 😉

    Boche

    4. Oktober 2007 at 15:01

  10. Das klingt nicht verkehrt. Vielleicht könnte man – um dem noch ein klitzekleines Bisken Rahmen zu geben – dies mit einem Besuch im Museum der Arbeit verbinden. In unmittelbarer Nähe findet sich gute Gelegenheit für Speis, Trank und angenehme Disputation.

    Dr. Dean

    4. Oktober 2007 at 15:04

  11. Oh, ich sehe jetzt grad Boche´s Kommentar. Er meint wohl – so interpretiere ich es vor dem Hintergrund vergangener Blog-Diskussionen – es wäre besser, ich bin nicht dabei.

    Dr. Dean

    4. Oktober 2007 at 15:05

  12. Oder ich.

    Meine relative Anonymität ist mir durchaus etwas wert und die gebe ich nicht auf, wenn mir grundlegendes Vertrauen in die virtuelle Bekanntschaft fehlt.

    Boche

    4. Oktober 2007 at 15:10

  13. Nee, alle für einen, einer für alle … könnte doch entspannend sein! Also ich fände das gut!

    Aber bitte nicht in Barmbek!!! Ich habe sehr, sehr gute Gründe, da nicht hinzuwollen! Ottensen, Schanze, sowas, aber bitte nicht Barmbek!

    momorulez

    4. Oktober 2007 at 15:11

  14. Boche, dann gehen wir halt ohne die anderen einen saufen 😉 … und bitte nicht so Disharmonisches hier vertiefen, alles weitere bitte per mail!

    momorulez

    4. Oktober 2007 at 15:12

  15. Jut, machen wir so.
    Habe ich deine Mailadresse?

    Boche

    4. Oktober 2007 at 15:17

  16. In meinem Metalust-Impressum!

    momorulez

    4. Oktober 2007 at 15:19

  17. Gut, wenn es denn dem Frieden dient, lasse ich mich von Boche als Persona non grata ausladen. Okay. Macht es ohne mich.

    Dr. Dean

    4. Oktober 2007 at 16:36

  18. Ich kann mich ja erst mit Dir und Lebemann treffen und dann mit Boche, Blogmama und Momo 🙂

    che2001

    4. Oktober 2007 at 18:02

  19. Dann will ich aber dabei sein, wenn Du Dich mit Dean triffst! Und vielleicht ja Blogmama auch! Wir müssen einfach verschiedene Runden bilden!

    momorulez

    4. Oktober 2007 at 18:10

  20. Seid Ihr Teenager oder erwachsene Mneschen? 😉

    jolly rogers

    4. Oktober 2007 at 18:31

  21. Jolly, Du willst auch kommen? 😉

    Dr. Dean

    4. Oktober 2007 at 19:06

  22. Machen wir halt zwei Runden. Back to the topic: Boche und Dean, Multikulti ist ein bestimmtes, kodifiziertes Konzept, und zwar das, was ich oben dargestellt habe. Cohn-Bendit und Diner haben ja ein entsprechendes Buch geschrieben, und was sie dort dargelegt haben und für besonders fortschrittlich und aufgeklärt halten ist aus meiner Sicht der Wohlstandsrassismus der weißen Mittelschicht.

    che2001

    5. Oktober 2007 at 9:19

  23. Nix für ungut, aber ich bin da nicht dabei. Ist mir viel lieber wenn Ihr das ohne mich diskutiert.
    Weil: wenn ich noch mehr meiner Zeit darauf verwenden würde, den Profiteuren der Aufteilung in „Gesellschaft“ und „Andere“ dieselbe überhaupt zu erklären, würde ich ja zu keiner Arbeit mehr kommen, die zu Lösungen und Fortschritten führt. Das ist jetzt nicht bös gemeint. Aber ungefähr vergleichbar mit: als Frau stundenlang zu erklären warum „in diesem Viertel wohnen auch viele hübsche Girls“ in einem Immobilien-Werbetext Herrschaftsverhältnisse klarmachen und nebenbei unverschämt und sexistisch sein würde.
    Statt das zu tun, arbeite ich doch lieber zu dem Thema in einem, äh, erweiterten Rahmen, und gehe dann was snacken mit einer Gruppe, die insofern homogen ist, dass jeder davon diese gar nicht so besonders komplizierten Gegebenheiten bereits.. verstanden hat. Mindestens 2 davon z.B. am Sonntagnachmittag! Tippe übrigens 2:1.
    Und (Tipp für Mehrheitsgesellschaftsangehörige): bitte nicht ignorieren dass derlei Gesprächsrunden für die *sichtbar* so unverschämt Benannten („Multikulti“ o.ä.) nie nur eine „interessante Gesprächsrunde“ sein können sondern auch immer einen Kampf gegen Diminuierung und die Konfrontation mit/das Durchbrechen der Rolle als „Anders“ darstellen. Den Job kennt Ihr gar nicht. Und er ist kein Spaß. Und nie nur theoretisch. Und schon gar kein Zeitvertreib.
    Freue mich schon auf den Erlebnisbericht nach Eurem (Euren?) Treffen.

    blogmama

    5. Oktober 2007 at 10:50

  24. @Che

    Ich glaub dir ja, dass man dieses Konzept da so begründen kann.
    Ich finde die Problematisierung nur albern im konkreten Zusammenhang.
    Mit dem Anführungszeichen-Multikulti wird nichts weiter als die kulturelle Buntheit des Viertels beschrieben. Man kann ja nun schwer wegdiskutieren, dass dort neben der deutschen die türkische, thailändische und sonstwelche Sprachen erklingen. Und dass dort derart geprägte Lokale und Geschäfte in höherer Dichte als in anderen Vierteln zu finden sind.

    Ich mag das. Und die potentielle Klientel dieses Werbetexters scheint das auch zu mögen. Sollte man über offensichtlich zu Beobachtendes schweigen? Oder gibt es irgendwelche Sprachvorgaben, die man einhalten sollte, damit es unproblematisch wird? Welche wären das?

    Boche

    5. Oktober 2007 at 11:04

  25. Tja, scheinbar ist es notwendig, selber zu den „Anderen“ zu gehören, um wahrzunehmen, worum es hier geht. Vielleicht hat man mich ja nur von außen weiß angemalt 😉

    che2001

    5. Oktober 2007 at 11:13

  26. Es geht nicht um „Sprachvorgaben“ sondern um die grundsätzliche falsche Annahme, dass nur Menschen, die weiß und deutsch sind, überhaupt relevant sind, indem man *ihnen(!)* ein Viertel mit derartigen Begriffen be-schreibt. Klar, denn für alle die das nicht sind, ist diese pseudo-Information „Multikulti“ eher eine Frechheit und auch gar keine Information. Es ist dabei irrelevant ob die Texter Multikulti“ positiv oder negativ finden. Dass sie Menschen (!) überhaupt als „Multikulti“ zusammenfassen und sie damit wie selbstverständlich AUSSERHALB der „normalen“ Gesellschaft stellen – das ist das Problem. kann mich nur wiederholen: das ist ca wie “in diesem Viertel wohnen auch viele hübsche Girls” in einem Immobilien-Werbetext. Das heißt „Männer sind Menschen und welche die Häuser kaufen, und Frauen sind Deko“. Denk halt mal 5 Sek. drüber nach.

    Außerdem werden neben dieser Benennung als „ANDERS“/Nicht zur Gesellschaft gehörend (und zwar nicht wegen guter Gründe wie z.B. Bernd ist gewalttätig und Peter ist größenwahnsinnig, sondern nur aufgrund von Rassifizierung und Ausgrenzung) ca 75% der Leute die da leben und das Viertel imemrhin zu dem gemacht haben was es ist, als potentielle KäuferInnen gar nicht erst angedacht.

    Dass Du denkst, dass das normal ist, das ist die Verständnislücke. Und dass Du denkst dass es darum geht ob DU „***das***“ (??!!!) magst oder nicht (und nicht um grundsätzliche gesellschaftliche Prozesse), das ist das Herrschaftsgefälle. Es geht nicht darum welche „ethnische Zusammensetzung“ die Mehrheitsgesellschaft amüsiert oder nicht. Es geht darum, dass sie immer automatisch glauben, dass sie die einzig relevanten Personen sind und alle anderen – Objekte. Und jetzt bitte nochmal den Text lesen.

    blogmama

    5. Oktober 2007 at 11:42

  27. Was würdest Du, Boche, denn denken, wenn Du einen Immobilienwerbetext lesen würdest, in dem es heißt: „In Findorff wohnen viele gebürtige Sachsen, die in das soziale Leben Bremens gut integriert sind und mit ihrem unverwechselbaren Zungenschlag den Lokalkolorit ebenso prägen wie die Deutschtürken“?

    che2001

    5. Oktober 2007 at 11:56

  28. das ist ca wie “in diesem Viertel wohnen auch viele hübsche Girls” in einem Immobilien-Werbetext. Das heißt “Männer sind Menschen und welche die Häuser kaufen, und Frauen sind Deko”. Denk halt mal 5 Sek. drüber nach.

    Hab ich gemacht. Und bin zu dem Ergebnis gekommen, dass die „vielen hübschen Girls“ etwas ganz anderes aussagen. Nämlich: „Wir halten Männer für schwanzgesteuerte Triebwesen, denen wir mit einer solch schwammigen Behauptung eine überteuerte Wohnung andrehen können“.

    Rayson

    5. Oktober 2007 at 12:01

  29. @che

    Ich fänds ne nette Beschreibung und würde mich in meiner Eigenschaft als Sachse wahrgenommen und geschätzt fühlen.
    Aber vermutlich bin ich zu verblendet und müsste mich als Objekt degradiert fühlen?

    Boche

    5. Oktober 2007 at 12:03

  30. @Che

    Das würde ganz sicher in keinem Werbetext stehen. Überhaupt ist doch das, womit nicht geworben wird, das eigentlich Ausgegrenzte…

    Rayson

    5. Oktober 2007 at 12:04

  31. @Boche: eiverbibsch!

    che2001

    5. Oktober 2007 at 12:40

  32. Na, der Holocaust war auch nur möglich, weil zunächst mal definiert wurde, was denn Jude sei und worin er sich unterscheidet vom DEUTSCHEN Kulturvolke … das ist außerordentlich einleuchtend, wie Raoul Hilberg das darstellt, also die Definition als erste Stufe.Und die könnte prinzipiell auch wertneutral vollzogen sein.

    Die wurden ja nicht durch Ignoranz ausgegrenzt, sondern denen heftete man gelbe Sterne an. Was übrigens immer die scharz/schwul-Differenz ist, ich kann mich ja verstecken, untertauchen.

    Nein, ich will niemandem, der Multikulti sagt, Vernichtungsfantasien unterstellen, aber das macht vielleicht deutlich, worum’s hier geht. Die Perspektive der Mehrheitsgesellschaft ist eben Subjekt, das Andere Objekt. Im ganz klassischen Sinne. Und wie kommt man eigentlich dazu, die Döner-Jungs einer anderen Kultur zuzuordnen? Die sind doch zumeist genau wie ich hier geboren.

    momorulez

    5. Oktober 2007 at 12:47

  33. Vielfalt wahrzunehmen ist das Eine.

    Die Wahrnehmung zu missbrauchen, um Vielfalt abzuschaffen, ist das Andere.

    Ich glaube nicht, dass verordnete oder durch Selbstdisziplin erzwungene Blindheit gegen den Missbrauch des Sehens hilft.

    Boche

    5. Oktober 2007 at 12:53

  34. Na, eine Sortierung nach Kategorien wie „Multikulti“ IST ja eine Form der Blindheit, nämlich jene Unfähigkeit, sich selbst anzuschauen zum einen, zudem die Unfähigkeit, das Besondere und Individuelle statt eines falschen Allgemeinen zu sehen zum anderen …

    momorulez

    5. Oktober 2007 at 13:16

  35. Wenn ich sehe, dass mir lauter Menschen mit schönen Ohren entgegenkommen, ignoriere ich also, dass sie verschiedene Schuhgrößen haben? Und wenn ich beides zu wissen und wahrzunehmen in der Lage bin?

    Boche

    5. Oktober 2007 at 13:19

  36. Wo eigentlich steckt in „Multikulti“ die Subjekt-Objekt-Relation? Und warum ist das ein „falsches“ Allgemeines?

    Der Gegensatz zwischen dem Allgmeinen und dem Besonderen und Individuellen existiert doch gar nicht. Beide Sichtweisen haben im richtigen Kontext ihren Platz, so wie es mal sinnvoll ist, von Fichten, Tannen oder – noch konkreter – dem Baum in meinem Garten zu reden, und ein anderes Mal von einem Wald.

    Rayson

    5. Oktober 2007 at 13:21

  37. Ich verstehe die Kritik so, dass hier davon ausgegangen wird, dass wir alle geistig nicht in der Lage sind, den Wald gedanklich wieder in einzelne Bäume aufzulösen.

    Boche

    5. Oktober 2007 at 13:27

  38. @rayson „Das würde ganz sicher in keinem Werbetext stehen. Überhaupt ist doch das, womit nicht geworben wird, das eigentlich Ausgegrenzte…“ – Aber nur, weil der Sachse an sich für den Bremer nicht exotisch genug ist. OK, zwei Beispiele:

    The Sowetan, eine von Schwarzen gelesene Zeitung in Südafrika, Immobilienteil: „Erwerben Sie Grundeigentum in Windhoek! Die Immobilienpreise in Namibia sind äußerst günstig, und die namibische Regierung ist bemüht, Eigentum, das sich vormals in weißen Händen befand, an schwarze Investoren zu veräußern. Die Stadt Windhoek ist deutsch geprägt, das heißt: Sauberkeit, Disziplin, Ordnung, billiges Bier, leckere Wurstspezialitätzen, blonde Girls. Mithin hat Windhoek hohen Freizeitwert für vermögende Xhosa und Zulu.“

    Oder Al Watan al Arabiya: „Besuchen Sie Deutschland! Auf dem Münchner Oktoberfes erleben sie alles, was dieses Land auszeichnet – legaler preisgünstiger Alkoholausschank in unbegrenzten Mengen, Volksfestathmosphäre, Blondinen mit großer Oberweite.“

    che2001

    5. Oktober 2007 at 13:46

  39. @Boche:

    Wenn Du Personen anhand eines Merkmals zu Kategorien zusammenfaßt, ignorierst natürlich deren Individualität, ja.

    @Rayson:

    „Der Gegensatz zwischen dem Allgmeinen und dem Besonderen und Individuellen existiert doch gar nicht.“

    Das ist erstens falsch, natürlich existiert der, es gibt schon noch einen Unterscheid zwischen meinem Hund und Hunden im allgemeinen, und zweitens einfach typisch liberal, genau diese Unterscheidung nicht zu treffen. Deshalb begreift ihr ja Nivellierung auch nicht als Problem dann, wenn sie von Märkten vollzogen wird.

    Aber genau deshalb mag ich ja Dich als Netz-Persona und gehe mit Boche einen trinken, weil ich euch ALS Liberale gar nicht mehr identifizieren kann, sondern als facettenreiche Persönlichkeiten. Und da, wo das nicht gelingt, bei anderen Bloggern, muß Ideologie im Spiel sein, und das nicht auf meiner Seite.

    Und wenn man „Kultur“ wie „Wald“ und „Nation“ wie „Gemüse“ verwendet, dann ignoriert man Entscheidendes. So simpel ist das nun auch nicht mit der Sprache, weil sich Verwendungsweisen von Vokabeln nicht alleine anhand des Verhältnisse von Eigenname und Oberbegriff fassen lassen, z.B.. „Wald“ meint eben was anderes als „Baum“, selbst wenn „Wald“ zumeist als Ansammlung von Bäumen verwendet wird, ist dieses Beispiel falsch, und Menschen sind zudem keine Bäume. Und der Oberbegriff zu „Birke“ ist „Baum“, nicht Wald. Wenn man dann aber den Baum als Teil des Waldes begreift, ent-indvidualisiert man ihn. Was bei Bäumen jetzt nicht sooooo schlimm ist.

    Übrigens, nebenbei, genau das ist ja eines der zentralen Probleme bei Adorno. Daß eben Begriffe notwendig allgemein sind, eine Subsummierung des Besonderen unter das Allgemeine aber ein Herschaftsverhältnis darstellt. Du outetst Dich gerade als einmal mehr als Hegelianer 😉 …

    Die Subjekt-Objekt-Relation in „Multikulti“ liegt in der Perspektive, aus der es formuliert wird: Die „deutsche Kultur“, dieses inexistente Wesen, wird ja nicht als Teil des „Multikulti“ betrachtet, sondern a.) als dessen Gegensatz, sonst machte die Hervorhebung ja keinen Sinn, und b.) ist’s dann die Perspektive , aus der sowas wie „Multikulti“ überhaupt definiert wird.

    Die Szene im Sommer auf Ibiza würde man z.B. „International“ nennen, nicht „Multikulti“. „Der internaionale Jet-Set trifft sich in St. Moritz“, so in diesem Sinne. Insofern ist’s der „Blick der deutschen Kultur“, der das Nicht-Dazugehörige als „Multikulti“ definiert und somit auch objektiviert.

    momorulez

    5. Oktober 2007 at 13:47

  40. @Che

    Ich glaube, solche Texte gibt es in allen Reiseführern dieser Welt… Aber ein Problem sind die aus meiner Sicht nur für den, der ihnen glaubt.

    @MR

    Das ist erstens falsch, natürlich existiert der, es gibt schon noch einen Unterscheid zwischen meinem Hund und Hunden im allgemeinen,

    So lange „Gegensatz“ und „Unterschied“ noch keine Synonyme sind, kann ich nicht erkennen, wie das deine Schlussfolgerung stützt.

    Menschen sind zudem keine Bäume

    Darauf habe ich wirklich gewartet 😉

    Wenn man dann aber den Baum als Teil des Waldes begreift, ent-indvidualisiert man ihn.

    Es gibt eben Situationen, in denen Individualisierung ineffizient ist, einfach überflüssige Information. Ich will ja nicht versuchen, Adorno zu widerlegen, aber das etwas sein kann, heißt nicht zwingend, dass es auch sein muss. Man kann mit der Verdrängung des Besonderen ins Allgemeine viel Unfug anrichten, aber doch hat auch das Allgemeine seinen Platz.

    Die “deutsche Kultur”, dieses inexistente Wesen, wird ja nicht als Teil des “Multikulti” betrachtet, sondern a.) als dessen Gegensatz, sonst machte die Hervorhebung ja keinen Sinn

    Warum nicht? „Multi“ heißt „mehrere“, nicht „andere“. Aber vielleicht muss man zunächst mal drüber reden, was da alles in einen Begriff hineingesteckt wird. „Multikulti“ kann man so verstehen, dass klar abgegrenzte Kulturen nebeneinander her existieren. Muss man aber nicht. „Multikulti“ kann auch heißen: Ein Gemisch mit Elementen aus vielen Kulturen.

    Na, wie würdest du dich beschweren, wenn ich die Schanze als „international“ beschreiben würde. Das hieße ja: Deutsche und Nicht-Deutsche! In- und Ausländer! Das ist übrigens auch der Unterschied zwischen diesen beiden Formen des Allgemeinen: „International“ ist da richtig am Platz, wo man betonen will, dass tatsächlich Menschen, die normalerweise in einem anderen Land leben, an einem Ort zusammenkommen. „Multikulti“ beschreibt eine kulturelle Vielfalt jenseits von Staatsbürgerschaften.

    Rayson

    5. Oktober 2007 at 14:14

  41. Ich glaube, solche Texte gibt es in allen Reiseführern dieser Welt… Aber ein Problem sind die aus meiner Sicht nur für den, der ihnen glaubt.- Ja klar, aber wie sieht das dann mit einer Immobilienanzeige aus? Ein Problem ist die dort getroffene Aussage nur für den, der ihr glaubt? Das heißt, es kann vom Leser erwartet werden, dass er so mündig ist, das dahinter stehende soziale Konstrukt zu durchschauen?

    che2001

    5. Oktober 2007 at 14:22

  42. Ich meine, der muss da gar nichts durchschauen, sondern nur entscheiden, ob er mit der Beschreibung etwas Positives oder etwas Negatives verbindet.

    Rayson

    5. Oktober 2007 at 14:32

  43. Na, ich wollte ja nur auf die Differenz zwischen „Multikulti“ und „International“ zunächst hinweisen, nicht die Schanze als „international“ klassifizieren, was mir aber immer noch besser gefiele. Einfach, weil Staatsbürgerschaften was ziemlich eindeutiges sind, da hat man dann nur doch das Problem, das manche gar keine haben … kann man aber auch als libertäre Utopie begreifen, gegen die in manchen Varinaten ich ja gar nix hätte. Und „International“ heißt ja gerade nicht „deutsch/nichdeutsch“, sondern „alles“. ‚Nen Kumpel von mir präferiert „Diversity“ als Begriff für sowas wie die Schanze, daß in ihr Spuren, mehr nicht, des inhärent Dissidenten greifen, das greift der Terminus dann allerdings nicht mehr auf.

    „aber doch hat auch das Allgemeine seinen Platz.“

    Das ist mir jetzt aber zu allgemein 😉 … und, vielleicht noch mal zu Multikulti: Das würde ja keiner im Falle von Innenstädten, wo Banker auf Obdachlose treffen, verwenden. Dabei handelt es sich da zweifelsohne um 2 Kulturen, die rein gar nix miteinander zu tun haben.

    Mir scheint ja immer, daß diese Inflation von „Kultur“-Beschreibungen eher dazu dient, ökonomische Kategorien gerade zu verschleiern. Menschen sind keine Kulturträger, sondern haben je unterschiedlich Geld und Kreditkarten in den Taschen, und das bringt dannn differente Weltdeutungen und Praktiken mit sich.

    „Kultur“ würde ich ja immer allgemeiner beschreiben 😉 … weiß nicht, ob ohne den Gegensatz „Natur“ die Verwendung allzu erhellend ist. Kann man immer ganz gut bei jenen nachvollziehen, die dann anderen Kulturen das Unzivilisierte, Naturnahe zuschieben, also implizit in der stufenweisen Relation Kultur/Natur denken … der Rest ist wahlweise Sprache, wo die Übersetzbarkeit schon reicht, um allzu große Differenzen gar nicht mehr als allzu relevant zu erachten (die Ausnahme bildet der Unterschied zwischen Norddeutschen und Rheinländern! 🙂 ), oder Ästhetik. Und der Modus der Moralbegründung. Was auf der Schanze aber keine Rolle spielt, wenn nicht gerade Straßenschlachten aus Straßenfesten enstehen …

    momorulez

    5. Oktober 2007 at 14:36

  44. Also bitte, der Begriff des Multikulturalismus operationalisiert die Differenz, die ganz positivistisch als gegeben vorausgesetzt wird und grenzt sich damit vom Begriff des Melting Pot ab. Und dann gibt es halt unterschiedliche, monolithisch begriffene Einzelkulturen, die zu respektieren sind, sich aber einer deutschen Leitkultur unterzuordnen haben.

    che2001

    5. Oktober 2007 at 15:14

  45. Tut er das, der Begriff… Alle Achtung. Und die Leitkultur steckt in ihm auch noch drin. Ja, Mensch, da sieht man mal wieder, wie naiv ich doch bin. Zwar gibt es zum Glück immer jemanden, der mir das alles erklärt, aber dennoch packt mich jetzt das Gefühl großer Unsicherheit, wen ich durch die Verwendung von Worten, deren wahren Inhalt ich noch nicht kenne, noch alles zum Objekt degradiere und so den nächsten Holocaust gedanklich vorbereite. Nichtintendiert, natürlich.

    Rayson

    5. Oktober 2007 at 15:23

  46. „aber dennoch packt mich jetzt das Gefühl großer Unsicherheit“

    Na, wenn’s denn wirklich so wäre, dann wäre das ja schon mal erste Schritt zu mehr Umsicht, im Wortsinne. Alles andere ist positivistische Ontologie, die hinter den methodischen Zweifel Descartes‘ zurückfiele. Und das meine ich zwischendrin mal bierernst.

    momorulez

    5. Oktober 2007 at 15:51

  47. Die Dosis macht das Gift.

    Rayson

    5. Oktober 2007 at 16:09

  48. An den drei Beiträgen aus „Geschichte, Rassismus und das Boot“ dürfte deutlich werden, was ich meine. Nebenbei gesagt ist auch der Wikipedia-Artikel zu Multikulturalismus nicht unbrauchbar.

    che2001

    5. Oktober 2007 at 16:44

  49. Au ja, wir können uns gemeinsam treffen: Dean, Boche, Lebemann, Blogmama, Du und ich und gemeinsam durch Hamburg schlendern bei zwischendurch nem Wein und Krabben.

    Das fände ich auch mal interessant.
    Hätte übrigens auch das überlesen, was Blogmama da stört.
    (Als bekennender sich bessern wollender sexistischer weisser „Macho“ aber auch schwierig)
    Suche immer noch in meinem Kopf mir den „Freizeitwert“ der Schanze vorzustellen, und tippe nebenbei auf 3:1 morgen.

    Merke aber auch sofort, dass da eine(r), der von einem „indischen Basar“ faselt nicht hingeschaut hat. Wo soll der denn sein? Wahrscheinlich da, wo der Freizeitwert sich versteckt. Das gibt ein böses Erwachen, wenn die Zielgruppe dieser Kerle/Innen da hin sich zieht.

    Aber vielleicht macht das ja denen auch nichts aus. Denn abends ist man dann wieder im beschaulichen Eigenheim in Rissen, Wellingsbüttel oder Sülldorf. Dann sind aber auch die Roten Floristen und die weissen Mit50er in ihren Pullundern Staffage für den Nachmittagsgalao – ja eigentlich wir alle, die wir da gerne wohnen könnten. (mich friert – bis morgen dann 😉

    ring2

    6. Oktober 2007 at 18:51

  50. […] zeigt vielmehr, dass noch so ein langer Weg vor uns liegt, allein um Begrifflichkeiten gerade zu […]


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