shifting reality

Es gibt kein richtiges Lesen im valschen!

Regierung ist mehr als nur der Staat

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Gestern wollte ich was zur Regierung der Kultur schreiben. aber heute flattert mir endlich das Buch „Inventing Our Selves. Psychology, Power, and Personhood“ von Nikolas Rose in den Postkasten. Und damit schließe ich gerne an die Überlegungen von MomoRules an, der sich über den Zusammenhang von Regierung und psycho-logischer Stigmatisierung Gedanken macht.

Das ist ja auch einer der Kerntexte der Studien zur Gouvernementalität und schreibt eine Genealogie der sogenannten „Psy“-Disziplinen, als die sich die Rationalitäten von Fabriken, Schulen, Kliniken, Militär, Öffentliche Meinung, Therapeutischen Institutionen beschreiben lassen, und auf deren Grundlage sich das liberale Regime entwickelte, auf die es sich stütze und immer noch stützt. Das liberale Regime ist ein Regime der Regierungsverhältnisse, die sich nicht allein auf den Staat zurückführen lassen. Stattdessen gibt es eine Reihe analog funktionierender Bereiche des gesellschaftlichen Lebens, deren allgemeines Modell nicht der Staat, sondern die Regierung, also die expertenhafte Organisation der Menschen, der Waren, des Lebens und vor allem des psychologischen Verhältnisses zu sich selbst ist, deren Motoren eben Wissenschaften wie die Psychologie, Psychiatrie, Psychoanalyse usw sind.

Nikolas Rose schreibt:

„It is this ‚will to govern‘ that unifies what are otherwise a disparate series of projects – politicians trying to improve economic life by controlling the money supply, managers seeking to transform the life of the factory to increase its harmony and profitability, educators seeking to transform teaching methods in order to enhance learning, doctors seeking to educate families in order top increase health. Modern societies are traversed by this will to govern, in which it has become not just legitimate but obligatory for authorities to seek to shape and channel economic, social, and personal life to avert evil and achieve good. And the ‚will to govern‘ has constituted the self and its interrelations as a key object of concern.“
N. Rose (1998): Inventing Our Selves. Psychology, Power and Personhood, Cambridge: University Press, S. 119.

Es gibt da ja wirklich eine ganze Reihe an Untersuchungen dazu:

  • Jacques Donzelot hat das für die Familie nachgezeichnet, wie sie seit der Französischen Revolution zum Objekt einer Sorge wurde, Ordnung vor allem in die Verhältnisse des Proletariats wurde.
  • Robert Castel hat sich eingehend mit dem Zusammenhang von Psychiatrisierung, Exklusion und Armutspolitik sowie deren Verhältnis zur Lohnarbeit beschäftigt.
  • Lorna Weir beschäftigte die „Regierung“ des fötalen Lebens: die Entwicklung des Bauches der Mutter als neuer Raum medizinischer Praktiken (dank neuer bildgebender Verfahren) und die Einbeziehung des Fötus als „zweiter Patient“ in die Überlegungen zur Einschätzung der Risiken einer Schwangerschaft.
  • Überhaupt bildet derUmgang mit dem Körpet ein zentrales Element der Regierung: Luc Boltanski verband jüngst seine Überlegungen zur Biopolitik mit den nBedingungen der produktion von Leben in der projektbasierten Polis: Seit Reproduktion und Sexualität nicht mehr deckungsgleich sind, ist die Entscheidung für ein Kind das Ergebnis einer sozialen Übereinkunft zwischen den Eltern und der Gesellschaft. Stefanie Duttweiler suchte nach den Modi der Regierung seiner selber im Umgang mit dem Körper, als Welllness, Fitness oder als Projekt des eigenen Glücks. Thomas Lemke hingegen widmete sich den Formen genetischer Diskriminierung von Betroffenen der Huntington Krankheit: die paradoxerweise dankk der Vererblichkeit der Krankheit plötzlich selbst für die Folgen ihrer Krankheit Sorge tragen müssen und dafür Verantwortung übernehmen müssen.
  • Ulrich Bröckling untersucht die Management-Literartur, in wie weit sie eine explizite Ethik des Unternehmers formuliert, die zum einen über Programme wier das Self empowerment eine ständige Leistungserwartung an die Subjekte heranträgt, zum anderen aber ausgeklügelte Regime der (Selbst-)kontrolle entwickelt, in denen sich eine Rationalität der gegenseitigen Beobachtung im Qualitätsmangement zu einer antibürokratischen Bürokratie der andauernden Selbstevaluation irratiobnalisiert.

Parallele Verfahren lassen sich in der Resozialisierung von Straftätern (Susanne Krassmann) oder in der Umstrukturierung des Versicherungs- und Gesundheitswesens hin zu einer Individualisierung des Risikos und der Selbstverantwortung (Henning Schmidt-Semisch) beobachten. Und genau da liegt die Brücke zum Neoliberalismus. Was die neoliberale Gouvernementalität auszeichnet ist weniger der Hang zur Durchprivatisierung aller gesellschaftlicher Bereiche (das auch, aber das ist nicht zentral), sondern die Umstrukturierung von Verantwortungen, deren Losung „selbst schuld“ heißt. Hier radikalisiert sich das Diktum Nietzsches, dass der Mensch ein Tier sei, das Versprechen geben kann. Wahrlich, was die neoliberale Gouvernementalität ausmacht ist das totale „In Rechnung stellen“ der Möglichkeit, Versprechen geben zu können. Den Gesellschaftsvertrag haben wir bereits mit unserer eigenen Existenz bekräftigt; er ist erkauft um das Versprechen, ihn zu halten. Und wenn wir gegen seine Abmachungen verstoßen (indem wir arbeitsunfähig oder unzurechnungsfähig werden), so haben wir laut der neoliberalen Gouvernementalität unser Versprechen gebrochen und sind deshalb auch selbst schuld. Und so bleibt sie permanente Befragung unserer selbst, ob wir unsere Versprechen auch wirklich halten, der Königsweg der Integration in dieses Gesellschaftsmodell. Ob wir das wollen, ist eine andere Frage. Vielleicht müssen wir uns den Praktiken des „Unbecoming self“ zuwenden.

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Written by lars

9. Oktober 2007 um 21:28

4 Antworten

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  1. Wart’s ab, jetzt kommt wieder irgendwer um die Ecke, behauptet das als Geschwurbel, es gibt ja nur die Ewigkeit von Angebot und Nachfrage, Pflichten gegen sich selbst wie „Eigenverantwortung“, dann wird im Sinne prämoderner Tugendleheren kräftig moralisiert, und außerdem müssen wir die westliche Kultur verteidigen.

    Super-Text! Danke!

    momorulez

    10. Oktober 2007 at 6:52

  2. Das knüpft dann nahtlos an den Bereich Bevölkerungsökonomie/Eugenik via Pränataldiagnostik“ an, also Biopolitik in Reinkultur. Empfehle dazu ein tolles Buch von Oliver Tolmein: „Wann ist der Mensch ein Mensch? Ethik auf Awegen.“

    che2001

    10. Oktober 2007 at 7:12

  3. @Momo:: Danke. Naja, dass die Gegenübers mit ihrer eindeutigen Trennung von Staat, Markt und Privatheit einer solchen Analyse nicht zustimmen werden, gilt als abgemacht. Aber was ich da schrieb, sollte ja vor allem erst einmal deutlich machen, dass man den Begriff „Neoliberalismus“ präzise kritisieren kann.

    @Che: Vollste Zustimmung.Das eugenische Projekt ist ja das ausgeschlossene Dritte unserer derzeitigen Gesellschaftsverfassung. Im Neoliberalismus im Prinzip seit Wilhelm Röpke. Woebi man ja dank Herman und den ganzen Debatten um die aussterbenden Deutschen/zu niedrigen Geburtenraten/Gentechnologie geradezu blind sein muss, um dieses Problem kommentarlos zu übergehen.

    lars

    10. Oktober 2007 at 20:00

  4. […] Hermann40 Jahre totUm die „Seele“ geht’s: Umerziehung im neofeudalen SinneFreiheit statt Friedman!Regierung ist mehr als nur der StaatDoitschland aus MigrantensichtDer Münte, die Dauer des Rentenbezugs und überhauptMilton Friedman […]


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