shifting reality

Es gibt kein richtiges Lesen im valschen!

Geschichten der Regierung (1) – Jacques Donzelot

with one comment

Während es in den Posts zu Austiin und Butler ja eher um die Frage ging, ob man deren Ansätzen verwenden kann (wozu nochmal?) reite ich eingachmal auf meinem Steckenpferd weiter.

Halt! Vorher doch noch eine Frage an den Noergler: Ich sitze ja immer etwas ratlos vor der Sprachtheorie Benjamins. Mich würde wirklich interessieren, wie Du das vor dem Hintergrund der Ablehnung der sprachanaltischen Theorie beurteilst.

Also weiter mit dem Steckenpferd „Regierung‘. Ich öchte mit Jacques Donzelot anfangen, der in den 1970ern ein Buch veröffentlicht hat, das den schönen Titel „La police des familles“ trägt, und ins Deutsche mit dem etwas schnöden „Die Ordnung der Familie“ übersetzt wurde. Es geht nämlich tatsächlich um die Polizei der Familie, in dem Sinne, den man der „Policey“ im 18. Jahrhundert gab: Ein Mehr an Wohlstand für die Gesellschaft herauszufiltern, indem man an den verschiede nsten Stellen eingreift: Verkehrswege organisiert, Stadtpolitik betreibt (heir sei an den General Haussmann in Paris erinnert, der im 19. Jahrhundert die Slums von Paris abriss um sie durch große Prachtstraßen und Alleen zu ersetzen und es „strategische Verschönerung“ nannte) oder die öffentliche Hygiene organisiert.

Und Donzelot untersucht diese Polizei am Beispiel der Familie. Diese, so seine These, und ich würde der vorerst einmal zustimmen, ist zugleich Königin und Gefangene der Gesellschaft, also das bürgerliche Ideal des privaten Lebens und der Ort, der stark der Zugriffe durch andere ausgesetzt ist. Die Familie ist dabei das Relais zweier Ströme: der sozialen Ökonomie und einer Ökonomie der Körper. Während sich die soziale Ökonomie um das Problem der Armut (genauer: der Verarmung der Nation) zentriert, steht im Mittelpunkt der Ökonomie der Körper das Verkümmern der Elite. Beide Probleme, so die Moralisten des 18. Jahrhunderts entstehen zentral in der familiären Aufzucht der Kinder und es sind drei Momente, die immer wieder beklagt werden:

– Die Heime für Findelkinder: In ihnen soll die Streblichkeitsrate der Säuglinge besonders groß sein, und die Kinder damit der Nutzbarmachung durch den Staat entziehen.

– Die Rarheit, Böswilligkeit und Unfähigkeit der Ammen, denen man bis dahin für gewöhnlich die Kinder zur Säugung übergab, was zu einer zu Hohen Anzahl an zu beteruenden Kindern pro Amme führte.

– Schließlich am anderen Ende der Skala die Verzärtelung und Verweichlichung der Kinder durch die Ammen und Dienstboten im Großbürgerhaushalt, was zu unmässiger Lust und Putzsucht der Künder führt.

Irrationalität der Heimverwaltung (gesellschaftliche Ökonomie) und Dekadenz der Elite (Ökonomie des Körpers).

Diese beiden Problematisierungen der Gesellschaft und des Körpers werden also zentral an der Kinderaufzucht bearbeitet.

Und während man für die soziale Ökonomie die Lenkung und Führung der Armen versteht, um die sich herum die Philantropen scharen, wird für das reiche Bürgertum die häusliche Medizin installiert: Als expertenhaftes Bündnis von Hausarzt und Mutter. So erscheint auch erst im 18. Jahrhundert der Frauen- und Kinderarzt. Und auch dieses Dispositiv ist eindeutig in seiner Einrchtung. Das expertenhafte Wissen des Arztes und die gefügige Mutter, die das Wissen hilfsbereit anwendet. In den Ratgebern dieser Zeit findet man Beschreibungen der Mutter als „vollkommene Krankenwärterin“. Und auch das ist vollkommen klar: „Der Arzt schreibt vor, die Mutter führt aus.“

Zentrale Objekte der Sorge um die Kinderaufzucht sind das Stillen und die Kleidung der Kinder, die Überwachung der Dienerschaft, die Organisation und Gestaltung des Wohnumfeldesim privaten Bereich, in der öffentlichen Erziehung sind es die überfülten Räume, der gemeinsame Schlafsaal, die Reglements der Klosterschulen, die Überlastung des Kindes durch den Stundenplan.

Interessanterweise geht es der sozilaen Ökonomie aber gerade nicht um den Schutz der Kinder vor schädlichen Zwängen, sondern um die Unterbindung von Eigenmächtigkeit, um die Kontrolle von wilden Verbindungen und um die Verbauung von Fluchtwegen (etwa der Landstreicherei).

Und genau da reiht sich die Kindererziehung (und zwar sowohl die private als auch die öffentliche) in die Serie an Überwachungsagenturen ein, die man auch für Prostituierte, gefallene Mädchen, Verbrecher usw. vorsah.

„Im 17. Jarhundert absorbieren die Klosterschulen die unverheirateten Frauen, um sie Aufgaben der inneren Mission und der Erzeihung zu widmen. Zur gleichen Zeit macht sich der hl. Vincent von Paul daran, die ausgesetzten Kinder zu sammeln und ihre Verwahrung zu einer Staatsaufgabe zu machen – gegen ihren Mißbrauch durch das Volk der Bettler, die ihnen häufig Verstümmelungen beibrachten, um dadurch Mitleid zu erwecken. Ebenfalls zu diesem Zeitpunkt beginnt die Verdrängung der Prostituierten, denen, nachdem ihnen seit dem Mittelalter nur bestimmte Stadtviertel erlaubt waren, jetzt zunehmend der Aufenthalt auf der Straße untersagt wird. Am Ende des 18. und während der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts organisiert die Polizei selbst das System der geschlossenen Häuser, jagt die einzelgehenden Prostituierten und zwingt sie, für Zuhälter zu arbeiten, die direkt von der Polizei abhängen.“
J. Donzelot (1979): Die Ordnung der Familie, Frankfurt/Main: Suhrkamp, S. 36 f.

Und 1769 schlägt ein Philantrop

„…eine Institution vor, die die Vorzüge der Klosterschule, des Bordells und des Waisenhauses in sich vereint. Dorthin können sich alle jungen Mädchen begeben, die von ihrer Familie nicht zur Ehe ausersehen sind. In diesem königlich inspirierten Hause werden die schönsten von ihnen zur Befriedigung von Kunden bestimmt, die sie eventuell heiraten können. Die anderen und alten Frauen widmen sich der Erziehung der aus diesen Verbindungen hervorgegangenen Kinder und stellen so einen ‚Ziehgarten von Subjekten in den Dienst des Staates, die ihm nicht direkt zur Last liegen (weil die Kunden bezahlen) und über die er eine unbegrenzte Nacht ausüben wird, weil hier die väterlichen Rechte und die des Souveräns in eins fallen.“
ebd., S. 38.

So weit ich weiß, wurde diese Isntitution nie in die Realität umgesetzt, aber gerade auch Entwürfe und Phantasien sagen etwas über die Gesellschaftlliche Konstitution aus.

Diese Institutionen (Waisenhaus, Bordell und Klosterwerkstätten) geraten aber alle gegen Ende des 19. Jahrhunderts in eine Krise und an deren Stelle wird dann im Folgenden der ganze Bereich installiert wird, den man „das Soziale“ nennt: Sozialwohnungsbau, Jugendgerichte und -ämter, das Modell der Vormundschaft, Psychologen, Sozialhelfer, Jugendpsychiatrie, Psychoanalytiker usw. usf. gewinnen an Bedeutung oder werden neu installiert. Und als dessen Schutzengel sollen immer wieder Freud und Keynes angerufen.werden.

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Written by lars

12. Oktober 2007 um 13:44

Eine Antwort

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  1. „Ich sitze ja immer etwas ratlos vor der Sprachtheorie Benjamins. Mich würde wirklich interessieren, wie Du das vor dem Hintergrund der Ablehnung der sprachanaltischen Theorie beurteilst.“
    Ich weiß nicht, ob ich die Frage richtig verstanden habe.
    Geht es um den Gegensatz von Sprachanalyse und Benjamins Sprachtheorie? Oder?

    Die Darlegungen zur Entwicklung von Familie finde ich spannend. Das wußte ich alles nicht.

    Nörgler

    13. Oktober 2007 at 15:34


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