shifting reality

Es gibt kein richtiges Lesen im valschen!

Friedman, die vorletzte

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So, den unseligen Milton Frieman habe ich jetzt  fast durch. Ein Kapitel habe ich überblättert, das mit der freien Berufswahl, weil ich mir da wahrscheinlich einig mit ihm wäre. Er wettert gegen staatliche Lizenzen zum Töten, pardon, eben dazu, einen Beruf auch ausüben zu dürfen; ich weiß nicht, ob das in allen Fällen zutrifft, aber im Falle von Handwerkern habe ich da auch schon oft gegrübelt, wieso nicht jemand, der mir meine Wände streichen oder Küche zimmern könnte, das auch anbieten drürfen soll. Da kenne ich mich aber in der Tat zu wenig aus, um das sinnvoll diskutieren zu können.

Auch Themen wie gestaffelte Einkommenssteuer, Mindestlohn oder öffentlicher Wohnungsbau und dessen Wirkung mag ich hier nicht diskutieren, weil ich sämtliche Argumente, die er anführt, schon so dermaßen oft gehört und gelesen habe, daß man wohl vor allem konstatieren kann, was eh jeder weiß, nämlich daß der Mann wirkungsgeschichtlich schon ein ganzes Bettenlager voll mit Kerben hat.

Interessant ist die Aufzählung dieser, seiner Themen aus einem ganz anderen Grund: Dadurch, daß er fast nur und ausschließlich über staatliche Eingriffe in die Wirtschaft schreibt, schreibt er nicht viel über Wirtschaft, was mich bei einem Wirtschaftswissenschaftler schon erstaunt. Ist der übliche Setzkasten mit den hübschen Wörtchen, die da aufgereiht stehen wie diese Figuren, die Jack Nicholson als Herr Schmidt auch sammelt: Angebot, Nachfrage und so.

Materiale Analysen, was das konkret heißen kann, finden sich wenige, und wenn, dann sind sie in etwa so aussagekräftig wie das Beispiel, daß im Vergleich von Ägypten und den USA zum Zeitpunkt des Verfassen des Buches in Ägypten der Anteil des Einkommen aus Kapitalerträgen viel höher sei als in den Vereinigten Staaten, während dort mehr Leute von ihrer Arbeit leben würden. Und das läge dann an der Differenz Marktwirtschaft oder auch nicht.

Unterschiede wie z.B. jene zwischen Binnenwirtschaften, die Rohstoffe fördern und dann mit diesen handeln und jenen, die diese verarbeiten, nö, solche Differenzen werden ebenso ausgeblendet wie die Rolle der Arbeitsteilung im Produktions- oder auch Dienstleistungsprozeß, zwischen Agrar- und Industriewirtschaften etc., alles Pustekuchen. Ganz klassisch werden ahistorische Individuen sich vorgestell,t und dann wird über die Gründe diskutiert, die sie hätten, um dies oder das richtig oder falsch zu finden. Also die alte Nummer mit den Gründen, die mich dazu bewegen könnten, irgendwo mitzumachen. Daß ich immer schon mittendrin stecke, nö, das wäre ja ein Fleck auf der reinen Lehre, das auch methodisch anzunehmen.

Intensiver führt er die Diskussion rund um Verteilungsgerechtigkeit; er erklärt im Gegensatz zur nächsten Stufe der Agitation  diese Frage nicht für obsolet, sondern begründet das „Beitragsprinzip“, also daß eben der, der mehr oder qualifiziertere oder verantwortungsvollere Beiträge leiste (diese Unterscheidungen trifft er noch nicht mal), eben auch mehr verdiene, und weil daran ja alle glaubten, hielte dieses absolute Wertegefüge dann Gemeinschaften zusammen (von wegen).

Soziale Ungleichheit scheint er dennoch irgendwie als Problem zu empfinden und betreibt viel Aufwand – für seine Verhältnisse – zu belegen, daß Marktwirtschaft noch die gleicheste Verteilung gewährleiste, und im Rahmen dieser sei das Leben ja wie eine Lotterie, einige hätten halt halt reichere Eltern und schönere Augen, aber so lange Durchlässigkeit gewährt bliebe, seien die Chancen doch gleich verteilt, die Individuen aber naturgemäß ungleich, und die Durchlässigkeit würde von staatlichen Interventionen eben behindert. Beunruhgen tut ihn das alles so, weil er ganz explizit für die Gleichheit vor dem Recht eintritt, um weitergehende Folgerungen daraus zu behindern, wirft er ein paar Sandsäcke aus, Beispiele vor allem über die Differenz zwischen Status- und Markt-Gesellschaften, und glaubt, man würde dann darüber stolpern.

Rayson hat hier neulich eine Statistik zitiert, daß in den USA tatsächlich mehr Durchlässigkeit gegeben sei als hier, wo doch sozioökonomische Differenzen sich zu tradieren mir scheinen; kay.

Dennoch ist das Grundproblem aller Argumentationen in dem Buch, die in etwa so vorgehen: Man streiche einfach alles weg, was stört, und dann ist alles gut. Dann tritt der Markt strahlend hervor.

Faktoren wie Kultur und kulturelles Kapital, Mentalitäten, Differenzen zwischen Land und Stadt usw., also das, was bei anderen dann, wenn ich’s richtig verstehe, als „Nebenbedingung“ nicht völlig ignoriert wird, taucht nicht auf, und wenn, dann als „Geschmack“, was wohl „Präferenz“ heißen soll. Rassismus ist für Friedman z.B. eine solche Frage des „Geschmacks“, so etwas wie psychologischen Folgen einer Sklavenhaltergesellschaft gibt es bei ihm nur in dieser Form.  Scheint mir, na, realistisch zumindest nicht zu sein: Irgendwie wird alles ausgeblendet, was mir zumindest relevant erscheint, und dann ist alles toll.

Auch als „Anti-Etatismus“ kann all das, was er schreibt, nicht auftreten: Meiner Ansicht ist das gar keine  popularisierte Wirtschafstwissenschaft, sondern eine unreine Rechtslehre, die Gehalte des Regierens thematisiert. Und wie sich diese Regierung selbst legitimiert, ist nicht etwa in demokratischen Verfahren begründet, sondern wird hinsichtlich der wirtschaftlichen Folgen von Rechtinstitutionen diskutiert.

„Das ethische Grundprinzip, das die Einkommensverteilung in einer vom freien Markt geprägten Gesellschaft unmittelbar rechtfertigen würde, müsste lauten: „Jedem dasjenige, was er und die in seinem Besitz befindlichen Mittel erwirtschaften“. Die Grundlegung nur dieses Prinzips hängt jedoch bereits implizit von staatlichen Maßnahmen ab. Besitzrechte sind auf Gesetzen und sozialen Übereinkünften aufgebaut. Wie schon erläutert, ist die Definition und Durchsetzung dieser Rechte eine der Hauptfunktionen des Staatswesens. Die endgültige Verteilung von Einkommen und Wohlstand unter voller Anwendung deieses Prinzips kann ganz entschieden von den angenommenen Besitzregeln und Vorschriften abhängen.“

Milton Friedman, Kapitalismus und Freiheit, Frankfurt/M. 2007, S. 193

Welche Rolle da die „sozialen Übereinkünfte“ spielen, das erläutert er gerade nicht. Ansonsten gibt er wenigstens zu, was sonst nur auch Nachfrage bestätigt wird in Diskussionen: Daß natürlich der Liberalismus eine Staatslehre ist, historisch sowieso und faktisch auch. Und historisch ist der Sozialstaat auch entstanden, weil radikalere Angriffe auf solcherlei besitzrechte abgewehrt werden sollten. Und natürlich wegen Gewerkschafts- und Arbeiterbewegung, klar, laut Friedman ja „Monopole“.

Er spielt zwar manchmal durch, was seiner Ansicht nach „allgemein zustimmungsfähig“ sein könnte; gut, das hat Kant auch gemacht, aber das ist ja das eigentlich interessante: Eine Legitimation durch demokratische Verfahren, durch tatsächlich durchgeführten Diskurse und faktische soziale Übereinkünfte braucht diese Doktrin nicht.

Friedman begründet an keiner Stelle eine Diktatur, fände die wahrscheinlich auch gräuslich und wäre strikt dagegen; gegen eine, die seine Rezepte umsetzt, kann er aber keinen einzigen Grund vorbringen. Wenn doch, dann weise man mich darauf hin, dann habe ich das wirklich überlesen; daß die Chicago Boys nach Chile reisten, weiß er zumindest nicht argumentativ zurückzuweisen dann, wenn man davon – wie neulichst wieder irgendwo gelesen – ausgeht, daß Pinochet ja nur gegen jene, die gegen eben diese von Friedman begründeten Regelwerke votierten, vorgegangen sei.

Angesichts seiner Defintion des ethischen Grundprinzips würde es ja verwundern, wenn er nicht an irgendeiner Stelle auf Marx einginge; ist dort doch unter anderem das Privateigentum an Produktionsmitteln zentrales Thema, und auf das nimmt Friedmann ja explizit Bezug.

Interessant ist, daß er erst ausweicht, dann abbricht. Zunächst nimmt er die Marxsche Mehrwerttheorie zum Anlaß, sie als Bestätigung des Leistungs- bzw. Beitrags-Prinzips zu lesen:

“ Die Arbeiter können nur „ausgebeutet“ werden, wenn sie ein Anrecht auf das von ihnen hergestellte Produkt haben.“

Na, ist vielleicht etwas unsauber, meiner Ansicht nach ja auf die erzielten Gewinne, aber vielleicht ist das ja bei Wiwis das gleiche. Und dann ein eleganter Schwenk:

„Wenn man jedoch die sozialistische Prämisse „Jedem das von ihm Benötigte, von jedem das, was er nach seinen Möglichkeiten geben kann“ -was das auch immer heißt – voraussetzt, so ….“

Die Conlusio ist schnurz angesichts dieses Manövers, genau den Knackpunkt einfach nicht weiter zu diskutieren, sondern irgendeine sozialistische Prämisse hinzuziehen. Aus solchen Passagen speisen sich meine Seriösitätszweifel – noch nicht einmal die mir bekannten Widerlegungen von Arbeitswertlehren mittels Angebot und Nachfrage tauchen dann auf, sondern ein Einschub bezüglich des „Marginalproduktes“, den ich aus dem Text heraus nicht verstehe. Und dann, eine Seite später:

„Marx erkannte die Rolle des Kapitals bei der Herstellung des Produktes an, sah im Kapital jedoch zugleich geronnene Arbeit. Daher würde sich die Vorraussetzung der marxistischen Gedankenstruktur im Klartext ungefähr folgendermaßen anhören: „Die gegenwärtige und zukünftige Arbeiterschaft stellen die Gesamtheit des Produktes her. Die gegenwärtige Arbbeiterschaft bekommt nur einen Teil des Produktes.“  Die logische Folgerung hieraus ist wahrscheinlich: „Die Arbeiterschaft in der Vergangenheit wurde ausgebeutet“, und die erforderliche Änderung soll jetzt bewirken, dass die Arbeiterschaft der Vergangenheit mehr vom Produkt bekommt, wenn auch nicht ganz klar ist, wie dies, abgesehen von eleganteren Grabsteinen, erreicht werden kann.“

Ebd., S. 200

Ha, ein Witzbold. Aber über die Gültigkeit dieser Argumentation kann sich ja jeder selber Gedanken machen … und einen letzten Friedmman habe ich noch die Tage. Die Stelle muß  ich nur erst noch wiederfinden.

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Written by momorulez

14. Oktober 2007 um 23:41

Veröffentlicht in Regierung der Kultur, Staat=Markt?

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