shifting reality

Es gibt kein richtiges Lesen im valschen!

Wie man Musik werden könnte, anstatt in Gummersbach den Gleichschritt einzuüben …

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Manchem geht’s ja nur um die Freude, anderen um das Aufbrechen der Form und die Gleichberechtigung der Klänge, wenn’s um Musik geht.

Manchen geht’s um den Absatz zwischen den Zeilen,  anderen darum, daß manchmal nur das Versperrte Zugang ermöglicht, weil man Wege finden muß, es aufzulösen, und nur dadurch kann ein Weg zum Ziel werden und die Wahrheit, was sie ist: Ein sich fortschreibender Umgang mit Welt, mit der sie nie identisch ist.

Warum also sich synchronisieren?

Hat sich Roland Bartehs auch gefragt. Seine Vorlesungen am Collége de France 1976-77 umkreisen beharrlich und doch bewußt verzettelt die Frage „Wie zusammen leben“. Wie trotz Selbstbestimmung und dem Wunsch, jenes bißchen Individualität, das Sprache uns läßt, auch erfahrend zu durchschreiten, mit anderen zwangfrei zusammenzutreffen, ohne daß es knallt?

Gerade in der Blogosphäre nimmt Kommunikation ja oft den Charakter des Autounfalls an, und mancher zieht sich dann, die Wunde leckend, daß er durch seine Windschutzscheibe ganz plötzlich doch was SEHEN konnte, anstatt nur freie Fahrt zu fordern und arg paradox den Stau dann zu verdammen, in’s eigene Blog zurück und predigt aus dem Busch am Wegesrand die Projektion, anstatt auch weiterhin im Schaukampf Lust stets neu zu gewinnen. Ist halt eine, die sich nicht bilanzieren läßt.

Waren zu wenig Schachteln im vorletzten Satz. Viel zu wenig. Wer geradeaus nur denken will, der sieht sie nicht, die Landschaft rund um den Berg Athos, wo in Klöstern die Idiorrythmie von Mönchen dem Barthes den Begriff für sein Phantasma liefert:

„1. Idiorrhythmie,  fast ein Pleonasmus, denn der rhythmos ist per definition individuell: Zwischenräume, Flüchtigkeit des Code, der Art und Weise, wie sich das Subjekt in den natürlichen (und sozialen) Code einfügt.

2. Verweis auf subtile  Formen der Lebensweise: Stimmungen, instabile Konfigurationen, Schwankungen zwischen Depression und Erregtheit; kurz, das Gegenteil eines starren, unerbittlich-gleichförmigen Takts. Da der Rhythmus eine repressive Bedeutung angenommen hat (vgl. den Lebensrhythmus,  eines Koinobiten oder des Mitglieds einer Phalanstère, der bis auf eine Viertelstunde gnau vorgechrieben ist), war es nötig, ihm das idios voranzustellen  (eine Fußnote klärt auf: idios, eigen, eigentümlich – ja, wundern tut er nicht, der Siegeszug der Stigmatisierungsform „idiot“, MR):

idios ist ungleich Rhythmus

idios ist gleich Rhyhmus

An ihrem Ursprungsort (Berg Athos) verweist die Idiorhythmie genau auf das Ausmaß der phantasierten Gemeinschaft – und das ist ihr Vorzug, ihre Attraktivität (für mich). Proportion – eine  Ontologie des Objekts. Architektur.“

Roland Barthes, Wie zusammen leben, Frankfurt/M.2007, S. 45

Wenn die Musik nicht wäre, schlief ich wie ein Stein, der für alle Zeit allein„, singt der Klaus Hoffmann hier gerade. Ja, man kann sie geißeln aus Ausdruck von Vitalismus, Romantik und des Ganganzschlimmen, los wird man sie aber dadurch nicht, die Verdinglichungskritik und die Lebensphilosophie.

Wenn die Musik nicht wär, wäre alles gleich“, singt der Klaus Hoffmann hier im Hintergrund, und wie man idorrhytmisch sich ergeht mit Anderen, wenn’s irgendwer nicht beantworten kann, dann ist das der Topos der „wirtschaftlichen Freiheit“, und wer „Volk“, „Werte- und schicksalgemeinschaften“ beschwört, der will im Gegensatz zum Jazzhörer wirklich marschieren.

Wie man Musik werden kann?  Nur durch Verzicht auf Kohärenz. Und während der Herr Barthes erst Hoffnung schürt mit seinem Phantasma aus dem Kloster, macht er dann knapp mehr als 40 Seiten später das Faß auf, wie denn eine idiorhythmische Gruppe möglich sei. Unter der Überschrift Homöostase. Was, laut Fußnote, so viel bedeuten müßte wie Gleichstellung, Altgriechen mögen mich korrigieren. Um festzustellen:

„Gruppenhomöostase: utopisch möglich in einer Welt ohne Klassen und ohne Sprache. Denn sobald es Sprache (Äußerung) gibt, gibt es auch die Inszenierung – oder Konfrontation – eines Systems von Plätzen (Platz, von dem man spricht, den man durchsetzen will; Platz, den man anderen zuweist usw.), das heißt ein System von Äußerungskalkülen.“

Ebd., S. 98 – 99

Barthes diagnostiziert die Blogosphäre. Habe ich ja gleich in der Überschrift auch so gemacht. „Sag mir, wo Du stehst“, ganz wie der FDJ-Oktoberclub platzt man. Vorneweg neuerdings Herr Kaiser.  Und trotz all diesem „Platz da, hier komme ich!“, dieser liberalen Untugend, geht der große Semiotizist aus Paris zur Utopie dann doch noch über:

„Phanstasma der idiorhytmischen Gruppe: nimmt die Idee des Zusammenlebens als Homöostase auf, als beständige Erhaltung der puren Lust an der Geselligkeit.“

Ebd., S. 99

Ach, nachdem wir gestern mit vier Siebteln der hiesigen Blog-Autorenschaft im Millerntorstadion der virtuosen Slapstick-Performance der Mannschaft des FC St. Pauli zuschauten, um dann ab „vor dem Clubheim stehen“ kontrovers durch den Abend zu treiben und doch gemeinsam in der Domschenke „Auf der Reeperbahn nachts um halb 1“ singen zu können, na, da hatte ich doch kurz das Gefühl, daß so jammend das Musik-Werden zumindest möglich ist. Und wir tragen zwei, drei Klänge dazu bei. Inkohärent. Zum Glück.

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Written by momorulez

27. Oktober 2007 um 21:16

3 Antworten

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  1. wie zusammen leben, das ist ein grossartiges buch, müssen wir mal mehr was zu sagen.

    T.Albert

    27. Oktober 2007 at 21:35

  2. Ich bin da auch immer wieder sehr fasziniert am querlesen, so richtig systematisch von vorne bis hinten habe ich es noch gar nicht geschafft, immer nur so nebenher … schade, daß Du gestern nicht dabei warst!!!!!

    MomoRules

    27. Oktober 2007 at 21:42

  3. Ja. Also ich fang das bald nochmal an zu lesen.
    Die sich in Parteistiftungen treffenden, wollen eben Heterorhythmie vermeiden. Das ist nur klug gegenüber Pack, das sich mal schlägt und mal verträgt, und keine Autorisierung qua staatlich teilfinanzierter Partei und ihrer Stiftung hat, will. Zum Beispiel.

    T.Albert

    28. Oktober 2007 at 10:57


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