shifting reality

Es gibt kein richtiges Lesen im valschen!

Archive for November 2007

Wem gehört der Fußball? Wem gehört das Millerntor?

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Es ist inzwischen Popgeschichte, das Märchen von der Hafenstraße und dem FC St. Pauli. Und immer wieder fokussieren sich die Themen, die die Menschen bewegen am Millerntor. Kommerz gegen Freiheit. Funktionäre und Systeme gegen organische Anarchie.

Wie unter einem Brennglas erhitzen sich stadtteilregional Gemüter an Fragen, die so woanders auch gestellt werden. Allerdings sind die woanders, nämlich nahezu überall woanders, auch schnell entschieden.

Es war, wie man weiß, zu spät. Das Geschäft hat noch allemal gesiegt über die Tradition. Das Westfalenstadion in Dortmund heißt jetzt Signal-Iduna-Park, die Arena Auf Schalke ist nun die Veltins-Arena, in Hamburg wurde gerade die AOL-Arena in „HSH Nordbank-Arena“ umgetauft. „Volksparkstadion für immer!“, sagen allerdings etliche HSV-Fans, die genug haben „von dem Gefeilsche wie auf einem orientalischen Basar“. Und das neue Münchner Stadion trägt gar für 30 Jahre den Versicherungsnamen „Allianz“, während der Dortmunder Partner, auch eine Versicherung, schon nachdenkt, nach fünf Jahren auszusteigen. Er ist nicht zufrieden mit dem Ergebnis, weil nicht nur die Fans, sondern auch viele Medien das Wortungetüm „Signal-Iduna-Park“ nicht in ihren Sprachschatz aufgenommen haben.

Wenn der Fußball das zweit wichtigste Thema der Republik ist, dann ist die Frage, wem denn der Fußball und bspw. seine Bilder oder Stadion-Namen gehören eine zentrale.

Kann ich für dieses Handyfoto abgemahnt werden? Ja, sicher.
Sollte das jemand dürfen?

Written by ring2

29. November 2007 at 12:03

Veröffentlicht in Fussball

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Erkenntnis und Interesse

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Lustig, wenn in einem Blog, in dem ansonsten das programmatische Verfolgen des Eigeninteresses und Begriffe wie „Präferenz“ und „Anreiz“ alles dominieren auf einmal sowas steht:

 „Art und Umfang der nicht vernunft- sondern interessegeleiteten Umverteilung des Bruttosozialprodukte.“

Vernunft versus Interesse? Huch? Alles falsch, was Statler da sonst so schreibt und der Bäcker bei Herrn Smith, der um Sympathie und Emphatie bekanntlich wußte, dann gleich mit? War das doch nix mit der „unsichtbaren Hand“?

Ist zwar auch ein Klassiker, den Anderen Vernunft ab- und sich selbst zuzusprechen, aber so funktionieren tatsächlich Wege in die Diktatur. Das verletzt nämlich ein paar Basics der Kommunikation an sich. Aber aus der Ecke ist ja der Wunsch nach platonischen Philosophenkönigen ja eh ganz alltäglich zu vernehmen …

Written by momorulez

29. November 2007 at 10:56

Veröffentlicht in Ökonomie, Philosophie

Selber!

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„Blogger, die einen Rechtsstaat als für ihre persönliche Selbstinszenierung besonders störend empfinden“ – na wer da wohl gemeint ist?

Jene, die das in der Verfassung festgeschriebene Sozialstaatsprinzip für „ekelhaft“ erklären? Jene, die einen Passus wie „Eigentum verpflichtet“ indirekt wortreich als „Sozialromantizismus“ geißeln? Jene, die „kollektive Entscheidungen“, also Demokratie, für ineffizient halten und stattdessen Politik an die Beratungsvorgaben von Wirtschaftswissenschaftlern delegieren wollen und damit gelebte Kulturen längst unterjocht und abgeschafft und an ihre Systemimperative assimiliert haben? Jene also, die den Weg zur Rechtsbegründung aus demokratischen Verfahren heraus wortreich geißeln, einen generalisierten Egoismus in offensichtlicher Unkenntnis realer, zwischenmenschlicher Prozesse als Grundlage der je eigenen Theorie nutzen, erregen sich auf einmal eitel über die „Selbstinszenierung“ Anderer? Jene, die Steuerrecht als Form des Diebstahl behandeln und diesbezüglich in eklen Ergüssen über das „Wegnehmen des Geldes anderer Leute“ Blogeinträge verfassen, wähnen ganz plötzlich den Rechtsstaat auf ihrer Seite, dessen Abschaffung sie doch ansonsten so vehement  fordern, wenn’s um Wirtschaftsfragen geht? Jene, die in libertären Versatzstücken den Anti-Etatismus beschwören und diskursiv-praktisch alles dafür tun, daß sowas wie „Menschenwürde“ vor lauter Attacken auf „Gutmenschlichkeit“ schon gar nicht mehr gedacht werden kann, deren gesamtes politisches Programm darin besteht, Anderen ihre Erfahrungen abzusprechen und durch „Eigentum“ zu ersetzen, reißen die Klappe auf und reden über Rechtsstaatlichkeit? Und das auch noch, um Formen der Zivilcourage niederzuschreiben und diese nicht etwa in spezifischen Fällen, sondern ganz grundsätzlich zu kriminalisieren?

Ich könnte kotzen. Als wäre es aktuell nicht viel wichtiger, die Rechtspraxis wie so oft schon schon mal wieder möglichst vehement an die Verfassung zu erinnern. Anstatt diese durch Hobbes, Locke, Friedman und Hayek ersetzen zu wollen und so jene Aushöhlung der Grundrechte vorzubereiten, die Herr Schäuble dann nutzt.

PS. Jens Friebe singt hier gerade bitter ironisch „Das mit dem Auto ist egal, Hauptsache Dir ist nichts passiert“ – jene, die sich sich selbst inszenierend Selbstinszenierungen geißeln, würden das wahrscheinlich als Selbstinszenierung geißeln, als Verlogenheit zudem und den Satz lieber gleich umdrehen … als sei der nicht so schon schon gruselig genug in seiner Lebensnähe …

Written by momorulez

29. November 2007 at 10:31

Veröffentlicht in Baggage

Das Gesicht der Antifa

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Im Zusammenhang mit der aktuellen Antifa-Blogdebatte und den schon wieder zurückgezogenen Unfug-Äußerungen des Gutachslers Holmes ist auf einem antideutschen Blog aus Berlin Folgendes zu lesen: „Die Fahne die derzeit am häufigsten in antifaschistisch dominierten Jugendzentren zu sehen ist, ist immer noch die Israelische. DDR-Fahnen, vor allem in der ostdeutschen Antifaszene sind eigentlich verboten, da die Ostzone, wenn sie auch etwas sozialer war als die BRD, ziemlich treffsicher als “typisch deutsch” analysiert wurde.“ „Derzeit wird in der Antifa zwischen Antideutschen und Antiimperialisten unterschieden, und auf der Seite der Antiimps sind viele der von Holmes favorisierten Anarchos zu finden. Daneben gibt es auch viele Antifas die zwischen den gerade erwähnten Polen angesiedelt sind und sich als antinational bezeichnen. Es gibt also allein was die grobe Einteilung “der Antifabewegung” betrifft drei große Strömungen, und eben nicht die Eine aus den 80er Jahren, welche mit DDR-Fahnen, Maokult und Kubafaible um die Häuser zog.“ Hmmm, abgesehen, dass die Antifa der 1980er mit DDR, Kuba und Mao nichts am Hut hatte (das gehört eher in die Zeit vor 1977 und zu damalaginen Splitterparteien) scheint das alles auch nur auf Berlin anwendbar zu sein. Bei uns in Nordwestdeutschland ist das alles völlig anders. Dass die Antifaszene in Antideutsche und Antiimperialisten zerfällt würde ich nicht sagen. Die dogmatische Art Antiimperialisten, die Israel als Feindstaat betrachtet und sich an nationalen Guerrillabewegungen orientiert würde ich bei den maoistischen Schlägern der RIM, Sekten wie Antiimperialista oder den Stalinisten der MLPD verorten, aber nicht bei Antifas und Autonomen.Und die Kurzform Antiimps bezeichnet bekanntlich das legale UnterstützerInnenumfeld der RAF, eine Szene, die es seit 12-15 Jahren nicht mehr gibt. Wenn bei uns von Antiimperialismus gesprochen wird, ist meist der Neue Antiimperialismus gemeint, der, begründet in den frühen Achtzigern, so neu auch nicht mehr ist und sehr viel mit der Solidarität mit Armutsbewegungen, Hungeraufständen, Bauernrevolten und Frauenkämpfen in der Dritten Welt zu tun hat und einem sozialrevolutionären Bezug auf den Kampf um das unmittelbare Existenzrecht. In Göttingen sind Linke oft gleichzeitig Antideutsche und Antiimperialisten. Sie gebrauchen Parolen wie “Deutschland muss sterben, damit wir leben können!” “Oder Mehr Bomben auf Dresden!”, sind aber oft auch für Palästina-Solidarität – wohlgemerkt auf Seiten der laizistischen Gruppen wie Fatah oder DFLP und gegen die Hamas. Antideutsche haben dort auch die Mobilisierung gegen Heiligendamm mitgetragen. In Hamburg sind Antideutsche tendenziell eher Altlinke 50+ ohne Szeneaktivitäten, die Antifa-Szene wird dort durch St.Pauli-Fans (klassische Autonome im Stil der Achtziger Jahre, auch wenn die erst 20 sind) und Sharp-Skins geprägt. In Bremen sind die VertreterInnen des Neuen Antiimperialismus gemeinsam mit Flüchtlingsselbstorganisationen wie Libasoli und Jugendliche ohne Grenzen der Mainstream der verbleibenden Restlinken.

In Hannover und Braunschweig sind die dortigen Antifa-Gruppen sowohl antimperialistisch als auch gegen Antisemitismus ausgerichtet und beziehen sich hinsichtlich des Israel-Palästina-Konflikts auf die „fortschrittlichen Kräfte in Israel und bei den PalästinenserInnen“, in Hannover-Linden ist zudem eine Vernetzung mit MigrantInnen-Selbstorganisationen vorhanden.  

Wenn ich sagen würde, welche Fahne für ein antifaschistisches Zentrum bei uns typisch ist, dann ist das entweder eine schwarze Flagge mit Totenkopf und gekreuzten Entermessern, oder schwarzrot mit schwarzrotem Stern.

Trau, schau wem – die Freunde und Helfer

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Ich hatte das Thema gerade bei den Bissigen Liberalen beim Wickel, aber es gibt mehr her als einen Kommentar. Vor ziemlich genau 10 Jahren nahm ich an einem antirassistischen Stadtrundgang  teil. Das war eine Art Stadtführung, bei der an verschiedenen Punkten die Bedeutung dieser Orte für Asylsuchende, Flüchtlinge und Schwarze erläutert wurde. Bei einer Polizeiwache  referierte ein Freund von mir über die Rolle, die Polizeibeamte bei Abschiebungen spielen würden und appellierte an sie, sich menschlich zu verhalten. Ein zu der Wache gehöriger Beamter wurde angesprochen, wie er sich den verhalten würde, wenn er abgelehnte Asylbewerber einer Abschiebung zuführen würde, und da entgegnete er, er würde für „Schüblinge“ ebensowenig empfinden wie ein VW-Arbeiter für ein Werkstück, das er gerade bearbeitet. Als der Vortragende darauf antwortete, dass er das ziemlich unmenschlich finde, zog der Beamte seine Pistole, lud durch und hielt sie meinem Freund an den Kopf und forderte ihn auf, sich auszuweisen. Zwei Umstehende brüllten „Die Knarre weg!“ und packten den Beamten am Waffenarm, ich selbst hielt ihn zeitweise am Gürtel fest. So ergab sich nun die absurde Situation, dass der Beamte rot angelaufen und zitternd die Waffe eine halbe Stunde bis Stunde lang entsichert und durchgeladen dem Redner an den Kopf hielt, während wiederum zwei andere ihn festhielten, bis ein Deeskalationstrupp kam und den Mann bewegte, die Waffe einzustecken. Gefragt, ob er seine Personalien geben würde, erklärte der mit der Waffe Bedrohte, jemand, der ihm grundlos eine Pistole an den Kopf gehalten hatte bekäme seine Daten ganz sicher nicht. Die beiden Männer, die den übereifrigen Beamten an den Armen gefasst hatten gaben ihre Daten an und meldeten sich als Zeugen. Ein paar Wochen später bekamen sie getrennt voneinander Vorladungen vor den Ermittlngsrichter – nicht alsd Zeugen, sondern als Beschuldigte wegen Widerstands gegen die Staatsgewalt, Behinderung von Amtshandlungen und Verstoß gegen das Versammlungsgesetz. Das ging natürlich aus wie das Hornberger Schießen, zeigt aber, was mit schöner Regelmäßigkeit bei Verfahren passiert, die mit Regelverstößen im Umfeld von Ausländer- Asyl- und linke-Szene-Themen zu tun haben: Aus Zeugen werden im Nu Beschuldigte. In dem Wikipedia-Artikel zu Conny Wessmann ist davon die Rede, dass die offiziellen Untersuchungen abgeschlossen wurden, ohne dass ein Verschulden der Polizeibeamten an Connys Tod festgestellt wurde. Das verwundert auch nicht, denn die einzigen vernommenen zeugen waren der Fahrer des Unfallautos und die beteiligten Polizeibeamten. Die Antifas hatten keine Aussagen gemacht und keine Personalien angegeben, weil sie zu Recht Strafverfahren gegen sich fürchteten.

„This Is My Life!“ – einfach mal „Nein!“ sagen dürfen, liebes Leben …

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http://www.youtube.com/watch?v=I7dVcaIMAw4&feature=related

Mein Gott, ist das schwul. Oder campy. Und deshalb großartig!!!!

Der Che hat sich ja auch gewundert, als er mein Büro betrat, daß da ein dicker Zottel saß, der in hohem Alter noch auf Szene macht und nicht sowas aus Heten-Perspektive Effimiertes, das die ganze Wucht des Daseins sogar noch zum Playback bei einem solchen Song in großartige Posen gießen könnte. Da habe ich wohl was falsch gemacht.

Für Menschen, die sich lieber mit den Tempi von Beethoven-Darbietungen beschäftigen, mag das ja reine Gehörverjauchung sein. Für mich nicht. Seit Wochen schmetter ich das trotzig der Welt entgegen, leider nur innerlich, ansonsten muß man ja funktionieren, will man nicht sanktioniert werden – die Wahrheit des ganz realen Kapitalismus ist halt, daß man zu 75% das Leben führt, das Andere von einem wollen. Und so kommt man vorübergehend gar nicht mehr zum Bloggen. Weil’s solche gibt, die einem ganztägig lautstark vorschreiben, wie man zu sein hat und was man tun solle – damit sie sich selbst dann die Kohle oder den Ruhm auf’s Konto überweisen können.

„I did it my way“ zu singen, das wäre mir kaum möglich, nicht mehr seitdem ich nicht mehr von Staatsknete lebe (Waisengeld war’s): Ist ja die alte Fragestellung der Dramarturgie seit Aristoteles.

Ist’s richtig, den aktiven Helden zu zeigen , der unbedingt etwas erreichen will? Die Dramarturgie zielt dann direkt auf emotionale Emphatie, deshalb muß das was ganz Wichtiges sein, was er unbedingt will. Die Handlung ergibt sich aus den antagonistschen Kräften, die der Held dann stufenweise überwindet, um dabei hat er auch noch eine total tolle charakterliche Entwicklung durchzumachen: Katharsis! Ganz so, wie man sie von den Hartz IV-Empfängern erwartet, die sich zum Unkrautjäten auf Verkehrsinseln durchringen und sich dort jäh der Eigenverantwortung bewußt werden … gut, Mark Medlock hat das dann auf der „DSDS“-Bühne zelebriert. Das neue Album, diese Klischee-Ansammlung, macht trotzdem Spaß. Auch wenn der Dieter auch mitsingt.

Die Entprechungen dieses aus der Antike importierten Hollywood-Schemas sind Theorien der „wirtschaftlichen Freiheit“ oder eben „rational choice“, die ganze Behandlung dessen, was denn Staat sei, ist beim Klassenfeind nix anderes als diese narrative Struktur.

Gegenmodelle sind jene epischen Erzählweisen, in denen die Umstände und die Passivität oder das vergebliche Tun angesichts gesellschaftlicher oder schicksalhafter Mächte den Protagonisten durch die Gegend schleudert oder auch nur in Müll oder russischen Landhäusern verharren läßt; damit kann ich mich zwar bestens identifizieren, aber weiter bringt einen das auch nicht wirklich. Trotzdem waren da Tschechow, Beckett oder Brecht weiser als jene, die meinen, eine einzige (!!!) aktive Hauptfigur habe des Geschehen voranzutreiben, und alles andere sei sowieso langweilig für den Zuschauer.

Was ist die Conclusio? Shirley Bassey ernst nehmen, glaube ich, und doch nicht der Mythologie der nur scheinbaren Individualisten auf den Leim gehen, die dann theoretisch, paradox, eben doch nur für den richtigen Umstand fighten, und welcher das ist, sagt uns Milton Friedman.

Und vielleicht doch mal Fummel tragen und ausführen … schon wegen des Verfremdungseffektes.

Written by momorulez

23. November 2007 at 10:25

Nichts ist vergessen, und niemand – Der Tag, an dem Silvio Meier starb

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Die Nachricht vom Tod Silvios erreichte uns, als wir mit völlig anderen, eigenen Problemen beschäftigt waren. Die Art von Auseinandersetzung mit Faschos, bei der in erster Linie Antifas in kleinen Gruppen gegen die Nazis direkt vorgingen, hatte nach dem Tod von Conny und Alex 1989 und 1990 in Göttingen ein Ende gefunden.

http://blog.pantoffelpunk.de/tag/Conny+Wessmann

http://www.hofmann-berlin.de/sgr/chrono-morde90-91.html 

Eine Antifa-Strategie, die primär die Auseinandersetzung mit den Nazis selbst suchte, schien gescheitert, entsprechend wurde versucht, neue Wege zu gehen. Einige Antifas suchten möglichst breite Bündnisse, bildeten eine vereinsähnliche Antifa mit festen Strukturen, warben offensiv um Mitglieder und wollten eine bundesweite Organisation aufbauen – die Autonome Antifa (M), die bald vom eigentlich autonomen Gedankengut zum Marxismus-Leninismus umschwenkte und einen zunehmend autoritären Charakter annahm. Dann waren da wir, die wir einen Antifa-Begriff, der sich über den Feind, die Faschos, definierte kritisierten und vor allem die Opfer der Nazigewalt als Subjekte, nicht mehr als bloße Gewaltopfer, interessant fanden und so vom Antifaschismus zum Antirassismus und zur Aktionseinheit mit MigrantInnen und (überwiegend jugoslawischen, nigerianischen und kurdischen) Bürgerkriegsflüchtlingen fanden. In Bremen war die Situation nochmal anders, hier zerfiel die gemischte autonome Linke in die Fraktion der Antiimps und die der Sozrevs. Die Antiimps vertraten einen tradierten leninistischen Imperialismusbegriff und sympathisierten mit marxistisch-leninistischen Guerrillabewegungen im Nahen Osten wie PKK und PFLP, die Sozrevs (Sozialrevolutionäre) waren libertäre Autonome, deren Imperialismuskritik sich auf Subjekte wie Bauernaufstände in den Ländern des Südens, Frauenkämpfe und Kämpfe um das unmittelbare Existenzrecht wie etwa Brotpreisrevolten bezog. Aus ihrem neuen Antiimperialismus leitete sich die Flüchtlingssolidarität in der Theorie ab, während sie sich für uns aus Erfahrungen der Praxis ergab. Beides kam aber rasch zusammen und entwickelte sich zu einem neuen Ansatz. Flüchtlinssoli bedeute für uns auch neue Verpflichtungen gegenüber den Betroffenen. Als Silvio getötet wurde, rödelten wir zwischen Soli mit einer Kirchenbesetzung in Norderstedt und der Nachbetreuung der Flüchtlinge, Einsammeln von Spendengeldern für Kurdistan und dem Runterbringen der Gelder ins Land (versteckt in der Unterwäsche) und der Vorbereitung der Bundestagsblockade in Bonn. Die „Barrikaden von Friedrichshain“ wurden von uns solidarisch wahrgenommen, aber wir steckten zu sehr in anderen Kämpfen, um uns da einzubringen. Die Politik sowohl der von uns kritisierten Antifa (M) als auch von uns war nur möglich vor dem Hintergrund eines antifaschistischen Bündnisses, das in Göttingen von autonom bis zur SPD, dem DGB und der evangelischen Kirche reichte und das dafür sorgte, dass in der Stadt kein Fascho den Fuß auf den Boden bekam. Die Neronazis, die unsere Gegner waren, waren keine überfallartig auftauchenden Faschohorden wie in Berlin, sondern Nazis, die wir namentlich kannten und denen wir zahlenmäßig in der Regel mindestens 10:1 überlegen waren. Riefen in der Innenstadt auch nur drei Skinheads „Heil Hitler!“, mobilisierte eine Telefonkette zu jeder Tages- und Nachtzeit 400 Leute an den Ort des Geschehens. So erfreulich die Lage in Göttingen war, Ärger bereitete das Umland, und bis nach Ilsenburg und Kassel lieferten wir uns Verfolgungsjagden mit dem braunen Pack. Das war manchmal auch ganz lustig: Einmal traf ein Trupp Göttinger Antifas bei einem bedrohten Flüchtlingswohnheim ein, dessen BewohnerInnen den Zaum um ihr Heim demoliert hatten und als Waffen gegen die Nazis einsetzten, sorgfältig darauf achten, mit der Nagelseite zu treffen. Auf die Frage, ob sie nicht furchtbar angst gehabt hätten, kamen Sprüche wie „wieso, ich habe mit Arafat gekämpft, da sollen wir Angst vor 15 jährigen Glatzen haben?“. Noch lustiger wurde es,als Flüchtlings zur Ehre der Antifas einen Hammel schlachteten und lecker zubereiteten, nur waren das mehrheitlich Vegetarier…

Nun, aber zurück zu Silvio: Nichts ist vergessen, und deshalb gibt es eine Demo.

http://www.antifa.de/cms/content/view/62/32/

http://www.silviomeier.tk/