shifting reality

Es gibt kein richtiges Lesen im valschen!

Zum „Massenmörder“ Che Guevara und rechter Realitätsklitterei

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In der konkret vom Oktober hatte sich Hermann L. Gremliza über den unsäglichen Miersch/Maxeiner-Artikel ausgelassen, der über die Bezeichnung Che Guevaras als Massenmörder die moralische Demontage der Linken zu betreiben versucht und dabei festgestellt, die Zahl der auf Betreiben von Che Guevara Hingerichteten sei, wenn man sie mit 200 ansetzt, gemessen an der Tatsache, dass das Batista-Regime etwa 20 000 Menschen, überwiegend nach schweren Folterungen, ermordet hatte, und dass es in erster Linie die Angehörigen der an diesen Morden beteiligten Einheiten waren, die hingerichtet wurden eher als sehr verhältnismäßig anzusetzen, vor allem, wenn man bedenkt, was in jener Zeit prowestliche Regime so anrichteten.

“Hat man je in der WELT gelesen, die Bombardierung einer afghanischen Hochzeitsgesellschaft sei das Werk von Killern? Und kein ethisch einwandfreier Kollateralschaden?… Einige Zahlen der von solch westlich orientierten Regimes Ermordeten: Guatemala 140.000, Südafrika 120.000, Indonesien 900.000, Chile 3.000, Osttimor 200.000….Das Leben im Stadion ist bei sonnigem Wetter recht angenehm, sprach Bruno Heck 1973, als Pinochet das Estadio Nacional zum Konzentrationslager für 40.000 seiner Gegner gemacht hatte. Dort wurden Victor Jara, damit er nicht mehr Gitarre spielen könne, die Hände gebrochen, bevor er mit einem Maschinengewehr erschossen wurde. Bruno Heck war der erste Generalsekretär der CDU. Noch heute wird alljährlich unter Anteilnahme der Spitzen der Gesellschaft der Bruno-Heck-Wissenschaftspreis verliehen.”

Hierzu findet sich in der aktuellen konkret-Ausgabe ein interessanter Leserbrief. Ich zitiere wörtlich:

„Wo kommt die verdammte Zahl der beim Putsch in Chile von Militär und Polizei getöteten Menschen her? Der dpa-Korrespondent Heriberto Zecher (oder so ähnlich; er war in großer Zeit auch für den <<Völkischen Beobachter>> tätig) meldete Ende September 1973 unter Berufung auf Junta-General Mendoza über 3.500 Tote. Der schwedische Botschafter Harald Edelstam, selbst mißhandelt, als er den Abzug des kubanischen Botschaftspersonals in Santiago gegen den Beschuss der Soldateska ermöglichte, ging drei Wochen nach dem Putsch (unter Berufung auf unterschiedliche Quellen wie Ärzte, Gewerkschafter/innen, Mitarbeiter/innen von Leichenhäusern) von deutlich über 10. 000 Ermordeten aus. Kleinlich? Alles längst den Mapocho runter? Glaube ich nicht. Vor dem Hintergrund aktueller Anlässe und wahrscheinlich nicht zuletzt wegen des nachgewachsenen Personals, das Allende kaum von Alzheimer zu unterscheiden in der Lage ist, war die Nachrichtenkreativität hinsichtlich Chiles in letzter Zeit besonders penetrant und zynisch. Wenn man schon nicht in jedem Zusammenhang das Methodische daran deduzieren will oder kann, dann sollte man wenigstens von Zahlen die Finger lassen, die noch falscher sind als die eines dpa-Faschisten.“

In der Tat: Konservative, rechte und besonders Bush-freundliche Kräfte rechnen die Zahl der Opfer des Pinochet-Regimes herunter, um durch Relativierung seiner Grausamkeit die Linke in Südamerika, insbesondere Castro-Cuba (das ohne Frage eine Diktatur ist) umso schrecklicher darstellen zu können. Hiermit übernehmen sie eine Diskursmatrix von ganz rechts: Denn Auschwitzleugnung und Noltes Beschreibung der Shoah als den Deutschen eigentlich wesensfremde „asiatische Tat“, die nur aus Angst vor Stalin begangen werden konnte, sind ja nichts anderes als genau das. Aber wenn´s gegen die letzten Kommies geht, darf gerne auch mal faschistisch geschichtsklittert werden. 

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7 Antworten

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  1. ja, aber der markt selbst hatte mit batista und somoza und pinochet gar nix zu tun. und dass der kamerad batista recht hatte, sieht man doch daran, dass es diesen che guevara dann doch gab. der war eigentlich ein misserfolg der in der not helfenden verteidiger „europäischer gesittung“ (mises). – ich erinnere mich sehr gut, sehrsehr gut an die schweinischen verteidigungen pinochets in der alten bundesrepublik, die meine dreizehnjährige halbbewusste kinderseele damals zutiefst beeindruckt haben, nicht nur die öffentlichen schamlosigkeiten sich bürgerlich nennender politiker, sondern in der fussläufigen einfamilienhausnachbarschaft, die endlich wieder die sau rauslassen konnte, und bei der gelegenheit auch mal wieder die eigene vergangenheit als notwehr bekräftigte; sehr viel gelegnheit dazu bot sich ja nicht, da wir schliesslich in dialektisch komplizierten verhältnissen lebten. mit den amis, die uns auch vor allende und dem „compromesso storico“ schützten, andererseits vor uns selbst, wollte man es sich nicht verderben, zumal sie ja auch zahlten. aber dass der pinochet für ordnung sorgte, das war klar, dass amis dabei halfen, das war gut, dass der kommunismus verhindert wurde, war noch besser, der wirkliche diktator war dieser allende. dass die militärdiktatur „die wirtschaft wieder in ordnung“ brachten, dass war das allerbeste. das galt auch für die benachbarte videla-camarilla.

    – jetzt muss mir mal jemand erklären, wo der unterschied zwischen diesbezüglicher damaliger und heutiger rede sein soll. wo? auch die skandalisierung noltes war die übliche scheindiskussion, weil sein gerede das gerede der nachbarn war, nichts neues, sondern sozusagen deutscher seelen-standard. was aber eigentlich ekelhaft daran ist, dass das jetzt alles wieder so diskutiert wird. dann ist natürlich che der killer und allende der diktator.

    T. Albert

    12. November 2007 at 16:35

  2. In dem Zusammenhang wundert mich ja, dass noch niemand Subcommandante Marcos als Mörder ausgemacht hat. Na ja, wahrscheinlich nicht bekannt genug. Was war das denn für eine Nummer in Jugoslawien? Die Warmsanierung des europäischen Anlagenbaus durch Bombardierung serbischer Fabriken, bzw. Belebung des europäischen Autoexports durch komplettte Vernichtung der dortigen Automobilindustrie.

    che2001

    12. November 2007 at 17:06

  3. Ach, die Entnazifizierung war doch als solche komplett illiberal, reiner Zwang … (paßt nur halb zum Eintrag, mußte ich aber loswerden, weil ich gerade drüben bei Paul gelesen habe und mir das dann einfiel).

    momorulez

    13. November 2007 at 9:44

  4. Also ich finde, die Entnazifizierung war ziemlich liberal. Sonst wären solche Leute wie Krupp nicht mit Knast davon gekommen, sondern wären aufgeknüpft worden wegen Beihilfe zum Massenmord, Verschwörung gegen den Staat und so weiter… Deswegen fand man später auch so viele von denen als deutschnational gewendet in der FDP.

    jolly rogers

    13. November 2007 at 10:29

  5. Stimmt, da war der Tscheche anders. Auf dem Prager Wenzelsplatz applaudierte eine Menschenmasse, als Frank öffentlich aufgehängt wurde, und die Benes-Dekrete, so umstritten sie auch sind, waren zumindest konsequente Entnazifizierung. Das wirkt bis heute nach: Noch 1997 wurde ein Zug mit abgelehnten Asylbewerbern, Roma aus Serbien und Rumänien, die von Deutschland aus in ihre Heimat abgeschoben werden sollten, von den tschechischen Behörden gestoppt und den „Schüblingen“ (amtsdeutsch) die individuelle Flucht ermöglicht mit der Begründung, man habe in Tschechien Erfahrungen mit deutschen Deportationszügen.

    che2001

    13. November 2007 at 10:44

  6. Wie sie an die Zahlen wie die von „westlich orientierten Regimes“ 120.000 „Ermordeten“ in Südafrika kommen, bleibt eindeutig ein Raetsel. Die meisten in Suedafrika zwischen 1945 und 1994 aus politischen Gruenden Ermorderten gehen auf das Konto von ANC/SAKP und ihrer Anhaenger. Der Rest sind eher Racheakte eben dafuer gewesen.

    Ich denke wir haben es hier eher mit linker Geschichtsklitterung zu tun. Uebrigens: Hat Che Guevara Neger nicht auch als faul bezeichnet? So viel zum Antirassismus der Linken.

    Hektor

    27. April 2009 at 15:10

  7. Ah ja, die ständigen nicht erklärten Grenzkriege Südafrikas, bei denen Spezialeinheiten wie Koevoet nicht nur Namibia unsicher machten, sondern bis weit ins Innere Angolas und Mozambiques vorstießen haben also nie stattgefunden, sicher auch nicht der Terrorismus der von Südafrika ausgebildeten, ausgerüsteten und finanzierten Unita.

    chezweitausendeins

    29. April 2009 at 23:00


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