shifting reality

Es gibt kein richtiges Lesen im valschen!

Wo liegt die Differenz von Staat und Markt?

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Hier wird immer mal wieder und jüngst sehr deutlich um die Frage der politischen, sozialen und ökonomischen Konstituierung von gesellschaftlichen Institutionen gestritten. Dabei fällt mir auf, dass unser Streit von zwei großen Konfliktlinien strukturiert ist. Die erste Konfliktlinie stellt das Problem einer „legitimen Kritik“ dar: Hier streiten wir darum, welche Institutionen kritikwürdig sind. Beispiele hierfür wären Kategorien wie Geschlecht/sexuelle Orientierung, Rasse, die Formen politischen Widerstands und der Markt. Für einige sind diese Formen problematisch, für andere nicht. Parallel dazu gibt es einen übergreifenden Konsens, der den Staat als prinzipiell diskussionswürdig ansieht. Daran schließt sich die zweite Konfliktlinie an, die das Verhältnis von Staat und Markt thematisiert. Stark reduziert könnte man hier eine Position beschreiben, die den Eingriff des Staates auf den Markt als Ort der Subjekte problematisiert und eine, die das Verhältnis von Staat und Markt im Bezug auf die Subjekte selbst problematisiert. Während die erste Position die idealtypische und formale Konstruktion des Markts als unproblematisch betrachtet, verweist die andere Position auf den Reduktionismus einer solchen formalen Perspektive. Dass ich mich letzterer Position zuschreibe, dürfte allein an der Art, wie ich den Rahmen hier aufspanne, klar geworden sein.

Aber was spricht eigentlich dafür, dass weder Staat noch Markt als unabhängige Institutionen zu denken sind? Wo liegt die Differenz zwischen Markt und Staat? Und warum läßt sich behaupten, dass beide systematisch aufeinander verwiesen sind, d.h. ein gemeinsames Dispositiv der gesellschaftlichen Ordnung bilden?

Diese Annahme lässt sich mit klassischen Begriffen der Soziologie bzw. der Gesellschaftstheorie plausibel machen: Einerseits mit dem Begriff des Zwangs, mit dem Staat identifiziert wird. Zum anderen die Gegenüberstellung von Staat=öffentlich und Markt=privat.

1. Die Frage nach dem Zwang: Auf liberaler Seite wird der Staat i.d.R. als im Kern zwangsförmig beschrieben, d.h. als eine Institution, die repressiv und restriktiv auf andere gesellschaftliche Terrains einwirkt – durch Gesetze, Steuerungsversuche und die Abschöpfung von Steuern, die den Handlungspielraum nichtstaatlicher Akteure einengen. Nun lässt sich aber mit Durkheim antworten, dass alles Soziale einen Zwang aufweist, indem die sozialen Formen bestimmte Handlungsweisen von Individuen sanktioniert. Das Soziale umfasst bei Durkheim religiöse ebenso wie wirtschaftliche und staatliche Verhaltensweisen. Wer mit dem falschen Geldschein bezahlt, wird nicht nur nicht den gewünschten Effekt erzielen, sondern wird darüber hinaus vllcht. auch mit strafrechtlichen Konsequenzen zu rechnen haben. Aber auch ein Switchen des Codes würde als problematisch erfahren: An der Kasse mit einem „Ich liebe Dich“ bezahlen zu wollen, wird nicht nur nicht anerkannt, sondern würde auch von anderen Kunden als anormal eingeschätzt und mit verwunderten, verunsicherten oder strafenden Blicken (da reine Zeitverschwendung und das eigene Handeln verzögernd) sanktioniert. Da alle sozialen Tatsachen zwangsförmig sind, greift Durkheim auf die Vorstellung der Sozialisation zurück, durch die der physische Zwang von außen in den aphysischen Zwang einer zweiten Natur überführt wird, gleich auf welche Verhaltenssphäre sich das Handeln vollzieht.

Auch mit Max Weber lässt sich die reduktionistische Kopplung von Staat und Zwang aufbrechen: Seine Vorstellung von Staat als Anstaltsbetrieb, der den physischen Zwang legitim monopolisiert, basiert stets auf einer compliance von Herrschaft und Beherrschten. Keine Herrschaft ohne Zustimmung der Beherrschten. (Eine Idee, die sich im Übrigen bei Judith Butler und ihrem Konzept des leidenschaftlichen Verhaftetseins am eigenen Geschlecht wiederfindet). Der Staat kann legitimerweise nur dann seine Gewalt ausübern wenn diese von den beteiligten Akteuren anerkannt wird.

Darüber hinaus ist bei Max Weber politisches Handeln im Kern gewaltfreies Handeln, dass auf die Umordnung der Regierungsgewalt zielt. Wenn die liberale Konzeption eine innere Beschränkung des staatlichen Handelns zum Ziel hat, dann ist die Befreiung des Marktes von Zugriffen des Staates selbst politisch. Das heißt zwar dann noch nicht, dass man Marktpolitik mit dem Markt gleichsetzen muss, aber die Organsation des Marktes fällt damit in die Sphäre der Politik und damit wird eine weitere Unterscheidung unplausibel: nämlich die von politischer und ökonomischer Rationalität. Wirtschaft und Politik sind nämlich keineswegs grundsätzlich verschiedenen Systeme mit je einer eigenständigen Logik, die strukturell gekoppelt wären (wie das Luhmann oder auch zu gewissen Teilen Habermas konstatieren.) Max Weber sagte:

„Jede rationale Politik bedient sich wirtschaftlicher Orientierung in den Mitteln und jede Politik kann im Dienst wirtschaftlicher Ziele stehen. Ebenso bedarf zwar theoretisch nicht jede Wirtschaft, wohl aber unsere moderne Wirtschaft unter unsern modernen Bedingungen der Garantie der Verfügungsgewalt durch Rechtszwang des Staates.“ (M. Weber, 1921: Wirtschaft und Gesellschaft, 32.)

Eine Position grundsätzlich verschiedener Rationalitätssphären lässt sich nur behaupten, wenn man von einzelnen Trägergruppen absieht: Wenn ein Roland Berger sowohl in seiner Unternehmensberatung aktiv ist als auch auf europäischer Ebene die Kulturpolitik reorganisiert, oder wenn man die Strategien der Berufswahl von Familien von Topmanagern über die Generationen hinweg vergleicht, in denen die Entscheidungen für Wirtschaft oder Justiz von der ökonomischen Lage der Gesellschaft (und den damit vorhandenen Karrierechancen) abhängig sind, so zeigt sich, dass die Felder des Staates und der Wirtschaft von einer strukturellen Homogenität der Akteure gekennzeichnet sind.

Mit Antonio Gramsci lässt sich die Formierung der modernen Nationalstaaten als ein Prozess der Ausarbeitung einer Hegemonie verstehen. Der Staat muss auch hier akzeptiert werden, und die Akzeptanz muss organisiert werden. In der Zivilgesellschaft (die eben gerade die Theater, Medien, Cafés, Clubs, Vereine, Unternehmen etc. umfasst) wird diese Zustimmung organisiert. Etwa wenn die Rotarier das Dienen als allgemeines Prinzip aller gesellschaftlicher Bereiche sehen möchten und ihre Aufgabe darin sehen, dieses Prinzip auch in allen Bereichen zu etablieren. Die Französische Revolution war erst möglich, als ihre Akteure bereits die notwendigen Plätze der Gesellschaft besetzten: indem sie Eigentümer der Manufakturen, Juristen und Wissenschaftler waren. Ohne diese Organisation einer kulturellen Haltung zur gesellschaftlichen Ordnung ist kein Staat zu machen: Staat ist Hegemonie, gepanzert mit Zwang. Im übrigen wäre der moderne Nationalstaat auch nicht ohne die Organisation des Zeitungs- und Buchmarktes realisiert worden, worauf Benedict Anderson verweist, der in der Konstitution eines lesenden und kaufenden Massenpublikums überhaupt erst die Möglichkeit einer Herausbildung von kollektiven überindividuellen und überhistorischen Entitäten ermöglichte (im Gegensatz etwa zu Clanstrukturen, die sich mittels individualisierter Ahnenreihen konstituieren). Soviel zur Verstricktheit des Zwangsbegriffs.

2. Aber es lässt sich auch eine andere Unterscheidung von Markt und Staat nicht halten: nämlich die Identifizierung von Staat mit Öffentlichkeit und Markt mit Privatheit.

Die Identifizierung von Markt und Privatheit resultiert aus der geschichtlich überlieferten Form des familiären oikos als gemeinsamer Ort des Lebens und des Wirtschaftens, während die polis der Ort des politischen Handelns und der res publica darstellte. Man mag obschon der Antike und des fatalen Hangs ihrer Geschichtsschreibung für die Eliten diese einfache Gegenüberstellung für problematisch halten. Seit dem Mittelalter wissen wir zumindest, dass die Familie als soziale Grundform des Privaten immer schon der Ansatzpunkt für politische Steuerungsversuche darstellte: Wir wissen, dass es seit der Zerschlagung der Clanstrukturen in der Spätantike und des frühen Mittealters keine Großfamilie mehr gab, dass die jungen Paare zumeist erst dann heirateten, wenn die Eltern tot waren (d.h. mit Mitte 20), um neolokal zu siedeln (also einen neuen Wohnort zu suchen) während die Kinder von Handwerkern bereits mit 10 oder 12 das Haus verließen, um woanders als Lehrling zu arbeiten.
Wir wissen auch, dass die Kirche ziemlich früh das Adoptionsrecht und die Leviratsehe verbot sowie das Erbrecht bestimmte, und auch so die Familienstruktur beeinflusste. In der Moderne schließlich sorgten der Staat und die Wohlfahrtsverbände der Philantropen in Frankreich für die Umorganisation der Wohnungen und der internen Arbeitsteilung nach bürgerlichen Vorstellungen einer geschlechtlich und generational organsierten Familie. Von Regelungen wie das Ehegattensplitting, Kindergeld oder Herdprämie ganz zu schweigen. Es gibt wohl kaum eine soziale Form, die öffentlicher ist als die Familie.

Dem gegenüber war der Markt stets der Ort der Öffentlichkeit, einer nicht-privaten Begegnung, in der das Eigene zur Geltung kommt. Richard Sennett zeigt sehr schön, wie der öffentliche Raum geradezu davon lebte, dass es feste Rollen und Symbole gab. Das Geld als abstraktes Tauschprinzip zeigt dies ebenfalls ganz gut, denn die eigenen Motive, die Vorstellungen vom Richtigen etc. sind für den Akt des Kaufes nicht notwendig – wenn es auch als Information dem Verkäufer dient, um sein Angebot besser abstimmen zu können, so ist es nicht notwendig.

Schließlich noch einmal der ganze Apparat der Kulturindustrie, der diese Grenzen von Privatheit und Öffentlichkeit längst zum Verschwinden gebracht hat. Das private Leben der Stars ist von öffentlichem Interesse; Die sportliche Betätigung eines Fischer oder die Schuhe und Anzüge von Schröder waren interessanter als die politischen Entscheidungen; Die privaten Konflikte innerhalb einer Partei oder einer Institution sind beliebtes Erklärungsmuster für politische Entscheidungen. Die Identifikation von nationaler Größe mit wirtschaftlichem Erfolg einzelner innovatover Leuchtturmprojekte ist Kriterium gelungener zukunftsorientierter Kulturpolitik(selbst eine Allianz von Unternehmen, Konsortien, Stiftungen, privaten Personen und staatlichen Organisationen).

Dies alles legt nahe, dass Staat und Markt nicht einmal idealtypisch zu trennen sind, sondern dass a) sowohl die politische Rationalität mit der ökonomischen Rationalität untrennbar verwoben ist als auch b) die konkreten Akteure und Institutionen auf beiden (künstlich getrennten) Terrains gleichermaßen operieren. Nur vor diesem Hintegrund lässt sich verstehen, wie die verschiedenen historischen Konstellationen das realisieren, was man Markt und Staat nennt.

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Written by lars

1. Dezember 2007 um 15:46

Veröffentlicht in Ökonomie, Staat=Markt?

36 Antworten

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  1. VollsteZustimmung – aber:

    „Wirtschaft und Politik sind nämlich keineswegs grundsätzlich verschiedenen Systeme mit je einer eigenständigen Logik, die strukturell gekoppelt wären“

    Mann kann, glaube ich, mit Hannah Arendt und Habermas behaupten, daß es im Politischen – jetzt mal einen positiven Begriff der kommunikativen Willensbildung als Kern des Politischen begreifend – die Möglichkeit des nicht-strategischen, nicht-zweckrationalen, wieauchimmermandsnennenwill Vernunftgebrauches gibt, und das ist beim Markt, glaube ich, undenkbar. Selbst im Falle von „Fair Trade“ trägt sowas zwar zu Kaufentscheidungen bei, aber das ergibt sich ja nicht aus Marktlogiken selbst. Das ist dann eben ein „vorstaatlicher“ Begriff des Politischen, den z.B. alle Bürgerrechtsbewegungen dieser Welt für sich in Anspruch nehmen – die DDR ist auch, nicht nur, daran zerbrochen.

    MomoRules

    1. Dezember 2007 at 17:53

  2. Ja: dito. Ich meine natürlich eine Logik politischer Institutionen bzw. eine Logik des Staates.

    Weber unterschied ja durchaus traditionales, affektuelles, wertratioanle sund zweckrationales Handeln. sinnhaft ist ja nicht gleich zweckhaft. Sonst wäre ja linke Politik gar nicht möglich.

    Im Übrigen müsste man noch einen zweiten Konsens und eine dritte Konfliktlinie einführen. Der zweite Konsens lautet besteht im gemeinsamen positiven Horizont des autonomen Subjekts besteht, während die dritte Konfliktlinie die Theorie der Konstitution des Einzelnen darstellt. Die Liberalen kämpfen halt doch zumeist mit dem Konzept des methodologischen Individualismus vor dem Hintergrund einer allgemeinen Antrhropologie/Biologie des Gattungswesens Mensch, während wir ja doch eher von einer sozialen oder gesellschaftlichen Konstitution der Bereiche des Kollektiven und Singulären ausgehen.

    lars

    1. Dezember 2007 at 18:17

  3. Jau! Wobei schon die Weberschen Differenzierungen locker alles in die Tasche stecken, was Friedman und Konsorten so verfassen … jetzt mal von dessen ökonomischen Spezialforschungsgebieten abgesehen.

    momorulez

    1. Dezember 2007 at 19:27

  4. Nun. Interessant ist auf jeden Fall, dass man mit Max Weber eine liberale Kritik des Liberalismus vorliegt, der war ja auch ziemlich tebndenziös mit seinem Verein fü4r Sozialpolitik.

    lars

    1. Dezember 2007 at 19:34

  5. Der war in sehr vielen Hinsichten politisch alles andere als harmlos, was aber ja nun das Gewicht seines Werkes nicht schmälert ..

    momorulez

    1. Dezember 2007 at 19:38

  6. Wo Du recht hast, haste recht.

    lars

    1. Dezember 2007 at 20:33

  7. @ momorulez „die Möglichkeit des nicht-strategischen, nicht-zweckrationalen, […]Vernunftgebrauches“ bestreite ich vehement.Vielmehr bin ich der Ansicht, daß alle „Rationalität“ suggestiv ist, d.h. motiviert und, bewußt oder unbewußt, zielstrebig (hier ist nicht zuletzt dem Gebrauch der Logik als binäre die Eliminierung der Ambivalenz anzulasten – daß nur en passant).
    Von daher ist auch das Politische m.E. nicht von einer Qualität, die es erkenntnistheoretisch oder kommunikativ der Sphäre des Marktes überlegen macht.
    Es lassen sich allerdings Differnezen benennen auf der Ebene der Motive, die im „Markt“ schlicht eindimensional sind. Hier ist sogar Luhmännle in Anschlag zu bringen, der die digital-binäre Struktur zum Epistem erhoben hat: Der Markt kennt nur ein Programm und nur eine Kodierung. Er ist damit anschlußunfähig wie sonst nur die Religion.
    Die Differenz zwischen Staat und Markt läßt nicht einmal mehr eine akademische Diskussion zu, wenn der Staat sich der Struktur des Marktes unterordnet. Das Luhmännle in mir krächzt: Der Staat muß anders kodieren als der Markt, wenn er sich als System nicht aufgeben will.
    Was ich wirklich sagen will: Wenn „Staat“ noch Polis sein will, bedarf er des Forums, das darüber befindet, wer was will und darüber streitet.

    flatter

    2. Dezember 2007 at 1:41

  8. Was ich wirklich sagen will: Wenn “Staat” noch Polis sein will, bedarf er des Forums, das darüber befindet, wer was will und darüber streitet. – Eben! Unser Staat ist eher feudal: Es wird hauptsächlich repräsentiert, und das zusammengerufene Volk kann auch keine unfähigen oder unehrlichen Politiker in die Verbannung schicken. (wahrscheinlich werden mich dafür einige Leute wieder totalitär schimpfen, aber so war sie, die Athener Demokratie).

    che2001

    2. Dezember 2007 at 2:57

  9. @flatter: mag Dein Luhmännle krächzen wir er will. Die Webersche Definitionen verschiedenen Handelns kann man nicht einfach damit ausser Kraft setzen, dass man Rationalität auf Zweckrationalität reduziert. Dabei heißt Zweckrationalität eben gerade nicht: alle Handlungen sind an einem Ziel ausgerichtet, sondern das gegeneinander abwägen von Zwecken und Mitteln. Ansonsten könnte ja die Ökonomie solche Prinzipien wie das Minimax- und Maximin-Prinzip gar nicht kennen.

    Dass Markt und Staat grundsätzlich zwei verschiedene Systeme seien, bleibt empirisch zu überprüfen und kann kaum in der Ausformulierung eines letztlich tautologischen Deskriptionsverfahrens geklärtz werden. Eine Theorie, die nicht scheitern kann, ist keine Theorie. Das zumindest ist an Popper noch wahr gewesen.

    lars

    2. Dezember 2007 at 3:00

  10. @Flatter:

    Ja, da kannste noch so vehement bestreiten; immerhin war’s u.a. Weber, der die These aufstellte, daß totalisierte Zweckrationalität eben schlicht irrational sei. Zudem auch Zweckrationalität und eine wie auch immer gebaute teleologische Struktur des Handelns nicht immer gleich identisch mit Zweckrationalität sind.

    Du führst auch keinen Grund an, sondern behauptetst nur – kein Zufall: Schon dann kannste doch gar nicht mehr vertreten, was Du schreibst, wenn Du begründest. Und vom Luhmännle halte ich ja ’ne Menge, aber das mit der binären Codierung, wo findet sich denn sowas in der Wirklichkeit?

    Daß Staat aktuell sich einverleibt, was er für Markt hält, das schreiben wir hier ja ständig. Das ist dann aber was anderes als eine „strukturelle Kopplung“ oder „Anschlußfähigkeit“ und schon gar kein Umschalten auf die Codes des Marktes – wie willste denn das mit Luhmann sowas erklären? Zudem das, was Du schreibst, auch eher nach Marx schreit als nach Luhmann …

    momorulez

    2. Dezember 2007 at 10:28

  11. @Die Trennung [privat/öffentlich] (hier dem Habermas`schen Diskurs entliehen?) bringt uns in diesem Fall nur in sofern weiter, als es sich bei [Staat] und [Markt] nicht um soziale Systeme im Sinne von [Funktionssystemen] (wie [Politik] oder [Wirtschaft]), sondern um soziale Systeme im Sinne von [Organisationen] handelt. Diese agieren zwar immer in der Öffentlichkeit, sind aber für sich, durch den Mechanismus Inklusion/Exklusion in sich privat (ohne das jemand der am Staat nicht teilhat, nicht trotzdem an der Politik teilnehme; und wobei der Markt die wesentlich integrationsoffenere Organisation ist).

    Die unterschiedliche Rationalität kommt vielleicht besser zum Vorschein, wenn man von [Dispositiv] auf [generalisiertes Kommunikationsmedium] umstellt und dann feststellt (wie Lars das ja auch macht, wenn er sieht, dass er keine Bücher im Geschäft (sondern höchstens von Freunden & Familie) bekommt, wenn er „Ich liebe Dich“ sagt)), dass der Staat [Macht] und der Markt [Zahlungsfähigkeiten] verteilt.

    Meiner Meinung nach sind zwar die vielen anschaulichen Beispiele in dem Text prima um zu sehen, 1. wo und wie Personen und Artefakte [Schnittpunkte sozialer Kreise] (Simmel) sind und 2. um die Herstellung von Öffentlichkeit von Vormoderne zu Moderne, aber wer nicht die Eigenarten der jeweiligen sozialen Kreise beschreiben will, sondern einen [großen nassen Klumpatsch] (Helge Schneider), läuft Gefahr gar nichts mehr (nicht mal mehr verschwommen) zu erkennen. Die Kulturindustrie konnte Schröder auch nicht vor Merkel retten, obwohl faktisch Konsens darüber herrschte, wer der ästhetisch anschlussfähigere Kanzlerkanditat gewesen ist und die Familie ist nicht nur stark öffentlich diskutiert, sondern auch stark in sich privat (also versuchen Sie, meien Herren, doch mal flugs an einer anderen Familie, am besten noch im Kinderschlafzimmer teilzunehmen…).

    @Systemtheoretische(vormals: Luhmännle)Methodik: Die Theorie ist in sofern tautologisch, wie sie kybernetisch ist, und das bedeutet sie ist ein Kreislauf der sich selbst korrigieren kann, insofern sie glücklicher- und unglücklicherweise zugleich über blinde Flecken verfügt. Popper hat sich praktisch immer geirrt, weil er immer an die Logik als die Quelle der Wahrheit glaubte. Eine tautologische Epestemologie der Beschreibung ist deshalb angebracht, weil sie 1. in sich selbst sinnvoll ist (und das sollte eine gute Theorie sein) und sich dann 2. die empirischen Beobachtungen auf ihr abbilden lassen (Bateson). Nichts desto trotz ist es sicherlich lobenswert, auch andere Theorien jenseits der ST heranzuziehen, um zu schauen, mit welchen Begriffen wir die differenztheoretische Beschreibung noch irritieren können…

    GustavSubreal

    2. Dezember 2007 at 10:57

  12. @momo: Der Code ist deshalb so wichtig – und auch systemstiftend – weil es sich um einen KOMMUNIKATIONSstrukturierenden Mechanismus handelt. Die Kommunikation hat sich selbstständig gemacht und Systeme (Anschlüsse an Anschlüsse an… etc.) gebildet.

    Organisationen sind qua Definition alle zweckrational, sie versuchen ja Mittel zu organisieren – für unterschiedliche Systeme – wobei man bei genauerer Focussierung in schnell feststellen wird: Es herrscht unter dem Deckmantel der Zweckrationalität [Anarchie im Büro] (Rustemeyer).

    GustavSubreal

    2. Dezember 2007 at 11:03

  13. @Gustav:

    „Diese agieren zwar immer in der Öffentlichkeit, sind aber für sich, durch den Mechanismus Inklusion/Exklusion in sich privat“

    Das verstehe ich nicht …

    „Der Code ist deshalb so wichtig – und auch systemstiftend – weil es sich um einen KOMMUNIKATIONSstrukturierenden Mechanismus handelt. Die Kommunikation hat sich selbstständig gemacht und Systeme (Anschlüsse an Anschlüsse an… etc.) gebildet.“

    Daß die Teorie das so sagt,: Ja.

    Aber ist denn das so? Ich glaube schon an eine Eigendynamik von Diskursen und glaube auch, daß man die – wie Foucault z.B. – z.B. in historisierender Perspektive rekonstruieren kann. Insofern ist eine „Verselbständigung“ bzw. „Autopoesis“ von Kommunikationen mir schon was plausibel Scheinendes.

    Aber wie funktioniert denn dieser „systemstiftende“ oder konstituierende Mechanismus? Deduktiv? Das ist jetzt eine völlig ernst gemeinte, keine rhetorische Frage: Ich habe das nie verstanden und bin da bei Luhmann immer ausgestiegen, obwohl ich mich zu quälen versuchte. Ich hätte das zumindest zum Teil sogar referieren können, eben in sich stimmig, aber ich kann das nicht auch nur zu irgendeiner meiner Erfahrungen in Beziehung setzen. Immer wenn da Bateson oder Spencer Brown kommen, verstehe ich nix mehr, was ja mein Problem ist und nicht das der Theorie.

    Ich fand die – weiß gar nicht, ob das wirklich Luhmann ist – Vorstellung immer sehr erhellend, daß Kommunikationssysteme sich schließen können und dann alles Andere als zu beherrschende Umwelt begreifen und daß so z.B. ökonomische Handlungs- und Sinn-Systeme sich auch z.B. rechtliche Diskurse sozusagen einverleiben können, um das zu erreichen. Das erlebe ich im Arbeitsalltag: Daß die ökonomischen Systeme z.B. die „Kreativen“ als ihrer Logik folgend zu beherrschen trachten und dazu z.B. irrwitzige Vertragswerke er-sinnen. Und es ist schon so, daß „Gewinn/Verlust“ da konstitutiv wirkt. Aber es gibt dann eben auch noch Angebot/Nachfrage, intern (Kreative) extern (Kunden), erlaubt/verboten usw., also allerlei andere „Binäre Codes“ wie auch einfach positive Aussagen, Imperative etc., die gar kein Gegensatzpaar brauchen, und das alles geht querbeet ….

    momorulez

    2. Dezember 2007 at 12:34

  14. Monsieur Subreal, schön Sie auch mal hier zu treffen:

    Klar geht es um Organisationsformen und nicht einfach um Systeme. War eine Unsauberkeit meinerseits. Aber man kann da ja jeweils unterscheidlich vorgehen. Die Systemtheorie beschreibt eben verschiedene Logiken und subsumiert darunter dann empirische Phänomene. Während ich davon ausgehen würde, dass es historisch identifizierbare Akteure gibt, die diese verschiedenen Logiken ausüben und auch jenseits ihrer Adressierbarkeit in Systemen gesellschaftlich leben und damit auch (ganz ähnlich der liberalen Konzeption von Interesse) sich die internen Umwelten aneignen, zurückkweisen oder Handlungshomologien in Organisationen entwickeln können, die dann mit die Grenzen von möglicherweise historisch differenzierten Systemen zum verschwinden bringen. Das kann ja auch ganz einfach in der Coevolution von internen Programmen funktionieren, wenn ich den Luhmann und unsere gemeinsamen Diskussionen da richtig verstanden habe.
    Naja ansonsten gilt natürlich wie immer: Eine Systemtheorie ohne Handlungstheorie und konkreten Akteuren interessiert mich halt nicht. Es geht doch hier um die Differenzierungen auf der Ebene des Subjekts und das heißt, dass die Frage nach privat und öffentlich und nach Zwang und Freiheit zwar abstrakt beschrieben werden kann, aber letztlich doch auf der Ebene der Subjekte thematisiert werden muss. Siehe Konsens 2. In der Tat wäre dann Simmel durchaus spannender.

    Dann aber nochwas: Würdest Du nicht sagen, dass die Ausdifferenzierung und Evolutioon von Systemen gerade was das pol. System und das wirt. System betrifft, nicht gerade vor dem Hintergrund von historisch benennbaren strukturellen Koppelungen möglich war? Der Uwe Schimank brachte im übrigen kürzlich das Argument, dass der Primat der Ökonomie (Verstanden als Kolonialisierung der anderen Sytseme durch ökonomische Programme) gegenüber den anderen Funktionssystemen nur möglich ist, weil es ständig den Eindruck eines krisenhaften und beschädigten Systems bzw. einer äußerst empfindlichen Orchidee erweckt. „Wenn ihr euch nicht mehr anstrengt, gehe ich ein!“

    Im übrigen liegst Du auch mit der Doppelcharakterisierung von Organisationen als zugleich privat und öffentlich genau auf meiner Linie, wenn ich sage, dass sich weder Markt noch Staat auf jeweils eine Sphäre reduzieren lassen. Und das Familien selbstverständlich auch privat sind, folgt sowieso aus der Argumentation, wenn ich von Zugriffen durch den Staat spreche.
    Was aber jeweils von der Systemtehorie als Code oder Steuerungsmedium eines Systems betrachtet wird, ist selbst durch das Argument einer möglichst großen Kontrastierung und auf der Tradition politischer Theorie begründet. Weil man halt für die Ökonomie schon immer den Tausch als ausschlaggebende Handlungsfolge betrachtet, heißt das ja noch lange nicht, dass Aspekte wie Macht (als legitime Verfügungsgewalt über das Objekt des Tausches) und Wahrheit (als Bestätigung, dass dieser Apfel wirklich ein Apfel und keine Birne sei; Strichwort: arglistige Täuschung) nicht gemauso notwendig sind, um diesen Tauschakt zu vollziehen. Auch die Systemtheorie lässt sich wie jede historische Theorie gegen den Strich lesen.

    lars

    2. Dezember 2007 at 13:21

  15. @Momorulez: Ich habe kein Problem mit der Irrationalität des Rationalen. Umgekehrt wird mir aber ein Schuh draus: Das vordergründig Irrationale ist als Kommunikation völlig tauglich. Die behauptete Rationalität dagegen, die das Irrationale ausschließt, verweigert sich der Kommunikation mit dem Anderen. Ich bin der Überzeugung, daß man sich über Absichten einfacher und wahrhaftiger verständigen kann als über „Wahrheit“. Letztere hat immer ein Verfallsdatum, behauptet aber stets das Gegenteil.
    Mit dem gewissen Sinn für Paradoxes kann man dennoch versuchen, Wirklichkeit zu beschreiben und sich über die Modalitäten zu einigen. Mir ist aber die Behauptung einer reinen oder auch nur distillierbaren Wahrheit ein Dorn im Auge, weil sie immer zum Dogma führt.
    Der Clou ist aber, darum auch der Bezug auf Luhmann, den ich nicht eben hochschätze, daß in der Ökonomie „Wahrheit“ und Absicht scheinbar ineins fallen. Luhmanns System ist das der Ökonomie, reale soziale Systeme funktionieren so nicht. Ökonomie strebt nach Gewinn und vermeidet Verluste. Der Gewinn ist die Wahrheit der Ökonomie. Funktional differenziert und gekoppelt lassen sich Wirtschaftssysteme widerspruchsfrei erklären, wenn man die dennoch auftretende Irrationalität den Individuen zuschreibt, die nur mehr als Fehlfunktion und Kostenfaktor auftreten. Hier sind wir dann auch der Kodierung des Marktes: Wenn der Staat seine Hauptaufgabe in der Vermeidung von Kosten sieht, übernimmt er die Struktur des Marktes. Er könnte dabei sogar Gewinn machen – da allerdings ist die sog. „Privatisierung“ vor.
    Daß Systeme sich schließen können, sehe ich genau so. Die Rolle dessen, was Luhmann als „Theodizee“ denunziert hat, finde ich dabei besonders interessant: Es handelt sich dabei um Werte, die sich der Differenzierung entziehen und von denen sich weitere Werte ableiten. So etwas ist ja irrational und fällt aus dem Schema. Solcher Wertekonstellationen aber bedienen sich kommunizierende Wesen. Ihre irrationale Vorgehensweise führt dabei dennoch zu prognostizierbaren Strukturen.
    Und warum sollte ich nicht vertreten können, was ich schreibe? Dem liegt ein weiteres Paradoxon zugrunde: „Zweckrationalität“ im Sinne von Egoismus führt m.E. zu auch altruistischem Verhalten. Intelligenter Egoismus ist unmittelbar sozial. Rationalität transportiert Irrationales ebenso wie umgekehrt. Daher mein Begriff von der „Balance“. Es bilden sich aus dem Chaos von Zweckrationalität und Irrationalität mehr oder weniger stabile Strukturen, Episteme. Sie müssen ausreichend rational (prognostizierbar) sein, aber auch Befriedigung versprechen. Wenn du so willst, ist das die Dynamik dessen, das Foucault statisch (als Tableau) beschreibt.

    flatter

    2. Dezember 2007 at 15:12

  16. @Lars:

    „Der Uwe Schimank brachte im übrigen kürzlich das Argument, dass der Primat der Ökonomie (Verstanden als Kolonialisierung der anderen Sytseme durch ökonomische Programme) gegenüber den anderen Funktionssystemen nur möglich ist, weil es ständig den Eindruck eines krisenhaften und beschädigten Systems bzw. einer äußerst empfindlichen Orchidee erweckt. “Wenn ihr euch nicht mehr anstrengt, gehe ich ein!”“

    Toll 😉 …. das ist ja großartig! Das merke ich mir! Das stimmt! Der Markt ist weiblich 🙂 …

    @Flatter:

    „Der Gewinn ist die Wahrheit der Ökonomie.“

    Ja, und ein totalisiertes GewinnMAXIMIERUNGSstreben führt perspektivisch zu Verlusten, wenn man nicht andere Kritierien hinzuzieht – das übrigens auch noch mal zum binären Code.

    „Der Gewinn ist die Wahrheit der Ökonomie“

    Nein, eben nicht. Der ist Kriterium oder Indikator dafür, ob ein Unternhemen im ökönomischen Sinne erfolgreich ist oder nicht. Wahr kann allenfalls sein, daß ein Unternehmen Gewinne macht oder auch nicht.

    „Hier sind wir dann auch der Kodierung des Marktes: Wenn der Staat seine Hauptaufgabe in der Vermeidung von Kosten sieht, übernimmt er die Struktur des Marktes.“

    Ja und nein. Es gibt ja diese strikte Trennung gar nicht. Die DDR als riesiges Staats-Unternhemen ist ja auch pleite gegangen, weil sie eben nicht kostendeckend war. Und kluge Unternehmen vermeiden nicht nur Kosten, sondern investieren z.B. in die Produktentwicklung.

    Weiß ja, was Du meinst, das heißt, wenn man z.B., Gesundheit nur unter Kostenperspektiven sich betrachtet, geht da was flöten, klar.

    „Es handelt sich dabei um Werte, die sich der Differenzierung entziehen und von denen sich weitere Werte ableiten. So etwas ist ja irrational und fällt aus dem Schema. Solcher Wertekonstellationen aber bedienen sich kommunizierende Wesen. Ihre irrationale Vorgehensweise führt dabei dennoch zu prognostizierbaren Strukturen.“

    Das mußt Du noch mal genauer erläutern, das liest sich spannend.

    „Zweckrationalität” im Sinne von Egoismus führt m.E. zu auch altruistischem Verhalten“

    Das diskutieren wir ja gerade im anderen Thread …. aber vielleicht soweit: Ich würde Zweckrationalität nicht mit Egoismus identifiziere, damit schadet man sich ja nur selbst. Vielleicht ist da der Horkdorno-Terminus auch besser: Instrumentelle Vernunft, also jene Formen des Rationalen, die sich am Modell eines „instrumentellen Verfügens über Objekte“ orientieren. Dem kann man dann mit Habermas und guten Gründen ein „sich verständigen mit jemandem über etwas“ entgegenstellen. Das ist ein Modell des kooperativen Interagierens, bei dem man sich zwar auf geteilte Zwecke durchaus verständigen kann, dem vorgängig sind dann aber ganz andere, nicht zweck-orientierte Strukturen.

    Das mit den „epistemen“ würde ich da noch nicht hinzuziehen, das setzt ja noch mal ganz anderes an und reproduziert sich in konkreten Kommunikationen.

    momorulez

    2. Dezember 2007 at 16:45

  17. @Momo: Ich dachte da eher an den klassischen Patriarchen, der auch stets von den Familienmitgliedern umsorgt werden muss und auf den man ständig Rücksicht nehmen muss, weil er ansonsten sich selbst verweigert. Ich muss da an meinen Großvater denken, der ob seines Machismo eine unglaublich Diva gewesen sein muss (soweit ich mich daran erinnere bzw. den Erzählungen meines Vaters galuben schenken darf). Abre vielleicht sind ja gerade die Machos in ihrer permanent bedrohten Ehre gja die größten Divem 😉

    lars

    2. Dezember 2007 at 17:00

  18. Einverstanden. Aber in den Diskussionen zeigt sich ja schon, dass man auf einer rein ebschreibenden Ebene nicht bleiben kann, sondern dass die empirische Realität die theoretisch beschriebene Logik konterkariert. Dabei erscheint mir die Irrationalität der Handelnden aber lediglich als Differenzfolie um die unterscheidlichen systemischen und indiviuellen Rationalitäten zu beschreiben. Und Foucault hat ja selber mit seiner Theorie der Dispositive eine dynamischere Varainte als die Episteme vorgelegt, die er als kopf- und ziellose Strategien beschrieb. Das systemische telos kann dabei nur rekursiv zugerechnet werden (ist ja im Kern analog zu Luhmanns Beobachter 2. Ordnung) und eben nicht an vorgängigen Zwecken orientiert. Wennschon ist das telos ein Emergenzphänomen und keine Möhre vor der Nase des Esels.

    Was den Wahrheitsbegriff betrifft: Den denken soweit ich das sehe weder Momo oder ich substantialistisch oder absolut (wenn wir auch da Differenzen bzgl. der Universalitätsfähigkeit von Wahrheit haben, gell Momo ;-).

    lars

    2. Dezember 2007 at 17:01

  19. @Momorulez:

    „Das mußt Du noch mal genauer erläutern…“ Ich finde ums Verrecken nicht den Text, in dem ich Luhmann zitiert und das erläutert habe. Zumindest die Quelle hätte ich dann, zu blöd!
    Werde morgen noch mal suchen, sonst antworte ich eben ohne Quellenangabe.

    flatter

    3. Dezember 2007 at 0:51

  20. @Flatter:

    Laß Dir Zeit – bin gespannt! Wirklich!

    momorulez

    3. Dezember 2007 at 10:45

  21. Mal in Kurzform:
    „Man begreift die Funktionsweise von Sinn nicht zureichend, wenn man sie auf eine Sinnvolles legitimierende Identität bezieht – sei es den an sich perfekten Kosmos, sei es das Subjekt, sei es den sinngebenden Kontext. Dieser Identität wird dann die Unterscheidung von Sinnlosem und Sinnvollem abgenötigt, die sie als Identität nicht leisten kann. Die Herkunft der Unterscheidung bleibt dunkel, bleibt ein Problem der Theodizee.“

    Luhmann, Niklas: Soziale Systeme, Frankfurt am Main: Suhrkamp1985, S.111

    Später schwadroniert Luhmann von der „Einheit der Differenz“, was quasi den systemtheoretischen Ersatz von „Sinn“ darstellt. Das Operieren mit Vorstellungen von „Sinn“ ist aber eines, das zumindest zeitweise statische Bezüge herstellt. (Sloterdijk nannte das „ptolemäische Inseln“), d.h. es entstehen Identitäten, die nicht hinterfragt oder differenziert werden. Man kann das „Theodizee“ nennen, aber dieses Phänomen trifft genau so auf simple Regeln zu, sofern sie verinnerlicht werden. Es ist irrelevant, ob sie rational begründet sind, sie existieren und sind wirksam. „Theodizee“ ist die radikale Form solcher Identitäten, sie ist die Letztbegründung, die die Welt erklärt und von der alles abgeleitet werden kann. Weber hat gezeigt, wie daraus Gesellschaftsformen entstehen. Aber selbst eine beliebige Jugendclique weist solche Strukturen auf; es gibt Regeln, Rituale, Zugehörigkeit. Darüber kann gar gestritten werden, aber durch (funktionale) Differenzierung läßt sich diese Struktur nicht erklären – durch Diskursanalyse sehr wohl. Und selbst mitten im funktionalsten aller Systeme, in der Wirtschaft, wirken diese Strukturen, weil sie eben sozial sind und nicht funktional. „Theodizee“ in diesem erweiterten Sinne ist ein höchst interessantes Phänomen, und Luhmann sorgt für noch mehr Spaß: Seine Exklusion von „Sinn“ aus der Systemtheorie zeigt auf, daß diese nur Geltung hat, wenn man wirklich sinnfrei denkt. Das zwanghafte Ausschließen von Identität, das dahinter steckt, geht genau so schief wie die idealistische Überhöhung der Identität.
    Ich habe dazu ne Menge geschrieben, aber das paßt hier nicht rein *g*

    flatter

    4. Dezember 2007 at 0:20

  22. Klingt gut. Ich glaube da kann ich vieles finden, wo ich zustimmen kann. Eben auch die Verkürzung, wenn man sich rein auf Systemrationalität beschränkt oder die empirische Realität unter abstrakten Begriffen subsumiert, ohne genau hinzuschauen. Wobei man natürlich auch eine Temproarlisierung der Stillstellungen in Betracht ziehen kann. Also eine Abfolge von Sinnbezügen beobachten kann. Aber das ist ja das alte Problem: ich muss irgendetwas zumindestens kurzfristig stillstellen, um mich kritisch dazu verhalten zu können: Geschichte zerfällt eben in Bilder, aber sie geht nicht in Bildern auf.

    lars

    4. Dezember 2007 at 12:21

  23. Eine „Temproarlisierung der Stillstellungen“ ist unausweichlich. Das Modell solcher „Stillstellungen“ und Redynamisierungen hat Hegel geliefert. Wenn man nicht zwanghaft einen Weltgeist oder sonstige Endbahnhöfe der Geschichte daraus zurechtschustert, ist es nicht einmal schlecht.

    flatter

    5. Dezember 2007 at 0:38

  24. Ich habe das alles immer noch nicht verstanden – das liest sich ein wenig so wie „Alles fließt“, und man macht dann trotzdem ’nen Foto vom Bach … ist das nicht altgriechische Metaphysik? Nix gegen diese, aber wenn das so ist, kann man das nicht auch einfacher sagen (sage ausgerechnet ich)? Und die Hegelsche Dynamisierung des Denkens/Begrifflichen/Geistigen/Kulturellen ist doch auch ohne Endbahnhöfe der Geschichte viel eher was in-sich-aufnehmendes und über-sich-hinaustreibendes als der reine Fluß der Dinge?

    momorulez

    5. Dezember 2007 at 10:08

  25. Ich stell mir diese Frage gerade auf Grund meiner Diss: Wie will man eigentlich Strategien der Stabiliserung, Sedimentierung usw. dokumentieren. Da kannst Du eben nur das Foto vom Bach machen. Aber dieses Foto sagt Dir eben nur was, wenn Du gleichzeitig fragst: Wie ist das zustandegekommen, und wie geht das möglicherweise weiter (also: wo ist der Fluss, in den der Bach fließt). Klingt natürlich immer noch zu metaphorisch. Aber wenn ich mich z.B. frage, wie in einer bestimmten Medienkampagne auf das nationale Kollektiv oder eine Kultur bzw. eine Vergangenheitskonstruktion zugegriffen wird, dann schau ich mir ja an, welche Bilder die sich machen. Aber das ist mir nur verständlich, wenn ich gelichzeitig die strategischen Ziele dieser Praktiken kenne (was nicht heißt: dass es immer strategische Ziele sein müssen, aber in diesen Fällen gibt es ja explizit solche). Kann aber auch einfach nur daran liegen, dass ich nicht genug ikonologisches Wissen (hier bitte auch als Kontextwisssen zu verstehen) habe, um diese Bilder an sich zu interpretieren.

    lars

    5. Dezember 2007 at 12:37

  26. „Wie will man eigentlich Strategien der Stabiliserung, Sedimentierung usw. dokumentieren“

    Indem man diese – mit Foucault – ganz grundsätzlich als produktiv, also erzeugend statt abbildend, begreift, vielleicht (ist ja bei der Luhmannschen ermergenz auch so?)? Aber da biste ja wahrscheinlich auch selbst drauf gekommen, ich sabbel nur wieder …

    momorulez

    5. Dezember 2007 at 13:29

  27. Ja, verdammt, aber man muss das ja schon irgendwie sprachlich zur Darstellung bringen, wenns zwischen zwei Buchdeckel passen soll (was ja in diesem Fall so sein muss). Und da reicht es ja nicht nur aus, vor der Darstellung einen Satz zu bringen a la „Im Folgenden Bild sehen sie, wie etwas entsteht:“ und dann wird doch nur eine Statue gezeigt. Das muss man schon irgendwie anders lösen…

    lars

    5. Dezember 2007 at 16:27

  28. Ja, indem man die Entstehung des Bildes als eine je spezifische Form der Deutungs-, Interpretations – und Wahrheitsproduktion innerhalb je unterschiedlicher, zeitgeschichtlichen und somit auch institutionellen Rahmenbedingungen begreift … natürlkich ist ein Gegenstand da, bevor man sich auf ihn bezieht (z.B. das, was die Statue darstellt, und sei’s auch ein abtrakter Gegenstand wie „Unförmigkeit“ oder Farbe), aber indem man sich auf beziht, erzeugt man eben seine Wahrheit dieses Gegenstandes, die es ohne diese Bezugnahme gar nicht gäbe …

    momorulez

    5. Dezember 2007 at 17:13

  29. Ja, das meinte ich damit, es wieder in die Sinnprozesse einzufügen.

    lars

    5. Dezember 2007 at 17:27

  30. Aber das ist doch als Ganzes sowieso ein Sinn-Prozess, da braucht man doch nix einfügen 😉 …

    momorulez

    5. Dezember 2007 at 18:28

  31. Mann, reden wir gerade aneinander vorbei?

    Mir geht es doch um die Methode der Darstellung der Konstruktion des Objekts und nicht um die Konstruktion des Objekts an sich.

    Also um das Problem, dass die Darstellung eines Gedankens sowohl eines künstlichen Schockgefrierens bedarf, um zu zeigen: Hier, da schaut her, es geht jetzt um dieses Objekt, und es dann wieder auf Normaltemperatur zu bringen und seine Bewegungen sichtbar zu machen.

    lars

    5. Dezember 2007 at 18:34

  32. „Also um das Problem, dass die Darstellung eines Gedankens sowohl eines künstlichen Schockgefrierens bedarf“

    Nein, weil diese „Darstellung“ ja selbst etwas Prozessuales ist und nix Fixiertes – auch dann, wenn es in Büchern steht. Du klebst am Abbild, brauchst aber eigentlich eine Relation. Jene zwischen Objekt und dessen Produktion – prozessual – in der „Darstellung“. Und diese Relation fixiert nix. Als würdest Du einen schönen Mann besingen, und der bewegt sich ja auch weiter (meistens), im Prozess des Singens ebenso wie ganz wirklich … die Relation ist eine Parallele bei gleichzeitiger Bezugnahme (was schreibe ich hier eigentlich gerade?). Und das gilt sogar für Ölgemälde, weil eben das Verständnis des Prozessesuale konstitutiv für das Verständnis des Bildes ist.

    momorulez

    5. Dezember 2007 at 18:45

  33. Ja schon, indem Du ihn markierst hebst Du ihn zu allererstmal aus der Menge anderer Männer hervor, aber irgendetwas musst Du ja kOnstant halten (oder ausblenden) um es zu verfolgen.Mir fällt da dieses Spiel ein, dass mein Bruder und ich früher im Auto gespielt haben: Wir haben uns einen regentropfen an der Galsscheibe gesucht und den verfolgt, bis der verschwunden ist. Das funktionierte aber nur, wenn man die anderen Bewegungen ignorierte und für einen Moment auf den Regentropfen zeigte, erst dann konnte man seine Laufbahn verfolgen. Eine Relation fixiert immer ein stückweit die beiden Beziehungen, weil es gleichzeitig zueinander positioniert. Ansonsten bist Du gleich selbst ganz schnell bei Heraklit oder dem Daoismus.

    lars

    5. Dezember 2007 at 18:56

  34. Oder anders gesagt, dass Performative der Performanz kann ich nicht direkt in der Perfomanz selbst zu Ausdruck bringen, sondern erst zeitlich verzögert. Bzw. Ich kann nicht gleichzeitig im Singen darüber singen wie ich von dem schönen Mann singe. Das ist eben nur im Verlauf des Singens möglich. Eben danach. Irgendwo muss ich ja anfangen. Meine Güte, diese Schachtelsätze…

    lars

    5. Dezember 2007 at 19:01

  35. „Ich kann nicht gleichzeitig im Singen darüber singen wie ich von dem schönen Mann singe.“

    Das ist aber ein anderes Problem. Und dieses „kurze Fixieren“, ist denn das so erheblich? Von Taoismus halt ich übrigens sehr viel 😉 …

    momorulez

    5. Dezember 2007 at 19:09

  36. Das „Fixierte“ ist Identität, die unter Bedingungen zustande kommt. Auf das Bidl von Fluß kann ich mich einlassen. Zuerst vermerke ich darum: Ohne den Versuch, das Bild zu sehen, entgeht mir eine Dimension von Erkenntnis. Luhmann und die meisten der postmodernen Zeitgenossen verzichten darauf.
    Diskursanalyse rekonsrtuiert den Schnappschuß aus dem Schlick an der Mündung. Gar nicht schlecht, aber es bleibt Rekonstruktion und hat etwas morbides. Posthum erst wird so Erkenntnis. Spöttisch gesagt: Hinterher ist man immer schlauer.
    Die Moderne hatte etwas, daß ich seitdem vermisse, großartig referiert von Adorno, der das Problem der schillernden Identität und ihres Schattens virtuos beschrieb. Ich neige dazu, die Moderne für noch nicht beendet zu halten. Es gibt noch Geschichten zur erzählen, zumal die der Bedürfnisse. Und immer geht es um die der Frage was eigentlich „IST“, während wir fein erklären können, was war und was wird. Soweit die aufklärerisch entwickelten kognitiven Ressourcen und ihre Selbstbeschreibung. Quer zu dem stehen die Bedürfnisse, Motive und (umstrittener weise) Triebe. Wenn es um „Theodizee“ geht oder sonstige Formationen von Identitäten, von denen sich Weltbilder prägen und Handlungsanleitungen ableiten lassen, dann steht aus meiner Sicht eine Konstante dahinter, die nicht austauschbar ist wie ihre Inhalte: Die Sublimation von Grundbedürfnissen. Daher meine Aversion gegen eine „Vernunft“, die sich freispricht von Motiven, die aus ihren Texten anderseits nur so triefen. Ich bin Luhmann daher dankbar für seinen Begriff „Theodizee“, denn er verweist auf das große Phantasma, ohne das Denken nicht auskommt, wenn es Identität sucht. Warum stellt sich aber die Frage? Warum die Zeit fixieren? Womöglich ist das auch nur eine Art, dem Tod entgehen zu wollen.
    Ich glaube nicht an Dokumentation. Ich bin vielmehr davon überzeugt, daß wir nach wie vor Geschichten erzählen müssen. Es sollten freilich nicht die alten sein.

    flatter

    6. Dezember 2007 at 0:50


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