shifting reality

Es gibt kein richtiges Lesen im valschen!

Ich glaube, der rationale Geist ist eine Form der Imagination

with 20 comments

Zitat von Francesco Clemente, Maler:

Ich glaube, der rationale Geist ist eine Form der Imagination. Der Schwachpunkt der Rationalität ist, dass sie sich nicht selbst als Imagination begreift. Die Aufgabe eines Künstlers liegt darin, wieder ein Bewusstsein dafür zu schaffen, dass nichts wirklich notwendig ist und dass rationale Dinge, rationale Entscheidungen, Fakten und Ereignisse nicht notwendiger sind als die Dinge der Imgination. Sie sind einfach nur substantieller. Nicht alle Gesellschaften haben den substantiellen Dingen solch eine Bedeutung beigemessen. Alles ist real und alles verändert sich, das ist die Grundidee. Ein paar Dinge sind gleichermassen real. Ein Künstler beschäftigt sich mit Imagination und mit Dingen, die nicht so substantiell sind wie z. B. Pistolenschüsse, aber genau so real und eine vergleichbar grosse Wirkung haben.
Wenn die Menschen Kunstwerke, Atombomben und soziale Strukturen als gleichermassen real betrachten würden, dann wären wir einen gewaltigen Schritt weiter. Das hat Beuys gemeint, als er sich politisch betätigte und dennoch keinen Augenblick davon abliess, sich als Bildhauer zu bezeichnen. Warum sollte er sich als Bildhauer bezeichnen, wenn er sich für eine Wahl aufstellen liess? Nicht dass eine Skulptur genauso real ist wie eine Wahl, aber Wahlen sind genauso real wie eine Skulptur.
(…)
Es könnte ein Schritt nach vorne sein festzustellen, dass das rationale Bild, das man von der Welt hat, auch eine Imagination ist; es hat die gleiche Realität wie ein Mythos. Es ist ein Produkt des Geistes und nicht substantieller als der Geist.

Kunst heute Nr.5, Köln 1990

Ich hadere ja oft mit seinen Sachen, aber das hier macht vielleicht klar, warum man als Praktiker öfter mal Probleme hat mit diesen ganzen Rationalitäts-Vorstellungen. Übrigens dient Kunst unter anderem genau dazu, auf sowas zu kommen, und irgendwann kommt man drauf beim arbeiten. Wer Ästhetik nur als Anleitung zur Produktion repräsentativer Gegenstände versteht, die „verständlich“ und benutzbar zu sein hätten, geht eben in diese Rationalitätsfalle, jenseits derer Erkenntnis dann nicht mehr möglich ist.

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Written by talbert

4. Dezember 2007 um 20:51

Veröffentlicht in Nicht kategorisiert

20 Antworten

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  1. Finde ich super Bis auf den Einstieg:

    „Ich glaube, der rationale Geist ist eine Form der Imagination. Der Schwachpunkt der Rationalität ist, dass sie sich nicht selbst als Imagination begreift.“

    Weil da eben „Imagination“ unterbestimmt ist und auch totalisiert wird. Schopenhauer hat ja auch sein Hauptwerk „Die Welt als Wille und Vorstellung“ genannt ….

    Das ermöglicht so nicht die Unterscheidung zwischen z.B. konstruktivistischen Erkenntnistheorien und einem Gedicht, dabei gehe ich schon davon aus, daß es sich da um unterschiedliche Rationalitäten und -dynamischen – Formen des Gegenstands- und Weltbezuges handelt, die sich jedoch einer Vorstellung von „Repräsentation“ gerade nicht beugen müssen. Was Herr Clemente aber ja auch gar nicht will, eine solche Unterscheidung auffächern, erwähnt sei es trotzdem. Deshalb würde ich mich aber gegen den Ausdruck „Rationalitätsfalle“ wehren. Rationalität ist nix Reglementierendes oder an Abbilder genüpftes, sondern eine Möglichkeitsbedingung, überhaupt handeln zu können.

    momorulez

    4. Dezember 2007 at 21:15

  2. ja, ich hätte die rationalitätsfalle „rationalitätsfalle“ nennen sollen. genau so wie Du es jetzt – so richtigerweise – verstehst, hab ichs gar nicht gemeint. sondern eben im sinne Deines letzten satzes. so fasse ich auch die „imagination“ clementes auf, ich glaube nicht, dass der die totalisieren will, das ist etwas unsauber, ich weiss es ja auch, weil ich den gesamten interview-text kenne. ich verstehe die „imagination“ eher methodisch, wie soll ich das jetzt klarmachen? ich kann im verlauf der arbeit, entsprechend meinem informationsstand als ihr beobachter, ihre teile so oder so ansehen, interpretieren und ihre weitere formung imaginieren, in verschiedene richtungen denken; also dieses plastische denken ist eben eine höchst rationale sache.

    talbert

    4. Dezember 2007 at 21:48

  3. Hinsichtlich der ästhetischen Praxis verstehe ich das auch voll und ganz – das ist ja in meinem Job auch so, daß ich aktiv herbeiimaginiere, was ich – mit Anderen – da zusammenbastel und wie ich’s formulieren will (und auch „Formulierung“ beschränkt sich da nicht auf die Text-Ebene).

    Wobei dann ja diese Imaginationsarbeit in meinem Fall nichtsdestrotz mit einer „korrekten“ Aufarbeitung des zur Darstellung zu Bringenden irgendwie korrespondieren muß, und da ergibt sich schon sowas wie ein unaufhebbares Spannungsverhältnis, das man eigentlich nur dadurch aufheben kann, daß man das Imaginäre in der Gestaltung auch deutlichst herausarbeitet, sonst wird man schnell verlogen … und in manchen Fällen sogar irrational 😉 …

    momorulez

    4. Dezember 2007 at 22:22

  4. „daß man das Imaginäre in der Gestaltung auch deutlichst herausarbeitet, sonst wird man schnell verlogen … und in manchen Fällen sogar irrational 😉 „

    Na aber hallo, dem Imaginären kannste ja gar nicht entkommen. Mit Lacan im Rücken würde ich sagen: Nein, man muss das Reale zum Ausdruck bringen, den Überschuss, der zwischen dem Symbolischen und dem Imaginären hervorquillt.

    Ist jetzt aber ein anderer Begriff vom Imaginären, gell…

    lars

    5. Dezember 2007 at 0:13

  5. Na aber hallo, dem Imaginären kannste ja gar nicht entkommen

    Na aber hallo, kannst ja aber so tun als ob. Im Kunstwerk kann ich so tun als ob. Ich glätte es weg. Ich filtere es durch. Ich kann so ein System falscher Behaauptungen konstruieren, die Konstruktion erhält dann eine Logik, die logischeren Anschein macht als andere, deren Logik einfach werkimmanent aus sich heraus, organisch, sich entwickelt, wo der Autor eben genau dieser werkimmanenten Logik nachspürt. Also, der lässt sich auf sein Werk ein, und behauptet nicht einfach: da, hier, so muss sowas sein.Dann entwickelt er es. Das ist Entwurf. Im Gegensatz zum „Fertigen“, das von vornherein als fertig gedacht wurde.

    T. Albert

    5. Dezember 2007 at 1:09

  6. Naja, aber spätestens beim Betrachter kommt das Imaginäre ja doch wieder dazu. Das streift ja all das, was wir so unter ästhetischer Bildung verbuchen.

    lars

    5. Dezember 2007 at 12:25

  7. Na, nicht unbedingt. Man kann ja Imaginiertes auch wie Sach-Aussagen rezipieren, und die imaginierte Gestaltung gar nicht bewußt wahrnehmen, zumindest im Falle meines Jobs.

    momorulez

    5. Dezember 2007 at 12:34

  8. Aber das heißt ja erstmal nur, dass du das Imaginäre wieder in das Raster des Aussagbaren einschreibst. Das bringt das ja nicht zum Verschwinden. Verstehe mich aber im Moment selbst nicht mehr, weil ich gard nicht weiß, was ihr unter „Imaginäres“ versteht. Mich hat da ja (leider) die Lacansche Psychoanalyse versaut (was ja die Hauptaufgabe der Psychanalyse ist, den Leser zu versauen 😉 )

    lars

    5. Dezember 2007 at 12:41

  9. @Lars:

    Nein, Sach-Aussagen sind eben was anderes als Produkte des Imaginären. Wasweißcih – „Mdme. Bovary“ ist weder irrational noch unwahr, aber es enthält auch keine Sach-Aussagen wie „Es ist der Fall, daß p“, daß also alle Äpfel vom Stamme fallen oder daß der HSV Samstag gegen Werder verloren hat. Es gibt aber mediale Formen, in denen dann etwas nach ästhetisch-imaginären Kriterien gebaut wird (z.B. einer Dramarturgie wie Mdme. Bovary folgend und hübsch ausgeleuchtet), dann aber als Sach-Aussage rezipiert wird, obwohl es gar keine ist, sondern es mit Mitteln des Imaginären arbeitet. Ich verwende das „imaginäre“ eher wie „Vorstellungskraft“, „Fantasie“ dahingehend erweitert, daß z.B. der sich im Raum bewegende Künstlerkörper hier eben Regeln dieses Imaginären folgen kann und seine Gestaltung dann nichtdestotrotz eines Form des rationalen und des Denkens sind, aber eben nicht in der Form „es ist der Fall, daß p“.

    momorulez

    5. Dezember 2007 at 13:21

  10. ach, Ihr müsst mal ein bisschen Zeichenunterricht bei mir nehmen. – Es ist ja so, DASS das Imaginäre eben nicht einfach aussagbar ist, weil es nicht mit Worten arbeitet. Also, im Falle des materiellen Kunstwerks, Skulptur oder Gemälde. DAS ist ja auch das Problem, dass ich z. B. mit manchen Texten über bildende Kunst habe, die mit literaturwissenschaftlichem Handwerkszeug dran rumlaborieren, oder dass Künstler ihrer Wortlosigkeit und ihrem Unvermögen „etwas“ drüber zu sagen (aber sagen zu wollen), zu entkommen versuchen, indem sie sich ihrerseits „Dechiffrierbarkeit“ von dort erhoffen. Das Dumme ist nur, dass wir eben nicht mit Worten über Worte sprechen, sondern über Dinge. Irgendwas geht dann immer schief, weil das Ding nun mal nicht gesprochen werden kann, das Imaginäre da drin kann seinerseits nur verdinglicht existieren. Also, die Gipsfigur ohne Gips wäre eben keine, auch ncht das vom MAterial getrennte Imaginäre. Is auch banal.

    T. Albert

    5. Dezember 2007 at 14:45

  11. Wobei man jetzt auch nicht suggerieren sollte, daß das Imaginäre in Sprache als Material und Sprache in ihrer Materialität, ob als Schall oder Schrift, nicht sich zeigen oder modelliert werden könnte.

    momorulez

    5. Dezember 2007 at 15:39

  12. @Momo: – Sachaussagen/Imaginäres: Aber genau das meinte ich ja als Einschreiben in das Register des Sagbaren; Meinetwegen kannst Du das auch als interdiskursive Beziehung begreifen, indem Du den einen Diskurs (hier als sprachliche Gestaltung des Künstlerischen) mit tewa einem analytischen Diskurs der Literaturwissenschaft konfrontierst. Und da entsteht ja dann nicht nur Reibung, sondern i.d.R. fällt dann gerade hier das ästhetische Surplus raus(was ja wissenschaftliche Texte so unendlich langweilig machen kann). Aber das wäre vielleicht der Unterschied, ob ich ein Material ästhetisch modelliere oder rein analytisch. Das wäre ja der Punkt, den talbert anspricht, wenn er sagt, dass man dann mkit Worten über Dinge spricht.

    Das schlösse doch dann Deine letzte Formulierung gar nicht aus. Es wäre dann eher eine Frage der Übersetzbarkeit. Vermutlich hast Du aber stets das Problem, dass Du bei Übersetzungen (egal ob von Ding in Wort, Wort in Ding, Ding in Ding oder Wort in Wort) Verluste hast, die dann in der Komposition des Zu Schaffenden Dings/wortes irgendwie aufgehoben werden sollte (wenn ich das mal so normativ sagen darf).

    lars

    5. Dezember 2007 at 16:18

  13. @talbert: Ist das jetzt ein Angebot? Ich bin ja dafür, das ganze auch mal aus der Ebene der Virtualität herauszuheben.

    lars

    5. Dezember 2007 at 16:20

  14. „Einschreiben“ hatte ich eher als Vermengung des analytisch zu Trennenden gelesen …

    momorulez

    5. Dezember 2007 at 16:47

  15. Naja eher der Versuch, das eine durch das Andere auszudrücken.

    lars

    5. Dezember 2007 at 17:28

  16. @Lars + Momorules

    ja, klar; ist ein Angebot. Können wir machen.

    Ich will hier jetzt aber nicht falsch verstanden werden, Momo, ich habe batürlich gar nichts dagegen, mit Worten über Dinge zu sprechen, um die nicht nur zu beschreiben, sondern auch ihren Gehalt zu interpretieren. Und dass das >Imaginäre in Sprache sich zeigt, ist ja klar. Aber es gibt ne Menge Leute, die vom materiellen Kunstwerk, dem Gipsklotz, erwarten, dass sich dort das Imaginäre auf die gleiche Weise zeigen würde wie in der Sprache. (Es gibt mittlerweile auch genug Kunst, die so aufgefasst gemacht wird. ) Aber es ist im materiellen Kunstwerk fix und fest ans Material gebunden. <Es existiert nicht ohne diesm wie es in den gesprochenen Worten und ihrem Zusammenhang eben im Schall einfach mitexistiert. Wenn man das Material, also Werkstoff und seine Behandlung vom Imaginären trennen will, resp. umgekehrt, dann issses weg. Das ist das ewig währende Kommunikationsproblem mit Leuten, die die Dinge selbst nicht als Sprache sehen können, oder wollen, die neben unseren Worten herläuft, auf die wir uns aber beziehen müssen, wenn wir sprechen. ich glaube, pasolini hat in einem Aufsatz ungefähr sowas geschrieben: Die wirklichkeit ist eine Sprache, die Dinge sind ihre Worte.

    T. Albert

    5. Dezember 2007 at 18:20

  17. Dazu war neulich ein ziemlich spannendes Interview mit Godard in DIE ZEIT. Er sagt dort, daß er zu Beginn der Nouvelle Vague von einer eigenen Grammatik der Bilder geträumt habe und diese bei Hitchcock z.B. auch sah. Und jetzt, wenn er z.B. Fernsehen guckt und dann den Ton abschaltet, dann wäre auch nicht viel anders, als wenn er das Radio ausschaltet – oder so ähnlich hat er das gesagt.

    momorulez

    5. Dezember 2007 at 18:27

  18. Das wäre dann analog zur Unterscheidung langue/parole?

    Also als Grammitk der Wirklichkeit und phonetische Manifestation in konkreten Elementen?

    Da wären wir wieder bei den Sternen und Sternbildern…

    lars

    5. Dezember 2007 at 18:28

  19. Nee, Grammatik der Film-Bilder versus Sprache. Also Bilder, die aus sich heraus sprechen und dabei einer anderen Logik folgen als Sätze und Texte. Parole und Langue ist ja eher Ideal/Rekonstruktion/Abstraktion/Regelapparat versus gesprochene, wirkliche Sprache, oder?

    momorulez

    5. Dezember 2007 at 18:37

  20. Ich bezog mich ja gerade auf die Wirklichkeit=Sprache und Dinge=Worte… da sehe ich ja schon den Performanzgedanken am Werk.
    Bzw. die Unterscheidung Struktur und Trägerelemente, verdammt ich kann diese ganzen linguistischen Termini nichtm, die mir eine sehr gute Freundin und Linguistin immer um die Ohren haut.

    lars

    5. Dezember 2007 at 18:47


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