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Es gibt kein richtiges Lesen im valschen!

Antirassismus versus Multikulturalismus

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Antirassismus setzt an den Strukturen an, die Voraussetzungen des Rassismus geschaffen haben. Von den “Elementen des Antisemitismus” bis hin zu ökonomischen Funktionen wie Migranten als industrielle Reservearmee, die heute nicht mehr gebraucht wird sind dies sehr komplexe Strukturen, die untrennbar mit Sexismus und Klassenwiderspruch verschränkt sind, und Antirassismus bedeutet den Versuch, diese aufzubrechen. Dies ist gedacht als schöpferische Zerstörung: Die deutscheKultur soll sich für Einflüsse anderer Kulturen öffnen, um das beste, was diese zu bieten haben und sich selber zu erneuern und zu wandeln, und die MigrantInnen sollen die Möglichkeit haben, sich von repressiven, freiheitsfeindlichen, antiemanzipativen Elementen der eigenen, tradierten Kultur zu befreien. Das ist in der Vergangenheit auch bereits geschehen: Als in den 70ern Jahren erstmals Leute vor Kneipen draußen saßen, sprach man von “französischen Verhältnissen”, und der damalige Generationenkonflikt beinhaltete auch die Vorliebe der jungen Generation für fremdländisches Essen, die von der Elterngeneration als “Verrat am Deutschtum” gegeißelt wurde. Ohne den Einfluss der MigrationsarbeiterInnen und die Welterfahrung der globetrottenden StudentInnen wäre das kulturelle Geschicht des heutigen Deutschland nicht denkbar, und das Deutschland des gesellschaftlichen Establishments und der Otto Normals vor 1967 war zwar demokratisch regiert, in seinen geistigen Strukturen aber eher halb klerikal, halb faschistisch. Als autonome, sozialrevolutionäre AntirassistInnen haben wir die Perspektive im Auge, dem multikulturellen Konzept den Melting Pot entgegenzusetzen: Interkulturalität als Voraussetzung zu einem gesellschaftlichen Wandel in Richtung mehr Emanzipation, mehr Zivilgesellschaft, Rückeroberung gesellschaftlicher Freiräume, die nicht von kapitalistischen Gesetzmäßigkeiten und Verwertungsinteressen bestimmt sind, Interkulturalität als Strategie sozialen Fortschritts von unten. Das multikulturelle Konzept hingegen ist nichts anderes als der Ethnopluarlismus der Neuen Rechten auf grün: Kulturen werden als einfach bestehend, verschieden und besonders betrachtet. Im “interkulturellen Dialog” wird mit Islamräten und Vertetern staatlicher Religionsämter der Türkei verhandelt, die Frage, ob diese die authentischen Interessen der von ihnen vertretenen Menschen ausdrücken oder vielmehr selber repressiv reaktionär-religiöse Vorstellungen in der eigenen Community durchsetzen wird erst gar nicht gestellt (während in den USA beispielsweise die aktuelle Nachfolgeorganisation der Black Panther Party, die New African People´s Organisation, ihren Kampf sowohl gegen das weiße Establishment als auch gegen die Nation of Islam und die Ghettogangs führt).Multikulti bedeutet eine wohlwollende, Ethnizität als schick betrachtende sanfte Apartheid, was die rot-grünen Multikulti-PolitikerInnen von den Neuen Rechten unterscheidet, ist der Wille, die Fremden undrangsaliert hier leben zu lassen statt sie alle rauszuschmeißen, der Begriff von Kultur als einer Ethnie fest anhaftender Bestimmung ist aber der Gleiche. Antirassismus bedeutet Interkulturalität als Perspektive der Emanzipation und ethnischer Schmelztiegel als Weg zu einer freieren Gesellschaft.

Auch wenn sich an den kapitalistischen Strukturen der BRD nichts geändert hat, die Zunahme an Interkulturalität hat in den letzten 30, 40 Jahren die Lebensqualität in diesem Land erhöht und seine Kultur bereichert. Anstelle einer Abschottung der EU nach außen, die längst mehr Tote produziert als der Todesstreifen der DDR-Grenze, treten wir für eine wirklich offene Gesellschaft ohne Leitkultur oder Parallelgesellschaften und eine humane Einwanderungs- und Bleiberechtsregelung ein und hoffen auf gesellschaftlichen Fortschritt und Wandel u.a. durch Akkulturation. Lässt sich der Kapitalismus schon nicht durch eine bessere Gesellschaft ersetzen (und auch diese Hoffnung habe ich keineswegs aufgegeben), so ist eine weitere Aufweichung der tradierten Gesellschaftsstrukturen sowohl der Deutschen als auch der Eingewanderten, ein weiterer Wandel in Richtung Weltgesellschaft vergleichbar dem in den letzten Jahrzehnten ansatzweise bereits erfolgtem unser Fluchtpunkt. Das bedeutet nicht Integration, sondern Desintegration: Schaffung einer neuen Gesellschaft durch Synthese der emanzipativen Teile der deutschen und der zugewanderten Gesellschaften.

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15 Antworten

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  1. Deine Artikel bietet für mich kaum Anknüpfungspunkte für Kommentare, abgesehen von einem „das sehe ich genau so“.

    Vor vielen Jahren, ungefähr zu der Zeit, als die DDR regelrecht auseinanderfiel, schrieb ich mal einen (grottenschlechten) Aufsatz mit dem Titel: „Die Integration Europas ist nur über die Desintegration der Nationalstaaten möglich“. Heute würde ich diesen – auch aus Angst vor einer europäischen Hegemonialmacht Deutschland geborenen – Gedanken nicht mehr vertreten. Was nicht heißt, dass alles, was ich damals schrieb, heute Unsinn sein muss. Die Voraussetzung für Wandel heißt aufgeben vermeintlicher Sicherheiten.
    Mal zu Deinem Beispiel aus den 70ern Jahren, als erstmals Leute vor Kneipen draußen saßen – ich wollte spontan widersprechen „Biergärten gab es doch schon vorher“ – um zu erkennen, worum es ging. Ein Biergarten oder eine Cafe-Terrasse ist ein umhegter Raum – Straßencafe oder die „draußen“-Tische auf dem Bürgersteig sind offen. Pionierarbeit leistete in „meinem“ Stadtteil eine italienische Eisdiele – weil: draußen sitzen ist irgendwie echt italienisch. Das „darf“ man. Bei einer deutschen Eckkneipe wurde unweigerlich die Frage gestellt: „Darf der das?“
    Viele der Grenzen „im Kleinen“ sind seit damals gefallen – und die neuen Grenzen werden – leider – oft nicht bemerkt. Dass die EU-Außengrenzen mittlerweile genau so martialisch gegen „illegale Einwanderer“ gesichert sind wie die US-Grenze nach Mexico, scheint erfolgreich verdrängt zu werden. Frage: Wer verdrängt da? Ich gehöre nicht zu jenen, die eine Quasi-Verschwörungstheorie aufbauen, nach der z. B. die Bertelsmann-Stiftung im Hintergrund die Politiker manipuliert, während der Bertelmann-Konzern über Medien Meinung macht. Aber ich bin mir ziemlich sicher, dass die Verdrängung kein Zufall ist – und das die Triebkräfte, wie so oft, „Opportunismus“ und „Angst vor Kontrollverlust“ heißen. (Die Bertelsmann-Stiftung halte ich für hochgradig opportunistisch; sie ist eine Art Einfluss-Verstärker für die ökonomischen und politischen „Eliten“. Ein gutes Beispiel wäre die von neue Studie, nach der 70 Prozent der Deutschen religiös seien, 28 Prozent sogar hochreligiös. Das Ergebnis klingt überraschend. Wenn man aber „hochreligiös“ gegen „religiös“ austauscht, „nichtreligiös“ belässt und „religiös“ als das „laue Mittelfeld“ der Feiertags-Auchmal-Kirchgänger betrachtet, dann sticht das Ergebnis nicht mehr aus anderen Umfrageergebnissen, denen zufolge höchsten 30 % der Deutschen religiös zu nennen seien, hervor.
    So einfach kann Manipulation sein …

    MartinM

    18. Dezember 2007 at 21:46

  2. Falls Ihr das noch antiquarisch bekommt, empfehle ich mal das hier schon zitierte Buch der autonomen Lupus-Gruppe „Geschichte, Rassismus und das Boot. Wessen Kampf gegen welche Verhältnisse?“. Angst vor Kontrollverlust ist principium movens der aktuellen Weltgeschichte, das sollten sich nur die zu Kontrollierenden vor Augen halten. Ach, noch son Buchtipp in dem Zusammenhang: „Leben als Sabotage. Zur Krise der technologischen Gewalt“ von Detlef Hartmann. Nein, ich kriege keine Prozente, obwohl ich diese Leute natürlich kenne.

    che2001

    19. Dezember 2007 at 0:16

  3. Der Begriff „Leitkultur“ wurde eigentlich von Bassam Tibi geprägt. Der sprach von einer „europäischen Leitkultur“ mit der er nicht mehr meinte als: „Trennung von Religion und Politik, Demokratie, Menschenrechte, religiöser und kultureller Pluralismus und Zivilgesellschaft“. (http://www.dtsinfo.de/deutsch/p200206/Seite12.htm)
    Wenn hier „gesellschaftlicher Wandel in Richtung mehr Emanzipation, mehr Zivilgesellschaft, Rückeroberung gesellschaftlicher Freiräume“ gefordert wird, sehe ich ich da keinen besonderen Widerspruch.
    Das bedeutet aber doch, dass man sich gegen Tendenzen ausspricht, die diesen Zielen widersprechen, eben auch, wenn sie anderer (kultureller) Herkunft sind. Sobald sich jedoch Kritik in diesem Sinne gegen den Islam richtet, scheint es (nach zugegeben eher oberflächlichem Blick) auch auf dieser Seite zu einer reflexhaften Kritikabwehr zu kommen. Die ist berechtigt, wo sie sich gegen häufige xenophob motivierte „Kritik“ richtet. Aber gerade auch aus der obigen Perspektive gibt es so viel an dieser Weltanschauung zu kritisieren, dass ich mich wundere, wieso es als nicht vertretbar gesehen wird, zu dem Ergebnis zu kommen, den Islam (als weltanschauliches System) insgesamt als problematisch zu betrachten und eher abzulehnen.

    G3ro

    22. Februar 2008 at 13:15

  4. Der Begriff der Leitkultur wurde dann aber von Leuten wie Schäuble übernommen und mit eurozentrischem und anti-multikulturellem Inhalt gefüllt, ebenso wie der Begriff der Multikultur nicht einfach nur viele Ethnien in einem Land bedeutet, sondern mit einemaffirmativen Kulturalismus verbunden ist, der Menschen über ethnische Kollektive definiert oder identifiziert. Auch möchte ich dann zurückfragen, warum es in dem von Dir skizzierten Zusammenhang nicht vertretbar gesehen wird, zu dem Ergebnis zu kommen, das Christentum (als weltanschauliches System) insgesamt als problematisch zu betrachten und eher abzulehnen. Anders geagt: Es geht hier nicht um Kritik an religiösen Denksystemen, sondern um Diskriminierung von Menschen.

    che2001

    22. Februar 2008 at 14:45

  5. An dem Begriff Leitkultur muss ich nicht festhalten, eben weil er übernommen und anders gefüllt wurde. Aber das Festhalten an Grundwerten wie oben beschrieben scheint doch weitgehend Konsens. Und das eben auch gegenüber Weltanschauungen die nicht autochthon sind wie dem Islam.
    Das Zuordnen zu und Definieren von Menschen über Kulturen sehe ich auch problematisch. Gerade beim Islam weist ja z.B. auch der Zentralrat der Ex-Muslime deutlich darauf hin, dass ein gar nicht so großer Teil der Leute, die als Muslime gezählt werden, über Herkunft aus einem „muslimischen Land“ oder von „muslimischen Eltern“ hinaus wirklich religiös ist. Weil wegen solcher Unterschiede eine Kategorie „Muslime“ nicht sehr sinnvoll ist und man den Leuten über diese Zuordnung nicht gerecht wird, würde ich Kritik an „den Muslimen“ auch entsprechend problematisch sehen.
    „Der Islam“ hingegen ist m.E. als Kategorie vertretbar, weil es trotz verschiedener Strömungen zentrale Gemeinsamkeiten gibt: Die monotheistische Vorstellung eines Gottes, der sich über Mohammed offenbart hat, was wörtlich im Koran festgehalten sei. Kritik an Inhalten die damit verbunden sind bzw. an diesem Denksystem finde ich vertretbar, aber im nächsten Schritt natürlich auch gegenüber denen, die diesem System tatsächlich anhängen.
    Beim Christentum ebenfalls zu dem Ergebnis zu kommen, dass es insgesamt als problematisch zu betrachten sei finde ich durchaus auch legitim, wenn es mit Widersprüchen zu obigen Werten begründet wird. Ich denke allerdings, der Islam bietet hier mehr Ansätze für Kritik.

    G3ro

    22. Februar 2008 at 15:30

  6. Gibt es denn „den Islam“? Die weitaus meisten Muslime innerhalb eines Landes, etwa 20 % aller Muslime, leben in Indonesien, und dort wird ein Krokodil als Reinkarnation Mohammeds verehrt, und die durchschnittlichen indonesischen Muslime halten „sicherheitshalber“ auch ihre hinduistischen und buddhistischen Hausgötzen (und manchmal auch katholische Heiligenstatuetten), zu denen parallel gebeten wird, wenn gerade viel gewünscht wird und die zur Strafe geschlagen werden, wenn die Gebete nicht erfüllt werden. Chinesische und malayische Muslime sind einer solchen Form der Islamausübung in ihrer überwiegenden Mehrheit zumindest näher als dem orthodoxen Islam wahabitischer oder salafitischer Ausübung. Albanische oder bosnische Muslime hängen dem Islam an, trinken Alkohol, essen manchmal sogar Schweinefleisch, baden FKK, und in Tunesien hatte ich auch nicht den Eindruck gehabt, dass die in Bikini und Stilettos flannierenden einheimischen Frauen sonderlich orthodox wären. Sufis sind jüdischen Kabbalisten oder buddhistischen Mönchen ähnlicher als wahabitischen scheichs. Diese sogenannte Islamkritik bezieht sich auf bestimmte islamische Rechtsschulen und die Lebenswirklichkeit bestimmter Klassen bzw. sozialer Schichten in bestimmten islamischen Ländern. Man könnte dazu mit etwa gleicher Trennschärfe auch Araberkritik, Perserkritik oder Sudanesenkritik sagen, und wo landen wir dann? Genau, beim Rassismus.

    che2001

    22. Februar 2008 at 17:01

  7. Offensichtlich gibt es unter dem Titel Islam sich unterscheidende Strömungen. Gerade in den Praktiken. Fairerweise muss man ja auch hinweisen darauf, dass z.B. Genitalverstümmelung oder Zwangsheirat nicht genuin islamisch sind, sondern Praktiken, die hinzugenommen wurden.
    Auch inhaltlich: Die Aleviten, die z.B. dem Koran keine besonders zentrale Rolle beimessen, sind da ja auch ein häufig genanntes Beispiel.

    Ich würde eher von Übergängen und Richtungen sprechen, bei denen offenbar (gerade auch regional) eine Vermischung mit nichtislamischen Praktiken oder Anschauungen stattgefunden hat. So würde ich entweder von einer kumulativen Hinzunahme von anderem oder einer Entfernung vom Islam sprechen.

    Was ja, ich denke unbestritten, als islamisch betrachtet wird, ist der Ursprung. Wie gesagt: Mohammed, der Offenbarungen erhalten habe vom alleinigen Gott, die festgehalten wurden im Koran. So stehts im Koran selbst und von einer solchen Geschichte sprechen auch Historiker. Mit der Person Mohammeds und dem Koran sind aber eben sehr problematische Inhalte (aus obiger Perspektive) verbunden.

    Wenn z.B. religiöse Gruppen so weit gingen, den Koran über Bord zu werfen oder Mohammed nicht mehr als Propheten/Religionsstifter zu sehen, würde ich nicht mehr von Islam sprechen (was aber ja höchstens ein kleiner Teil der Religiösen tut).
    Wenn man aber bei Mohammed und Koran bleibt und nur etwas hinzunimmt (was dazu nicht im Widerspruch steht), ist es nicht unbedingt eine wichtige Veränderung. Es bliebe bei den problematischen Aspekten. (Wenn man z.B. weiterhin denkt, Gott/Allah habe gesagt „Kämpft gegen die Ungläubigen in euerer Nähe und lasst sie euere Härte spüren“ (9, 123) weil es so im Koran steht, dann muss man das nicht zwingend als wörtliche Aufforderung verstehen, aber es bleibt erstmal problematisch.))

    Hoffnungsvoll stimmen natürlich die (wohl leider noch eher wenigen) Reformmuslime, die z.B. versuchen den problematischen andere Suren entgegen zu stellen und zu betonen aus der Anfangszeit Mohammeds, als er noch in einer Außenseiterrolle in Medina aktiv war und noch nicht als Herrscher der Kriege geführt hat.

    Ich fürchte aber, die herrschende Lehre in der großen Mehrheit der islamischen Richtungen bleibt beim Kern Mohammed und Koran als Gotteswort. Mitsamt den problematischen Inhalten. (So haben sich ja z.B. die Mitgliedstaaten der OIC auf eine Erklärung einigen können, die sämtliche Menschenrechte der Scharia unterordnet, nach der z.B. die Geschlechter eben nicht die gleichen Rechte haben (Kairoer Erkl.).

    Menschen, die sich als Anhänger des Islam betrachten, aber nicht den Koran lesen und sich nicht an die Bestimmungen halten sind vermutlich in der Regel einfach wenig religiös. Bei „Muslimen“ hatte ich ja schon oben differenziert.

    Rassismus als Vorwurf halte ich dort für unangemessen, wo es um Kritik an Inhalten geht und erst im nächsten Schritt an denen, die diese Inhalte vertreten. Selbst bei unzureichender Trennschärfe bliebe es eine inhaltliche Kritik.

    G3ro

    22. Februar 2008 at 19:00

  8. „Die Mehrheit der Muslime“ – ziehst Du die indonesischen, philippinischen, malayischen, chinesischen Muslime sowie Aleviten, Ismailiten, Sufis und Berber ab, ist das, was übrig bleibt, bereits weniger als die Hälfte der Muslime.

    Im Übrigen: Das Judentum geht davon aus, dass seine Gesetze Moses von Gott persönlich diktiert wurden. wo ist der Unterschied zur Offenbarung Mohammeds? Jesus hatte nicht nur die Bergpredigt gehalten, sondern auch gesagt „Ich bringe euch nicht den Frieden, sondern das Schwert.“ Ich sehe hier keine Sonderstellung des Islam gegenüber den beiden anderen westlichen Religionen, ich sehe höchstens, dass der Buddhismus diesen hinsichtlich Vernunft und Friedfertigkeit überlegen ist. Ansonsten stehe ich allen Religionen skeptisch gegenüber.

    che2001

    22. Februar 2008 at 19:55

  9. Finde ich ja auch legitim, andere Religionen zu kritisieren.

    Es gibt auch Christen, die die Bibel für Gotteswort halten. Bei den Juden sind es die Orthodoxen. Aber wo sind bei Sunniten und Schiiten diejenigen, die den Koran nicht für unmittelbares Gotteswort halten? Privat möglicherweise sehr viele, aber in den Moscheen?

    Beim Islam finde ich hinzukommend sehr problematisch, dass Mohammed eine religiöse und politische Führung in sich vereint hat. Jesus hatte keine vergleichbare politische Funktion und wird zitiert mit „Gib Gott was Gottes und dem Kaiser was des Kaisers ist“. Eine Trennung von Religion und Politik halte ich für zentral wichtig und glaube, dass der Islam hier besondere Schwierigkeiten hat. Problematische Inhalte gibts woanders auch, aber ich denke die entfalten deshalb im Islam (bzw. meinetwegen nach seiner orthodoxen Lehre) größere Wirkung.

    Das Judentum finde ich schon aufgrund der geringen Zahl der Anhänger politisch weniger relevant. Dass orthodoxe Juden die Thora als Gotteswort sehen ist bestimmt auch problematisch. Ich muss gestehen, dass ich die Thora praktisch nicht kenne, finde aber hier inhaltliche Kritik genauso legitim. Aber selbst in Israel scheinen es doch eher Minderheiten zu sein, die politisches Handeln direkt aus religiösen Schriften ableiten (wenn auch bis in die Parlamente hinein).

    Das Christentum hat sich über die Aufklärung so weit verändert (bzw. wurde in seine Schranken verwiesen), dass es vergleichsweise nicht mehr sonderlich problematisch scheint (wohlgemerkt: vergleichsweise).

    Aber bei allen Orthodoxen und Evangelikalen, denke ich gibt es offensichtlich quantitativ ein viel größeres Problem mit islamisch begründetem Extremismus bzw. sogar Terrorismus. Diese Herausforderung sehe ich aktuell so bei keiner anderen Religion.

    Nebenbei finde ich es merkwürdig, dass man bei Diskussionen über den Islam immer gleich über alle anderen Religionen mit diskutieren muss. Es muss doch ok sein, den Islam inhaltlich zu kritisieren ohne gleich Aussagen über andere Religionen treffen zu müssen.
    Man kann doch z.B. auch Sozialdemokraten kritisieren ohne Konservative oder Kommunisten verteidigen zu müssen.

    G3ro

    22. Februar 2008 at 21:05

  10. Es gibt auch Christen, die die Bibel für Gotteswort halten. Bei den Juden sind es die Orthodoxen.

    Verzeih mir bitte, G3ro, aber mein oberflächlicher Eindruck ist, dass Du über die verschiedenen Denominationen des Judentums nicht sehr viel weißt.

    Orthodoxe Juden halten die Thora mitnichten für „das Wort G~ttes“. Ein Beispiel: Das Wort der Propheten ist – im orthodoxen Judentum – das Wort der Propheten. Es gibt, Dir vermutlich nicht bekannt, im orthodoxen Judentum fortschrittliche Gruppierungen, und umgekehrt gibt es im liberalen Judentum z.B. auch reaktionäre und chauvinistische Gruppierungen bei denen die Religionseiferei stark ausgeprägt ist. Für nahezu alle Denominationen des Judentums ist es aber eine Besonderheit, dass die Thora im Lichte der Erfahrungen betrachtet wird, dass gerade den Lernprozessen eine hohe Wertigkeit zugesprochen wird.

    Was ich damit sagen will: Es mag verführerisch sein, Verallgemeinerungen über Religionen anzustellen, aber es liegt eine große Gefahr darin, den vorurteilsfreien ungetrübten Blick damit zu verstellen. Es ist halt so (eine quasi neuchristliche Weisheit bemühend):

    The devil is in the details.

    Dr. Dean

    22. Februar 2008 at 22:08

  11. Yo! Verallgemeinerungen find ich eigentlich auch doof. Ich hab tatsächlich vom Judentum keine Ahnung. Finds wie gesagt auch nicht so spannend weil mein Interesse hier eher politisch ist. Nur wenn man Kritik am Islam äußert, wird man irgendwie immer dazu gedrängt, sich auch zu anderen Religionen zu äußern.

    g3ro

    22. Februar 2008 at 22:20

  12. Das Problem ist m.E. weniger Kritik am Islam, als vielmehr die Tatsache, dass zwischen Islam und Islamismus und Islam/Islamismuskritik und Abwertung von muslimisch sozialisierten Menschen selten sauber unterschieden wird und Leute wie Nela Kelek oder Ayaan Hirsi Ali von Kulturalisten, die IMPLIZIT einen Wohlstandsrassismus vertreten knallhart instrumentalisiert werden und diese sich nicht dagegen abgrenzen, dass sie instrumentalisiert werden.

    che2001

    22. Februar 2008 at 22:29

  13. An dieser Stelle ist eigentlich mal wieder ein Gratis-mp3-Download fällig (devil in the details), auch deshalb, damit Che mit den Walkabouts ein Beispiel für eine vernünftige Neofolk-Band bekommt.

    Dr. Dean

    22. Februar 2008 at 22:29

  14. Dankeschön! Ist wirklich gut. Ich sage ja auch gar nicht forever Punk 🙂

    che2001

    22. Februar 2008 at 23:37

  15. Ein schöner Abschluss für so einen Diskussionstag! 🙂

    g3ro

    23. Februar 2008 at 0:04


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