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Es gibt kein richtiges Lesen im valschen!

Kultur(geschichts)revisionismus: Dekonstruktion oder Ideologie?

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Weil mich talbert darum gebeten hat, das auch nochmal hier zu sagen.

Letzte Woche wurde im Bundestag nicht nur über die Sexualstraffähigkeit von Minderjährigen debattiert, sondern auch der Bericht der Enquetekommission zur Kultur in Deutschland vorgestellt.

In dem über 500 Seiten dicken Bericht findet sich in der voran gestellten Präambeln das Verständnis der politischen Elite von Kultur ausgeführt. Der Abschnitt zur „Bedeutung von Kultur“ finden sich diese beiden Absätze:

Kulturhistorische Perspektiven und Brüche

Historische Bedingungen, insbesondere auch die 40-jährige Teilung Deutschlands, aber auch regionale Unterschiede haben in Deutschland eine Vielfalt kultureller Identitäten hervorgebracht. Nicht Homogenität, sondern eine Vielzahl von kulturellen Formen und Ausführungen konnte als Teil des westlichen Kulturkreises tradiert und entwickelt werden. Zugleich inspirierte der kreative Austausch die künstlerischen Prozesse. In der ästhetischen Kommunikation der Gegenwart gilt es, eigene Traditionen nicht zu verleugnen und den interkulturellen Dialog ebenso zu suchen wie anzuregen. Die größte Katastrophe der deutschen Geschichte, der Nationalsozialismus, markiert den stärksten Bruch in unserer Kulturgeschichte. Er führte zur Vernichtung und Vertreibung der Juden, zur Verfolgung Andersdenkender, zum Exodus von Künstlern. Damit wurden auch künstlerische und ästhetische Traditionslinien eliminiert, die in besonderer Weise unsere Kultur geprägt haben. Aus diesen Erfahrungen erwächst eine besondere Sensibilität für den elementaren Wert der Freiheit der Kunst.

Kultur und Identität

Im Zeitalter der Globalisierung und Internationalisierung bedarf es der identitätsstiftenden Wirkung von Kunst und Kultur. Kunst bietet Einsichten und Orientierungen. Ihre Bedeutung für die Entwicklung der Persönlichkeit, im Sinne der eigenen kreativen Praxis und im Sinne der Fähigkeit zu sehen, zu hören, zu erleben und andere Perspektiven einzunehmen, verleihen Kunst und Kultur ihre sozialisierende Kraft. Die Entwicklung und Unterstützung dieser Fähigkeiten ist eine elementare Aufgabe der Familien und – in zunehmendem Maße – der Bildungseinrichtungen sowie der Medien.“

(Deutscher Bundestag, 16. Wahlperiode: Schlußbericht der Enquete-Kommission „Kultur in Deutschland“, Drucksache 16/7000, 11.12.2007, S. 45)

Nun, ich halte das allerdings für ein Ergebnis von Konstruiererei, wie talbert bemerkt. Allerdings, das sei nun auch gesagt, steckt da wenig an Dekonstruktion drin. Kultur so vollkommen naiv mit Identität gleichzusetzen oder es alks pädagogisches Programm zu begreifen, ist mehr als problematisch. Dass Kunst und Kultur Orientierung bieten solle, ist nur verständlich, wenn Kultur mal einfach so mit Wertsystemen gleichsetzt. Genau das war aber von je her elitäre und konservative Kulturideologie und findet seinen Ausdruck in den „Wir brauchen eine Kulter der/des…“ .Wozu solche Formulierungen dienen, ist wunderbar nachzulesen beim konservativen Chefideologen der institutionellen Politik – bei Udo di Fabios „Kultur der Freiheit“, seines Zeichens Soziologie und Bundesverfassungsgerichtsmitglied. Da wird keineswegs dekonstruiert, sondern mit dem vollen Bewusstsein, dass man reduktionistisch vorgeht, Traditionen und kulturelle Einheiten erfunden, um ganz andere Politiken zu stützen (im kulturellen Bereich: die Wiedereinführung des Mäzenatentums; rassisitische und kulturchauvinistische Praktiken).

Da wird ja nicht an den Begriffen gerüttelt mit dem Versuch sie zu öffnen, sondern da werden Begriffe hegemonialisiert, also zu neuen Registern zusammengenäht und andern Verwendungsweisen gegenüber geschlossen.

Interessant ist im übrigen auch die Rekonstruktion deutscher Kulturgeschichte, die dann desweiteren folgt, von denen sich allein die FDP distanzierte (die Gründe dafür bleiben leider im Dunkeln, weil sich die Parteivertreter zwar enthielten, aber kein Sondervotum einlegten). Da wird vom Humanismus sofort auf die kulturelle Hochzeit der Weimarer Republik (als Sternstunde der Museumskultur), Einbruch des Nationalsozialismus (inlusive Adorno-Zitat) und dann zum Kampf gegen Antisemitismus und Rassismus überleitet. Das klingt stark nach einer Allianz von SPD und CDU. Von den kulturellen Avantgarden des beginnenden 20. Jahrthunderts bleibt ebensowenig zu lesen wie von den weitreichenden Kontinuitäten zwischen der Bundesrepublik und den Nationalsozialismus innerhalb der Sphäre der Kulturschaffenden (man denke hier besonders an den ganzen Verwaltungsapparat, die Lehrer- und Professorenschaft etc.).
Schließlich bleibt auch völlig un erwähnt, dass die Traditionalisierung von Kultur als Nationalkultur ein gemeinsames Element aller drei Regime (Weimar, NS, BRD) bildete.
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Written by lars

19. Dezember 2007 um 13:38

Veröffentlicht in Gegenmoderne, Regierung der Kultur

7 Antworten

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  1. Das hat mit Dekonstruktion aber tatsächlich nix zu, alleine schon weil Brüche in linearen Geschichtsverläufen da so gar nicht konstatierbar wären (deshlab ist Foucault ja auch kein Dekonstruktivist), sondern gerade dekonstruiert würden.

    Und Quatsch isses ja auch: Der Nationalsozialismus war ja nun gerade keine Heimsuchung inmitten einer tollen Identitäts- und Erfolgsgeschichte toitscher Kultur, sondern stand in bestimmten Kontinuitätslinien, die’s heute durchaus noch gibt, insbesondere die „Kulturnationstheorie“, in deren Tradition dann auch dieses volkspädagogische Identitätsgeschwätz steht, daß dem Passus mit Heterogenität auch noch deutlichst widerspricht … allein schon wieder den Nationalsozialismus als „Katastrophe“, so eine Art Tsunami, der dann aus urwüchsigen Gründen die „entarteten“ Künstler hinfortschwappte, grotesk.

    Das ist jene Linie, die alles, was sich ihrem positivistischen Weltbild ncht fügt, als „Geschwurbel“ abtut, die damals gegen „entartete Kunst“ wetterten und vlökspädagoische Aufbauprogramme an deren Stelle setzte …

    momorulez

    19. Dezember 2007 at 13:58

  2. Vlökspädagogik = flock pedagogy + Blökpädagogik! 😉

    Ja, würde ich auch so sehen; wo bleiben Dada, Expressionismus usw.?

    Man tut so, als ob der Nationalsozialismus einfach ein bedauerlicher aber zufälliger Unfall im Geschichtskontinuum darstellen würde, der zwar irgendwie zig Millionen Menschen das Leben kostete aber dem man ja durch eine öffentliche Betrauerung das Seine geben könne und hinterher bruchlos anschließen könne. Hauptsache, man vermeidet halt deren Vokabular. Dass ist letztendlich dieselbe Affirmativität, die in den autoritären Programmen der zu Tage tritt und als deren einziges Mittel dann immer nur Verbote sind, statt sich mit der Sache selbst auseinander zu setzen.

    lars

    19. Dezember 2007 at 15:34

  3. eben, wo bleiben dada und expressionismus? die waren aber mal ein superthema wegen! des nationalsoz. und alles mögliche andere, über das, wie ich merke, immer weniger gesprochen wird, und dessen positionen langsam aber sicher mit anderem besetzt werden. es wird hin- und hergeschoben, und rausgeschoben. man kann ja nun auch von rechts dekonstruieren. und ich sehe einfadch, dass das passiert. kürzlich hat jemand schumacher als verbrecher bezeichnet, wie stalin. – sagt mal, wie haben wir denn vor den dekostruierenden praktiken gesprochen? allemal weniger ästhetisch, wenn ich mich erinnere.

    T. Albert

    19. Dezember 2007 at 21:36

  4. und: wenn ich den Mund aufmache, dann ist es so ideologisch, wie bei andern auch. (Versuche natürlich mich immer wieder mal zu dekonstruieren, hihi.)

    talbert

    19. Dezember 2007 at 21:48

  5. „sagt mal, wie haben wir denn vor den dekostruierenden praktiken gesprochen?“

    Ich glaube, da gab’s ’ne Politisierung des Ästhetischen, deshalb fiel das nicht so auf, daß da im Grunde genommen ’ne Ästhetik des „der Entfremdung Entrinnen!“ Programm war und zudem viele platte Slogans … so eine Mischung aus Marx light, Freud light und Selbsterfahrungsfühligkeit … Roncalli und Beuys, mit dessen Kunst man sich nicht zu beschäftigen brauchte, weil der ’n coolen Hut auf hatte und auf Friedensdemos mitmachte … und ich muß ja schon sagen, daß ich Postmoderne und Dekonstruktion als sehr befreiend erlebt habe, um diesem sozialpädagogen-Kosmos zu entkommen (jetzt schreibe ich gerade wie Statler, das wird sich rächen).

    momorulez

    20. Dezember 2007 at 11:14

  6. Oh ja, das wird sich rächen! -:)

    Ich glaub, bebi Roncalli war ich nie. Aber ich habe immer deren Zelt gesehen, wenn das in Köln am Josef-Haubrich-Hof stand, wo ich in die Kunsthalle ging, um mir Beuys-Ausstellungen anzusehen, mit dem ich mich beschäftigte. Der Kunstverein war auch dort. Dort konnte man sich u. U. sehr mit politisierter Ästhetik beschäftigen, das stimmt. Komisch, musste ich heute morgen dran denken. Es war ja unglaublich was los in den siebzigern und achtzigern an Rhein und Ruhr, der „Entfremdung entrinnen“ war jedenfalls dort sehr spannend. „Selbsterfahrungsfühligkeit“, ja, gabs auch, aber ich musste immer arbeiten, wenn ich nicht auf Ausstellungen rumhing.

    T. Albert

    20. Dezember 2007 at 11:30

  7. Habe ja erst ’86 Abi gemacht, insofern waren das bei mir noch nicht die arbeitsreichen Phasen – und bin dann eher von diesem Öko/Frieden einerseits, Punk/Wave/Neue Wilde und das Album von „Tödliche Doris“ hängt in der Kunsthalle vor Immendorffs „Café Deutschland“ rum-Ästhetik geprägt; viel auch die ganzen riefenstahligen Schwarz/weiß-Fotografien, Newton und so. Bei Roncalli war ich auch tatsächlich und fand es großartig! Da war ich so 14, 15. Schäme ich mich auch gar nicht für.

    Aber ansonsten diskutierte man – so ab ’85 oder so – eher, ob die Neubauten und Diamanda Gala und Sonic Youth nicht Kunst seien und wetterte gegen die, die meinten, Werbung und Design seien doch auch welche. Auf einmal gab’s ja Ausstellungen von Leuten, die z.B. Zeitschriften-Layouts revolutionierten und so, und das fand ich doof. „Betty Blue“ auch, „Subway“ und „Diva“ aber gar nicht. Ach, und dann gab’s ja auch noch Greenaway und „Blue Velvet“ und „Delikatessen“, was ich alles durchaus auch politisch fand. Um umgekehrt aber für die Pet Shops Boys und New Order und so verbal zu fighten, aber eben im Pop-, nicht im Kunst-Sinne.

    Im Grunde genommen war das aber noch ein cooler Pop-Diskurs, die ganzes Gespexe der Eighties, und wir haben uns alle nicht träumen lassen, daß Fun dann eben doch wieder zum Stahlbad wurde … trotzdem höre ich gerade Barry White und finde das auch toll!

    momorulez

    20. Dezember 2007 at 11:55


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