shifting reality

Es gibt kein richtiges Lesen im valschen!

Die 40 Jahre alten Autonomen

with 2 comments

Heute morgen quatschte ich mit einem Nachbarn, Bandmalocher, von dem ich wusste, dass er meine politischen Ansichten teilt und dass er sich, was Mobbing und Leistungshetze am Arbeitsplatz angeht, schon mal sehr robust zu wehren wusste (Meister verprügeln). Heute erfuhr ich allerdings, dass da noch viel mehr ist: Er erzählte von seiner Zeit als Hausbesetzer. Da kam die ganze 81er-Zeit wieder hoch (jawohl, wir sind keine alten 68er, sondern alte 81er), als aus Punks, linken Studies, frustrierten Malochern, die für ein paar Monate aus dem Job ausstiegen oder arbeitslos waren, Türken, Kurden und Arabern in den Kiezen deutscher Städte eine neue politische Bewegung entstand: Die Autonomen. Anders als die Mehrzahl der sonstigen radikalen Linken war das damals keine mehrheitlich studentische Bewegung und auch keine mit Mittelschicht-Hintergrund. Nicht umsonst war Klaus Jürgen Rattay Heimkind mit Sonderschulabschluss

http://www1.dasan.de/j//medien/texte/14_zeitungen/14-006.htm

und Günter Sare ein Schlosser

http://de.wikipedia.org/wiki/G%C3%BCnther_Sare,

Silvio Meier ein „Kultur-Linker“ aus der evangelischen Kirchenarbeit.

http://de.wikipedia.org/wiki/Silvio_Meier

Für mich, der ich seit 1982 dabei war, gab es grob zwei Szene-Phasen: Bis Anfang der 90er der gemischte studentische Zusammenhang, wo Autonome, Antiimps, Radikalfeministinnen, bauch-linke Ökopaxe, Grüne und Jusos in ein und derselben Gruppenstruktur zusammenarbeiteten, was trotz unterschiedlicher politischer Ausrichtungen und interner Richtungsstreitigkeiten dadurch möglich war, dass es sich um einen lebensweltlichen Zusammenhang mit gemeinsamem Studium, Leben in WGs im eigenen Gruppenzusammenhang und Rotation der Beziehungen innerhalb dieses Rahmens handelte. Ab den frühen 90ern begann dann für mich der Milieuwechsel innerhalb der Szene in außeruniversitäre, überwiegend auch nichtstudentische Zusammenhänge, wo die gemeinsame Thematik (Solidarität mit Flüchtlingen, Kurdistan) und eine politisch-theoretische Ausrichtung (Neuer Antiimperialismus, Antirassismus, beides in Abgrenzung zu den traditionellen Antifas/Antiimps zur einen und den rotgrünen Multikultis zur anderen Seite hin) ausschlaggebend waren und sich Studierende, SoziempfängerInnen, Streetworker, eine Ärztin, Journalisten, eine Krankenschwester, eine Dolmetscherin und dann auch kurdische und iranische Flüchtlinge zusammengefunden hatten. Gegenüber der studentischen Gruppe der „erwachsenere“ autonome Zusammenhang, den es bis heute gibt, zu dem ich in den letzten Jahren allerdings nur noch losen Kontakt halte. Auch wenn es Leute gibt, die auch mit 40, 50 Jahren noch in autonomen Zusammenhängen aktiv sind ist dies doch die große ausnahme. Im Wesentlichen ist es eine Jugend- und Studentenbewegung, die Unterschichtsangehörigen, die früher einen festen Bestandteil der Szene bildeten, finden sich heute entweder bei der anarchodadaistischen APPD oder betteln und machen Platte.

Auch der studentische eil der verbliebenen Rest-Autonomen setzt sich heute anders zusammen. Früher waren es vor allem die Arbeiterkinder unter den linken Studis, die sich bei den Autonomen sammelten, während die Mittelschichtler eher bei undogmatischen hochschulpolitisch aktiven Fachschaften oder marxistisch-dogmatischen Gruppen wie MG, KB oder gar bei den wirklichen Autoritären moskowitischer Provenienz (Spartaken genannt) zu finden waren. Die seit Schmidts Rotstiftpolitik von 1982 eingeleitete Kürzung sozialer Leistungen in Deutschland und die immerfort novellierten Hochschulrahmengesetze sorgten im Verlauf der 80er und 90er dafür, dass Sprößlinge von Arbeiterfamilien außerhalb der Ingenieurwissenschaften kaum noch studieren konnten, was sich entscheidend auf die soziale Zusammensetzung der Szene auswirkte. Um 1990 herum waren das dann oftmals höchst moralnsaure Haufen, bei denen Lehrer- und Pastorenkinder dominierten.

Mit den Generationswechseln der Szene wechselte auch die Kostümierung, denn natürlich identifizierte die Szene sich durch eigene Nonkonformistenuniformen. Als es für mich losging, waren dies schwarze Motorradlederjacken, nämliche Hosen, Springerstiefel bzw. Dr. Martens mit roten Schnürsenkeln und Palitüchern, und dass sollte bis ins Jahr 2000 auch mein Look sein (inzwischen unwesentlich verändert durch Pierre-Cardin-Anzug und Borelli-Schuhe bei gleichbleibender Gesinnung). So von 1988-92, die Zeit der großen Sexismus- und Selbstverständnisdebatten, setzte sich mittelfristig Rasta-Frisur, Batikhemd und weite Schlabberhosen durch, dann kamen Kapuzi, BW-Hosen, Baseballkappe und Chucks, Adidas-Trainingsanzüge (besonders beliebt bei der Antifa (M), die aus unserer Sicht bereits den Anfang der Demontage klassisch autonomer Positionen darstellte und von heutigen autonomen teilweise schon wieder nostalgisch verklärt wird(,Mitte der 90er englische Wachsjacken und Nike- oder Reebok-Schuhe, Ende der 90er ging es dann mit Carhartt- und Fishbone-Klamotten, Ray-Ban-Sonnenbrillen usw. richtig modisch zur Sache. „Politisch sein heißt Marke tragen“ formulierte Ivo Bozic ironisch, aber da steckt für viele mehr Ernst hinter.

Und jetzt, plötzlich, sind bei ganz jungen Leuten der Black Look und die Parolen der frühen 80er wieder da. Nachdem die Autonomen als politische Bewegung seit einigen Jahren fast tot erschienen, scheint es seit Heiligendamm eine Aufbruchstimmung zu geben. Interessant bleibt´s allemal.

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2 Antworten

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  1. Du hast so dermaßen viel geschreiben, da brauche ich ja Jahre, um das alles durchzulesen …

    momorulez

    2. Januar 2008 at 21:13

  2. Willkomen zurück auf der Kommandobrücke 😉

    che2001

    2. Januar 2008 at 23:47


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