shifting reality

Es gibt kein richtiges Lesen im valschen!

Bin gerade über das gestolpert…

with 4 comments

… so im Zusammenhang mit Koch und „neuen“ Straflösungen….

„In the nineteenth century, government adresses itself to a moral order articulated in a language drawn from associationist epistemology, moral philosophy, and the new psychological theories of mental pathology. This vocabulary construed individual conduct as shaped by the cumulative effects of exposure to virtuous or vicious influences in early life, these having a lasting effect on constitution and character and even communicable to future generations. For example the juvenile delinquent had contracted bad habits from the corrupt milieu at the heart of the large towns. […] Hence, too, it was argued that the potential or actual delinquent could be reformed if removed from the corrupt influences of the home and its surroundings, and placed in a regulated and moral environment where old habits could be broken down and new ones constructed. The techniques invented for the ‚moral treatment‘ of the insane could be reused in a new moral pedagogy for pathological children.“
Nikolas Rose (1998): Inventing Our Selves. Psychology, Power, and Personhood, Cambridge: Cambridge University Press, S. 71

Advertisements

Written by lars

15. Januar 2008 um 16:48

4 Antworten

Subscribe to comments with RSS.

  1. hm,teils-teils (ich versuche mal, meine gedanken sehr zu komprimieren).

    richtig daran finde ich folgendes: gerade ende des 19. bzw. zu beginn des 20. jahrhunderts gab es in d-land und angrenzenden staaten etwas, was damals unter reformpsychiatrie lief (imo durchaus berechtigt im vergleich zu den vorherigen zuständen). und neben dem ausdrücklichen bemühen um wissenschaftlichkeit (die orthodoxe psychiatrie litt jahrzehnte unter einem diesbezgl. minderwertigkeitskomplex – mit fatalen folgen für ihre klientel) spielten damals auch die rigiden moralvorstellungen eine rolle, herausgehoben dabei der fetisch arbeit bzw. das entsprechende moralische wertsystem (das ist heute in dem bereich modifiziert bekanntlich immer noch so.)

    die sog. arbeitstherapie hatte deshalb damals in den „reformanstalten“ eine herausragende bedeutung. und zwar nicht nur hinsichtlich der gleichung (lohn-)arbeitsfähigkeit = gesundheit, sondern auch im drumherum: land- und gartenarbeit an der frischen luft und jenseits der ungesunden und nervositätsfördernden großstädte wurde, wenn aus den jeweiligen örtlichen gegebenheiten möglich, bevorzugt verordnet. diejenigen patientInnen, die daran teilnahmen, hatten eigentlich auch seitens der ärzte immer eine bessere prognose als die „schwereren fälle“, die auf den stationen bleiben mussten und da leichte handwerkliche oder hausarbeiten verrichteten (diese eingruppierungen nach arbeitsfähigkeit wurden als basis später im ns während der „euthanasie“ zu dem entscheidenden selektionsmerkmal).

    der obige ansatz hatte zur folge, dass viele der um die jahrhundertwende erreichteten neuen anstalten ganz bewußt außerhalb der städte ins ländliche gepflanzt wurden – das damalige „st.jürgen-asyl“ in ellen/bremen z.b., 1904 eingeweiht, ist da von der ganzen konzeption her ein typisches und repräsentatives projekt – nicht nur ökonomisch fast autark (incl. eigener energieversorgung und nahrungsmittelproduktion), sondern auch bewußt als parkanlage angelegt, mit vielen einzelnen pavillons im jugendstil. eben, um die „überreizten seelen“ wieder zur ruhe zu bringen. wer sich etwas in der damaligen zeit auskennt, wird sowohl einflüsse des „nervositätsdiskurses“ (aka diagnose neurasthenie – sehr verbreitet) wiederfinden als auch ideologische elemente bspw. aus der jugendbewegung (gerade, was die abwendung vom stadtleben anbelangte). ist alles ziemlich komplex, wie ich finde.

    das alles war für bestimmte gruppen von patientInnen damals ein – sehr relativer! – fortschritt (zu dieser einschätzung bringen mich u.a. einblicke in diverse krankengeschichten und -akten aus dieser epoche). und hier lässt sich mit einiger berechtigung auch von einer verzahnung bestimmter, zeitgeistiger moralvorstellungen mit psychiatrischen behandlungskonzepten reden. aber:

    „1909 wurde daneben ein „Verwahrhaus für verbrecherische Geisteskranke“ errichtet. Die strafrechtlich untergebrachten Patienten wurden bis 1976 vorwiegend als zu verwahrende Patienten angesehen und standen am Rand des psychiatrischen klinischen Geschehens. 1976 begann die Entwicklung zu einer nach modernen Gesichtspunkten arbeitetenden forensischen Abteilung.“

    und an dem punkt finde ich die analogien aus dem text von rose zumindest für d-land zweifelhaft. die verbindende klammer zwischen psychiatrie und dem, was so als kriminell / delinquent angesehen wurde, war über jahrzehnte der begriff „vererbung“ – das fing beim alkoholismus an und hörte bei den „unheilbar asozialen“ im ns auf. und meines wissens wurden auch kinder /jugendliche nicht groß anders begriffen und behandelt – das ist eher eine tendenz seit den 1970ern (man schaue sich nur die zustände in vielen jugendheimen der 50er und 60er an, wobei die teils bis heute noch extrem beschissen sind).

    worauf ich hinaus will: klar lassen sich bei einem oberflächlichen betrachten der historie solche thesen wie von rose aufstellen, aber bei näherer betrachtung ist zumindest aus meiner perspektive vieles nicht überzeugend. das fängt bereits bei den „new psychological theories of mental pathology“ an – in den kriminalitätsdiskursen mit medizinischem background war zur erwähnten zeit eigentlich nur die psychiatrie relevant; d.h. ein explizit psychologischer blick auf kriminalität ist erst – mit ein paar ausnahmen – seit mitte der 60er jahre breit wirksam geworden. und hört bei der ungenügenden trennung zwischen tatsächlich explizit psychiatrischen krankheitsmodellen und bspw. den sehr weit verbreiteten ansichten über ursachen und gründe der nervosität vermutlich noch nicht auf, die auch in sphären weit ab von aller psychiatrie thema waren – wie eben in der „jugendbewegung“.

    zusammengefasst: der hauptstrang der psychiatrischen diskurses zur kriminalität war im negativen sinne biologistisch, und dementsprechend
    wurde sich auch keine große mühe gegeben, neben reiner verwahrung (auch bestrafung) sowie ausnutzung vorhandener arbeitspotenziale noch andere konzepte des umgangs zu entwickeln. es wurden zwar solche erklärungen wie „ungesunde milieus“ immer mal wieder in der öffentlichkeit eingeführt, aber aus psychiatrischer sicht waren diese milieus dann doch eher ausdrucksformen der pathologischen – und diesbezgl. determinierten – persönlichkeiten. und eben nicht umgekehrt, wie es später viele psychologische betrachtungsweisen nahelegten.

    soviel zur vergangenheit.

    zur gegenwart werde ich demnächst bei mir was schreiben, aber für den moment noch ein paar links, die erstens deutlich machen, dass es sich bei der von koch angerichteten suppe nicht nur um ein deutsches gebräu handelt, und zweitens darauf hindeuten, dass die definitionsmacht über den begriff „antisozial“ zukünftig eine ziemlich entscheidende sache werden wird – nicht nur hinsichtlich jugendlicher delinquenz.

    http://autismuskritik.twoday.net/stories/1758287/

    http://autismuskritik.twoday.net/stories/3604131/

    http://autismuskritik.twoday.net/stories/3242914/

    mo

    15. Januar 2008 at 23:42

  2. Zu denken wäre hier auch an die gut dokumentierte Geschichte der Anstalten Eglfing/Haar in München oder des Göttinger LKH. „Aktion T4“ war ja direktes Ergebnis ausgerechnet des Reformdiskurses in der Psychiatrie. Immer noch lesenswert in diesem Zusammenhang: Aly, Götz, Heim, Susanne, Ebbinghaus, Angelika, Lehmann, Maria, Roth, Karl-Heinz: Reform und Gewissen. „Euthanasie“ im Dienst des Fortschritts, sowie Tolmein, Oliver: Wann ist ein Mensch ein Mensch? Ethik auf Abwegen. und Richarz, Bernhard, Heilen,pflegen,töten.

    che2001

    16. Januar 2008 at 11:43

  3. Danke für die Links.

    Aber sprehen wir nicht von unterschiedlichen Zeiträumen? Rose spricht vom 19. Jahrundert in England, also frühes bis mittiges 18.., in denen es doch tatsächlich zu einer Umstellung der Pädagogik auf psychiatrische Praktiken ging, die zu diesem Zeitpunkt ja auf Ausgrenzungspraktiken stützte, die ja 100 Jahre in den Irrenhäusern aufkamen, die ja weniger psychologisch argumentiertenm als moralisierend agierten: Wenn Du so willst die antisoziale Losung vorwegnahmen. Wir befinden uns also noch vor den Degenerationstheorien, die ja explizit biologistisch antworteten und am Ende des 19.Jahrhunderts auftraten. Es flgen bei ihm dann die „mental hygiene“ in den 920ern und 1930ern, die dann mit ganz anderen Praktiken einhergingen (er nennt: child guidance clinics, das Problem bestand dann im maladjustment; schließlich erst dann die eigentlichen Entwicklungspsychologen für Kinder Arnold Gesell etc.).

    lars

    16. Januar 2008 at 11:56

  4. Aber sprehen wir nicht von unterschiedlichen Zeiträumen?

    vielleicht. ich vermute aber gerade auch, von unterschiedlichen regionen?

    Rose spricht vom 19. Jahrundert in England, also frühes bis mittiges 18.., in denen es doch tatsächlich zu einer Umstellung der Pädagogik auf psychiatrische Praktiken ging,

    über den einfluß von psychologischen theorien zu der zeit in england weiß ich schlicht zu wenig (in d-land jedenfalls war das zu dieser zeit absolut kein mainstream)- da ich annehme, dass du zum buch von rose zugang hast, wäre es hilfreich, vielleicht ein paar diesbezgl. namen aus der zeit zu nennen. ich bezweifle trotz meiner dünnen kenntnisse über diese zeit eine tatsächlich breitere wirkung solcher theorien.

    und dann schreibst du selbst von der umstellung auf psychiatrische praktiken – das finde ich plausibler, frage mich aber, wie dieser verwirrende umgang mit den zwei doch sehr unterschiedliche disziplinen bezeichnende begriffen stammt. nach dem zitat meint rose ja ausdrücklich psychologische einflüsse. ich kann mir nicht vorstellen, dass er da keine unterscheidung trifft. oder?

    …die zu diesem Zeitpunkt ja auf Ausgrenzungspraktiken stützte, die ja 100 Jahre in den Irrenhäusern aufkamen, die ja weniger psychologisch argumentiertenm als moralisierend agierten: Wenn Du so willst die antisoziale Losung vorwegnahmen.

    vor der „100“ fehlt wahrscheinlich ein „vor“? aber auch dann gilt imo: die ausgrenzungspraktiken sind noch weit älter (und auch krasser), so wurden u.a. in bremen und anderen städten, aber auch in anderen ländern, teils ab dem 16. jahrhundert psychophysisch erkrankte mit auffälliger (psychotischer) symptomatik in sog. dorenkisten gesteckt (hab leider nur einen norwegischen wikieintrag, dafür mit zeichnung, gefunden).

    mit dem moralisierenden argumentieren: das stimmt größtenteils, wobei ich der meinung bin, dass das letztlich im kern aus der christlichen religion herrührt. vielleicht muss auf diese quelle auch die „offizielle“ definition von antisozial zurückgeführt werden. und sowohl psychiatrie als auch psychologie bieten grundsätzlich die möglichkeiten, diese definition beliebig zu stützen (erstere noch mehr als letztere).

    das ich dabei finde, dass eine reine denunziation des begriffes nicht nur wenig hilfreich ist, sondern u.u. auch den blick auf tatsächliche und sehr reale probleme verschleiert, dürfte teils in den links deutlich geworden sein. aber das ist schon eine andere diskussion.

    mo

    17. Januar 2008 at 10:19


Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s