shifting reality

Es gibt kein richtiges Lesen im valschen!

Damals war´s

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Wenn ich an meine Kindheit in den 1970ern zurückdenke, waren da doch eine Reihe von Sachen grundsätzlich anders. Klebstoff war etwas für Bastelarbeiten, zum Kleistern von Tapeten kochte Mutter noch schlechte Kartoffeln aus, um Stärke zu gewinnen,. Trotz funktionierender Konsumgesellschaft war ein Rest von Subsistenzwirtschaft durchaus noch vorhanden. Es gab auch relativ wenige „Penner“ in den Straßen, eher „Gammler“, d.h. befristete Aussteiger, die eher noch zur Alternativszene gehörten als zum Obdachlosen-Prekariat. Die eigentlichen Bettler waren meist Hausierer, mit anderen Worten, sie gingen in den Wohnhäusern von Tür zu Tür und baten um milde Gaben. Es gab damals noch kaum Haustüren mit Außenklingel und Schließanlage, sondern Türen, die tagsüber offen waren und nachts verschlossen wurden. Bei mir Zuhause gab es einen Hausbettler, der einmal die Woche für eine halbe Stunde vorbeischaute, von meiner Mutter ein Schmalzbrot, 5 Mark und einen Tee bekam und erzählte, wie es ihm so ging. Diese Zeit war irgendwie menschlicher.

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Written by che2001

27. Januar 2008 um 1:50

10 Antworten

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  1. Aber die Abschaffung der Subsistenzwirtschaft war doch ein Ziel dieser Art von Kapitalismus. überhaupt Abschaffen von Selbstständigkeit, was die Obdachlosenzahl steigen lässt und die Haustüren verschliesst. Schmalzbrote gibts auch nicht mehr, und niemanden, der sie schmiert, geschweige denn verschenkt. Ist das nicht Sozialdemokratismus, was Du da heraufbeschwörst?
    Mir gehts ja genauso. Übrigens finde ich, dass damals einen Moment der Freiheit gab, der verpasst wurde. Es gab nochmal einen verpassten, 1989. Jetzt gibts halt Prekariat. Regiert werden wir vom Lumpenproletariat.

    T. Albert

    27. Januar 2008 at 12:10

  2. Genau das ist ja, jenseits der Gemütlichkeit, der Ansatz des Neuen Antimperialismus: Die Subsistenz verteidigen und ausweiten, alles unterstützen, was versucht, sich dem Kommando des Kapitals zu entziehen, vom gegen die Industrialisierung der Landwirtschaft kämpfenden reisbauern bis zum besetzten Haus. Das ist dann allerdings ungefähr so sozialdemokratisch wie Durutti oder Kropotkin…

    che2001

    27. Januar 2008 at 12:35

  3. Wie sieht’s denn hier aus? Ein Hauch von Gothik? Ich finde das sehr schwierig, längere Texte weiß auf schwarz zu lesen …

    Aber natürlich hat das viel mit sozialdemokratischer Alltagskultur zu tun, die es in den 70ern noch gab, aber heute eben nicht mehr. Nachdem nun auch noch der Eckkneipe der Todesstoß versetzt wurde endgültig nicht mehr. Diese ganzen AWO- und Lebenshilfe-Klüngel, ja, selbst die Sportvereine, in denen mein Vater damals so unterwegs war, da gab’s schon eine komplett andere Mentalität als heute. Und der hat sich als SPD-Bürgermeister höchstpersönlich um Ghanaer, polnische Neumitbewohner (nicht Aussiedler) etc. gekümmert, daß die was zu fressen und zu wohnen hatten (nein, ich heiße nicht Schmalstieg 😉 – eigentlich heiße ich Elvira und bin eine Frau, kann man bei http://www.verwandte.de herausfinden 🙂 )

    Aber: In Hannover gab’s die Büttnerstraße – gibt’s wahrscheinlich auch noch, ein „Männerwohnheim“ mit angeschlossenem Kiosk, da fuhr die Straßen/U-Bahn immer dran vorbei. Da hatte ich als Kind Angst, daß die Betrunkenen einsteigen könnten, und in der Schule war „Ach, kommste aus der Büttnerstraße“ sowas wie’n Schimpfwort. Soooo rosig war’s also auch nicht …

    momorulez

    27. Januar 2008 at 13:09

  4. Ja, Du hast recht. Andere Leute nennen das „Sozialdemokratismus“. Ja, Durutti!, rufe ich als alter Sozialdemokrat, der davongelaufen ist. Für beides gab es Gründe. Aber die Durutti-Kropotkin-Diskussion sollte wieder begonnen werden. Das wäre gewinnbringend, allerdings.

    T. Albert

    27. Januar 2008 at 13:15

  5. Welchen Bahnhof besetzen wir denn als Ersten? 😉

    che2001

    27. Januar 2008 at 13:27

  6. sei doch n icht so ungeduldig, ich muss erst noch die bahnsteigkarte lösen.

    T. Albert

    27. Januar 2008 at 13:30

  7. Im Übrigen könnte man das, was ich hier beschrieben habe, mit ebensolcher Berechtigung die intakte christdemokratische Nachbarschaft nennen. Meine Eltern, wie praktisch alle Hausbesitzer der Gegend (die Hauswirte genannt wurden und alle selber in ihrem Mietshaus wohnten) waren CDU-Stammwähler, die tatsächlich davor Angst hatten, dass die Sozis sie enteignen könnten. Noch in den 60erJahren konnten sie es sich, als besitzende Mittelschichtler, nicht leisten, regelmäßig Fleisch zu essen. Wenn es Fleisch gab, dann Kaninchen, die man im Schuppen hinterm Haus (in Großstadt-Innenstadtlage) züchtete und bei Bedarf schlachtete. Die Subsistenz ergab sich auch aus den Überlebensstrategien der Kriegs- und Hungerjahre. Das war die Kehrseite des Idylls: Die Ruinen des Bombenkrieges standen zum Teil noch. Jedes Vierteljahr fand eine Luftschutzübung statt, wir mussten in die Turnhale oder den Fahrradkeller, und die Lehrer erläuterten uns die einzelnen Bombensignale, wir mussten richtig lernen, welcher Sirenton was bedeutete. „Jetzt werfen sie Pockenerreger ab“ hieß es da mal. In unserer Freizeit spielen wir Zonengrenze, wobei ausgelost wurde, wer Flüchling und wer Grenzer spielen durfte. das machten wir aber nur selten, denn bei Cowboy und Indianer, Sachsen gegen Wenden, Ritter oder Pirat war der Ausgang des Geschehens offener, das war irgendwie cooler.

    che2001

    27. Januar 2008 at 16:17

  8. Die katholische Soziallehre z.B. ist ja auch nicht nur übel, insofern ist es ja so lächerlich, daß lauter C-Politiker (und -Blogger) in komplett konträre Hörner tuten … im Islam gibt’s ja auch die Gesetz des Zehnten oder so, daß dieser den Bedürftigen zustünde, als eine der fünf zentralen Säulen.

    momorulez

    27. Januar 2008 at 16:38

  9. Wer heute die sozialpolitischen Forderungen Norbert Blüms vertritt, fliegt aus der SPD.

    che2001

    27. Januar 2008 at 19:23

  10. Wohl wahr …

    momorulez

    27. Januar 2008 at 19:25


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