shifting reality

Es gibt kein richtiges Lesen im valschen!

Die seltsamen Wege der Reflexion

with one comment

Blättere derzeit vier verschiedenen Büchern:
in „Die Erben. Studenten, Bildung und Kultur“ von Pierre Bourdieu und Jean-Claude Passeron;
in „Die psychiatrische Ordnung. Das goldene Zeitalter des Irrenwesens“ von Robert Castel;
in „Wir sind nie modern gewesen. Versuch einer symmetrischen Anthropologie“ von Bruno Latour;
in „Gesellschaft“ von Adorno.

Und frage mich, worin das gemeinsame Element liegt. Im einen Fall die Organisation und Medizinisierung der Psychiatrie, im anderen Selektionsprozesse im höheren Bildungswesen. im  dritten schließlich geht’s um die Konstitution des Doppels Naturwissenschaft-Sozialwissenschaft. Und bei Adorno ganz grundsätzlich um den Gesellschaftsbegriff. Und nebenher plane ich das Seminar für das kommende Sommersemester. Wissenserwerb und Reflexion nehmen manchmal seltsame Wege. Was hat das eigentlich mit Aufklärung zu tun? Und warum gerade diese Bücher. Wo liegt die Gemeinsamkeit, jenseits meiner eigenen Suchbewegungen?

„Man muss sich darüber im Klaren sein, dass für den Studenten arbeiten immer bedeutet, an sich selbst zu arbeiten.“ Nur rhetorischer Übereifer kann über die eigene Rolle des Studenten hinwegtäuschen: Studieren heißt nicht erschaffen, keine Kultur, noch viel weniger eine neue Kultur erschaffen, sondern bestenfalls sich selbst zum Schöpfer, meist aber nur zum Nutzer und Vermittler einer von anderen geschaffenen Kultur zu machen, zum Lehrer oder sonst irgendeinem Fachmann. Ganz allgemein gesprochen hießt studieren eben nicht produzieren, sondern sich selbst produktionsfähig zu machen. (…) Anders ausgedrückt hat der Student nur die Aufgabe, am eigenen Verscwhidnen als Student zu arbeiten.“
P. Bourdieu, J.-C. Passeron (2007): Die Erben. Studenten, Bildung und Kultur, Konstanz: UVK, S.77f.

„Auf den ersten Blick hätte der Wahnsinn nur ein geringfügiges soziales Problem darstellen sollen, verglichen mit anderen, die weit bedeutender und drängender waren. Bettelei, Landstreicherei, Pauperismus, Findelkinder, arme Kranke usw., Probleme, die bekanntlich größere und meist auch gefährlichere Bevölkerungsgruppen betrafen. Trotzdem sind die Irren in den zweifelhaften genuß der ersten systematischen Verwahrung gekommen, die als ein Recht anerkannt und durch ein Gesetz sanktioniert wurde, das der gesamten kommenden Sozialgesetzgebung um mehr als fünfzig Jahre vorausging. Man versteht die Eigentümlichkeit des Problems nicht, solange man nicht sieht, daß es an einem für die entstehende bürgerliche Gesellschaft entscheidenden Dreh- und Angelpunkt stand. Auf dem Wege der Medizinisierung des Wahnsinns ist man zur Erfindung eines neuen Vormundschaftsstatus gelangt, der für das Funktionieren einer Vertragsgesellschaft wesentlich ist.“
R. Castel (1983): Die psychiatrische Ordnung. Das goldene Zeitalter des Irrenwesens, Frankfurt/Main: Suhrkamp, S.39f.

„Gäbe es eine Anthropologie der modernen Welt, so hätte sie in gleicher Weise zu beschreiben, wie die verschiedenen Bereiche unserer Regierungsform organisiert sin. einschließlich dem der Natur und der exakten Wissenschaften; sie hätte zu erklären, wie und warum diese Bereiche sich trennen, aber auch die vielfältigen Arrangements zu beschreiben, die sei weider zusammenführen. Der Ethnologe unserer Welt müßte sich an den gemeinsamen Ort versetzen, wo die Rollen, Aktionen und Kompetenzen verteilt werden, durch dieses oder jenes Wesen als belebt oder unbelebt, ein anderes als Rechtssubjekt, wieder ein anderes als bewußtseinsbegabt, mechanisch, unbewußt oder unzurechnungsfähig definiert wird. Er müßte vergleichen, wie Materie, Recht, Bewußtsein, Tierseele jeweils definiert oder nicht definiert werden, ohne dabei von der modernen Metaphysik auszugehen. All dies definiert die ‚Verfassung‘ der modernen Welt.“
B. Latour (2008): Wir sind nie modern gewesen. Versuch einer symmetrischen Anthropologie, Frankfurt/Main: Suhrkamp, S.24.

„Überhaupt ist er kein klassifikatorischer Begriff, nicht die höchste Abstraktion der Soziologie, die alle anderen sozialen Gebilde unter sich beschlösse. Solche Auffassung würde das gängige szientifische Ideal kontinuierlicher und hierarchischer Ordnung der Kategorien verwechseln mit dem Gegenstand der Erkenntnis. Der mit Gesellschaft gemeinte ist nicht in sich rational kontinuierlich. Er ist auch nicht das Universum seiner Elemente; nicht bloß eine dynamische Kategorie, sondern eine funktionale. Zur ersten, noch allzu abstrakten Annäherung sei an die Abhängigkeit aller Einzelnen von der Totalität erinnert, die sie bilden. In dieser sind auch alle von allen abhängig. Das Ganze erhält sich nur vermöge der Einheit der von seinen Mitgliedern erfüllten Funktionen. Generell muß jeder Einzelne, um sein Leben zu fristen, eine Funktion auf sich nehmen und wird gelehrt, zu danken, solange er eine hat.“
Th. W. Adorno (1965): Gesellschaft, in ders. (2003): Soziologische Schriften I, GS 8, Frankfurt/Main: Suhrkamp, S.9f.

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Written by lars

2. Februar 2008 um 23:27

Eine Antwort

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  1. Findest Du wirklich, daß es da nun Zusammenhänge gäbe, die nicht gleich wieder einer Kritik falscher Totalsierung zu unterziehen wären? Oder willst Du auf ein „Anderes der Vernunft“ hinaus, das im Wahnsinn sich zeigt und dann irgendwie wie dem Funktionalen, Klassifizierenden, Kategorialen und Reproduzierenden aufräumen würde?

    Was Bourdieu beschreibt, das trifft aktuell vermutlich stärker zu als noch zu der Zeit, in der ich studierte. Da wurde einfach honoriert, wenn man über die Texte hinausging.
    Das mit dem Wahnsinn – was hat das mit dem Vetragsverhältnis zu tun? Was da übigens wie zumeist außer Acht gelassen wird, ist, daß Wahnsinn ja nicht nur ein Funken spühen dollster Kreativität ist, sondern so eine Psychose ist eben auch nicht sonderlich witzig für den, der sie hat. Und es gibt da schon auch Gewalt gegen sich und andere und entsetzliche Angstzustände, z.B.. Und der Adorno weiß da, glaube ich, vor lauter Kritik des Funktionalen selber nicht, was er meint. Und der mit der Anthropologie hat ja irgendwie recht, aber wieso nennt er da Anthropologie?

    momorulez

    3. Februar 2008 at 10:28


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