shifting reality

Es gibt kein richtiges Lesen im valschen!

Der Fake mit der Zwillingsforschung

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Bevor das menschliche Genom entschlüsselt war, erschien die vergleichende Zwillingsforschung als der Königsweg, um herauszufinden, in welchem Maße menschliche Eigenschaften vererbbar oder umweltbedingt bzw. erlernt seien (heute ist sie nach dem Human Genom Project eher überholt). Leider fehlen dazu in der Realität die geeigneten Laborbedingungen: Um wissenschaftlich unbestechlich zu sein, müssten die Versuche an eineiigen Zwillingen durchgeführt werden, die sofort nach der Geburt voneinander getrennt und auch getrennt aufwachsen würden, nach Möglichkeit sogar in unterschiedlichen sozialen Milieus, und das in einer Anzahl, die für eine Repräsentativuntersuchung und eine Panelanalyse ausreicht. In der Praxis erwies sich dies als undurchführbar. In den 1970er Jahren erschien es daher als Sensation, als Sir Cyril Burt bei dreinundfünfzig Zwillingspaaren Intelligenzübereinstimmungen bis zur dritten Dezimalstelle der Faktorenanalyse präsentierte. Ein Schock insbesondere für linksliberale Pädagogen: Wenn Intelligenz erblich war, konnte man alle Reformpädagogik, alle Schul- und Hochschulreformen vergessen. Parallel hatte in den USA der Intelligenzforscher Arthur Jensen auf demHöhepunkt der Black-Panther-Unruhen Intelligenzunterschiede zwischen Weißen und Schwarzen behauptet und in der Folge stark mit Burt argumentiert. Dieser leitete aus den gewonnenen Forschungsergebnissen eine Glockenkurve für die Intelligenzverteilung in der Bevölkerung ab, an die später Murray und Herrnstein mit ihrer Bell Curve anknüpften. Nach Burts Tod stellte zunächst Leon Kamin von der Princeton University fest, dass Burt die Anzahl untersuchter Zwillingspaare von 20 auf 53 gesteigert hatte. Oliver Gillie, der Medizinredakteur der Londoner Sunday Times, stellte dann fest, dass die beiden Assistentinnen, die Burts Daten überprüft hatten, frei erfundene Personen waren. Burt war schon einmal negativ aufgefallen, als er die Faktorenanalyse seines Mentors Spearman sich selbst zugeschrieben hatte und Spearman ihm dafür öffentlich in die Parade gefahren war. Briefe Burts, in denen dieser Spearman in unterwürfigem Tonfall bat, künftig all seine Texte vor der Veröffentlichung zu lesen sind bekannt. Offensichtlich befand sich Burt nach dem Brand seines Labors im Zustand geistiger Umnachtung. In der Folgezeit publizierte Jensen neben Eysenck und Eibl-Eibesfeldt in der Neuen rechten nahestehenden Zeitschriften, so in der (später seriösen, unter demHerausgeber Schade aber in rassenhygienischer Tradition stehenden Zeitschrift „The Mankind Quarterly“) und gehörte zum Beirat der „Neuen Anthropologie“ des Neonazi-Multifunktionärs Jürgen Rieger.

So, da ich meiner Leserschaft nicht zumuten möchte, sich, wie ich das getan habe, Hunderte von Seiten durch das Laborjournal, anthropologische Fachzeitschriften und üble Rechtspresse zu quälen, hier noch ein paar handliche Literaturhinweise und Links: Stephen Jay Gould, Der falsch vermessene Mensch, Frankfurt/Main 1988, S259 ff und 301-330

AG gegen Rassenkunde, Deine Knochen – Deine Wirklichkeit, Münster 1998

http://de.wikipedia.org/wiki/Cyril_Burt

http://www.trend.infopartisan.net/trd0502/t140502.html
http://www.dradio.de/dkultur/sendungen/zeitreisen/472364/

http://www.symptome.ch/vbboard/gene-divers/15198-angeboren-erlernt.html

http://www.br-online.de/wissen-bildung/artikel/0710/17-zwillinge/index.xml

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11 Antworten

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  1. Danke @ che für die knackige Zusammenfassung. Als Heiner Rindermann neulich seine ekligen Theorien über rassebedingte Intelligenzunterschiede im Deutschlandradio ausbreitete, wurde natürlich auch mal wieder auf ebenjene Zwillingsforschung verwiesen.

    Frank

    5. Februar 2008 at 23:50

  2. Burt ist 1971 gestorben. Danach konnte er eigentlich niemanden mehr schocken, es sei denn als Geist. Seine „Forschungen“ hatte er schon sehr viel früher veröffentlicht. In den Siebzigern sind seine Fälschungen bereits aufgeflogen. Überhaupt, warum erst nach seinem Tod? Tja, der fatale Stellenwert, den Autorität in den Wissenschaften hat.
    DIe Sache mit den Korrelationen mußt du auch noch einmal nachlesen. Das war nämlich gerade der Punkt, der Kamin auf die Spur gebracht hat: Bei veränderten samples blieben einige Korrelationen bis zur dritten Nachkommastelle unverändert.
    Wenn du Wissenschftlern ans Bein pinkeln willst, mußt du aber genauer arbeiten.

    Oswald

    6. Februar 2008 at 10:51

  3. Die öffentliche Debatte um Burts „Erkenntnisse“ fand aber in den 70ern statt. Insofern hast Du Recht, präsentiert hatte Burt die 1966, aber die Diskussion wurde zu einem anderen Zeitpunkt geführt. Aus guten Gründen, lieferte sie den Konservativen doch Material, gegen die damaligen sozialliberalen Bildungsreformen „angeborene Begabungen“ ins Feld zu führen. Ich kann mich erinnern, dass Ende der 70er Jahre eine Illustrierte, ich meine, es war der „Stern“ „Ein Zwilling weint selten allein“ titelte und mit Berufung auf Jensen eine Vulgärfassung der Burt´schen Erkenntnisse präsentiert wurde, in der Eineiige Zwillinge nicht nur gleich hohe Intelligenz, sondern auch ein gleiches Schicksal hätten. So die Richtung, hat ein Zwilling in Australien einen Unfall, wird der andere Zwilling in Kanada krank. Zwar wurde über Burts Betrug 1976 in der englischen Presse berichtet, das erreichte damals aber nicht die deutsche Öffentlichkeit.

    che2001

    6. Februar 2008 at 11:35

  4. Ne, ne, noch früher, schon ab den Vierzigern. Er war zu der Zeit noch im Schuldienst.
    Nach seinen „Ergebnissen“ wurde in England der plus eleven eingeführt, ein Intelligenztest bei Elfjähringen. Je nach dem wie der Test ausfiel, wurde festgelegt, welche Schulen das Kind noch besuchen durfte und welche nicht. Ging über zwei Jahrzehnte so. Deshalb war man tatsächlich geschockt, als der fake aufflog.

    Oswald

    6. Februar 2008 at 12:13

  5. Ich hatte in dem anderen Thread schon mal gefragt aber das ist dort vermutlich untergegangen:

    Das (relativ neue) Lehrbuch das ich rausgekramt hab‘ zitiert bei der Erblichkeitsschätzung der Intelligenz die Herren Plomin & Petrill (1997), Neisser (2000) und Grigorenko (2000). Die haben eineiige/zweiige Zwillinge getestet aber auch Geschwister und Adoptivkinder.

    Kennst du diese Untersuchungen und wenn ja wurde dort geschlampt?

    googlehupf

    6. Februar 2008 at 12:47

  6. Da wären dann auch noch Gray, Toga und Thompson zu nennen. Grundsätzlich habe ich meine Probleme mit der Messbarkeit von Intelligenz, insbesondere der G-Skala und dem m.E. in seinem implizierten Menschenbild sexistischen Hamburg-Wechslertest.

    Ansonsten gilt bei Zwillingsstudien, dass die Erblichkeitsabschätzung immer populationsabhängig ist (genau da, nämlich Plomin & Petrill, 1997), da der relative Varianzanteil immer sowohl vom Ausmaß der genetischen Variation als auch vom Ausmaß der Umweltvariation abhängt. Daher wird der Anteil der genetisch bedingten Varianz in einer Population mit einer relativ homogenen Umwelt automatisch höher und umgekehrt in einer Population mit ausgeprägten Umweltunterschieden entsprechend niedriger. Daraus ergibt sich bereits intrakulturell, dass verlässliche Aussagen hinsichtlich des Beitrags von Anlage und Umwelt aus den Zwillingsstudien nur dann gewonnen werden können, wenn die Umweltvariation bei getrennt aufgewachsenen eineiigen Zwillingen genau so hoch ist wie bei gemeinsam aufgewachsenen (vgl. Stoolmiller, 1999).

    Ich halte also teilweise die Voraussetzungen der angewandten Intelligenztests schon für falsch, teilweise ihre Interpretierbarkeit für eine problematische und ambivalente Sache. Übrigens ergaben die Tests aller hier genannten Autoren, dass der Erblichkeitsfaktor mit dem Alter steigt. Das läuft dann auf die Schlussfolgerung hinaus, dass ab einem bestimmten Alter die Lernfähigkeit oder Lernwilligkeit nicht mehr gegeben ist oder das Leben in so eingefahrenen Bahnen erfolgt, dass die geistige Auseinandersetzung mit Neuem nachlässt. Das genetische Programm würde dann sozusagen nach und nach eine Ersatzfunktion für mangelnde Lernfähigkeit übernehmen. Im Endstadium, bei völliger Alterssenilität, bleibt in diesem Modell ein Instinkt- und Erinnerungs-gesteuerter Mensch übrig.

    Solche Interpretationen sind aber schwerlich dazu geeignet, Aussagen über die Geeignetheit von Schulsystemen für die bestmöglichen Lernchancen von Kindern zu treffen, da der Faktor „Umwelt“ im jüngsten Alter ohnehin überwiegt.

    Was die Kritiken an den Testmethoden und der IQ-Skala angeht, einfach mal Gould und „Deine Knochen – Deine Wirklichkeit“ lesen, habe ich oben ja als Literatur angegeben.

    @Oswald: Das wusste ich nicht. Ich kannte nur die deutsche und US-amerikanische, nicht die britische Rezeptionsgeschichte.

    che2001

    6. Februar 2008 at 13:38

  7. Ein Grundproblem sehe ich darin, das „Intelligenz“ ein komplexes Merkmal ist, dass von vielen Faktoren abhängt – von denen einige durchaus genetisch bedingt sind. Jensen und Nachfolger taten hingegen so, hinge „Intelligenz“ nur von wenigen, eindeutig auf genetische Vererbung zurückführbare, Faktoren aus.
    Die radikale Gegenposition, der „Umweltdeterminismus“, ging (vereinfacht) davon aus, dass das Gehirn eines neugeborenen Menschen eine leere Tafel sei, es folglich noch nicht einmal einen „Vererbungsanteil“ bei der Intelligenzentwicklung gäbe.
    Die sozialliberalen Bildungsreformen gingen zwar nicht von einem Umweltdeterminismus der „geistigen Begabungen“ aus, da aber in UdSSR lange Zeit der Umweltdeterminismus offizielle Doktrin war (was bekanntlich so weit ging, dass die Genetik bis 1962 als bürgerliche metaphysische Lehre verpönt war und mit dem Lyssenkoismus eine „genfreie“ Biologie propagiert wurde), kamen konservative „Linkenfresser“ darauf, dass auch der Bildungsreform ein so ein „unwissenschatliches“ Weltbild zugrunde läge.

    Ich versuche es mal mit einer Analogie:
    Der Begriff „Sportlichkeit“ ist genau so unscharf und von vielen Faktoren abhängig, von denen einige erblich sind,, wie „Intelligenz“. (Ja, der Vergleich hinkt, aber darauf kommt’s nicht an, sondern auf’s Prinzip.) Oder der Begriff „Musikalität“ (weil dafür erblichen Faktoren tatsächlich nicht zu vernachlässigen sind).

    Die Pointe bei den „sozialliberalen Bildungsreformen“ ist ja, dass sogar, wenn „Intelligenz“ ( „Sportlichkeit“, „Musikalität“) völlig von genetischen Faktoren („Begabung“) abhängen würden, die Forderung nach Chancengleichheit für alle Schüler nach wie vor gerechtfertigt (und keineswegs „gleichmacherisch“ ist: ein „musikalisch begabtes“ Kind, dass nie die Gelegenheit hat, die Beherrschung eines Musikinstrumentes zu erlernen, wird niemals ein „musikalischer“ Erwachsener werden können.

    MartinM

    6. Februar 2008 at 14:48

  8. @Martin:

    Du mixt jetzt aber fröhlich kognitive und motorische Fähigkeiten. Motorik kann zwar trainiert werden, aber das hängt natürlich auch an körperlichen Gegebenheiten. Mit 1,50 Körpergröße ist Basketball schwieriger.

    Aber „Musikalität“ vererbt? Was is’n das? Kann ja ’ne Disposition zur Fingerfertigkeit im Falle des Klavierspiels geben, aber doch nicht hinsichtlich dessen, WIE man die Goldberg-Variationen spielt. Und auch da findet eine Einübung in verschiedenen Ton-, Klang- und Notensysteme ja erworben statt. Usw.

    Umweltdeterminismus ist doch auch völlig falsch. Natürlich gehen alle möglichen Theorien davon aus, daß irgendeine Grundlage schon da ist, hatten wir im anderen Thread schon, wie z.B. beim Spracherwerb. da ist die Varianz aber schlicht unerheblich. Ansonsten geht jedes Individuum mit Umweltbeingungen auch anders um: Der eine kriegt ’ne Psychose, der andere schaft Weltliteratur, der dritte rächt sich an seinen Angestellten – bei ein und demselben Erlebnis.

    momorulez

    6. Februar 2008 at 14:59

  9. @Che: Hatte den Text letzte Nacht gelesen und die Kommentar bisher nicht verfolgt. Hätte natürlich hier nachsehen sollen, bevor ich nach den von Googlehupf genannten Forschern fragte. Danke.

    David

    6. Februar 2008 at 18:39

  10. You are always welcome!

    che2001

    6. Februar 2008 at 19:37

  11. Eine erbliche Komponenten der „Musikalität“ wäre die Leistungsfähigkeit des Gehörs oder Entwicklung der für die Klangverarbeitung zuständigen Gehirnregion. Wer „Tontaub“ ist (also Schwierigkeiten hat, Tonhöhen sicher zu unterscheiden), hat mit mit Musik ähnliche Probleme wie ein kleinwüchsiger mit Basketball.

    Kognitive und motorische Fähigkeiten sind m. E. keine grundsätzlichen Gegensätze. Abgesehen vom Muskeltraining (bei motorischen Fähigkeiten) liegt alles in den synaptischen Verschaltungen des Zentralnervensystems. Glücklicherweise ist das Gehirn ein sehr plastisches Organ.

    Auch wenn jedes Individuum mit Umweltbedingungen anders umgeht – und es meistens reiner Zufall ist, ob aus einer Depression Suizid, Schreiben großer Literatur, oder das Schreiben großer Literatur mit anschließendem Suizid erwächst: es gibt Durchschnitts- und Erwartungswerte.

    Problematisch werden solche Durchschnitts- und Erwartungswerte nur dann, wenn jeder, der diesen Durchschnitts- und Erwartungswerten nicht entspricht, als „krank“ eingestuft wird. Wenn er Glück hat ….

    MartinM

    6. Februar 2008 at 20:50


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