shifting reality

Es gibt kein richtiges Lesen im valschen!

Kultur und Gesellschaft

with 20 comments

Ich hol das hier noch mal rüber, wenn ich mir schon die Finger wund schreibe. Bei NUB ist die Diskussion entbrannt, um was es sich denn nun handelt, wenn Netbitch, Che oder ich von der „Neue Rechten“ schreiben.  Ich habe versucht, das  zu präzisieren, was man damit meinen könnte – und NUB hat eine sehr ausführliche Antwort zum Thema des „Kulturalismus“ formuliert. Na, und da ich meine Antwort darauf zumindest hinsichtlich dessen, was hier so diskutiert wird, auch für relevant halte, hier ist sie:

Natürlich kann man und soll man und muß man das Mullah-Regime im Iran kritisieren, und fände es irgendwo „eine Kultur“ lustig, kleine Kinder zu verspeisen oder, wie die „deutsche Kutur“ in den 50ern und 60ern und darüber hinaus, Vergewaltigung in der Ehe völlig normal, wäre das ebenfalls schändlich.

Die Kriterien, dieses zu kritisieren, kann aber nicht die Überlegenheit einer andere Kultur sein, sondern das sind moralische Kriterien, und die sind nicht kulturabhängig. Broder ist insofern klar auf der Neuen Rechten zu verorten, weil er die Alternative Kulturrelativismus versus Kulturimperialismus aufbaut, das ist aber gar keine. Weil Du auf der Ebene der Kultur selbst gar keine Kriterien entwickeln kannst, die nicht irgendwo in kolonialen Paradigmen verortet sind.

Ich kann da nur zum wiederholten Male Sens „Identitätsfalle“ empfehlen: Der belegt recht ausführlich, daß es Mythos ist, daß Partizipation und Aufklärung irgendwas genuin westliches seien. Ich muß mal Beispiele posten.

Viele Probleme entstehen auch, weil der Kultur-Begriff viel zu unscharf ist, um damit Sinnvolles aussagen zu können. Schon „eine ganze Kultur“, jetzt mal im Ernst, das gibt’s doch gar nicht.

Ich würde immer dafür plädieren, Kultur und Gesellschaft zu unterschieden und als Gesellschaft das rechtliche und das dadurch begründete institutionelle Gefüge zu begreifen. Die Einführung der Scharia ist ein gesellschaftliches, kein kulturelles Problem in diesen Begrifflichkeiten.

Zum Iran z.B. findest Du so ganz andere Zugangsmöglichkeiten, das hat ja in mancherlei Hinsicht mehr mit einer politischen Struktur, die der DDR ähnelt, zu tun, als daß das nun Ausfluß „einer Kultur“ wäre. Womit man es da aber zu tun hat, ist, daß Religion als etwas, was schon was mit Kultur zu tun hat, wie, das gebe ich mal an die Diskussion, den politischen und gesellschaftlichen Apparat DOMINIERT.

Insofern kann man eine Identität von Kultur und Gesellschaft gerade als eines der Merkmal totalitärer Regime kennzeichnen, das gilt dann aber auch für jene, die „westliche Kultur“  und was auch immer sie darunter verstehen, zwangsverordnen wollen.

Wobei eben vieles, was als „westliche Kultur“ beschrieben wird, z.B. das Recht auf Selbstbestimmung, universal gilt und nicht irgendwie kulturimmanent, weil es IMMER ein Sich-Verhalten-ZU-Kultur, Gesellschaft etc. ist.

Das ist eine reflexive Struktur, kein schlichtes Befolgen von regelgeleiteten Praktiken, Selbstverständnisweisen und Weltdeutungen, so ungefähr würde ich ja Kultur bestimmen dann, wenn auf Traditionen, Üblichkeiten, einen Kanon oder ähnliches Bezug genommen wird. Und diese reflexive Struktur hat es im Indien des 16. Jahrhunderts genauso gegeben, die ist nicht selbst Kultur, sondern eine Form der  Rationalität. Aufklärung ist nicht nur eine Epoche, sondern eine reflexive Struktur.

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Written by momorulez

7. Februar 2008 um 9:20

20 Antworten

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  1. Hatte ich das nicht verlinkt?

    momorulez

    7. Februar 2008 at 11:15

  2. Nebenbei: Kaum wird man konstruktiv, sinkt der Traffic 😉 …

    momorulez

    7. Februar 2008 at 13:01

  3. Dabei ist das ein toller Thread bei NUB. Aber es gilt wohl das Bild-Prinzip: Prügeln bringt Auflage.

    che2001

    7. Februar 2008 at 13:48

  4. Im Prinzip stimme ich mit Deinen Ausführungen überein, auch wenn es da die ein oder andere Abweichung gibt.

    Das Problem des Kulturbegriffs liegt zudem darin, dass man ihn auf ganz verschiedene Referenzen hin deuten kann, die sich aber realiter immer wieder vermengen.
    Ich würde prinzipiell drei Gebrauchsweisen unterscheiden.

    Der erste ist zugleich relativistisch und absolut: Man vergleicht unterschiedliche Kulturen miteinander, die aber als abgeschlossene Einheiten betrachtet werden: Wenn also von europäischer Kultur oder iranischer Kultur, der Kultur des Christentums etc. gesprochen wird.

    Der zweite Begriff wäre rein relativ, als eine Qualifizierung sozialer Bereiche mit spezifischen Eigenqualitäten: Man kann dann von einer Kultur der Politik oder des Marktes sprechen, d.h. auf eine spezifische Funktionsweise, immanente Wertvorstellungen etc. beschrieben, die von den Beteiligten realisiert werden. Unternehmenskultur, aber auch Kultiviert sein, über kulturelles Kapital verfügend etc. …

    Ein dritter Kulturbegriff bezeichnet konkrete Institutionen oder ein bestimmtes soziales Gefüge: Also die Museen, Vereine, Künstler, Kritiker, Ausstellungen, Cafés, Theater, Akademien, Universitäten etc. (Ich würde das eine absoluten Begriff von Kultur nennen, merke aber gerade, dass diese Unterscheidung absolut-relativ nicht so wirklich taugt… aber es geht ja eher um das Bezeichnete, den materialen Inhalt… )

    Und schließlich ein vierter Kulturbegriff (an dem ich gerade sitze und auszuarbeiten versuche): Kultur als eine diskursive Strategie, oder eine zugeschriebene Qualität, z.B. als Kreativität, Begabung, Tradition, Geschichte, Werte etc. auf die man zurückgreift, um ganz andere Ansprüche zu realisieren: Über den Rückgriff auf Traditionen will man nun Innovation erzeugen (Kultur als ökonomische Ressource), über die Kreativität schließt man an ästhetische Formen an, organisiert sich selbst oder andere in Projekten etc. Kultur ist also ein neuer Referenzhorizont, über den Gesellschaft organisiert wird (ökonomisch, politisch, ästhetisch, moralisch) und dabei dann das Gesamtwohl der Gesellschaft mit der kulturellen Organisation individueller Praktiken koppelt. Daher ja auch der Begriff „Regierung der Kultur“ oder noch besser: „Regierung durch Kultur“. Und da kann es dann wirklich zu diesen Problemen kommen. Denn ähnlich einer bevölkerungsbezogenen Biopolitik, die in Rassismus umschlagen kann, kann auch eine kulturalistische Innovationspolitik in einen kulturellen Totalismus umschlagen.

    Bin im Moment leider zu sehr beschäftigt, die Variablen einer solchen Analyse von Kultur als Regierung zu operationalisieren, arbeite also daran, aber im Moment nicht hier… 😉

    lars

    7. Februar 2008 at 14:04

  5. Es gibt noch einen fünften: Bakterienkulturen …:-)

    che2001

    7. Februar 2008 at 14:37

  6. Den ersten halte ich für grundfalsch. Habe ja vorgeschlagen:

    – regelgeleitete Praktiken, Selbstverständnisweisen und Weltdeutungen, so ungefähr würde ich ja Kultur bestimmen dann, wenn auf Traditionen, Üblichkeiten, einen Kanon oder ähnliches Bezug genommen wird

    Das ist dann KULTUR. Wenn bei regelgeleiteten Praktiken auf institutionelle Vorgaben reagiert wird, Straßenverkehrsordnung z.B., dann isses Gesellschaft. Kirche kann beides sein, und gerade in der Hinsicht ist die Differenz Christentum/Islam ganz spannend.

    Im Sinne der Weltdeutungen kann man auch von einer Kultur der Wissenschaft sprechen, wobei da dann natürlich plötzlich auch Wahrheitsfragen invenieren, was bei Tischsitten keine Rolle spielt. Abschiebeknast ist Gesellschaft, Mau-Mau ist Kultur.

    Kultur kleingeschrieben ist alles rund um Kunst.

    momorulez

    7. Februar 2008 at 14:41

  7. Der Fehler, den sowohl die Kulturalisten als auch die Multikultis machen ist der, 3 und 4 zusammenzumengen und für 1 zu halten und darüber dann Kollektive von Menschen zu identifizieren. Damit fängt im Grunde Rassismus schon an.

    che2001

    7. Februar 2008 at 15:00

  8. Na, ich würde prinzipiell die ersten drei Formen für problematisch halten. Und wenn ich regelgeleitete Praktiken und Weltdeutungen lese, dann frage ich mich immer, worin sich das Soziale vom kulturellen unterscheidet. Diese Differenz kriege ich zumindestens in den Kulturtheorien immer weniger auseinander gehalten, was mich ja dazu brachte, die Praktiken zu untersuchen, die mit Kultur als Referenz funktionieren. Und genau da hat der Che natürlich ganz recht mit seiner Ironie, plötzlich werden ganz komische Kriterien für Bereiche gefunden, die plötzlich Kultur sind: Bakterien (die sind aber noch ziemlich barbarisch, weil erstens nicht sehr sauber, geradezu infektiös, zum anderen leben die noch in Stämmen. Vielleicht haben sie ja ganz eigene Totems…) z.B. oder Ponyhöfe, oder so. Ich glaube ja gar nicht, dass das alles so regelgeleitet abläuft, sondern dass die Artikulation von Regeln, von Traditionen etc. ein Versuch sind, zwischen guten und schlechten Praktiken zu unterscheiden und eine prinzipielle – ich sag mal Luhmännisch – Komplexität der alltäglichen Wirklichkeit in ein reduzierendes Raster einzuschreiben und somit eine gewisse moralische Ordnung aufrecht zu erhalten oder zu produzieren. Auf der gesellschaftlichen Ebene kommt es dann zur moralischen Forderung nach Kultur (also z.B. eine „Kultur des Hinschauens“ fordern) oder, was ich viel stärker am Werke sehe, zu einer Mischung aus ökonomischer Vermittlung (hier hat dann die Kulturindustrie ihren Platz) von Möglichkeiten der Interpretation des Anderen und des individuellen oder kollektiven Selbst mit einer stärker politisch zweck-rationalen Organisation von Interpretationen durch Traditionalisierungen, Kulturkampfrhetorik, Kulturarbeit, Aufbau von kulturellen Grenzen etc.

    lars

    7. Februar 2008 at 15:02

  9. Kulturträger sind in diesem Sinne dann die Künstler, nämlich als Leistungsträger der Kultur und die Kunstkonsumenten und Kunstvermittler sowie immer die Herrschaftseliten als Herzschrittmacher der nationalen Selbstdarstellung bzw. Marketingabteilung der Gesamtökonomie 😉

    che2001

    7. Februar 2008 at 15:44

  10. @Lars:

    „Das Soziale“ ist das Verhalten von Menschen zu anderen Menschen, und das kann in völlig verschiedenen Modi bestehen: Moralisch (Achtung, Anerkennung), instrumentell (kapitalistisch), kulturell (miteinander Polka tanzen), in einen gesellschaftlichen Kontext eingebettet (Politesse beschimpfen, die Strafzettel verteilt) usw.. Und viele Praktiken sind auch nix von dem, und oft mehrfach motiviert. Und nicht alle Handlugen sind regel-geleitet.

    Dieses Geschwätz von der Ponyhof-Kultur muß man ja nun in diesem Zusammenhang nicht ernstnehmen, die „Kultur des Hinschauens“ würde ich als moralischen, nicht kulturellen Appell deuten.

    „Ich glaube ja gar nicht, dass das alles so regelgeleitet abläuft, sondern dass die Artikulation von Regeln, von Traditionen etc. ein Versuch sind, zwischen guten und schlechten Praktiken zu unterscheiden und eine prinzipielle – ich sag mal Luhmännisch – Komplexität der alltäglichen Wirklichkeit in ein reduzierendes Raster einzuschreiben und somit eine gewisse moralische Ordnung aufrecht zu erhalten oder zu produzieren.“

    Zum einen tust Du so, als sei die Rekonstruktion faktisch-regelgeleiteten Handelns selber etwas Präskriptives. Zum anderen stellst Du gerade mal mit dem Gestus des Entlarvenden Dein eigenes Fach an die Wand, weil Du bei jedem Akt des Welt-Erfassens irgend ein finsteres, instrumentelles Ziel witterst.

    Ich meine, die reine Spontanität zu fordern, das finde ich ja immer irgendwie billig … daß Traditionen durch Aneignungen immer auch erfunden werdenund kanonisches Wissen dekonstruiert gehört, das heißt ja noch lange nicht, daß es beides nicht gibt.

    Die Frage ist doch, welchen Status man ihnen zuweist und ob man dann zu Identitätsdiksursen übergeht oder nicht. Bei Dir ist ds immer gleich der unterschwellige Herrschaftswille, der Viielfalt unterdrückt, aber dann dürfte man doch eigentlich nur noch schweigen …

    momorulez

    7. Februar 2008 at 15:58

  11. Nein, nicht schweigen: Andere Sprachen erfinden! Und auf eine andere Gesellschaft zuarbeiten.

    Ich hadere ja durchaus mit der Soziologie. Ich verteidige sie zwar, finde aber ganz viel der soziologischen Arbeiten doch recht uninspiriert. Aber das ist eine andere Sache. Und sie hat und hatte ja durchaus auch Tendenzen, zu einer Herrschaftswissenschaft zu werden.

    Die Unterscheidung sozial/kulturell/moralisch: Ja okay. Aber wenn mich Kultur als Phänomen des Sozialen interessiert, dann sind die empirischen Beispiele immer schon oszillierend zwischen dem Politischen, dem Moralischen, dem Gesellschaftlichen, dem Ökonomischen. Wenn so klar wäre, was Kultur ist, dann hätten wir nicht 200undx Definitionen davon.
    Die Disziplin ist da reichlich schwammig.
    Ich halte es einfach erst mal tatsächlich für intelligenter, zu schauen, wann, wo und von wem Kultur artikuliert wird. Wann und wo sagt wer: „Das ist Kultur“. Dann können wir immer noch sehen, an welchen Punkten sich Kultur realisiert. Als reine Beschreibung von Differenz und qualitativer Dimension führt das m.E, tatsächlich zu einer Ponyhof-Kultursoziologie.

    Nein, ich bin einfach – und das ist vielleicht unser großer Dissenz – grundsätzlich skeptisch gegenüber Verteidigungen von Kategorien des Allgemeinen. Nein, die Vielfalt ist da, aber man mus sie nicht immer in ein allgemeines Modell transformieren. Das ist nicht unbedingt immer Herrschaft, aber das Repräsentationsproblem halte ich schon für zentral in der Gesellschaftstheorie.

    lars

    7. Februar 2008 at 20:04

  12. @Lars:

    Ach, immer noch besser, wir herrschen, als daß immer nur die Anderen das tun, und wir kritisieren sie dann dafür! 😉 Wer will schon christlich-jungfräulich blieben und unbefleckt Erkenntnisse erhalten?

    „Ich halte es einfach erst mal tatsächlich für intelligenter, zu schauen, wann, wo und von wem Kultur artikuliert wird. Wann und wo sagt wer: “Das ist Kultur”. Dann können wir immer noch sehen, an welchen Punkten sich Kultur realisiert.“

    Ja, dann fang doch mal bei NUB und mir an mit der Analyse!

    Und Begrifflichkeiten, die Orientierung und die Möglichkeit der Verständigung schaffen, die finde ich auch als Allgemeine immer noch besser als dieser weltweise Gestus der Vielfalt, sorry, der dazu neigt, sehr viel zu beschwören, aber wenig zu sagen, noch mal sorry, und sich dann im Grunde genau deshalb für irgendwie schlauer hält – und der doch irgendwie monologisch bleibt …. kommt mir immer ein wenig wie Distinktionsverhalten vor, pardonnez-moi jetzt erst recht, aber mich macht das zickig, was Du schreibst. Und wo hier gerade weit und breit kein Liberaler ist, müssen wir uns jetzt untereinander streiten, um hier mal wieder für gutes Entertainment zu sorgen 🙂

    .Also, noch eins drauf: Dann doch lieber gleich Literatur betreiben, die ist ja für mich eher Medium dessen, worauf Du, wie mir scheint, hinauswollen könntest. Ist ja beides gleichermaßen wichtig, Literatur und Wissenschaft, sollte auch zueinander durchlässig sein, aber mit literarischen Mitteln dann immer Wissenschaft als reine Herrschaft zu attackieren, ist das wirklich besser als umgekehrt, wo dann die echten Positivisten der Literatur den Wahrheitsgehalt bestreiten? Ich plädiere ja für Ergänzungsverhältnisse.

    momorulez

    7. Februar 2008 at 21:53

  13. Wärst nicht der erste, der my eine hybris vorwirft. Das letzte Mal ein Onkel, der einfach nicht verstehen wollte, dass die Gesellschaft ihre eigenen Kriminellen produziert.

    Ich gebe ja zu, dass ich mich gerne auf stur stellen kann, wenn mir etwas nicht behagt (oder ich etwas nicht verstehe).

    Also zur Herrschaft: Der Unterschied unserer Positionen im Gegensatz zu den Liberalen liegt ja daran, dass wir eigentlich gezielt an der Abschaffung der Kritik arbeiten, das heißt an der Abschaffung unserer selbst als Kritische Wissenschaftler, indem wir uns derart überflüssig machen, damit es uns nicht mehr bedarf. Solange es uns aber bedarf, gilt es auszuteilen und in Frage zu stellen. Und ob das dann nun unter dem Signum der Wissenschaft oder dem der Literatur zu laufen hat, ist mir ehrlich gesagt schnurz, weil das eben tatsächlich das Problem institutioneller Arbeitsteilung ist: Hier Wissenschaft, da Literatur. Aber Du hast recht insofern, als ich wirklich nach einer Auflösung dieser Bereiche suche. Mich treibt der wissenschaftliche Zwang zur Systematisierung häufig in den Wahnsinn. Andererseits liegt die Langweiligkiet eines Großteils meiner Diszioplin für mich gerade in der Abwesenheit eines Bewußtseins für Ästhetik. Das war gerade in der Kritischen Theorie anders. Aber auch da gab es ein Gefälle, etwa zwischen einem Horkheimer und einem Benjamin. Übrigens ein Grund, weshalb ich Max Weber ganz fürchterlich finde. Nun verlangt die Wissenschaft in einem bestimmten Rahmen Widerspruchsfreiheit und Systematik. Dem muss ich Rechnung tragen, obwaohl das für mich nur Teilaspekte einer umfassenden Rationalität sind. Vielleicht bin ich dann kein knallharter Wissenschaftler, aber: das heißt doch nicht, dass ich nicht gegen die Verdrängung kritischer Wissenschaft bin und das artikuliere. Da bin ich doch voll auf der Seite der kritischen Wissenschaft. Übrigens sind meine Analysen bislang wirklich eher konventionell, wenn ich so meine eigenen Paper durchlese.

    Schließlich noch was zum Monologismus: Ich wäre nicht hier, würde ich nicht den Dialog suchen. denak Dir bin ich z.B. dem Habermas wieder aufgeschlossener. Dazu wäre zu sagen, dass ich bei zwei Lehrern sozialisiert wurde, die beide eher Antihabermasianisch sind: Der eine, weil Habermas ihn ständig als Foucaultschen Faschisten bezeichnet hat, die andere, weil sie aus einer stark wertfreien Soziologietradition kommt und Habermas da sowas wie der Inbegriff des Normativen ist.
    Aber nun gut, Du hast mir da einiges plausibilisieren können. Und es gibt genug Überschneidungen, auf die wir uns hier in unseren Interventionen stützen (können).
    Und ein wirklciher Vorteil der Linken ist ja tatsächlich, dass sie im Gegensatz zur neoliberalen und konservativen Linie tatsächlich pluralistisch sind, mögen manche Fraktionen auch absurde Forderungen stellen oder obskure Theorien vertreten.
    Das ist ein unglaublicher Vorteil. Damit betreibt sie realiter soetwas wie eine negative Bestimmung.

    Das ich halt nicht im Namen eines Allgemeinen sprechen möchte und das für prinzipiell problematisch halte schließt im Übrigen nicht aus, dass es Fälle gibt, in denen es sinnvoll sein kann. Allerdings, und da halte ich fest dran, gibt es keine transzendentale Position, von der aus ich alle Komplexität der Welt vernünftig gestalten kann. Das muss in der Welt entschieden werden, in konkreten Situationen. Da halte ich etwa den „veil of ignorance“ von Rawls wirklich für eine „fatale Konstruktion“, und sicher nicht als unerreichbares Ideal.

    lars

    7. Februar 2008 at 22:47

  14. was ich ganz interessant finde ist die Idee, dass Moral ein kulturbefreiter Begriff wäre.
    Moralische Begriffe oder Regeln werden durch den kommunikativen Konsens gefunden und sind keineswegs dem Menschen von Natur aus innewohnend (das ist eine Idee des Westens) Da Moral aber nun wenn durch Sprache verfasst auch nur Text ist kann die Moral nur dass abbilden was ihr in ihrer temporären und lokalen Logik innewohnt und durch die ihr möglichen sprachlichen Symbole ermöglicht wird, ist also sehr wohl durch die Kultur determiniert.
    Geradezu witzig finde ich dann die Vorstellung dass moralische Werte sowie sie sich der Westler als global verständlich und kulturabhängig denkt dazu benutzt werden westlichen kulturkolonialismus in die Welt zu tragen

    Max

    7. Februar 2008 at 23:21

  15. @Lars:

    Also, Deinem Onkel würde ich da aber ganz explizit nicht zustimmen, da sei mal ganz beruhigt.

    Aber sonst schüttest Du ein wenig das Kind mit dem Bade aus, wie man so schön sagt – Adornos Ästhetische Theorie ist aus einer bestimmten Perspektive mit Sicherheit ein Kunstwerk, und der schreibt auch literarisch, aber der verzichtet aber nicht auf die Arbeit am Begriff, ganz im Gegenteil.

    Und mit Benjamin habe ich tatsächliche meine Probleme, aber so einen muß es ja auch geben, weil mir das tatsächlich immmer wie eine Suchbewegung vorkommt, jenseits eingefahrener Gleise zu denken – nur wenn man das wiederum totalisiert, ist man auch nicht besser als die Positivisten und übt ja durch dieses starke Moralisierung – „Herrschaft“ – selber welche aus.

    Das ist übirgens das, was ich ja mit Foucault immer gegen Habermas einwenden würde – es gibt kein Jeneits der Macht. Wobei Habermas selbst das noch mit dem Begriff „kommunikativer Macht“ parieren konnte.

    Und die Unterscheidung literarisch/wissenschaftlich ist keine nur instituionelle,wobei ich das ja immer verstehe, wenn man in einer drinnnen steckt, daß man das so wahrnehmen kann. Und nicht jede Arbeit am Begriff verfällt sofort dem „Systemzwang“.

    Man kann das auch als verschiedene Rationalitäten rekonstruieren, wenn man prinzipiell gegen Mischformen auch nix hat. Schwierig finde ich nur, an einem wie auch immer gefaßten Begriff von Wahrheit orientierte Diskurse immer gleich auf Herrschaft zu reduzieren. Ohne Wahrheitsbegriff(e) sagt man einfach nix.

    Mir geht’s tatsächlich erst mal darum, daß man überhaupt weiß, worüber man redet, miteinander. Und strikte Transzendentalphilosphie betreibe ich hier auch nicht; am ehesten wohl im Falle meines Begriffs von Moral, aber auch den gewinnt/erlebt man empirisch.

    Ich glaube auch nicht an eine Selbstüberwindung der Kritischen Wissenschaft, by the way. Das sind so Marxsche Figuren, die irgenddwie was Christliches haben. Es gibt keine innerweltliche Erlösung, nur den Weg dahin. Gott, was ein Satz am frühen Morgen! Eigentlich bin ich Taoist, glaube ich. Oder ’n Toast. Who knows. Und ’n Kritischer Wissenschaftler bin ich auch nicht, sondern Infotainer 😦 …

    @Max:

    „Geradezu witzig finde ich dann die Vorstellung dass moralische Werte sowie sie sich der Westler als global verständlich und kulturabhängig denkt dazu benutzt werden westlichen kulturkolonialismus in die Welt zu tragen.“

    Das ist in der Tat ein weltgeschichtliches Debakel, darüber verliere ich immer wieder die Fassung. Damit haben die Pro-Westler dieser Welt den Despoten aber einen derart großen Gefallen getan …

    „Da Moral aber nun wenn durch Sprache verfasst auch nur Text ist kann die Moral nur dass abbilden was ihr in ihrer temporären und lokalen Logik innewohnt und durch die ihr möglichen sprachlichen Symbole ermöglicht wird, ist also sehr wohl durch die Kultur determiniert.“

    Nein, weil es Voraussetzungen des Sprechens ud des Miteinanders gibt, die unversal gelten. Hätte ich früher auch nicht gedacht, daß ich mal Diskursethiker werde, ist aber so. Diese ganzen Positionen des Kulturimperialismus sprechen im Grunde genommen den Unterjochten die Fähigkeit zu Vernunft, Emphatie und Dialog ab. Das ist eine koloniale Struktur.

    Und dieses Nicht-Natürliche der Moral: Wieso ist das eine „Idee des Westens“? Die Erbsünde ist eine Idee des Westens. Müßte man mal ergründen, welche Rolle das in der Genforschung spielt 🙂 …

    Aber lies mal das I Ging, da ist alleine der Naturbegriff so dermaßen anders und die Wahlfreiheit so derart riesengroß geschrieben, und da findest Du all die Versatzstücke auch. Allerdings auch eine konfuzianische Staatstheorie, das soll aber an der Wilhelmschen Übersetzung liegen.

    momorulez

    8. Februar 2008 at 9:06

  16. @Momo: Also nochmal: Ich hatte den anderen Post geschrieben, bevor ich Deinen Kommentar gelesen hatte und der war wirklich nicht gegen Dich gerichtet.

    Ich habeja nichts gegen Begriffsarbeit, überhaupt nicht.
    Aber gerade was den Kulturbegriff angeht sind mir da die Begriffsarbeiten einfach zu unübersichtlich, zu heterogen, zu hermeneutisch, so dass ich eher das Bedürfnis habe, zu sagen: Bevor ich wieder mit einer neuen Definition von Kultur auftauche, schaue ich lieber mal ins Feld, wie der Begriff gebraucht wird. SO muss in Seminar, schreibe später weiter…

    lars

    8. Februar 2008 at 10:20

  17. Naja, zum christlichen Topos im Marxismus.Der steckt sicherlich moit drin, als säkularisiertes Moment. Aber die umgekehrte Position ist wäre die von Derrida und der ständigen Verschiebung der Demokratie, was man auch als protestantische Ethik der Demokratie bezeichnen könnte: Nie aufhören, daran zu arbeiten, auf dass sie einmal kommen möge.
    Also den Unterschied zwischen religiösem Heil und säkularem Wohl kann man nicht immer auf die Seite der Religion hin auslegen.

    Na, was mich an der Kritischen Theorie immer faszinierte, war die These, dass beim gegenwärtigen Stand der Produktivkräfte die Möglichkeit der freien Assoziation und des guten Lebens durchaus zu realisieren sei. Da bin ich tatsächlich auch Utopist, auch wenn ich die konkret nicht angeben kann. Die Diskussion geht dann um die Realisierung dessen, was gutes Leben sein soll, und da hat dann die Diskursethik ihren konkreten Platz, oder auch die bestimmten Negation (Ich weiß, da kommt jetzt wieder ein Aufschrei, dass das nicht das selbe sei, de facto zielt aber die Einbeziehung des Anderen auf das Gleiche: Abschaffung von Herrschaft.)

    Und was den Vergelich mit Benjamin betrifft: Vielleicht muss es mich halt auch geben, mit dieser Position innerhalb unseres Diskurses. Das meine ich ganz ernsthaft. Der Punkt ist nur, dass ich diese Haltung auch nicht totalisieren würde, sie aber gegen jede andere Form von Totalisierung einnehmen würde. Eben auch gegen die Macht.

    Ich frage mich schon manchmal, wann und gegenüber wem wir transzendente oder universale Positionen einnehmen, scheint ein kompliziertes Spiel zu sein:

    Wann immer Du sagst, lass uns mal nach einem inneren universalen Skelett der Ethik suche, sage ich, halt, schau doch mal, was da passiert, das greift nicht, weil die universalen Normen unterschiedlich interpretiert und umgesetzt werden….. worauf Du dann sagst, ich würde immer und überall Herrschaft sehen und die Möglichkeit eines anderen negieren…. worauf ich dann sage, dass es das prinzipiell schon gibt, aber eben durch Konsum und Herrschaftsprozesse nur vermittelt seine Form erhält, weshalb wir die Herrschaftsprozesse klar benennen müssen…. worauf Du antwortest, na, aber dass ich doch auch ein Transzendentalismus, wenn ich das jenseits dieser Vermittlungsformen suche, worauf ich antworte… 😉

    lars

    8. Februar 2008 at 12:55

  18. @Lars:

    „Vielleicht muss es mich halt auch geben, mit dieser Position innerhalb unseres Diskurses.“

    Na, das doch sowieso, Mönsch – und das nicht nur vielleicht!

    momorulez

    8. Februar 2008 at 12:59

  19. Ach, und der noch:

    „Wann immer Du sagst, lass uns mal nach einem inneren universalen Skelett der Ethik suche, sage ich, halt, schau doch mal, was da passiert, das greift nicht, weil die universalen Normen unterschiedlich interpretiert und umgesetzt werden.“

    Ich will ja keine Normen universalisieren, sondern das Verfahren und dessen Voraussetzungen …. der Unterschied ist schon wichtig.

    momorulez

    8. Februar 2008 at 13:15


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