shifting reality

Es gibt kein richtiges Lesen im valschen!

Trotzig Alledem

with 7 comments

„…. weshalb sich noch heute selbst beste Freunde stundenlang mit der einen Frage beschäftigen, wann denn die 80er Jahre nun eigentlich zu Ende gegangen seien, durchaus kontrovers zu beschäftigen vermögen. Ist dem einen beispielsweise Kriterium, daß der berühmt-berüchtigte Meta-Kult des Pop-Sommers 1982 zu vernichtenden Inflation der Idee geführt hat, erkennt der andere den Dolchstoß bereits am Sylversterabend 1980, nachdem sich Langhaarige seiner Talking Heads-Platte bemächtigt hatten.“

Thomas Meinecke, Das waren die achtziger Jahre, in: Pop seit 64, ebd., S. 157, der Text ist von 1986

 

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Quelle: http://mad.suedzecken.de/fotoseite/

Und so sitzt man da und wartet. Darauf, daß die „Südzecken“ in urheberrechtlicher Hygiene mir erlauben, eines dieser wundervollen Bilder vom mutierenden Millerntor hier zu veröffentlichen. Eines von denen mit dem superkitschigen Himmel. Wer in Zürich oder Wuppertal lebt, der kennt ja sowas nicht. Denen muß man auch mal Schönes zeigen, zwischendurch – es gibt ein Leben jenseits der Schwebebahn!!!

Nachtrag: Das Thema hat sich erledigt, siehe oben – Danke, Miles! Und der gehört gar nicht zu den Südzecken. Na, Zürich, Wuppertal, was sagt ihr dazu? Wobei ich dann doch noch mal erwähnen muß, daß in der schnuckeligen Fan-Kneipe des FC Zürich neben dem Che Gue Vara-Elvis auch ’ne St. Pauli-Flagge hing, zu meiner großen Freude!

Ja, zum Schönen zähle ich durchaus auch Jan Simak von hinten. Wenn der spielt, ist der noch viel schöner. Männer sind ja immer dann besonders sexy, wenn sie gerade nicht merken, daß sie es sind. Sobald sie es feststellen oder gar sein wollen, sind sie es meistens nicht mehr. Na gut, es gibt Ausnahmen.

Darüber wollte ich aber eigentlich gar nicht schreiben … War nur der Versuch von ein wenig Sinnlichkeit in dieser Wüste der Abstraktion. Und wer wirklich sinnlich ist, der wird mir zustimmen: Der FC St. Pauli ist deshalb so großartig, weil dort die 90er nicht wirklich stattfanden!

Gut, ein wenig Britpop, Hardcore, Hip Hop, „Nordish by Nature“, aber diese pappnasige „Stück-vom-Kuchen“-Techno-Polonaise, die hatte da nie eine Chance. Da hat man in den Kneipen rund um’s Stadion einfach ausgesessen, daß es dieses widerwärtige Jahrzehnt gab. Hat gegen alles protestiert, was es ausmachte: Ausländer abfackeln, New Economy, das Boulevard-Werden fast aller Medien, Schröder, Schill usw..

Und während die 80er schon wieder vorbei waren, bevor sie richtig losgingen, weil ja dann Kohl, Thatcher und Reagan die Neunziger einleiteten: Das, was gut an ihnen war, lebte am Millerntor einfach weiter. Trotzig und sich bestens amüsierend, trotzig alledem. Und die 90er enden ja erst seit 2, 3 Jahren. In den USA kann man’s gut betrachten: Diese so gigantische, spannende, großartige Hillary-Obama-Show, die würde zwar am Millerntor auch nicht passen, aber da steckt was drin, was soooo lange weg war. Was die Ironisierung, die im Zuge der 90er dann in Zynismus umschlug, fortfegt. Am Millerntor blieb man lieber bei Slime und beim „wahren Heino“ und furzte inständig die Nationalhymne.

Deshalb ist’s auch kein Zufall, daß gerade jetzt das Millerntor wuchert in ungewisse Seltsamkeit hinein. War schon ein großes Gefühl, gestern das Zuhause zu betreten und es wachsen zu sehen. Die halbfertige Südtribüne, provisorische Sitzplätze über „der Nord“, und die Geraden in ihrem so hinreißend provinziellen Charme – wir waren allesamt ergriffen. Die Akustik auf einmal noch mächtiger, und dieses Sheerleader-Gepuschel auf den Stehplätzen der Süd machte sich über die Fassenacht kichernd und raschelnd lustig, so gehört sich das.

Aber dann wurde ich zum Jena-Fan, für 75-Minuten nur. Als hätte der Schiri den Zeitgeist der 90er aufgesogen, trampelte er auf dem Tabellensiebzehnten herum, als seien das die Obdachlosen der Liga und er im CDU-Senat. Erst ein seltsamer Elfer, dann auch noch eine rote Karte – ich war erbost. Zum einen, weil klar war, daß wir von nun an nur noch Scheiße spielen würden. Aber auch, weil ich nicht anders konnte, als unsere behäbig grinsende Truppe kurzfristig richtig zu verachten und für den Underdog aus Thüringen tiefste Emphatie zu empfinden.

Und so ging’s dann auch weiter: Die Unseren machten sich in einer Form lächerlich, daß man sich wirklich fragte, ob die nicht hätten wissen müssen, daß ich heute in diesem Text den FC St. Pauli preisen wollte. Und dann stiefelten die über den Platz wie Broker nach dem Börsencrash, die man per Hatz IV in eine Putzkolonne verfrachtet hat: Hilfos und überheblich zugleich, ekelhaft. Wie sich der Meggle erst am Simak rieb, peinliches Transponieren des Konkurrierens in Chef-Etagen – und doch machten sie dem irgendwann alle immer Platz wie demütige Mitarbeiter dem Vorstandsvorsitzenden, geblendet von dessen Macht – nee, Jungs, das ist St. Pauli nicht!! Und die Mannen aus Jena kämpften wie die Götter und hätten das Spiel einfach gewinnen müssen, so daß ich mich über das 2:2 gar nicht freuen konnte. Peinlich betreten flüchteten wir St. Paulianer aus dem Stadion, diesem wundervollen Ort des Patchwork und Fanal gegen jede Vereinheitlichung, und schämten uns.

Aber in der Domschenke war’s dann doch noch lustig. Im Clubraum durfte man rauchen, und irgendwie leben da noch die 70er. Und die waren ja auch besser als ihr Ruf …

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Written by momorulez

9. Februar 2008 um 19:26

7 Antworten

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  1. Die sind beide sehr sexy: http://mentalschnupfen.org/item/333

    David

    9. Februar 2008 at 19:43

  2. Seufz …. da gab’s sogar ’ne deutsche Version von, „Schau mal herein“ 😉 …. weiß gar nicht mehr, wer das war …. aber deutsche Versionen aus der Zeit sind eh herrlich. Toll ist auch Marianne Rosenbergs Version von „Heart of Glass“, und selbst Cindy und Bert haben mal ’nen Deep Purple-Song oder so gecovert!

    Unübertroffen aber doch noch „Am Tag, als Conny Kramer starb“ – mußte jetzt irgendwie die Kurve zurück zum Millerntor bekomen, da gab’s ja später die sehr schöne Variante von den Goldenen Zitronen 🙂 …. und „Für immer Punk“ ist ja eigentlich auch sowas. Kann man, glaube ich, beim Pantoffelpunk hören!

    momorulez

    9. Februar 2008 at 20:03

  3. Ha! Black Sabbath mit etwas entschärftem Text: http://youtube.com/watch?v=mCUCw9nXQNk

    David

    10. Februar 2008 at 14:56

  4. Toll!! Allein schon dieser Pekinese …

    🙂

    Wie peinlich von mir, Black Sabbath und Deep Purple durcheinander zu bringen ….

    momorulez

    10. Februar 2008 at 15:00

  5. […] leer. Hören, wie komisch ich mich nach dem Spiel gegen Jena fühlte, wollen die sowieso nicht – das hier wissen sie wohl selbst. Aber wieso fällt mir nichts zu Koblenz ein? Vielleicht, weil unsere Jungs […]

  6. Slayer und Blue Oyster Cult, Motörhead und Uriah Heep, Rose Tattoo und Led Zeppelin, AC DC und die Stones, Mozart und Händel 😉

    Man könnte da ein organisiertes Banausentum draus stricken. Ich kenn´ da wen, der hatte Britta Speer mit Shakira und Juanes mit Santana verwechselt 🙂

    che2001

    14. Februar 2008 at 12:58

  7. Traue keinen Synapsen über 30!

    ring2

    14. Februar 2008 at 16:46


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