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Es gibt kein richtiges Lesen im valschen!

Wie „der Westen“ ganz ohne Blutvergießen den „kalten Krieg“ gewann!

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„Der kalte Krieg, der – was selten offen zugegeben wird – im wesentlichen auf afrikanischem Boden ausgefochten wurde, veranlaßte beide Supermächte, Militärdikatoren zu umschmeicheln, um sie für sich zu gewinnen – und was noch viel wichtiger war – dem Feind abspenstig zu machen. Wenn militärische Oberherren wie Mobutu Sese Seko im Kongo, Jonas Savimbi in Angola oder wer auch immer die soziale und politische Ordnung (und letztlich aauch die wirtschaftliche Ordnung) zerstörten, konnten sie auf Unterstützung sei es der Sowjetunion, sei es der Vereinigten Staaten und ihrer Verbündeten rechnen, je nachdem, mit wem ein miltärisches Bündnis bestand. (…) Die größten Rüstungslieferanten auf dem Weltmarkt sind heute die G8-Staaten, die für 84 Prozent der zwischen 1998 und 2003 verkauften Waffen verantwortlich waren. Japan ist das einzige nicht-westliche Land unter den G8, ist auch das einzige, da sich nicht an diesem Handel beteiligt. Allein die Vereinigten Staaten waren für etwa die Hälfte der auf dem Weltmarkt abgesetzen Waffen verantwortlich, wobei zwei Drittel der Exporte in die Entwicklungsländer einschließlich Afrika ging. Der Einsatz von Waffen fordert nicht nur Menschenleben, er hat auch verheerende Folgen für die Wirtschaft, den Staat und die Gesellschaft. In einem gewissen Sinne setzen die Weltmächte hier die wenig hilfreiche Rolle fort, die sie während des Kalten Krieges spielten, als sie von den 1960er bis zu den 1980er Jahren den politischen Miltarismus entstehen ließen. Die Weltmächte tragen die schreckliche Verantwortung dafür, in der Zeit des Kalten Krieges die Demokratie in Afrika untergraben zu haben. (…..) Es mag sein, daß der Westen in der heutzutage sehr gebräuchlichen Einteilung der Kulturen häufig gepriesen wird, weil er „eine unter allen zivilisierten Gesellschaften einzigartige Tradition individueller Freiheiten“ besitzt, wie es bei Huntington heißt, aber abgesehen davon, daß diese These sich (wie erwähnt) historische Einschränkungen gefallen lassen muß, darf auch nicht übersehen werden, daß der Westen sich daran beteiligt, „individuelle Rechte und Freiheiten“ in anderen Ländern, darunter auch afrikanischen, zu untergraben.“

Armartya Sen, Die Identitätsfalle, München 2007, S. 108 – 109

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Written by momorulez

10. Februar 2008 um 20:48

Veröffentlicht in Aufklärung?, Ökonomie, Ordnungsrufe

9 Antworten

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  1. Eigentlich hätte ja „ganz ohne Blutvergießen“ in Anführungsstriche gehört. Ich kann aber aus dem Gesamtzitat noch nicht schließen, dass Sen es komplett ablehnt festzustellen,
    daß der Westen in der heutzutage sehr gebräuchlichen Einteilung der Kulturen häufig gepriesen wird, weil er “eine unter allen zivilisierten Gesellschaften einzigartige Tradition individueller Freiheiten” besitzt

    Sen arbeitet nur heraus, dass da teilweise der Lack ab ist und nicht alles so schön glänzt. Das ist aber noch nicht die Feststellung, dass an der Vorstellung alles verkehrt sei. Das wäre eine putzige Lesart. Aber ich muss mich noch genauer mit dem Sen befassen. Was soweit stimmt: Andere für seine Interessen bluten zu lassen ist natürlich auch insofern „praktisch“, weil es die politischen Zerwürfnisse vermeidet, die beim Einsatz eigener Menschenleben entstehen; dass es unmoralisch ist, finde ich auch.

    NUB

    10. Februar 2008 at 22:06

  2. Du hast das mit den historischen Einschränkungen überlesen … und die sind schon gewichtig. In Afrika war Partizipation z.B. schlicht üblich, bevor die Kolonisatoren kamen. Die Differenz um’s Ganze ist die Industrialisierung laut Sen.

    Und das ist auch nicht „der Lack ist ab“, da besteht schon ein wechselseitiges Bedingungsverhältnis. Hat Statler sogar mal ’nen Beleg gepostet: Am effizientetsten habe jene Staaten die Kolonien ausgebeutet, in denen sich sowas wie bürgerliche Gesellschaften formiert hatte. Und Globalisierung war das auch schon. Und die Hochzeit der Ausbeutung war nun mal im 19. Jahrrhundert, also nach den bürgerlichen Revolutionen, wenn ich richtig informiert bin, da lasse ich mich aber korrigieren. Othello war noch kein Sklave.

    momorulez

    10. Februar 2008 at 22:15

  3. Du hast das mit den historischen Einschränkungen überlesen …

    Gar nicht, eine Einschränkung ist keine Aufhebung. Aber gewichtig ist es.

    Und Globalisierung war das auch schon. Und die Hochzeit der Ausbeutung war nun mal im 19. Jahrhundert

    Globalisierung ist so gesehen ein Prozess, der sich über Jahrhunderte erstreckt, der aber in den letzten Jahrzehnten gebündelt und besonders auffällig fortschreitet.

    19. Jh. stimmt glaube ich… Und los ging es wann, hmmm, 15. Jh.

    NUB

    10. Februar 2008 at 22:22

  4. Ich muß ja doch noch mal den Anlaß hier zitieren – Historikerpapst „EuckensErbe“ hatte nämlich mal wieder zugeschlagen, drüben in den Kommentaren bei den FDOG:

    „Der kalte Krieg hat die Menschen in Osteuropa befreit, ohne eine Bombe oder einen Tropfen Blut. Das Dilemma des Gleichgewicht des Schreckens ließ keine andere Wahl. Ich begreife “Kalter Krieger” als Ehrentitel, hart und unnachgiebig für Freiheit, Rechtsstaat und Menschenrechte einzustehen, wie diejenigen, die uns im Westen vor den Sowjets bewahrt haben!“

    Wann war der erste „Stellvertreterkrieg“? ’47 in Griechenland? Korea, Vietnam, Chile, Afghanistan?

    momorulez

    11. Februar 2008 at 9:24

  5. Na, da haben wir aber Schwein, dass die imperialistischen Chinesen nun da auch noch mitmischen. Höchste Zeit die armen Afrikaner vor den gelben Rotkapitalisten zu schützen!

    ring2

    11. Februar 2008 at 10:30

  6. China will auch an die Rohstoffe, die nehmen in Afrika richtig Geld in die Hand…

    NUB

    11. Februar 2008 at 10:32

  7. Zur nur teils ruhmreichen Geschichte des kalten Krieges gehören in meiner Wahrnehmung auch seine Binnenwirkungen auf „den“ Westen.

    Da steht das Beispiel unseres Landes und sein Wirtschaftswunder, von dem wir heute noch profitieren – was es ohne die Blockkonfrontation des kalten Krieges so vermutlich nicht gegeben hätte. Eine ökonomische Binnenwirkung, und dazu rechne ich auch den recht umfassenden Aufbau eines Sozialstaats, weil man eben „den Westen“ attraktiver gestalten wollte, in möglichst jeder Hinsicht.

    Eine weitere Binnenwirkung war die geistige Binnenwirkung, und diese kann m.E. kaum unterschätzt werden. Will man die geistigen Abgründes eines Ludwig Mises verstehen, will man die schnelle ideologische Verengung sowohl von Liberalismus als auch hinsichtlich der geistigen Grundlagen der Wirtschaftswissenschaften verstehen, dann zählt dazu ganz gewiss der Antikommunismus der Ära des kalten Krieges. Buchanan, die Rüpeleien der österreichischen Schule, aber auch Coase et al, die eigentlich sehr einseitige public choice Schule und auch die schnelle Deformation der usprünglichen Konzeption des Neoliberalismus stehen hier tatsächlich – nicht unerheblich – in einem oft schon hysterische Züge habenden antikommunisischen Zusammenhang. Kurzum, die Ideologisierung des ökonomischen Liberalismus und der Wirschaftswissenschaften kann in beachtlichen Maß auch als Folge des kalten Krieges betrachtet werden.

    Und meine These ist, unter ebendieser geistigen Kriegsstimmung leiden wir noch heute, zum Beispiel dadurch, dass ihr Zuspitzungen (z.B. „der“ Staat vs „der“ Markt) heute noch eine große Rolle spielen, so, als ob Kommunisten aus Moskau unmittelbar vor unserer Tür ständen.

    Ich persönlich hätte nichts dagegen, wenn sich die Tür öffnen würde dafür, historische, soziale und ökonomische Prozesse demokratischer zu betrachten, beispielsweise die Stärke des real existierenden Kapitalismus darin zu sehen, dass er Wahlentscheidungen ermöglicht (denn gut funktionierende Märkte tun genau dies: Sie liefern den Konsumenten Wahlmöglichkeiten), was genauso gut auch als kritischer Ansatz genutzt werden kann, nämlich dann, wenn Teilbereiche kapitalistischer Prozesse Wahlmöglichkeiten reduzieren.

    Der ideologische Fokus wäre dann also nicht „Eigentum oder Staat“, in kriegskalter, antikommunistischer geistiger Erstarrung, sondern vielmehr ein breiteres und menschengerechteres Set an Fragen, z.B. „echte Wahlmöglichkeit oder nicht?“, „fairer, effektiver Wettbewerb oder Monopol?“, „welcher Staat“ und nicht zuletzt auch: „welcher Markt“?

    Die kaltkriegerische Frage nach „Kapitalismus oder Kommunismus“ hat ausgedient.

    Oder solte es jedenfalls.

    Dr. Dean

    11. Februar 2008 at 10:34

  8. @Momo: „Am effizientetsten habe jene Staaten die Kolonien ausgebeutet, in denen sich sowas wie bürgerliche Gesellschaften formiert hatte. Und Globalisierung war das auch schon.“ — Stimmt, z.B. das bürgerliche, demokratische Großbritannien, das in Indien und Pakistan heute noch für seine Vermittlung der europäischen Zivilisation gepriesen wird und nach der Niederschlagung des indischen Aufstands seine Zivilisiertheit dadurch demonstrierte, dass es die geschlagenen Rebellen die Räumlichkeiten einer Garnison mit der Zunge reinigen ließ, bevor sie zwecks Zerreißung vor die Mündungen der Kanonen gebunden wurden.

    che2001

    11. Februar 2008 at 10:43

  9. @Dean: So muss auch Hayek gelesen werden. „Der Weg zur Knechtschaft“ entstand in einer Zeit, als den Kommunisten die Sozialdemokratie noch vor kurzem als Hauptfeind gegolten hatte, die Sozis Kommunisten rot lackierte Nazis nannten und Konservative die soziale Marktwirtschaft als dritten Weg zwischen Sozialismus und Kapitalismus ansahen. Vor diesem Hintergrund war Hayek vor allem ein Provokateur, der die gängigen politischen Doktrinen seiner Zeit aufmischte. Wer ihn heute als jemanden liest, der historische Wirklichkeit abbildete, begeht schon rein immanent gesehen einen Riesenirrtum.

    che2001

    11. Februar 2008 at 10:51


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