shifting reality

Es gibt kein richtiges Lesen im valschen!

Wo wir hier gerade schon so inständig poppen …

with 8 comments

…. also, immer mal wieder Popkulturelles diskutieren, heute also die Kehrseite christlicher Tugenden und Untugenden im Diskursuniversum der, ja, was denn eigentlich, wo denn eigentlich, also, irgendwo hat jemand gesagt:

„Schätzchen mit Schaum im Munde, mir ist jeder Politiker suspekt, der Leute anstellt, die Che-Flaggen im Wahlkampfbüro aufhängen und sich danach nicht davon distanziert.“

Wer hat’s gesagt?

Froh bin ich, diesem suspekt zu sein, weil ich sogar mit Leuten blogge, die sich nach dem benennen und sein Konterfei über ihrem Blog installiert haben! Froh bin ich, mit Leuten, die eben dieses auf T-Shirts tragen, im Stadion zu stehen! Froh bin ich, Mitglied in einem Verein zu sein, der diese T-Shirts sogar in seinem Fan-Shop  vertreibt! Wovon denn distanzieren, bitteschön? Ha, es ist so schön, suspekt zu sein! Endlich mal wieder mit einem Hauch von Subversion versehen zu sein ….

Bevor jetzt aber die Debatte los geht, ob denn nun der wahre Che ein Massenmörder war oder nicht: Darum geht’s hier jetzt gar nicht. Ich bitte darum.

Viel mehr darum, daß es in der DDR ja diesen flotten Hit gab, „Sag mir, wo Du stehst!“ vom FDJ-Oktoberclub. Insofern sei zunächst entgegnet: Born in the G.D.R., oder was?  Also, wer solche Fragen stellt, der hätte sich in einem Staat, der klar bekennt: „Wir sind Teil des große Friedenslagers!“ wahrscheinlich sogar ganz wohl gefühlt … „Distanziere Dich von Deiner bürgerlichen Vergangenheit!“ war da anfangs bestimmt noch gelegentlich Thema, und was kam dabei raus? Kleinbürger! Also in jener DDR, meine ich – ganz anders jene, die sie niederdemonstrierten , und ich vermute mal, und DAS ist Teil  1 der anzustoßenden Diskussion, daß jene schon verstanden hätten, wieso „im Westen“ Che zu solch Ikone werden konnte? Können das jene mit Ost-Biographie mal beantworten? Vielleicht irre ich ja fürchterlich …

Stimmt’s eigentlich, daß Obama auf Clinton’s Sticheleien bzgl. dessen Drogenkonsum geantwortet hat „Klar, ich habe sogar inhaliert, und das war ja auch Sinn der Sache“? Weil das ja, im Texte schließt sich der Kreis, das Widerliche am Christentum ist: Dieser Bekenntnis- und Geständniszwang. Hat Foucault herrlich beschrieben, wie sich Subjektivität in der Beichte erst konstituiert. Distanziere Dich! Selbst Satan spukt da rum. Dieses Teufelsaustreibung durch’s Geständnis, die ist noch zu spüren in jedem Prozeß vor weltlichen Gerichten. Oder bei den anonymen Alkoholikern, wo „Ja, ich bin Alkoholiker!“ dann als erster Satz die Runde verzückt.

Und genau da hin gehört das Zitat. Und genau in der Hinsicht haben die „Pro-Westler“, unsere imperiale Pan-Bewegung, unsere neuen Nationalisten, dann wohl tatsächlich christliche Wurzeln.

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Written by momorulez

14. Februar 2008 um 8:52

8 Antworten

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  1. “Distanziere Dich von Deiner bürgerlichen Vergangenheit!” war zumindest in der undogmatischen westlichen Linken noch in den 1990ern Thema, allerdings nicht so autoritär formuliert, sondern eher in dem Sinne, dass man sich mit der eigenen sozialen Herkunft wie mit der eigenen Geschlechtsrolle diskursiv auseinandersetzte. Noch einer meiner Politologie-Profs. hatte mich in der mündlichen Zwischenprüfung gewissermaßen auf die Couch genommen, als er mich fragte, ob mein linksradikales Engagement damit zusammenhänge, dass ich als Mittelschichtskid inmitten von Arbeiter- und Türkenkids aufgewachsen bin und gegenüber denen ein schlechtes Gewissen habe. Und das Bürgerkid bekam ich von GenossInnen proletarischer Herkunft durchaus auch als Vorwurf unter die Nase gerieben, die waren einhellig der Meinung, Arbeiterkids seien soziak kompetenter.

    che2001

    14. Februar 2008 at 10:42

  2. Ja, dieses „beichte!“ ist ja auch und gerade in bestimmten linken Szenen nicht minder verbreitet …. und auch die Interpretationsrichtung Deines Profs bewegt sich in der „Schuld“-Kategorie. Als würdest Du praktische Abbitte leisten wollen durch Politik. In der Hinsicht ist das Christentum dann doch noch ganz schon mächtig …. diesen Witz über Erbsünde und Genforschung, den ich hier irgendwo gerissen hatte, den fand ich im Nachhinein auch gar nicht so blöd.

    momorulez

    14. Februar 2008 at 18:51

  3. Moooment… der christliche Bekenntniszwang existiert zwar, aber nur unter vier Augen (oder besser: unter vier Ohren) im Beichtstuhl und nicht als öffentliche Buße wie im Wahlkampf. Und in der ersten Form könnte man sich ja auch überlegen, ob damit nicht sogar ein therapeutischer Nutzen verbunden war, lange bevor Psychotherapie ein lohnendes Geschäft wurde (habe letztes Wochenende eine komplette Staffel der Sopranos geguckt, daher fällt mir das gerade ein).

    Und es ist ja auch nicht gerade christlich, seinem Gegner im Wahlkampf dessen Sünden vorzuwerfen; christlich wäre es von Hillary eher zu sagen: „Na gut, Du hast inhaliert, ich habe (was auch immer) getan, wir sind alle Sünder, reden wir also lieber über die Sachthemen als uns gegenseitig unsere Verfehlungen vorzuwerfen.“

    Hat die Forderung nach öffentlicher Abbitte nicht eher politische als religiöse Wurzeln? Es kommt mir jedenfalls wie ein Standardwerkzeug autoritärer Regimes vor, öffentliche Signale durch derartige Demütigungen von Abweichlern zu senden.

    statler

    14. Februar 2008 at 19:09

  4. @Statler:

    Foucault stellt ja gerade eine Kontinuitätslinie von der Beichte/dem Geständniszwang zur Psychoanalyse her, ziemlich gewitzt und perfide. In „Sexualität und Wahrheit 1- Der Wille zu Wissen“ macht er das, das lohnt sich echt, das zu lesen, und das ist sehr lustig. Er stellt aber auch die These auf, daß im Prozeß dieses Sprechen-Machens sich bestimmte Formen moderner Subjektivität erst konstituieren würden.

    Klar, die Beichte selbst ist katholisch, stimmt schon. Und ich finde ja die Diskussion um Sachfragen auch spannender; das Absurde an dem obigen Zitat ist ja, daß da im Grunde genommen auf die Eigenschaft einer Person, Glaubwürdigkeit, geschlossen wird, nicht auf das richtig und falsch einer Ausage oder einer vergangegen Handlung.

    Daß das auch in der Politik passiert, klar. Weiß jetzt aber nicht, ob solche Praktiken, die sich ja formierten, als es Politik im heutigen Sinne noch gar nicht gab, dann sozusagen genuin da zu verorten sind. Hinsichtlich der Funktionszuweisung haste aber wohl recht.

    momorulez

    14. Februar 2008 at 19:21

  5. Der ersten Beichtstühle wurden zu Beginn des 16. Jahrhunderts aufgestellt. Vorher war die Buße eine ritualisierte öffentliche Einrichtung.

    lars

    14. Februar 2008 at 21:39

  6. Mir fällt da noch was ganz Anderes ein, nämlich die ritualisierte „Selbstkritik“ der europäischen, besonders französischen Maoisten, die Praktiken der chinesischen Gehirnwäsche ganz locker als besonders „aufgeklärte“ Form fortschrittlichen linken Bewusstseins neu inszenierte. Kombiniert mit Psychoanalyse wuchs das über verschiedene Brüche dann ausgerechnet bei undogmatischen Linken zu dem, was ich oben skizziert habe. Im Gegensatz zum Original will ich das aber nicht generell schlechtreden. Gegenüber heutiger Begriffslosigkeit war es durchaus mit Selbsterkenntnisgewinnen verbunden. Schwieriges Thema…

    che2001

    14. Februar 2008 at 23:34

  7. Ein Freund aus Karl-Marx-Stadt sagte einmal zu mir, ihm seien Katholiken lieber als Protestanten, weil letztere nicht beichten gehen. Daher müßten sie immer ihren Gewissensballast in der Öffentlichkeit sezieren. Katholiken seien da lebensnäher: Sie hätten nichts gegen jungfräuliche Empfängnis und das Verbot von Verhütungsmitteln, trieben aber heimlich ab, und mit der Beichte sei der Fall dann erledigt. Christentum ist eine komplizerte Sache…

    flatter

    15. Februar 2008 at 0:33

  8. „weil letztere nicht beichten gehen. Daher müßten sie immer ihren Gewissensballast in der Öffentlichkeit sezieren“

    Na, das ist ja fast die Schlüsselthese 😉 … verbindet gut Statlers Einwand mit dem ursprünglichen Eintrag. Für den Zitierten da oben ist das ja auch sowas wie ein Scarlet Letter, daß der Obama mal Mitarbeiter hatte mit Che-Plakaten an der Wand,und nun distanziert er sich nicht vor der Blog-Welt-Öffentlichkeit. Waren ja auch Puritaner, die mit dem scharlachroten Buchstaben. Und die Calvinsche Prädestinationslehre hat laut Max Weber ja auch einiges angerichtet …

    momorulez

    15. Februar 2008 at 8:28


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