shifting reality

Es gibt kein richtiges Lesen im valschen!

talbert – Gramsci – Benjamin

with 10 comments

Im Nachgang zum gestrigen Nachmittag und Abend, diese schönen Gespräche, fiel mir noch einmal auf, wie wichtig es ist, Aufklärung als ein Verhältnis von drei grundlegenden Praktiken zu begreifen: Die erste würde ich „Sehen“ nennen, die zweite „Denken“, die dritte „Produzieren“. Aber Sehen, Denken, Produzieren, das schützt andererseits ja nicht vor Mythologie. Es geht also darum, Sehen, Denken und Produzieren so zusammen zu bringen, dass es anders wird. Shifting Reality eben.

Der Gramsci hatte ja die Idee, dass jeder Mensch prinzipiell ein Intellektueller ist, und zwar nicht als Berufskaste – Wissenschaftler, Journalisten, Künstler, Priester, Schriftsteller, Medienarbeiter etc. – sondern als Produzent von Weltverständnis im alltäglichen Handeln an der Affirmation oder Kritik der Lebensverhältnisse teilhat.
Die Trennung zwischen Hand- und Kopfarbeit, die zwar institutionalisiert aber dabei auch ideologisch ist, erscheint ja gerade im Falle des Malers oder des Architekten unhaltbar. Und wer noch längere Texte mit der Hand schreibt, weiß, dass auch die intellektuelle Tätigkeit eigentlich eine Handarbeit ist. Daher muss Aufklärung, die tatsächlich einen Shift in der Realität herbeiführen soll, eben dieses Verhältnis von Hand- und Kopfarbeit neu organisieren. Nun ist vermutlich gerade der Traum des Künstlers von der Ästhetisierung der Welt sehr stark, aber Benjamin warnt andererseits vor der Falle des Faschismus, der eine Ästhetisierung der Politik betrieb. Weder der Künstler und Wissenschaftler, noch der Ingenieur können als Idealfigur herhalten. Wenn in der Gestaltung von Schulen oder von ganzen Dörfern oder in der Illustration von Texten dennoch Aufklärung aufzufinden ist, dann weil sich darin etwas von einer neuen Gestaltung der Kopf-und Handarbeit abzeichnen könnte, um die es zu tun wäre. Mit Benjamin muss man aber auch erweitern, der sich zu dem bei Gramsci so strategisch-planerisch anmutenden Gedanken komplementär verhält:

„In diesen Tagen darf sich niemand auf das versteifen, was er ‚kann‘.
In der Improvisation liegt die Stärke. Alle entscheidenden Schläge
werden mit der linken Hand geführt werden.“

Auch das darf nicht vergessen werden. Darin hebt sich der Benjaminische säkularisierte Messianismus auf, der eben nicht von vorneherein festlegt,wie die Utopie auszusehen hat, noch, wann sie eingetreten sein wird. Aber das Zitat lässt sich eben auch als ein Plädoyer für ein neues vorerst improvisiertes Verhältnis von Kopf- und Handarbeit interpretieren, in der sich beide wechselseitig verstärken: Nicht auf dem eigenen Wissen bornieren, sondern anders sehen, anders denken, anders produzieren.

Advertisements

Written by lars

17. Februar 2008 um 23:24

10 Antworten

Subscribe to comments with RSS.

  1. Alles Anschauen ist Denken, oder? Und zur Tastatur greifen und jene Buchstaben anwählen (oder auch mal andere, ohne es zu merken 😉 ), die dann Worte formen, eben das Ineins von Hand und Kopf? Oder bestätige ich Dich gerade?

    Das Spielerisch-Improvisierte ist der Weg zur „Innovation“ definitiv. Nur das ist auch Erfahrung in einem starken Sinne.

    Aber braucht man da die Unterscheidung „Denken“, „Sehen“ und „Produzieren“? Nicht eher die Dialektik zwischen Aktivität und Kontemplation einerseits und einer eher „ganzheitlichen“ Einheit von Sprache, Sinnlichkeit und Körperbewegung andererseits? Das wäre dann Merleau-Ponty. Der bedarf eh einer Renaissance. Findet talbert meines Wissens auch.

    momorulez

    18. Februar 2008 at 0:01

  2. wWas der Merlau-Ponty beschreibt, ist, glaube ich was ganz ähnliches. Mir ist nur nochmal aufgefallen, dass es parallel zu einer Schulung des Denkens auch eine Schulung des Auges gehört eineirseits, und dass andererseits diese doofe Trennung von Intellektueller Arbeit (die ja i.d.R. auch höher bezahlt wird) und körperlicher Arbeit anders austariert werden muss. So auf organisatorischer Ebene. Wollte das Produzieren anfangs einfach Machen nennen. Ich dache da konkret auch an die Gestaltung der Umwelt, die Arbeit am Materialem. Und Adornos „Denken, wohin die Hand es zieht“ ist ja auch so eine Formel, die das zu umschreiben sucht.

    lars

    18. Februar 2008 at 9:11

  3. Darum geht es ja auch im Sinne eines emphatischen Begriffs von Bildung, der sich nicht in Zertifikaten und Titeln erschöpft, und in der aktuellen Diskussion, welche Kinder- und Jugendliteratur so den Linken sozialisiert. Und dann ist das nicht nur die Sache, dass man gelesen hat, auch nicht unbedingt, was man las, sondern wie man las. Zielt das Lesen auf die Imagination eines Anderen oder erschpft es sich in einem tecnologischen Wissen um die Flieh- und Schwerkräfte.

    lars

    18. Februar 2008 at 9:19

  4. Vita Activa!

    momorulez

    18. Februar 2008 at 9:33

  5. Der Link zum Gramsci-Zitat:
    http://bucklicht-maennlein.de/blog1/?p=428

    lars

    18. Februar 2008 at 10:45

  6. lars, das ist ja ne ehre, diese überschrift. ja, war ja sehr spannend. merleau-ponty bedarf aber, glaube ich, keiner renaissance, der muss doch im deutschsprachigen raum erstmal gelesen werden. ausser ein paar philosophen und soziologen kennt den doch kaum einer. mir zb wurde der durch die amerikanischen minimalisten vermittelt, die sich in den 50er und 60er jahren mit ihm beschäftigten, wittgenstein kam ja auch durch die zurück. amerikanische kunst war ja damals schlicht die bessere und gebildetere im sinne von fragestellungen anstatt korrumpierter antworten. leider ist das nicht mehr so, womit ich allerdings unsere europäische kunst nicht für mittlerweile die bessere halten würde. wir gehen m. e. sogar zurück, und ignorieren die phänomenologischen ansätze zugunsten neuerlicher ideologieprodukion mittels kunstwerken, was auch darum erschreckend ist, weil immer weniger in möglichkeiten gedacht und spielerisch gehandelt wird, wiederum ungramcsianisch. in diesem sinne müsste ein leibliches denken nach m-p überhaupt erst wieder angestossen werden; bloss wie? küchen in die universitäten und schulen! altmodischen strickunterricht, baupraktikum! bücher tauschen, umherstreunen, fallobst sammeln, jagen, lesungen in dorfturnhallen, tschechov am lagerfeuer spielen, körperlich arbeiten. (körperliche arbeit wird ein elite-vergnügen werden, wenn wir nicht aufpassen, elite konsumiert nicht nur. )

    T. Albert

    19. Februar 2008 at 3:21

  7. Wobei Wittgenstein einerseits, die Poststrukturalisten andererseits ja die Gründe sind, aber auch die Attacken der Kritischen Theorie gegen den „Existentialismus“ durch Adorno,daß die Phänomenologie hierzulande keiner fortschrieb. Ist out, noch Habermas wurde dafür gegeißelt, daß er sein „Lebenswelt“-Konzept Husserl verdanke. Dabei ist dieser ganze Propositionalitätsgedanke auch nix anderes als Husserls „Alles Bewußtsein ist Bewußtsein von etwas“. Auch bei meinem Prüfer Seel finden sich implizit viele, phänomenologische Gedankengänge, ohne daß er sie als solche ausweist.

    Habe gestern abend, liegt bei Tschechow ja nahe, in Texten von Stanislawski, nein, nicht dem St. Pauli-Trainer, sondern dem vom Moskauer Künstlertheater gelesen, liegt ja nahe, wenn man gerade um Tschechow herumtanzt. Und das Konzept von Körperlichkeit und Umgang mit dieser bei ihm fand ich schon verblüffend. Einfach, weil ich jenseits von Fitness, Wellness und Nichtrauchen und irgendwelchen drittklassigen Sex-Kolumnen in GQ und so ewig gar nix mehr zu dem Thema vernommen habe.

    Eine Einheit aus emotionalem Gedächtnis, körperlicher Verankerung dessen und ein daraus resultierender Umgang mit sich selbst, das ist z.B. auch ein Schlüssel für da, was meine schwarzen Freunde über die koloniale Besetzung ihrer Körper, die sich fortschreibt, erzählen. Das ist eminent politisch.

    momorulez

    19. Februar 2008 at 8:18

  8. Selbst ich, der ich mich mit solch esoterischen Dingen beschäftigt habe wie Adorno mit Lacan zu kombinieren hatte merleau-ponty für eine Weinsorte gehalten 😉

    che2001

    19. Februar 2008 at 8:54

  9. Ja, Che, da siehste mal wieder, wie linke Subkulturen auch ihre magischen Kreise ziehen …. zudem Merleau-Ponty auch für die Linke im Frankreich der Nachkriegszeit immens wichtig war. Das ist ein Gigant.

    Da haben dann allerdings Althusser, Derrida, Foucault und so so dermaßen kräftig hingelangt … und in Deutschland wurde der eh nur als Sartre-Anhängsel rezipiert. Wobei ich tatsächlich ein Seminar hatte zur „Phänomenologie der Wahrnehmung“.

    momorulez

    19. Februar 2008 at 9:09

  10. @talbert: das war aber das Mindeste, habe diesen Nachmittag/Abend wirklich sehr genossen. Diese Gelegenheiten zum Gesperäch finden sich ja an der Universität so gut wie gar nicht mehr.

    @Merlau-Ponty: Da bin ich ja in Wuppertal an der Quelle, die Philosophen hier sind allesamt Phänomenologen. Und en befreuindeter Soziolohe der bei uns gerade die Lehrstuhlvetretung inne hat kommt von Schütz und der phänomenologischen Seite. Soweit es die Körpersoziologie betrifft, so it die Leib-Körper-Thematik ja eine ganz zentrale und da ist Merlau-Ponty eigentlich stets die Referenz.

    @Institutionalisierung in Universitäten: Da bin ich prinzipiell skeptisch. Vermutlich müsste es eine ganz andere Art der Schulausbildung geben. Das Problem ist ja, das die Universität untrennbar mit der Berufskategorie des Kopfarbeiters verbunden ist, solche ja herausbilden soll, im Unterscheid etwa zum dualen Ausbildungssystem. Und selbst immanent wäre das schweirig. ZUm einen müsste es dnn viiiel kleinere Universitäten geben, die etwa bei 200-500 Personen ihre Grenze hätte, und dann müsste man tatsächlich nochmal über so etwas wie ein studium generale nachdenken, indem dann eben tatsächlich so etwas wie eine handlich-kreative Ausbildung mit dabei ist, und sei’s nur dass sie alle durch die talbertsche Seh- und Zeichenschule gehen.

    @Poststrukturalisten: Dafür werden die aber ganz schön fleißig vbn den den Phänomenologen aufgegriffen.. Ist das die späte Rache, dann zu sagen, im Prinzip ist die Diskursanalyse nichts anders als ein Phänomenologie bestimter Sprachspiele…?

    lars

    19. Februar 2008 at 10:21


Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s