shifting reality

Es gibt kein richtiges Lesen im valschen!

Heute würde das vom Markt verboten!

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Zum Schluß gab es Tage, da er sich danach sehnte, mal wieder weiße Spucke zu speien. Ansonsten war sie rot gefärbt: Die Blutstürze eines Tuberkulose-Kranken. Damals war die Lungenseuche unheilbar, und, warten wir’s ab, noch ein, zwei Jahrzehnte, dann dürfen auch nur noch Privatpatienten das Leiden lindern. Aber jene, die am Tropf der Kassen hängen, die braucht man ja eh nicht mehr: Die kosten nur Geld.  Allein schon deshalb wird es sie wieder geben, massenhaft, die Krankheit, die so viel Weltliteratur zu infizieren wußte: Davos!

Er fuhr nach Jalta, Italien, Nizza, um das Leid zu lindern – aber statt stilvoll auf der Promenades des Anglais dahinzusinken wie die Kameliendame, „Ich bin sterbenskrank, aber immer noch wunderschön“, hüstel, erwischt es ihn dann ausgerechnet in Badenweiler, in tiefster, deutscher Provinz. Ein Glas Champagner wollte er noch trinken, dann war’s das. In einem Austernwagen verbrachte man ihn zurück nach Moskau – „Nach Moskau!“, ja eine Pointe ist das, rabenschwarz. Weil da eben Eis war, im Austernwagen, da schimmelt der Mensch nicht so schnell dahin, der tote Mensch, wenn man ihn draufpackt. Die Perlen hatte man den Austern bestimmt zuvor entnommen, damit es nicht so drückte …  und nachts schlafen die Ratten doch.

Kurz, bevor es ihn dahinraffte, hat er noch mal schnell geheiratet. Auch ’ne Art von Torschlußpanik. Und der frisch Angetrauten schrieb er eine neue Rolle auf den begehrten Leib geschrieben, in der sie fortwährend „Nach Moskau!“ rufen mußte, während sie, von tumben Offizieren umgeben, ihr Dasein in der tristen Provinz verbrachte. Dort von der Metropole träumte und doch nicht hinfuhr.

Irgendwann im Herbst ist Anton Tschechow in mein Leben getreten und läßt mich nicht mehr los. Als Drehbuch- oder Fernsehautor hätte der Mann heute keine Chance mehr. Das Auflösen klassischer Dramarturgie, Stücke ohne wirkliche  Kulminationspunkte außer gelegentlichen Schießereien auf und hinter der Bühne, Dramen, Komödien, in denen Langweile, Sehnsucht ohne Erlösung, unerfüllte  Wünsche und faselnde Figuren sich tummeln – Charaktere voller falschem Pathos, tragikomisch, die auf die weltbedeutenden Bretter gestellt werden und noch nicht mal ein zentrales Thema umkreisen außer der scheiternden Wunscherfüllung selbst – na, das biete man mal heute irgendwo an.  Der dümmste Depp in den „3 Schwestern“  ist der glückliche Ehemann, der ständig sein Wohlgefühl beschwörend und seine Frau umschwärmend über die Bühne tapert,während diese ihn betrügt – ein existentieller Reigen der menschlichen Komödie, wow.

Heute würde das vom Markt verboten. Das kann sich nur halten, weil’s ein Klassiker ist. Und weil man mit dem Theater kein Millionenpublikum zu erreichen braucht. Ein Lob der Subvention!!!

Und was macht meine Generation aus den Stoffen? Ein 68er-Drama. Sich über sich lustig und nicht über die Anderen. Hat nicht Besseres zu tun, als ausgerechnet den veramten Landadel im „Kirschgarten“ mit linken Szenen zu assoziieren. Den Neureichen, die ihnen die Obstbäume unter dem Arsch wegkaufen, stehen sie hilfos gegenüber und faseln rum. Bißchen plump, da hat das Bühnenblog schon recht, sowas lockt nicht:

„(…) man fläzt sich in der Flokati-Landschaft und diskutiert, ob der Kampf gegen das System notwendig oder vielleicht doch nur eine Pose der Selbststilisierung sei.

Richter mag, an glückhaften Tagen, ein ordentlicher Regisseur sein, gewiss ist er ein aufrechter Kritiker des Kapitalismus, vor allem aber ein hochbegabter Stimmenimitator. Meisterhaft zusammen geklaubt hat er das linke, von Küchenpsychologie durchtränkte rhetorische Stroh, das er in dieser Szene dreschen lässt. Es ist, als hätten in den alten Kämpfern von 1968 und ihrem postmodernen Nachwuchs sämtliche „Restposten linker Ideologien“ Gestalt angenommen.

Das ist nicht nur ein hübscher Gag, es ist die Ergänzung zum Spiegelbild des Publikums auf der Bühne. Es ist die Ratlosigkeit der post-modernen-marxistischen-antikolonialen-feministischen Linken, die Richter hier zum Thema macht. Niemand weiß, was tun, aber alle schwätzen darüber. Und, dafür sei er gepriesen, der Regisseur nimmt sich selbst nicht aus von dieser Ratlosigkeit.“

Gut, ist schon ein paar Tage her, paßt aber zum Thema gestern. Außerdem ist’s zirkulär: Die Selbstbespiegelung reproduzieren, indem man sie kritisiert, also, bitte, wo sind sie denn hin, die Zeiten bestimmter Kritik und bestimmter Negation?

Mir geht ja jetzt schon dieses 68er-Jahr sowas von schwer auf den Sack, warum eigentlich immer wieder über die Polit-Rentner quasseln? Und die linken Szenen der frühen 80er und die aktuellen immer wieder in diesen 68er-Topf schmeißen und so lange garen, bis Konservative und Liberale ihre ach so liebe Suppe haben, die wir dann fortwährend auslöffeln dürfen?

Mach doch mal ’ne Utopie aus Tschechow und laß die Ackermannschen da auf Landsitzen verrotten! Und Lopachin – das ist der, der dem Adel den Kirschgarten wegersteigert, während die ’ne Party feiern -, das ist immerhin ein ehemaliger Leibeigener, was wäre denn da die Analogie? 1860 wurde sie erst abgeschafft in Rußland, die Sklaverei, Tschechows Stilistik verdankt sich auch der Rolle der Zensur im Zarenreich – aber lieber fortwährend über die Grausamkeiten Lenins lamentieren, na, herzlichen Dank auch. Als hätte der keine Gründe gehabt, und die Schützengräben waren soooo lustig nun auch wieder nicht.

Der Regisseur ist fast mein Jahrgang, ja, liebe Leute, was war denn unsere Jugend? Klar, auch Flokati und Öko-Gelaber, klar auch, daß Reagan und Thatcher siegten, nicht Diedrich Diedrichsen – aber soll denn dieses Drama fortwährend wiederholt werden?

Dann doch lieber von Tschechow lernen, wie man zerrspiegelt und trotzdem lacht … so lange man nur mit dem Finger auf sich selber zeigt, kommt fortwährend Nasepopeln dabei raus.

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Written by momorulez

18. Februar 2008 um 9:32

5 Antworten

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  1. Und er wird natürlich gespielt, weil er seinen Jahrhundertsten hatte. Die bürgerliche Gesellschaft liebt ja Feier- und Jahrestage.
    Der Kirschgarten ist definitiv klasse. Kenne lustigerweise auch nur dieses Stück, obwohl im letzten Jahr die Büchertische sich nur so unter Tschechow
    bogen.

    lars

    18. Februar 2008 at 9:46

  2. Finde „Die Möwe“ und den „Onkel Wanja“ noch viel großartiger, die anderen beiden sind ein wenig überladen – aber natürlich trotzdem einfach sensationell.

    Das Absurdeste ist., daß die im Fernseh-Zeitalter schon deshalb nicht möglich wären, weil die Figuren allesamt abends vor der Glotze hängen würden, um „Mein neues Leben XXL“ zu gucken, anstatt vor der Langeweile in’s Landhausleben zu flüchten …

    momorulez

    18. Februar 2008 at 9:53

  3. Klar, hätten sie das Landhausleben gemocht, hätten sie ja auch Jane Austen gelesen…. 😉

    lars

    18. Februar 2008 at 10:12

  4. Gestern vormittag habe ich drei kleine Stücke von Harold Pinter gelesen, die ich eigentlich auch ganz klasse finde. Der hatte 2005 zwar den Literaturnobelpreis gewonnen, wird aber fast auch nicht mehr gespielt.

    lars

    18. Februar 2008 at 10:37

  5. Man hockt auf Sperrmüllmöbeln und diskutiert, ob man den Nazis mit Holzknüppeln entgegentreten wird, ob Zwillen erlaubt sind und ab wann man selber deeskaliert. Das ist überhaupt kein Gag, keine Pose und kein Distinktionsverhalten, es ist bitterer Ernst.

    So, das ist mein Beitrag zu linken Szenen und Schmortöpfen 😉

    che2001

    18. Februar 2008 at 15:14


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