shifting reality

Es gibt kein richtiges Lesen im valschen!

Hayek, Hayek über alles

with 24 comments

Der mir sehr sympathische Historiker Perry Anderson bezeichnete in der London Review of Books die Anerkennung der Unabhängigkeit Sloweniens durch Helmut Kohl als die folgenschwerste Entscheidung der deutschen Außenpolitik nach dem Zweiten Weltkrieg überhaupt und als das eigentlich auslösende Ereignis für die Auflösung des jugoslawischen Staates, die durch die Politik der EU insgesamt beschleunigt, und, was das Kriegsgeschehen angeht, angeheizt wurde. Außerhalb der (autonomen) Materialien für einen Neuen Antiimperialismus oder Zeitschriften wie der (globalisierungskritischen und neokeynesianischen) Le Monde Diplomatique und dem (internationalistisch-linksliberalen) Lettre International ist so etwas hierzulande kaum zu lesen. Was in der deutschen Öffentlichkeit ein absolutes Tabu ist, ist in der politischen Publizistik Großbritanniens, Frankreichs und der USA durchaus öfter diskutierte Position. Für Anderson leitet der Jugoslawien-Krieg die Schaffung eines wirtschaftlich deregulierten Gesamteuropas ein,  zu dem erstmals auch osteuropäische Staaten gehören, die mit ihren Billiglöhnen die verlängerte Werkbank des Westens sind. Die internationale Arbeitsteilung in Europa beschreibt er als neoliberale Erfolgsstory. Weiterhin schreibt Anderson zur aktuellen Entwicklung der EU, dass die Positionen Hayeks deren Aufbau und Wirtschaftsweise determinieren würden. Der bürokratischen Ungetüme der EU-Verordnungen zum Trotz, der Wesenskern der EU-Ordnung ist durch und durch neoliberal: Ihre Regelwerke sorgen gerade dafür, dass Deregulierung in Permanenz stattfindet. „Der mächtigste Hebel der EU war inzwischen die Generaldirektion Wettbewerb, die staatliche Monopole im Westen und Osten Europas gleichermaßen unter Beschuss nimmt. Die neue Zentralbank in Frankfurt entsprach vollkommen der Beschreibung Hayeks aus der Zwischenkriegszeit. Der anfangs unbedeutendste Strang im Gewebe der europäischen Einigung hatte sich zum dominierenden Muster entwickelt. Nach der Blockade des Föderalismus und der Zersetzung zwischenstaatlicher Strukturen entstand weder ein zumindest rudimentär demokratisches und von seinen Bürgern gesteuertes Europa noch ein europäisches Direktorat souveräner Staaten, sondern ein riesiges Areal zunehmen eingeschränkter Marktbeziehungen im Sinne von Hayeks „Katallaxie“ oder „spontanen Ordnung“.Diese Mutation ist längst nicht vollendet. Immer noch gibt es ein europäisches Parlament, wenn auch nur als Mahnmal überlebter föderaler Hoffungen. Landwirtschaftliche und regionale Subventionen als Erbe der kameralistischen Vergangenheit verbrauchen nach wie vor den Großteil des EU-Budgets. Die Dienstleistunge machen schon zwei Drittel des BIPs in den Ländern Europas aus, harren aber immer noch der vollständigen Liberalisierung.“

Hayek ist also für das beginnende 21. Jahrhundert der möglicherweise wirkungsmächtigste politische Theoretiker überhaupt, obwohl den weder die Basis größerer Parteien diskutiert noch er in der Politikwissenschaft vor 2002 irgend eine relevante Rolle gespielt hätte. Aber die seine Werke gelesen haben, waren die Berater, nach denen Reagan, Thatcher, Kohl, Gonzalez, Berlusconi und Schröder die Grundkonzepte ihrer Politik entwickelten.

BtW, dass angesichts dessen gewisse liberale Blogger virtuelle Zähren von sich geben, weil wir de facto im Sozialismus leben würden und es leider keine Umsetzung hayekianischer Vorstellungen in der praktizierten Politik gäbe, wo doch tatsächlich die ganze Weltpolitik nach Hayeks Pfeife tanzt finde ich ziemlich bizarr.

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Written by che2001

24. Februar 2008 um 16:40

24 Antworten

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  1. „… wo doch tatsächlich die ganze Weltpolitik nach Hayeks Pfeife tanzt …“

    Warum tanzen ‚die‘ denn nach der Pfeife eines toten Denkers?

    Diese Formulierung scheint mir so sinnvoll wie die, dass die gesamte Menschheit nach der Pfeife des Entdeckers der Schwerkraft tanzt (böser, BÖSER Bube, der!!!) …

    Andreas Ullrich

    24. Februar 2008 at 17:10

  2. So richtig informiert scheint mir der Herr Anderson aber nicht zu sein. In der Geldpolitik beispielsweise vertrat Hayek stets ein Konzept des Währungswettbewerbs bis hin zu einer Privatisierung der Geldschöpfung. Die Einführung des Euro war das genaue Gegenteil. Die politische Unabhängigkeit der EZB ist vor allem der Erfahrung geschuldet, die wir bis in die 1970er gemacht haben: politisch gesteuerte Zentralbanken verursachen Inflation. Wenn man es unbedingt an einer Schublade festmachen will, dann könnte man noch sagen, daß das äußere institutionelle Design der EZB monetaristisch ist. Die Geldpolitik selbst ist es schon nicht mehr, da für die EZB das Geldmengenziel inzwischen nur noch ein Parameter unter mehreren anderen ist.

    Und daß die Generaldirektion Wettbewerb in der EU nun besonders von Hayek inspiriert sei… naja, das ist auch nicht Hayek, sondern moderne Wettbewerbstheorie, die zugegeben manchmal zu ähnlichen Politikempfehlungen kommt, diese aber oft ganz anders begründet. Ein Blick auf die Publikationsliste des im letzten Jahr abgelösten ehemaligen Chefökonomen der Kommission deutet jedenfalls nicht auf einen besonderen Hayek-Einfluß hin.

    http://www.esmt.org/en/36794

    statler

    24. Februar 2008 at 18:39

  3. Ich fand es immer ziemlich seltsam, dass diese ganze Thematik nicht richtig diskutiert wurde, also die sukzessive Anerkennung jeder staatlichen Trennung in Jugoslawien wie der Sowjetunion resp. GUS durch die deutschen Regierungen. Es ist jedenfalls genau die auf eine angeblich glorreiche Vergangenheit gerichtete Utopie von „Mitteleuropa“ dabei nicht eigetreten. Ich erinnere mich noch gut an diese Mitteleuropa-Schwärmerei, während Karadzic und andere jugoslawische Schriftsteller den Krieg auf allen Seiten vorbereiteten. Dass damals auch die antiautoritäre deutsche Linke nicht richtig laut wurde, so dass Kritik auch vernehmbar gewesen wäre- weiss nicht, womit das zu hatte, mit Angst? ICh kannte damals etliche bosnische und kroatische frühere Kommilitonen, die mir recht exakt vorhersagen konnten, was als nächstes passieren würde.
    Jetzt setzt sich nur noch Handke in die Scheisse.

    T. Albert

    24. Februar 2008 at 18:46

  4. Sorry Statler,

    das ist dann möglicherweise auch meine Unkenntnis der genauen Verortung in eurer Zunft. Darüber, dass Hayek für einen Währungswettbewerb bis hin zu privaten Währungen eintrat schreibt Anderson auch. Wenn er von Hayekianismus spricht, meint er die Chcago-Boys gleich mit, ja auch röpke, Eucken und andere Ordoliberale sind für ihn Leute, die in eine ähnliche Reichtung gehören wie Hayek, nur weniger radikal. Anderson ist eine Mann der großen Konzepte: Hi Keynesianismus, da Marxismus, dort undogmatische Linke, da Neoliberalismus und dort Altkonservatismus.

    che2001

    24. Februar 2008 at 19:01

  5. Na gut, das würden wir so nicht in eine Schublade packen. Auch wenn Hayek eine Weile in Chicago war, so hatte er doch mit den Ökonomen dort erstaunlich wenig gemeinsam. Er war dort auch nicht im Economics Department, sondern bei den Sozialwissenschaftlern — die Chicagoer Ökonomen wollten ihn explizit nicht in ihrer Fakultät haben, denn auch wenn man sich politisch vielleicht nahestand, so waren sie sich methodisch doch eher spinnefeind. Ökonomen, die Hayek nahestehen, findet man in den USA eher in der Virginia School an Unis wie George Mason, bei Leuten wie James Buchanan und seinen Schülern.

    Und gerade bei den modernen Wettbewerbstheoretikern, die in der EU die Bürokratie beraten, ist der Unterschied extrem. Viele von denen werden nie was von Hayek gelesen haben, denn für die formal-mathematische Wettbewerbstheorie von heute spielt der schlicht keine Rolle mehr.

    statler

    24. Februar 2008 at 19:41

  6. @ che
    Ich sehe das Problem weniger in den EU-Wettbewerbsbehörden, und mehr in der Hayekianisierung des Wettbwerbsgedankens. Gleichzeitig wird die EU durch Partikularinteressen wirtschaftlich Mächtiger unterspült. Man sollte wissen, dass Hayek den wirtschaftlichen Wettbewerb, wenn dieser auf Kundennutzen und Beschäftigte orientiert ist, für zweit- und drittrangig hielt, weil dieser angeblich notwendigen „Anreizen“ für Eigentümer entgegegen gerichtet sei. Kaum etwas hat den argumentativen Hass von Hayek mehr herausgekitzelt als die Vorstellung eines fairen und intensiven ökonomischen Wettbewerb oder die Bekämpfung wirtschaftlicher Machtpositionen. Mit anderen Worten:

    Die Wirtschafts- und Wettbewerbspolitik der EU ist zum Schaden ihrer Bürger mutiert.

    Richtig ist die Beobachtung, dass die Bürokratisierungs- und Monopoltendenzen der EU vor allem den Spezialinteressen wirtschaftlich Mächtiger dienen, oft sogar direkt aus deren Federn stammen (z.B. Richtlinien zum „geistigen Eigentum“). So wenig das mit einer fairen und sozial verantwortlichen Wettbewerbspolitik zu tun hat – reinrassig Hayek ist es auch nicht.

    Es ist aber dennoch – weitgehend – das, was daraus resultieren muss, wenn hayekianisierte europäische Bürokratie-Eliten auf Industrie-Lobbyisten treffen. Zumal unter den Bedingungen einer weitgehend versagenden demokratischen Kontrolle.

    Dr. Dean

    24. Februar 2008 at 19:54

  7. @ Statler
    Die modernen Wettbewerbstheorien mögen vordergründig zwar wenig, formal garnichts, mit Hayek zu tun haben, allerdings komme ich zu einer anderen Bewertung, wenn man sieht, wo die Wettbewerbstheorie in streng ordoliberaler Fassung eigentich mal stand, nämlich mit dem m.E. klarsten Bild verschiedener Marktformen und des Zwecks von Wettbewerb. Dies alles ist später erodiert worden bzw. – anders formuliert, weiterentwickelt worden.

    Bei dieser Weiterentwicklung (ich denke eher: Fort-Entwicklung) muss man sagen, dass hier weniger „Hayek-Denken“ eine Rolle gespielt hat, und dafür umso mehr amerikanische wettbewerbstheoretische Erfahrungen und Theoreme.

    Jedoch, und hier kommt mein Punkt (und damit eine Rückkehr zu Hayek): Hayeks hochspezieller Grundgedanke seiner Wirtschafsideologie war es, dass hier Monopole als nützlicher Anreize (!) verstanden wurden.

    Hayek hat in sehr extremer Form den ursprünglichen Gedanken der Wettbewerbstherorie (Zielsetzung: vollständiger Wettbewerb bzw. idealer Wetttbewerb) pervertiert.

    Was danach kam (v.a. aus den USA) lässt sich als Annäherung an Hayek denken bzw. als Kompromiss zwischen den usprünglichen Vorstellungen und der Ideenwelt von Hayek. Dazu zählen Vorstellungen eines ausreichend intensiven Wettberbsgeschehens (unter unkritischer Bewunderung der Wettbewerbsintensität in oligopolistisch strukturierten Märkten) auch praktisch alle danach aufkommenden wettbewerbstheoretischen Theoreme.

    Mein Argument mag man relativ leicht als gewillkürt bzw. wenig stichhaltig wegwischen,- aber ich meine, dies anerkennend, dass sich ein geistesgeschichtlicher Einfluss der österreichischen Schule auf die Weiterentwicklung der Wettbewerbstheorie feststellen lässt.

    Dr. Dean

    24. Februar 2008 at 20:09

  8. Was mich fasziniert: dass die Rolle, die Deutschland unter Kohl für beim Entstehen des „Jugoslawien-Konfliktes“ spielte, offensichtlich bei uns medial unter den Teppich gekehrt, bzw. verdrängt und verniedlicht wird – übrigens durchaus im Gegensatz zu der Rolle, die die Regierung Schröder (und vor allem Außenminister Fischer) beim beim Bombenkrieg gegen Serbien spielte.
    Interessant finde ich, dass das Medienecho auf die (vor-)schnelle Anerkennung Kosovas durch Deutschland ziemlich negativ ist – sehr im Gegensatz zum seinerzeitigen Medienecho auf die Anerkennung Sloweniens und später Kroatiens. Es ist sicher verkürzt, das unterschiedliche Echo ausschließlich auf deutsche Wirtschaftsinteressen herunterzubrechen, aber es fällt schon auf: vom Zusammenbruch Jugoslawiens und der schnellen Annährung Sloweniens und Kroatiens an die EU profitierten deutsche Interessen, beim Krieg gegen Serbien ist das Bild schon sehr ambivalent, bei der Anerkennung Kosovas ist beim besten Willen kein kurz- oder mittelfristiger ökonomischer Nutzen zu sehen.

    MartinM

    24. Februar 2008 at 20:43

  9. Für eine Glorifizierung von Monopolen durch Hayek würde mich jetzt aber doch mal eine exakte Quellenangabe interessieren.

    Was den „more economic approach“ in der Wettbewerbspolitik angeht, da sehe ich auch nicht so recht, wieso der per se fusionsfreundlicher sein sollte. In der EU-Praxis ist er es jedenfalls wohl nicht, soweit man das aus den Entscheidungen der letzten Jahre ablesen kann.

    Immerhin ist die Möglichkeit zum Effizienzeinspruch daran gebunden, daß die Unternehmen in der Beweispflicht sind: Sie müssen zeigen, daß eine Fusion mit Effizienzbedingungen verbunden sein kann und daß diese mit großer Wahrscheinlichkeit realisiert werden. Können sie das nicht irgendwie verifizierbar klarmachen, dann bringt ihnen auch der Effizienzeinspruch nichts.

    Das wirkliche Problem der neuen Wettbewerbspolitik ist eher verfahrenstechnisch, weil es weg von allgemeinen Regeln und hin zu aufwändigen Gutachterschlachten im Einzelfall geht. Auch ein Weg für einen bürokratischen Apparat, sich selbst mit Arbeit zu versorgen…

    Aber auch da sehe ich nun nicht den Geist Hayeks, für den immer die möglichst allgemeine Regel vorzuziehen war vor dem Versuch, jedem denkbaren Einzelfall juristisch gerecht zu werden — einfach weil Allgemeinheit hilft, das Ideal der Gleichheit vor dem Gesetz zu sichern.

    statler

    24. Februar 2008 at 21:24

  10. @Statler und Dean: Als Kulturhistoriker und Vertreter der politischen Ideengeschichte mit Berührung zur Anthropologie bin ich zu weit weg von finanzwirtschaftlichen und makroökonomischen Fragen, um das wirklich beurteilen zu können. Meine Rezeption ist da sehr kursorisch, gebe ich ja zu.

    che2001

    24. Februar 2008 at 22:16

  11. @ Statler
    Die Zitatmöglichkeiten bei Hayek in Bezug auf die Haltung zu Monopolen und Wettbewerb sind m.E. Legion, ich bringe hier nur ganz wenige – liefere aber gerne Nachschub, wenn gewünscht.

    Das Wichtigste, was man im Auge behalten muß, das oft durch das übliche Gerede über Monopole verdunkelt wird, ist, daß nicht das Monopol als solches, sondern nur die Verhinderung von Wettbewerb schädlich ist. Es ist sowenig dasselbe, daß wiederholt werden sollte, daß ein Monopol, das gänzlich auf überlegener Leistung beruht, durchaus begrüßenswert ist – selbst wenn ein derartiger Monopolist die Preise auf einem Niveau hält, auf dem er große Gewinne macht, und nur gerade niedrig genug, um es anderen unmöglich zu machen, mit ihm erfolgreich zu konkurrieren. (…) Ein Privatmonopol ist kaum jemals vollständig und noch seltener von langer Lebensdauer oder in der Lage, die Möglichkeit einer Konkurrenz außer Acht zu lassen. Aber ein Staatsmonopol ist immer ein Monopol unter staatlichem Schutz – geschützt sowohl gegen mögliche Konkurrenten wie auch gegen unbequeme Kritik.

    Das müsste aus der „Road to serfdom“ stammen, nicht unbedingt eine wissenschaftliche Quelle, aber es gibt hier meiner Erinnerung nach eine Reihe weiterer Äußerungen von Hayek, die in der Sache noch drastischer ausfallen und die Schädlichkeit privater Monopole komplett bestreiten – und diese als nützliche „Anreize“ umdefinieren. Da müsste ich mal länger kramen, bis ich das wieder finde. Ich habe da was Spezielles im Hinterkopf, und weiß noch, wie empört die Reaktion seiten der frühen Ordoliberalen darauf ausfielen. Übrigens hat Hayeks Haltung zum ökonomischen Wettbewerb sehr stark zur Entfremdung zwischen ihm und den Leuten rund um Eucken, Miksch und Rüstow geführt. Dazu gibt es inzwischen eine Reihe von Briefquellen, die das belegen.

    @ Che
    Es besteht eine gewisse Gefahr, bestimmte exponierte Figuren in der Ideengeschichte überzubewerten, ihnen also auch an Stellen einen geistigen Einfluss einzuräumen, obwohl dieser real nicht vorhanden war.

    Man kann den vermeintlichen Einfluss auch genau anderherum betrachten und wenn an das tut, dann lautet die These: Die amerikanischen Wirtschaftswissenschaften waren schon vor der Begegnung mit der österreichischen Schule „hayekianisiert“. Der „hayekianische Zug“ bestände neben einer Glorifizierung des Kapitalismus* darin, die Interessen von Anbietern (einseitig verstanden als Unternehmer und Eigentümer) systematisch überzubewerten.

    Ich müsste da ernsthafte, aufwändige Quellenarbeit leisten, um wirklich etwas Substantielles zum Thema „Hayek und wettbewerbspolitische Idealbilder“ sagen zu können.

    Wenn ich von „hayekianisierten“ EU-Eliten spreche, dann meine ich allerdings weniger die Wettbewerbsbehörde (die m.E. ohnehin eine eher geringe Bedeutung hat), und mehr das unterströmige Politikdogma in der EU und EU-Bürokratie, welches a) Konzerninteressen bevorzugt b) Wirtschaftsmacht und ökonomische Machtaggregation fördert, c) Wirtschaftsmacht und überhöhte schmarotzerische Gewinnsituationen als notwendige „Anreize“ schönredet und d) die eigentlichen Zwecke jeglichen Wirtschaftens bereits völlig verdrängt hat, indem es jeweilige „Wohl des Anbieters“ zum politischen Leitbild erhebt. Absurderweise lässt sich das sogar aus den Gesetzestexten der EU-Markverordnungen direkt herauslesen. Deren Zweck (!) wird im EU-Gesetzestexte jeweils darin gesehen, die „Erlössituation“ der Anbieter zu verbessern.

    Ich finde das als Regulativziel völlig irre.

    * Der Witz daran ist: Man kann mit guten Gründen viel Gutes über marktwirtschaftliche Systeme sagen. Meine Formulierung wäre hierbei, dass marktwirtschaftlich organisierte ökonomische Systeme im Vergleich zu anderen nachhaltig (!) sind, kapital- und werterhaltend und sich unter Wettbewerbsbedingungen im Wesentlichen auf das Kundenwohl orientieren, während sie für diese zugleich Vielfalt und Wahlmöglichkeiten produzieren. Sie sind im Wesentlichen selbstregulativ, machen ökonomische und technische Komplexität beherrschbar, vergrößern insgesamt die ökonomischen Möglichkeiten und stehen i.d.R. in einem positiven Zusammenhang zu anderen menschlichen Freiheitsquellen. Das könnte ich noch stark ausbauen. Anders gesagt: Als linker Ordoliberaler reicht mein Lob der Marktwirtschaft deutlich weiter (!) als das Lob, das aus den Mündern unkritischer Kapitalismusanbeter kommt. Aber ebenso gilt das für meine Kritik, sowie hinsichtich der Diskussion institutioneller und kultureller Bedingungen marktwirtschaftlicher Systeme. Allzu leicht, zumal unter den realen Bedingungen sozialer und ökonomischer Macht, allgemeinem Betrugsstreben, Manipulationen der Informationssystemee sowie vernachlässigten Externalitäten, entfernen sich marktwirtschaftliche Ordnungen von einem wünschenswerten Zustand, und keine noch so starke Theologie der „unsichtbaren Hand“ darf den Blick darauf versperren, und erst recht nicht den Blick darauf, dass die schwachen Teilnehmer derartiger Ordnungen benachteiligt zu werden drohen.

    Dr. Dean

    25. Februar 2008 at 13:23

  12. US-Ökonomen könnten natürlich auch Hayek-unabhängig zu ihren Positionen gelangt sein, etwa in Weiterentwicklung der Positionen John Stuart Mills, Albert W.H. Philips und Irving Fishers, und bei Friedman scheinen mir diese Ansätze dann mit Hayek zusammengekommen zu sein. Vielleicht weiß Dr.Dean oder Statler da mehr?

    che2001

    26. Februar 2008 at 11:20

  13. @Che:
    Man kann das so allgemein eigentlich gar nicht sagen, weil die amerikanische VWL des 20. Jahrhunderts selbst wieder extrem heterogen war. Wenn man mal bei den wichtigsten „Schulen“ bleibt: Maßgebend für die Entwicklung der Chicago School in ihrer marktliberalen Ausprägung waren Frank Knight und George Stigler. Wenn man sich bei beiden anschaut, wie sie auf ihre Vorgänger zurückgegriffen haben, dann ist das selten so, daß sie ideologische Prägungen übernommen haben, sondern eher so, daß sie (teils ziemlich eklektisch) methodologische Ansätze geerbt haben. Die Grenzkostenidee von Menger, Walras und Jevons beispielsweise, oder die partialanalytische Marktanalyse von Walras.

    Noch stärker war diese methodologische Prägung am MIT und in Harvard, wo Leute wie Robert Solow und Paul Samuelson arbeiteten. Die haben sich dann gleich bei der Physik (der klassischen Mechanik größtenteils, leider) bedient und versucht, deren Gleichgewichtsdenken auf die VWL zu übertragen. Aber das sind eben methodische Prägungen — wenn man sich die politischen Standpunkte der Erben Samuelsons ansieht, dann findet man da alles, von sozialistisch bis marktliberal. Und tatsächlich läuft der größte Teil dieser neoklassischen Theorie keinesfalls auf Marktapologetik hinaus, das wäre auf Dauer ja auch langweilig, sondern darauf, zu überlegen, wann man von erstbesten Gleichgewichten abweicht und was man (der Staat) tun könnte, um die Probleme zu beseitigen.

    Das, was dann ab den 1970ern als Public Choice oder Neue Politische Ökonomie bekannt wurde, war einfach aus der frechen Idee geboren, die gleichen Annahmen auch auf den politischen Sektor anzuwenden — der Schritt von der Analyse des Marktversagens zu der des Staatsversagens sozusagen. Und hier spielt dann tatsächlich auch Hayek als Inspirationsquelle eine Rolle.

    Dagegen sind die Leute, die heute als Neo-Austrians in der Welt herumgeistern, die Mises- und Rothbard-Schüler, in der VWL absolut marginalisiert. Sie spielen keine Rolle mehr, finden allenfalls noch Stellen an amerikanischen Provinzunis, publizieren nicht in den relevanten Journals…

    Wenn man sich über die Entstehung der Neoklassik durch Methodenklau aus der Physik informieren will, gibt es ein ziemlich gutes (umstritten, aber gut) Buch von Philip Mirowski, More Heat Than Light: Economics as Social Physics, Physics as Nature’s Economics. Das ist größtenteils sogar sehr unterhaltsam.

    @ Dean:

    Ja, eben. Hayek sagt dort ausdrücklich, daß die Abwesenheit von Wettbewerb schädlich ist, und alles andere hätte mich auch gewundert. Es ist ein wichtiges Element seiner Markttheorie, daß private Monopole praktisch niemals unherausgefordert sind, sondern bei einer Abschöpfung von hohen Monopolrenten stets damit rechnen müssen, daß Wettbewerber auf dem Markt auftreten und ihnen diese Renten streitig machen. Der Wettbewerb um den Markt spielt für ihn immer noch eine wichtige Rolle, selbst wenn es im Markt temporär keinen Wettbewerb gibt.

    Daß das alles später relativiert wurde, daß z.B. Baumol mit seinen „contestable markets“ gezeigt hat, daß auch private Monopole unter Umständen stabil sein und von einem Wettbewerb um den Markt verschont bleiben können — geschenkt, das ist halt Erkenntnisfortschritt. Wichtig ist aber, daß Hayek nicht die Abwesenheit von Wettbewerb verteidigt, sondern die Persistenz privater Monopole bezweifelt hat.

    statler

    26. Februar 2008 at 13:43

  14. „…partialanalytische Marktanalyse von Marshall“ sollte das natürlich heißen.

    statler

    26. Februar 2008 at 13:44

  15. Intereressant und anregend, danke 😉

    che2001

    26. Februar 2008 at 14:10

  16. @ Statler
    Wenn man bedenkt, dass die ordoliberaler Marktformenlehre auf Empirie beruhte, dann sollte Hayeks Antwort erstaunen, welche (kackfrech würde ich sagen) das tatsächliche Geschehen in Monopolen und Oligopolen in Abrede stellt – zugunsten der ideologiegemäßen Annahme, dass der Wettbewerb in einer Monopolsituation nicht leiden würde.

    Natürlich leidet der Wettbewerb – sonst gäbe es kein Monopol. Kaum eine unternehmerische Leistung ist so „überlegen“, dass es hier nicht wenigstens eine Handvoll leistungsfähiger Wettbewerber gäbe. Hayek redet von einem Leistungsvorsprung des Monopolisten, aber nicht an einer einzigen Stelle (!) von Behinderungs- oder Schädigungswettbewerb oder der Manipulation von Marktprozessen (u.a. Behinderung des Marktzugangs für Konkurrenten), wie es für reale Monopole und Kartelle typisch ist.

    In Hayeks Scheinwelt ist der Monopolist ein unternehmerisch besonders fähiger und gesellschaftlich besonders nützlicher Kapitalist. Die Monopolrente und die faktische Verminderung des Wettbewerbs sieht er nicht als Wohlfahrtsverlust, sondern definiert diese als „Anreiz“. Das ist wirklichkeitsblind, hochgradig ideologisiert und vor allem:

    Total absurd.

    Statler, nenne mir bitte mal ein paar Monopole, wo es ausreichend Wettbewerb gibt.

    Dr. Dean

    26. Februar 2008 at 15:36

  17. Das Monopol von Welt-Hölzer hätte ich gerne wieder, die Zündhölzer sind seither nur schlechter geworden.

    che2001

    26. Februar 2008 at 15:40

  18. (ergänzen sollte ich – was meinen bisherigen Worten ziemlich widerspricht – dass ich erstens, das Streben nach einem Monopol für eine Wettbewerbskraft halte (unter der Idealbedingung, dass dieses Streben weit überwiegend scheitert…), und zweitens, dass temporäre Kleinmonopole sinnvoll sein können, besonders, wenn damit Amortisierungszeiträume z.B. für technische Erfindungen geschaffen werden, und drittens, dass wettbewerbsverringernde kaufmännische Kooperationen unter Umständen sogar insgesamt wohlfahrtssteigernd wirken können. Das entspricht übrigens auch meinen praktischen Erfahrungen als Kaufmann. So groß und übergroß mein Faible für Schwarzweiß in der Wettbewerbstheorie ist, so stark sind bei genauerer Beobachtung der Wirklichkeit auch zahlreiche Grautöne zu finden. Ein methodisch sauberen Umgang mit diesen Grautönen halte ich für schwierig. Meine Vermutung geht dahin, dass eine funktionale Wettbewerbspolitik realitätsnahe Schwarzweißbilder benötigt, zumal allein schon Fragen wie „was genau ist Wettbewerb?“ und „was ist ein Markt und wie wird er abgegrenzt?“ genügend Potential für verwirrende Antworten bieten.)

    Dr. Dean

    26. Februar 2008 at 15:54

  19. @ che
    ALDI hat i.d.R. gute Lieferanten für Zündhölzer. Die brennen zwar nicht ganz so gleichmäßig und ästhetisch schön wie Welt-Hölzer (Bild), kosten dafür aber nur ein Zehntel – und funktionieren zuverlässig und deutlich besser als der übrige Billigkrempel.

    Dr. Dean

    26. Februar 2008 at 15:58

  20. @dass temporäre Kleinmonopole sinnvoll sein können, besonders, wenn damit Amortisierungszeiträume z.B. für technische Erfindungen geschaffen werden – stimmt, das war so mit dem10-Jahresmonopol für den Schlagbolzenrevolver von Smith&Wesson, der Winchester und Colt ermöglichte, die 44er Einheitspatrone zu entwickeln, welche die Ausrottung von Indianern und Büffeln weitaus effizienter machte, als dies vorher möglich gewesen wäre.

    che2001

    26. Februar 2008 at 16:04

  21. @ che – Manchmal hinterlässt es eine faden Beigeschmack, wenn man Beifall bekommt. Hättest Du nicht vielleicht auch ein Beispiel ohne Mord und Totschlag, bwz. ein weniger politisches Beispiel?

    Dr. Dean

    26. Februar 2008 at 16:46

  22. Es gibt ziemlich viele Beispiele im Zusammenhang mit Computern, für die Hayeks Sichtweise passt. Bei Webbrowsern hatte Netscape für eine Zeit ein Quasi-Monopol, anschließend der Internet Explorer, und inzwischen wird dessen Monopolstellung durch Firefox, Safari usw. herausgefordert.

    Oder Betriebssysteme. Auch da gibt es Anbieter mit Riesenmarktanteilen, die nach allen Regeln der statischen Marktformenlehre als Monopolisten zu gelten haben, aber schon die Präsenz von kleinen Wettbewerbern wie Apple (die hatten mal Marktanteile unter 5%) sorgt für einen Wettbewerbsdruck, der den Quasi-Monopolisten nicht allzu übermütig werden lässt.

    Und ja, klar, da werden trotzdem immer noch Monopolrenten abgeschöpft, aber deren Umfang wird schon durch den potentiellen Wettbewerb um den Markt begrenzt. Und dabei sind Betriebssysteme sogar noch ein schlechtes Beispiel, weil dort Netzwerkexternalitäten nochmal zusätzlich dafür sorgen, daß neue Anbieter es schwer haben, in den Markt zu kommen.

    Generell spricht die Erfahrung tatsächlich eher dafür, daß Monopole nur dann längerfristig stabil sind und richtig hässliche Monopolrenten einfahren, wenn sie durch den Staat vor Marktzutritt geschützt sind. Das ist die Regel, die Einzelfälle bei denen es anders war sind Ausnahmen, bei denen es sich lohnt, genau hinzugucken, was die spezifischen Bedingungen waren, die zu diesem Ergebnis geführt haben.

    statler

    26. Februar 2008 at 17:14

  23. Dass wettbewerbliche Restmengen den Monopolschaden begrenzen, auch im Computerbereich, bestreite ich nicht. Dennoch tritt ein Monopolschaden auf, und – der ist immens – und übersteigt m.E. die Monopolrente deutlich.

    Ein intensiver, hochwirksamer Wettbewerb wirkt schließlich nicht allein auf Preise und auf die Effizienz des betrieblichen Leistungsprozesses, sondern wirkt auch auf Qualität (im Bereich Software: v.a. Produktentwickung), und fokussiert diese auf die Erfordernisse der Kunden.

    Ich möchte das mal mit zwei Beispielen zu verdeutlichen versuchen:

    A) Vergleichsweise pfiffig finde ich die wettbewerbliche (!) Gestaltung des AMD/Intel-Duopols (mit gegenseitiger und vollständiger Patentüberlassung nach jeweils 18 Monaten). Schaut man sich diesen Fall genauer an, liefert er einige Einsichten, z.B. hinsichtlich des Nutzens von effektiv wirksamen Wettbewerb, der technologischen Fortschritt und Kundennutzen enorm voranbringen kann. Und umgekehrt: Wo ein fairer Leistungswettbewerb weitgehend ausbleibt bzw., wo der Monopolschaden nur durch Randeffekte bzw. Substitutionskonkurrenz gemindert wird, da sieht man – vergleichsweise – technologischen Stillstand.

    B) Beispiel Betriebssyteme/PCs: Obwohl den Kunden ca. alle 5 Jahre ein kostenaufwändiger BS-Wechsel (sog. Update) aufgenötigt wird, zwecks Maximierung der Monopolrente, besteht beim eigentlichen Produkt eher eine Art technischer Stillstand. Was wenig verwundert, wenn man weiß, dass bei ms weniger als 5% (!) der BS-Erlöse in den eigentlichen Leistungsprozess (Entwicklung, Produktpflege, Service) fließen.

    Ein spannender Punkt war (mal in uralte DOS-Zeiten zurückgeblendet), wo es seitens von Novell eine kurze zeitlang echte Konkurrenz gab. Das beschleunigte dann auch bei ms – und zwar drastisch – die technische Entwicklung. Es endete jedoch schon nach kurzer Zeit damit, dass der Konkurrent praktisch aufgekauft wurde (es floss viel Geld) und zusätzlich via Marktmacht erpresst wurde (Drohung: Frontalangriff in seinem Produktfeld). Die Kunden guckten in die Röhre, die Preise für BS schossen wieder in die Höhe, die technische Enwicklung (zumal: auf Kundenerfordernisse hin) verlangsamte sich.

    Dr. Dean

    26. Februar 2008 at 19:25

  24. @Dean: Sorry, ich habe gerade wieder meinen zynischen Humor 🙂

    che2001

    26. Februar 2008 at 21:00


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