shifting reality

Es gibt kein richtiges Lesen im valschen!

Geld, das Blut der Wirtschaft!

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„Dabei ist der Markt gerade das System, in dem es keine Gesetze gibt, die
den Menschen vorschreiben, mit wem, wie viel und unter welchen Bedingungen
sie miteinander Handel treiben dürfen. Der Markt ist per Definition der Ort,
an dem Menschen friedlich zusammenkommen und zum gegenseitigen Vorteil
miteinander kooperieren und Güter und Dienstleistungen austauschen. Geschähe
dies nicht friedlich und gewaltfrei, wäre es nicht mehr ein Marktvorgang,
sondern Kriminalität oder Politik.“

Lustig. Bei jeder Direktive meiner Chefs dringt ein Stück Kriminalität in den Markt ein – oder isses Politik? Aber weil die gar nicht alle so sind, die Chefs, stimmt das ja nicht, das Beispiel. Bei jedem gekündigten Kredit, der bestbeschäftigte Handwerker in die Insolvenz treibt, bei jeder weiterverscherbelten Hypothek, die Häuslebauer dem Ruin ausliefert, ist demzufolge die Politik im Spiel.

Ja, beim Handwerker-Beispiel ist das dann auch die kriminelle Energie der zerfallenden Zahlungsmoral der Kunden, aber: Wie begreift man denn „Kriminalität“ ohne irgendeine Form der Gesetzgebung, der zumeist auch sowas wie Politik vorangeht?

Meistens ist das ja Staat. Selbst, wenn man – was ja sympathisch ist – sich vorstellt, daß tatsächlich eine Welt möglich wäre, in der alles zwangfrei über Verträge zwischen zweien geregelt würde, was macht man, wenn Dritte, Vierte oder noch mehr davon mit betroffen sind oder intervenieren? Und isses nötig, daß Vertragsbrüche sanktioniert werden?  Und wer macht das dann? Die Bürgerwehr?

Uralte Fragen der politischen Bildung, die durch die Opposition Staat-Markt, wie sie im verlinkten Pamphlet sich verwendet findet, mal eben so wegdefiniert werden. Hätte mehr Schulbücher lesen sollen, der Mann …

Der Text von den Meisterdenkern der Friedrich Naumann-Stiftung ist ziemlich komisch; also, wie man die Schlichtheit der eigenen Analysefähigkeit mit so viel Pathos und Brunst, sorry, Inbrunst, in die Welt hinauskrakeelen kann, das liest sich ja wie die FDOG. Zufall? Alles nur eine Frage von Staat versus Wirtschaft, Staat ist an allem schuld, ist Zwang, und Wirtschaft die realhistorisch-empirische Entfaltung des transzendental-begrifflichen Kategorischen Imperativs Kants.

Super. Fertig ist die Weltformel. Jede Äußerung wird zwanghaft darauf bezogen, und Demokratie am Beispiel nur einer Restaurantkette, in der ständig abgestimmt würde, was es denn heute zu esssen gibt, veranschaulicht. Wer so doof ist, brummt und sollte wohl lieber nicht Schulbücher kommentieren, sorry.

Und natürlich, wie das meistens ist, dringt irgendwo dann auch mal kurz Blut ohne Boden, aber inklusive Gesundheitsmetaphorik, durch:

„Allgemein wird die ungeheure Bedeutung von Geld im Wirtschaftssystem
in den Schulbüchern nicht angemessen gewürdigt. Geld ist das „Blut der Wirtschaft“
(Roland Baader), dem entsprechend hängt die Gesundheit der Wirtschaft
vor allem von der Gesundheit des Geldes ab.“

Handel als Blutsbrüderschaft, da hätte sich mancher in Weimar die Hände gerieben, beglückt von dieser Sprache. Aber die Linke ist ja neuerdings auch ein in’s Schwabenländle eingewanderter Virus.  Die ewige Wiederkehr der Volksköpertheorie, hier in „die Wirtschaft“ hineinprojiziert, zeigt nur den esoterischen Gehalt des Denkens: Wie oben, so unten halt, ganz wie in den hermetischen Sätzen – und die Welt ist eine Metapher für die je eigene Körpererfahrung. Die Angst vor Infektion! Hände waschen! Hygiene! Macht ja alles Sinn, so lange es rund um’s Clo geschieht … so minderbemittelt Charlotte Roche ja sonst auch sein mag, daß der Umgang mit Köperflüssigkeiten hierzulande schon seltsam ist, da hat sie wohl Recht in all den Interviews rund um ihr erstes Buch.

„Die Gleichheitsbesessenheit der Linken hat also ganz eindeutig ihren Weg
in die Schulbücher gefunden. Ja, Ungleichheit ist eine Tatsache, aber sie als
Problem aufzufassen (was die Schulbücher explizit tun) ist normativ und daher
strittig“

Na ja, wo Ungleichheitsbesessenheit so hinführt, das ist historisch zumindest nicht umstritten. Viel lustiger ist, daß das Normative, das selbst der Autor so ungetrübt fortwährend für sich in Anspruch nimmt, mehr macht er ja auch nicht in dem Text, als eine normative Projektion vorzunehmen, vor allem dann strittig ist, wenn es die Anderen für sich in Anspruch nehmen. Natürlich ist das Normative immer strittig, da ist ja auch gut so, nix anderes ist besser geeignet, Totalitarismen abzuweheren als die Erkenntnis, daß Normatives eben immer strittig bleiben wird – und gerade deshalb gehört es auch in Schulbücher

Das alleine macht diese Stilblütensammlung ja so grotesk: Daß angenommen wird, Schüler seien zu blöd, sich zu dem, was sie lesen, auch zu verhalten – ganz im Gegensatz zum Autor. Uralter Grundfehler der Medienwirkungsforschung, auch der linken: Wie man rezipiert, das verursacht nicht der Text durch seine Aussagen. So Leute wie der Autor sind doch wahrscheinlich auch nur Opfer irgendwelcher 68er-Lehrer, vermute ich.

Und wenn irgendwas nach Demokratie schreit, dann ist’s übrigens der Text selbst: Als Beitrag zu den Inhalten der Diskurse, die in ihr geführt werden, in diesem Fall rund um’s Bildungssystem.

Oder will er jetzt zwangweise alle staatlichen Schulen abschaffen und das Befreiung nennen? Wahrscheinlich, genau in diese Richtung wird ja in anderen gesellschaftlichen Bereichen seit Jahren verfahren, die gegen einen Volksentscheid verfügte Privatisierung der Hamburger Landeskrankenhäuser ist hierfür ein Beispiel, an dem man sieht, wo der Zwang wohnt. Und mit diesen Vorreitern antidemokratischen Denkens wollen die Grünen jetzt vielleicht koalieren, haarsträubend.

Noch viel doofer am letzten Zitat ist aber die Annahme, daß Nicht-Normatives nicht strittig sei. Ist doch völliger Quatsch: Natürlich ist ab einem gewissen Abstraktionsgrad ALLES strittig, so ist das nun mal bei der Wahrheitsfindung. Außer der Mathematik und ein paar wenigen Naturgesetzen. Und die Conclusio daraus kann niemals doktrinär, sie kann nur ganz pragmatisch und spezifisch sein …

Was für ein hanebüchener Selbstwiderspruch dieser FDP-Text ist, wird auch an der folgenden Passage sichtbar:

„Die Lebens- und Arbeitsbedingungen
waren, vor allem in der ersten Industrialisierungsphase, aus heutiger Perspektive
wirklich sehr schlecht. Das hatte vor allem damit zu tun, dass die Infrastruktur
in den Städten mit der rapiden Bevölkerungsexplosion nicht schnell genug
hinterherkam.“

Na sowas! Die Antwort ist dann entweder der fürsorgliche Unternehmer, der für diese sorgt, indem er z.B. Werkssiedlungen baut. Nannte man das nicht mal Fordismus? Oder ein Obrigkeitsstaat räumt die Gängeviertel ab und baut Wasserleitungen. Oder ein wie auch immer demokratisch verfaßtes Gemeinwesen übernimmt die Infrastruktur, indem es z.B. Gelder hierfür sammelt, muß ja auch gar nicht gleich Staat sein – und Menschen die Häuser unter dem Arsch abzureißen und sie in neue Umgebungen zu zwingen, das hat zwar auch Tradition, ist aber so frei nun auch nicht.  Oder es bilden sich Favellas wie in Afrika oder Südmaerika, und es ist ja nicht so, daß die nun je nach Fortschreiten des Kapitalismus verschwinden würden.

Na, alles schon tausendmal  diskutiert, aber wie diese Wachtürme da bei den Zeugen Mises‘ und Haeyeks fröhlich weiter wachsen, das ist schon erstaunlich. Und daß das Ganze von Parteistiftungen vertrieben wird, das läßt dann tatsächlich mal kurz am Zustand der Demokratie zweifeln.

Daß aber das A-Team das zustimmend und wie üblich auf ’ne Parole reduziert verlinkt, das sagt dann alles über den Verfall der liberalen Blogosphäre … früher wurde da irgendwie auf höherem Niveau gedacht. Na ja, nicht bei allen. Aber bei dem einen oder anderen doch.

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Written by momorulez

1. März 2008 um 10:11

23 Antworten

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  1. Ich denke, sehr viel von dem Problem steckt in diesem Satzanfang:

    Der Markt ist per Definition der Ort (…)

    Wer regelmäßig so argumentiert, zumal wenn die Kernaussage in weiten Bereichen grob unsachlich ist, der will seine ideologische Vorprägung verteidigen – sollte sich aber dann – meiner Meinung nach besser mit Sujets wie Fantasy beschäftigen, denn mit Politik.

    Sorry.

    Ich habe nicht dagegen, einen Markt auch als friedlichen Tausch-Ort zu betrachten – mitunter trifft diese Charakterisierung recht hübsch zu. Aber nur hochnaive Politblogger gehen davon aus, dass diese Charakterisierung stets zutriff. Märkte sind so vielgestaltig wie das Leben bzw. seine Teilnehmer – und man kann leider nicht sagen (besonders in Fällen von Machtungleichheiten), dass Märkte die Notwendigkeit zu menschlicher Zivilisierung qua Institution ersetzen.

    Es ist genau umgekehrt.

    Ich habe in meinem Berufsleben viel – sogar außerordentlich viel – mit Märkten zu tun. Und ich frage mich, wie Leute zu solch groben und ideologisierten Vereinfachungen kommen, zu einseitigen Heroisierungen und Dämonisierungen. zumal, wenn diese Leute in anderen Lebensbereichen und Fragestellungen eigentlich einen vernünftigen Eindruck machen.

    In manchen Fällen verstehe ich es.

    Jemand, der Märkte vor allem der Perspektive einer gelungenen eigenen Selbstständigkeit erlebt, der sieht „den“ Markt positiver als z.B. jemand, der sich bevorzugt als Objekt von Märkten sieht bzw. durch sogenannte Marktprozesse schon mal schwere Nachteile und Zwänge erlebt hat.

    Als Kaufmann muss ich – will ich eine gewisse Anständigkeit wahren – beide Standpunkte verstehen können. Gerade meine Kaufmannsperspektive und meine beruflichen Erfahrungen sind es, warum ich ein kaum steigerbares Unverständnis empfinde, wenn jemand sich sein Weltbild mit dem Satz „Der Markt ist per Definition der Ort…“ aufbaut.

    Dr. Dean

    1. März 2008 at 16:19

  2. Liest sich komischerweise wieder wie ein Aufsatz über „Schwierigkeiten beim Aufbau des Sozialismus“, der ja auch irgendwie als Prozess mit vorübergehenden Erscheinungen, die in der Natur der Sache liegen, verstanden werden sollte. Mir ist schon das Wort „anti-kapitalistisch“ nicht klar in dieser ganzen Logik: also soll manches in der Natur der Sache liegende doch ausgeschlossen werden, indem man es als „antikapitalistisch“ indiziert.

    Was die Schulbücher anbelangt: diese Art der Kritik, die Schulbücher mit dem Staat gleichsetzt, finde ich interessant. Das impliziert eben, dass Kritik dort eigentlich nicht passieren zu hat, sofern sie nur im „richtigen“ Staat gelesen werden. – Jetzt wird mir gerade etwas übel.

    T. Albert

    1. März 2008 at 16:42

  3. @T. Albert
    Es geht dem jungen Studenten Autoren Gary Merett (auch bekannt von rechtslibertären Stammtischen) darum, missliebige Ansichten aus Schulbüchern zu verbannen. Er wünscht die Durchsetzung einer weltanschaulichen Dominanz.

    Dieser Rechtslibertäre Autor ist empört, wenn im Zusammenhang mit dem Kaffeehandel echte Probleme genannt werden, und ist noch empörter, wenn Schulkinder aufgefordert werden, sich über diese Probleme Gedanken zu machen oder sich gar zu „fair trade“ äußern.

    Eine demokratische Bildungseinrichtung fördert es, wenn es einem solch „Liberalen“ wie Gary Merett nach gedanklicher Gleichschaltung verlangt. In der FAZ fand man dieses Ansinnen ähnlich plausibel.

    Klassisch liberal. So nennen sie sich.

    Dr. Dean

    1. März 2008 at 19:20

  4. Eine andere, „klassisch liberale“ Ansicht hat G. Merrett in fundamentalistischen Ton so formuliert:

    Ganz gleich wie die Politiker und Bürokraten handeln werden, fest steht: Sie werden handeln. Und das ist die wahre Bedrohung für die Frauen – und Männer – dieser Welt.

    In Kurzform:

    1. Er fordert die ideologische Gleichschaltung der schulischen Ausbildung im Sinne „klassisch liberaler“ Ideologie.
    2. Die Politiker, die das bewerkstelligen sollen, erklärt er zur zentralen Menschheitsbedrohung.

    Das ist irgendwie konsequent…

    Dr. Dean

    1. März 2008 at 19:40

  5. @Dr. Dean
    Ähem, jetzt hab ich den FAZ-Artikel gelesen. Interessant. Ist das Wissenschaft? Ich bin ja kein Wissenschaftler. Im ganzen klugen Text gibts kein einziges echtes Zitat. Soll ich denn die ganzen Schulbücher jetzt selber alle lesen, um rauszufinden, wo die ganzen zusammengerührten Zuschreibungen und Adjektiva aus nicht zu sehenden Sätzen stehen?
    Ausserdem frag ich mich jetzt wieder mal, was das mit „Sozialismus“ zu tun haben sollte, was in den Büchern angeblich steht.

    T. Albert

    1. März 2008 at 19:43

  6. Dieser FAZ-Text ist ja echt noch schlimmer, grauenhaft.

    „In abstraktem Soziologenfranzösisch werden dort Themen abgearbeitet wie zum Beispiel „Ungleichheiten und soziale Kluften“, „Armut und Ausgrenzung“ oder „soziale Konflikte und Mobilisierung“.“

    Das ist allerdings dramatisch, daß solche Themen in der Schule behandelt werden. Alles wegzensieren, und wenn das nicht mehr in Schulbüchern steht, eben genau so wenig, wie’s in vielen Ökonomie-Lehrbüchern nicht auftaucht, dann gibt’s das auch nicht mehr. „Definitionsgemäß“.

    Noch schlimmer aber dieses suggestive Pfurzen:

    „Seit Jahrzehnten scheitern noch so kleine Reformen, bei denen der Verdacht besteht, sie könnten Menschen von Politik und Sozialstaat abnabeln und den kalten Kräften von Markt und Selbstverantwortung aussetzen. Um das alles zu ergründen, können wir Bismarck und Weimar bemühen, über die frappierende Überlappung von linkem Klassendünkel und rechter Gemeinschaftsgesinnung sprechen oder über den Machterhalt der politischen Klasse durch die Sozialstaatsabhängigkeit der Bürger.“

    Das ist Neue Rechte pur. Genau diese Verdrehungsstrategien. Daß Bismarck die Sozialistengesetze erlassen hat, das gehört ab sofort definitionsgemäß aus den Schulbüchern gestrichen. War der das nicht auch mit dem Dreiklassenwahlrecht? Und was soll denn eigentlich „linker Klassendünkel“ heißen? Und wie kommt der da auf „Gemeinschaftsgesinnung“? Was ein Murks: Wie erfinde ich mir meinen politischen Gegner?

    Abgesehen davon durfte ich gerade wieder einen Vortrag meines Chefs über „Teamwork“ hören – ist das dann nicht auch „Gmeienschaftsgesinnung“?

    Meine Schulzeit liegt ja nun schon ein wenig zurück, aber wir haben da von linken GEW-Lehrern z.B. verschiedene Unternehmensformen gelehrt bekommen und haben u.a. eine AG gegründet. Und was soll überhaupt dieses Plädoyer gegen Festanstellungen? Das ist auch eine Frage wechselseitiger Loyalität, also z.B. einem Unternehmen gegenüber, ohne die es gar keine Chance hat.

    Das ist ja das allerschlimmste, daß diese Ideologen null Ahnung von Realwirtschaft haben …

    momorulez

    1. März 2008 at 20:54

  7. OT
    Falls ich zu Ruhm und Ehre dieses Weblogs beitragen dürfte, dann wäre das dieser Film bzw. Linktipp, besonders guckenswert übrigens für echte Liberale. Und Linke. Sowieso.

    (nach dem zweiten Lesen des FAZ-Artikels ist bei mir eine echte Volksfront-Stimmung angefacht worden, stark verbunden auch mit hässlichen Gedanken gegenüber FAZ-Herausgebern, welche die Diskurse der Neuen Rechten ins Bürgertum transportieren)

    Dr. Dean

    1. März 2008 at 23:22

  8. „Per Definitionem […] friedlich zusammenkommen und zum gegenseitigen Vorteil miteinander kooperieren“ – es scheint verdammt wenig Markt zu geben in der Welt. Gemessen an der Wirklichkeit (was ja ein sehr böser Ansatz ist), ist das eine contradictio in adjecto. Ergo: Da die Defininition auf nichts zutrifft, ist solcher „Markt“ schlicht Lüge und Propaganda. Gegenseitigkeit und Friede müssen von Instanzen gesichert werden, die dieser Marktideologie entgegenstehen.
    Das hat er doch fein herausgearbeitet.

    flatter

    2. März 2008 at 0:22

  9. „Ergo: Da die Defininition auf nichts zutrifft, ist solcher “Markt” schlicht Lüge und Propaganda.“

    Echt? Herr Flatter geht also nicht arbeiten, kauft keine Lebensmittel und keine Bücher, reist nicht, isst nicht, trinkt nicht… Sag mal, wie lebt es sich denn so als Eremit, heutzutage?

    statler

    2. März 2008 at 9:52

  10. Na, den Definitionen des Textes folgend nennt man das gemeinsame Kochen in WG-Küchen jetzt z.B. Markt, oder den Sonntagsnachmittags-Kick mit Freunden und einvernehmlichen Sex zwischen Dreien, und für das, was Du meinst, müßte man dann andere Begriffe finden, weil die Definition da nur Teilbereiche umfaßt und zudem so angelegt ist, daß, sobald auch nur irgendwas interveniert, was Du sonst „Nebenbedingungen“ oder so nennst, der Begriff nicht mehr zutrifft. Das, was wir meinen, wird erst durch seine diversen Bedingungen konstituiert, was ja die obige Definition ausschließt, daß sowas ginge. Da ist ja sogar Geld nur immanent, so als Blut. Wie nannte man das früher noch? Perpetuum Mobile?

    momorulez

    2. März 2008 at 10:00

  11. Nein, das müssen wir aber alles nicht. Wenn ich Geld ausgebe, kann ich regelmäßig davon ausgehen, daß wir beide was davon haben: Ich, der ich etwas für mein Geld kriege, und der andere, der für etwas von mir Geld bekommt.

    Jedenfalls hatte ich noch nie das Gefühl, meine Bäcker gegen seinen Willen überreden zu müssen, mir bitte ein Brot zu verkaufen. Und ich glaube, dem Bäcker wird es im Verhältnis zu seinem Mehllieferanten ähnlich gehen.

    statler

    2. März 2008 at 10:25

  12. Übel wird es, wenn man sich die Realität zwecks ihrer Eignung für definitionsgemäße Aussagen zurechtprügelt. Genau das ist das Problem:

    Nein, das müssen wir aber alles nicht. Wenn ich Geld ausgebe, kann ich regelmäßig davon ausgehen, daß wir beide was davon haben: Ich, der ich etwas für mein Geld kriege, und der andere, der für etwas von mir Geld bekommt.

    Wenn man sich fest vornimmt (wie Statler) unter gar keinen Umständen ins Kalkül zu ziehen, dass es z.B. Marktsituationen mit assymetrischen Machtsverhältnissen gibt, dann passiert genau sowas.

    Man pickt sich (exemplarische bzw. anekdotische Beweisführung) einfach ein Beispiel raus, bei dem weder auf Kundenseite (dieser hat hier i.d.R. eine bequeme Auswahl), noch auf Anbieterseite (dito) ein sonderliches Machtverhältnis vorliegt.

    Und da hier zudem mit großem Behagen die Methode des Garnicht-genauer-hinguckens zum Einsatz kommt, fällt im Beispiel von Statler dann auch nicht weiter auf, dass z.B. das Verhältnis zwischen Bäcker und seinem Vermieter keineswegs den Idealen einer friedlichen und machtarmen Tauschökonomie folgt, sondern dem schieren Gegenteil.

    Statler, es liegt hier also eine doppelte Theorie-Blindheit vor:

    A) Die Realität wird auf jene Beispiele beschränkt, welche die vermeintlich richtige Theorie stützen.
    B) Die gewählten Beispiele werden nur wenig sorgfältig beobachtet/bewertet – und einseitig in Richtung der Stützung der eigenen Theorie hin.

    Der wissenschaftliche Ansatz wäre hingegen – meiner Meinung nach – gewesen, nach den Beispielen zu fragen, wo die Theorie (friedlich, machtarm, faire Aufteilung des Tauschvorteils) nicht hinhaut. Die jeweiligen Beispiele sollten zudem sehr gründlich und möglichst unabhängig von den Vorurteilen des Untersuchers beobachtet werden und drittens sollte man dann genau prüfen, in welcher Häufigkeit eine Abweichung von den Theorieannahmen vorliegt – und unter welchen Bedingungen dies stattfindet.

    Der Witz an sog. Marktbeziehungen ist es, dass diese, und zwar auch in zunächst klaren Fällen, auf der Mini- und Microebene sehr komplex sein können – und dort i.d.R. in vielfacher Hinsicht von der bequemen Theoriewelt der Neoklassik abweichen.

    Beachtlich ist es, wie hier von Statler – der ja zu den helleren Köpfen zu rechnen ist – das Vorhandensein und die Bedeutung von Abhängigkeitsverhältnissen auf Märkten schlicht abgeleugnet wird. In Bausch und Bogen.

    Per definitionem.

    Das von Statler mit Nachdruck vorgebrachte „das müssen wir alles nicht“ heißt im angesprochenen Zusammenhang kaum etwas anderes als: „Sir, ich fordere Gedankenblindheit!„.

    Eine Form der Selbstverstümmelung.

    @ flatter
    Hmm. Müsste es nicht besser contradictio in definitionem hießen, denn contradictio in adjecto?

    Dr. Dean

    2. März 2008 at 11:30

  13. @Statler:

    Das meine ich doch mit „wie oben so unten“: Da wird irgendein Faktor isoliert, der ganz toll ist, und das ist dann Markt. Da hat der Dean schon recht. Das kann ja in Deinem Fach sogar mal methodisch Sinn machen, je nach Fragestellung, aber das kann man dann nicht als allumfassende Weltbeschreibung behaupten. Zudem die Definition schon deshalb nicht zutreffen kann, weil sie eben auch gemeinsames Kochen in WG-Küchen mitumfaßt, unn ich weigere mich dann doch, das auch als Markt zu begreifen, auch wenn’s ja Leute gibt, die alles, was Menschen miteinander machen, als Tauschverhältnis zu begreifen.

    momorulez

    2. März 2008 at 11:48

  14. Jaja, wenn ich einen Hammer habe, dann sieht plötzlich alles wie ein Nagel aus. Herr Dean, Sie müssen einfach mal lernen, präzise verschiedene Fragestellungen zu unterscheiden — und vor allem, daß sich Ihr Lebensthema der asymmetrischen Machtverhältnisse nicht bei jeder Fragestellung sinnvoll in die Runde werfen läßt.

    Asymmetrische Machtverhältnisse führen dazu, daß Kooperationsgewinne ungleich verteilt werden. Aber sie ändern nichts daran, daß Verträge auf Märkten nur geschlossen werden, wenn sie allen beteiligten Parteien vorteilhaft erscheinen. Wenn ich morgen nach Chicago fliegen will, meine Zahlungsbereitschaft 2000 Euro beträgt und die Lufthansa nur noch einen Platz frei hat, dann sind die Machtverhältnisse wirklich sehr asymmetrisch, und wenn die Lufthansa mein Dilemma kennt, dann knöpft sie mir 1.999,99 ab, so daß mir von dem schönen Kooperationsgewinn nur noch ein Cent bleibt.

    Das mag man dann aus Gründen der Verteilungsgerechtigkeit ungerecht finden, aber es ändert nichts daran, daß ich dem Vertrag mit der Lufthansa nur zustimme, wenn er (möglicherweise auch gerade noch) vorteilhaft für mich ist.

    Die Verteilungsgerechtigkeit ist schlicht ein anderes Thema, hier ging es um die Behauptung, daß Verträge nur zustande kommen, wenn alle Beteiligten sich einen Vorteil davon versprechen. Und das kann man eigentlich nicht ernsthaft bestreiten.

    statler

    2. März 2008 at 12:06

  15. „Asymmetrische Machtverhältnisse führen dazu, daß Kooperationsgewinne ungleich verteilt werden. Aber sie ändern nichts daran, daß Verträge auf Märkten nur geschlossen werden, wenn sie allen beteiligten Parteien vorteilhaft erscheinen.“

    Das ist doch schon wieder so eine Fomalierung, die gar nix Relevantes erläutert, wenn man die Bedingungen, die etwas als Vorteil erscheinen lassen, ausklammert.

    Das schließt noch nicht mal Zwang aus, geschweige denn Staat. Wenn ich einen Deal mit der Staatsanwaltschaft mache, meine Kumpels zu verpfeiffen, weil ich dann Bewährung kriege, dann könnte man das genau so beschreiben, das ist dann auch „Markt“.

    „Vorteil“ ist doch so dermaßen unspezifisch, da isses auch von Vorteil, die eigene Niere zu verscherbeln, weil’s eben vorteilhafter ist, als zu verhungern, aber gut ist das trotzdem nicht, und sowas dann als „Kooperation“ zu bezeichnen, das kann man zwar machen, aber welchen Sinn hat das dann noch?

    momorulez

    2. März 2008 at 12:16

  16. Das soll ja auch nix erklären, es ist vielmehr selbst ein Resultat — wenn auch ein denkbar triviales: Wenn die beiden Annahmen erfüllt sind, daß Verträge nicht erzwungen werden und die Vetragsteilnehmer vernünftig eigeninteressiert sind, dann kommen nur Verträge zustande, die beiden nutzen.

    Daß das nicht exklusiv auf Märkten gilt, sondern auch für Verträge, die außerhalb von Märkten geschlossen werden, stimmt natürlich. Aber Beziehungen auf Märkten unterscheiden sich von denen, die es dann z.B. innerhalb von Organisationen oder Hierarchien gibt, dadurch, daß sie immer und nicht nur manchmal auf solchen freiwilligen Verträgen beruhen. Was nicht ausschließt, daß Du mit einer Markttransaktion auch für einen begrenzten Zeitraum die Freiwilligkeit verkaufst. Nichts anderes sind viele Arbeitsverträge: Man erhält die Sicherheit eines regelmäßigen Einkommens, ordnet sich aber dafür in eine Organisation ein — man verläßt qua Vertrag für seine Arbeitszeit den Markt und begibt sich in eine mehr oder weniger hierarchische Ordnung.

    Und was den Organhandel angeht: Ja, klar, auch das ist ein Markt, wenn auch in der Regel ein Schwarzmarkt. Und natürlich würden wir alle zustimmen, daß es vorteilhaft wäre, dem armen Kerl, der ein Organ verkauft, ein anderes Einkommen zu verschaffen, so daß er das nicht tun muß. Aber in der Situation, in der er ist, schließt er diesen Vertrag, weil er erwartet, sich dadurch besser zu stellen. Das Problem ist: Wenn wir wollen, daß es ihm wirklich besser gilt, dann helfen wir ihm nicht, indem wir einfach den Organhandel verbieten. Sondern wir helfen ihm, indem wir ihn so ausstatten, daß er auch selbst nicht mehr auf die Idee käme, freiwillig seine Organe zu verkaufen.

    statler

    2. März 2008 at 13:12

  17. @ Statler
    Machtausübung ist das Gegenteil von „friedlich“. Dein „Lebensthema“ (und das wäre sehr traurig) scheint es zu sein, theoretische Idealbilder in die Realität zu projeziieren.

    Dir fehlt es an Neugierde.

    Dr. Dean

    2. März 2008 at 13:41

  18. @Statler:

    „man verläßt qua Vertrag für seine Arbeitszeit den Markt und begibt sich in eine mehr oder weniger hierarchische Ordnung.“

    Das würde dann aber genau so auch für die vermeindliche „Herrschaft einer Mehrheit über eine Minderheit“ als Charakteristikum einer Demokratie gelten – wennn Du so an das Thema rangehst, hebst Du im Grunde genommen die Staat/Markt-Differenz in einer sehr allgemienen, Figuren des Naturrechts entlehnten Handlungstheorie auf, und dann sagt die so viel einfach nicht mehr aus.

    momorulez

    2. März 2008 at 15:26

  19. Also, ich muss sagen, diesen Naumann-Stiftung-Text finde ich schlichtweg Ballaballa. Das ist höchstens unfreiwillig komisch, wie seinerzeit dieses bei Lysis verlinkte Wertmüller-Interview. Sind eigentlich Privatarmeen eine wünschenswerte liberale einrichtung?

    Ich zitiere jetzt einfach mal den Zitterwolf, der bei den Bloggies mal etwas gepostet hatte, was hier ganz gut reinpasst:

    „für einen neoliberalen is bildung kein menschenrecht
    für einen neoliberalen is wasser kein menschenrecht

    bei freiheit wird noch höflich diskutiert im gesteckten rahmen natürlich der da wäre:

    1.“das subventionierte Gut” (die ware) wird (nicht) übermäßig konsumiert”
    2. “dass der Konsument die Grenzkosten der von ihm konsumierten Güter (u.a. die ware freiheit) …. deckt.”

    wenn ich morgen hier vorbeischaue wird sicher unaufgeregt über den sklavenmarkt und die interdependenz der märkte diskutiert.“

    che2001

    2. März 2008 at 17:13

  20. Ein Freiheitsbegriff, der sich im Wesentlichen auf ökonomischer Freiheit beruht – und hier wiederum sogar stark ausgeprägte Machtstrukturen noch als Form des „freiwilligen Vertrags“ deutet, ist nach meinem Verständnis hohl. Ein derartiger Freiheitsbegriff ist leer wie unnütz. Sorry.

    Ein arg zugespitztes Beispiel zur Verdeutlichung

    So könnte man einen Vertrag zwischen einem Folterer und einem Gefolterten „freiwilig“ nennen und sogar für beide Seiten als unbestreitbar „vorteilhaft“ deuten. Da der Folterer das Dilemma des Gefolterten kennt, realisiert er seinen maximalen Vorteil. Und es bleibt in dieser Situation immer noch für beide Seiten vorteilhaft. Denn bei Licht betrachtet erwirbt der Gefolterte einen riesengroßen Vorteil: nämlich sein Leben bzw. Abwesenheit von Schmerz. Ein ausreichend großer „Kooperationsgewinn“ besteht also offenkundig.

    Alles ist gut. q.e.d.

    (ganz ähnlich zum Chicago-Lufthansa-Beispiel von Statler – nur noch zugespitzter)

    Dr. Dean

    2. März 2008 at 17:18

  21. Ein Freiheitsbegriff, der sich im Wesentlichen auf ökonomischer Freiheit beruht – und hier wiederum sogar stark ausgeprägte Machtstrukturen noch als Form des „freiwilligen Vertrags“ deutet, ist nach meinem Verständnis hohl. Ein derartiger Freiheitsbegriff ist leer wie unnütz. Sorry.

    Ein arg zugespitztes Beispiel zur Verdeutlichung

    So könnte man einen Vertrag zwischen einem Folterer und einem Gefolterten „freiwilig“ nennen und sogar für beide Seiten als unbestreitbar „vorteilhaft“ deuten. Da der Folterer das Dilemma des Gefolterten kennt, realisiert er seinen maximalen Vorteil. Und es bleibt in dieser Situation immer noch für beide Seiten vorteilhaft. Denn bei Licht betrachtet erwirbt der Gefolterte einen riesengroßen Vorteil: nämlich sein Leben bzw. Abwesenheit von Schmerz. Ein ausreichend großer „Kooperationsgewinn“ besteht also offenkundig.

    Alles ist gut. q.e.d.

    (sehr ähnlich zum Chicago-Lufthansa-Beispiel von Statler – nur noch zugespitzter)

    Dr. Dean

    2. März 2008 at 17:19

  22. @Dr. Dean: „contradictio in adjecto“, da man ja mit etwas zuwerke geht, dem der Widerspruch immanent ist. Außerdem kürzt sich das so schön ab.
    @statler: Andere haben bereits die Antwort weitgehend übernommen. Nehme ich doch eine deiner Fragen wörtlich: Doch, ich gehe arbeiten. Aber ich empfinde es nicht als Freiheit und sehe auch den „gegenseitigen“ Vorteil nicht recht. Ich arbeite allerdings in enem sehr komplexen Umfeld. Wir werden mäßig bezahlt und reparieren das, was andere kaputtmachen.
    Bemerkenswert ist immer, wie ihr aufschlagt und was am Ende von der Herrlichkeit bleibt. Da ist von „Freiheit“ und „Vorteil“ die Rede, und ihr subsumiert am Ende noch das, was einer macht, weil es ihm sonst noch dreckiger ginge. Schließlich sieht er ja im konkreten Marktvorgang seiner Selbstunterwerfung einen „Vorteil“. Das ist schlicht Propaganda.

    flatter

    2. März 2008 at 23:45


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