shifting reality

Es gibt kein richtiges Lesen im valschen!

Im Westen nix Neues!

with 28 comments

„Die Auseinandersetzung nimmt die Form an, alles, was als Ausdruck einer oppositionellen Mentalität verstanden werden kann, so hinzustellen, daß es in seinen Konsequenzen mit dieser oder jener Art von Extremismus verknüpft werden kann: so etwa stellt man eine Verbindung her zwischen Modernität und Nihilismus, zwischen Wohlfahrtsprogrammen und Plünderungen, zwischen staatlichen Eingriffen und Totalitarismen, zwischen der Kritik an Rüstungsausgaben und Komplizenschaft mit dem Kommunismus, dem Kampf für Rechte der Homosexuellen einerseits, der Zerstörung der Familie andererseits, zwischen der Linken überhaupt und Terrorismus, Antisemitismus oder gar Faschismus.“

Peter Steinfels, The Neokonservatives, 1979, S. 65, zitiert nach: Habermas, Jürgen, Die Moderne – ein unvollendetes Projekt (1980), S. 38, Leipzig 1990, S. 38 – ja, das ist der berühmte Aufsatz, in dem Foucault und Bataille als Jungkonservative aufgeführt werden, jener, auf den der nicht erwähnte Lyotard sehr scharf reagierte.

Keine Ahnung, wer Peter Steinfels ist, erstaunlich nur, wie aktuell die Blogosphäre betreffend dieses Zitat ist – auch wenn Habermas hinsichtlich Foucaults irrte, macht die Lektüre mal wieder Sinn. Die Gründe, die er anführt, Bataille und Foucault dort zu verorten, sind nicht nur doof:

„Die Jungkonservativen machen die Grunderfahrung der ästhetischen Moderne, die Enthüllung der dezentrierten, von allen Beschränkungen der Kognition und der Zwecktätigkeit, allen Imperativen der Arbeit und der Nützlichkeit befreiten Subjektivität zu eigen – und brechen mit ihr aus der modernen Welt aus. Mit modernistischer Attitüde begründen sie einen unversöhnlichen Antimodernismus.“

Ebd., S. 52

Nietzsche halt, aber allemal besser als die Neo-Konservativen weiter oben, die ich ja als Neue Rechte bezeichnen würde – solche Passagen sind tatsächlich auch nur dann verständlich, wenn man sich die Wirkung der Lebensphilosophie und der Prediger des „Irrationalen“ in der Weimarer Republik und kurz danach vergegenwärtigt, also Ludwig Klages und seine Attacken auf den „Logozentrismus“ oder Gottfried Benn in seiner Rede an die Emigranten.

Wobei Habermas diesen, allerdings den Späten, unter Neukonservativ auflistet. Das ist dann dieser ja wirklich ganz reizvolle Gestus, den auch ein Davila an den Tag legt, wenn Benn z.B. konstatiert:

„Pentesilea wäre nie erschienen, wenn darüber abgestimmt wäre. Der Staat, immer bereit zu Geschwätz, daß die Nation sich aus inneren Kräften erneuere, hat der Kunst gegenüber keine andere Geste als die, die vom Fehlgriff lebt.Er beruft eine Akademie,: zwei oder drei Konzessionslose, die unübersehbar sind, aber dann die Masse der Schieber, die flüssigen Epiker, die Rülpser des Anektdotenschleims, die psychologischen Stauer von Mittelstandsvorfällen ….“

Gottfried Benn, zitiert nach: Gerd Haffmans, Gottfried Benn oder Die Verteidigung des Elfenbeinturms, in: Ausgewählte Gedichte, Zürich 1973, S. 97

Na, und zieht man jetzt mal ab, daß das deutlich besser geschrieben ist, kennnt man das ja aus der liberalen und libertären Ecke. Klar wird auch, wieso es sich da so oft um Etikettenschwindel handelt … oft nur, nicht immer.

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Written by momorulez

9. März 2008 um 18:10

28 Antworten

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  1. Steinfels auf Teile der Eigentums-/Marktliberale Blogosphäre angewandt könnte sich in etwa so lesen:

    Mit fortschrittlicher Attitüde begründen sie eine unversöhnliche Fortschrittsfeindlichkeit.

    Dr. Dean

    9. März 2008 at 18:16

  2. Obwohl nicht erwähnt und nicht gesucht, kommt mir der Begriff der „reaktionären Modernität“ in den Sinn – eine Haltung, die in Kreisen der Anhänger „konservativen Revolution“ sehr verbreitet war.
    Interessant wäre es, mal zu untersuchen, inwiefern Neokonservative und „Neoliberale“ reaktionär modern im Sinne Jeffrey Herfs denken – oder von dem befallen sind, was Thomas Mann mit „hochtechnisiertem Romantizismus“ umschrieb.

    MartinM

    9. März 2008 at 20:15

  3. Es gab ja immer Versuche, den Neocon-Neoliberalen-Komplex zur Konservativen Revolution in Beziehung zu setzen. Dachte ich am Anfang auch, aber ich glaube, das funktioniert nicht.

    Ich halte das für einen US-Import, wo konservativ sich stärker als in europäischen Ländern auch gegen Staat richten kann. „Wer meinen Vorgarten betritt, den darf ich auch abknallen“, so in dem Sinne.

    Im Grunde genommen sind das oft einfach nur Versuche Versuche, mal wieder so richtig schön Macho, Rassist, Sklaventreiber und Schwulenhasser sein zu dürfen. Und das ist dezidiert anti-modern, weil da eben diese ganze Figuren der Gleichheit vor dem Recht, der Weltdeutung per Wissenschaft usw. auch mit zugehören, zur Moderne.

    Und nein, ich glaube nicht, daß alle Amerikaner so sind 😉 ….

    Die Konservative Revolution war eher elitär und anti-demokratisch, also schon das, was bei Benn da auftaucht, aber nicht bezogen auf das erste Zitat. Bei manchen Deiner Co-Autoren und bei Herrn Stritzinger sowieso dringt das freilich auch durch, das ist aber Anti-Moderne in einem, na, Adels-Sinne, transformiert.

    momorulez

    9. März 2008 at 20:37

  4. Es gibt allerdings durchaus „Neokonservative“, die zwar, wie du so treffend schreibst, wieder richtig schön Macho, Rassist, Sklaventreiber und Schwulenhasser dürfen sein wollen, andererseits aber nicht nur technisch, sondern auch naturwissenschaftlich und praktisch-sozialwissenschaftlich „auf der Höhe der Zeit!“ sind – mit einem Bein Pionier im Wilden Westen, wo das Gesetz im Zweifel sechs Schuss hatte, mit dem anderen im Weltraum oder im Cyberspace. Eben eine „reaktionäre Moderne“, eine Absage an die gesellschaftliche und politische Moderne und das moderne Menschenbild, die aber mit hochmodernen materiellen und geistigen Werkzeugen durchgesetzt wird.
    Die elitären Vertreter der „konservativen Revolution“ waren ebenfalls „reaktionär modern“, aber eben „deutsch“ und nicht „nordamerikanisch“ – nicht zurück in die glorreiche Pionierzeit, sondern eben zurück zu einer Art Ständestaat. Aber der Inbegriff der „reaktionären Modernität“ ist für mich der (italienische) Faschismus – der deutsche Nationalsozialismus war im Wesentlichen anti-modern, was sich sogar auf die Naturwissenschaften erstreckte, auf die Kunst sowieso. Nur in Technik und Verwaltung war der Nationalsozialismus wirklich „fortschrittsfreundlich“.

    Die Parallele existiert also, obwohl die „konservative Revolution“ und die von ihr inspirierte „neue Rechte“ eine völlig andere Art des „Neokonservatismus“ darstellt, als die im Denken staatsfernere amerikanische Variante.

    MartinM

    9. März 2008 at 23:35

  5. „Aber der Inbegriff der “reaktionären Modernität” ist für mich der (italienische) Faschismus“

    Damit müßte ich eh mal mehr beschäftigen, T. Albert berichtet da ja auch vieles. Außer, daß Mussolini immer klischeehaft operettenmäßig gezeigt wird und man ihn final mit dem Kopf nach unten irgendwo aufhängte und daß es irgendwann einen „Marsch auf Rom“ gab und die Futuristen die mochten weiß ich da tatsächlich nicht …

    momorulez

    10. März 2008 at 8:51

  6. Wenn ich Zeit finde, kann ich darüber mal was erzählen. Aber zurück zum Thema: Schon die Existenz prowestlicher Blogrolls ist die direkte Übernahme einer Diskursstrategie US-amerikanischer Rechtsradikaler. Die immer gleiche Blogroll, mit der PI, Gegenstimme, freilich CH, Eigentümlich frei und damals noch gewisse Mitdiskutanten hier 2005 aufkreuzten sieht aus wie eine 1 : 1 Übernahme der Blogrolls, die im Umfeld von Coulter, Pipes und bis hin zu US-Neonazis verwendet wurden. Nicht zuletzt aus diesem Grunde hatten Leute wie Don, Dr.Dean und ich damals so spitz reagiert. Dazu kommt dann die Komponente, dass es in den Niederlanden und Dänemark eine neue Art von Rechtsradikalismus gibt, der sich nicht mehr sozialpopulistisch gibt, sondern im Gegenteil wirtschaftsliberal. Kaschiert als Islamkritik wird eine Ausländerfeindlichkeit vertreten, die sich nicht mehr gegen Ausländer an sich,sondern gegen Armutsmigranten richtet. Namen wie Theo van Gogh und Ayaan Hirsi Magan stehen für diese neue Rechte, die ich als Wohlstandsrassismus bezeichne. Und die fanden sich halt auch auf der bewussten Blogroll.

    che2001

    10. März 2008 at 9:38

  7. Ein paar Stichworte zum italienischen Faschismus:

    Er zeichnete sich durch einen starken Korporatismus aus. Durch die Zusammenfassung der einzelnen Branchen in kammerähnliche Zwangskörperschaften (sowas ähnliches wie IHKen, aber mit Sanktionsmöglichkeiten gegenüber den Betrieben) und der Arbeiter in Syndikaten (ursprünglich auf den Gewerkschaften des Anarchosyndikalismus basierend, wo Mussolini eigentlich her kam) sollten Klassenkämpfe neutralisiert werden. Trotz Führerkult war der italienische Faschismus „parlamentarischer“ als der NS.Das Parlament war zwar aufgelöst, wurde aber durch die Kammer der Fasces und Korporationen und den Großen Faschistenrat ersetzt, der Mussolini schließlich auch die Macht entzog. Die Ideologie kannte keine Rassentheorie, sondern stellte einen antikisierenden großrömischen Nationalismus neben einen futuristischen Kult des Willens, der so weit ging, Willkür abzufeiern. Der Antikommunismus hatte weniger fanatische Züge als bei den Nazis, der Faschismus sah sich als Überwindung der Klassengegensätze in Form eines verordneten Klassenkompromisses, aber nicht als „Rassenkampf statt Klassenkampf“, was für den NS ausschlaggebend war.

    che2001

    10. März 2008 at 11:35

  8. „Die Ideologie kannte keine Rassentheorie, ….“

    Naja, Che, also, da kann man geteilter Meinung sein. Der Àthiopien-Krieg wurde einerseits durchaus rassisch begründet, andererseits von einigen Faschisten zur Arbeiterbefreiung hochstilisiert: wir bringen den Negern Freiheit und Aufklärung des Reiches.
    Die Camarilla war sich ja auch nicht einig, es gab eben sehr wohl Kräfte, die antisemitisch gemeinsame Sache mit den Nazis machten, wie es auch eine starke Fraktion der Leitungsebenen und Künstler, bes. architekten, gab, die eine n antimodernen Klassizismus installieren wollten. Also, diese vielbeschworene ästhetische Moderniät des Ital. Faschismus, die oft zu seiner Relativierung herangezogen wird, war durchaus nicht sein Hauptmerkmal, und für ihre Autoren auch oft genug mit Ärger verbunden. Es gab nicht nur den Futurismus, und es gab nicht nur Futuristen, die als solche immer regimetreu geblieben wären.

    T. Albert

    10. März 2008 at 13:42

  9. Mit Rassentheorie meine ich aber die hierarchisierende Rasseneinteilung in Verbindung mit einer sozialdarwinistisch-eugenischen Konzeption der beabsichtigten „Aufnordung des Volkskörpers“ und der „Ausmerze von Keimvergiftungen und Untermenschen“ und „Vernichtung der überflüssigen Esser“.

    Der italienische Faschismus war allerweltsrassistisch, auch wenn man in Äthiopien und Libyen KZs betrieb und Massenhinrichtungen durchführte.

    che2001

    10. März 2008 at 13:47

  10. JA, da geb ich Dir natürlich recht.

    T. Albert

    10. März 2008 at 15:22

  11. Danke für die Appetitanregenden Zitate! Und danke für die feine Beobachtung!

    Nur am Rande noch ein Hinweis: wer mit feinem Sensorium diesen „neokonservativen Meinungskomplex“ betrachtet, stellt in jüngster Zeit dort eine Abkehr von allzu liberal-libertären und eine Hinwendung zur auch nach innen wirksamen Machtstaatsattitüde fest.

    Spannend wäre in der Tat mit Euch mal eine Debatte über die Frage zu führen, was eigentlich „Fortschritt“ heißt. Für mich war der fortschrittlichste Politiker der deutschen Geschichte Eugen Richter, nach ihm kam nur noch Rückschrittliches und unverfroren Reaktionäres wie etwa FJS, der behauptete „konservativ“ zu sein bedeute an der Spitze des Fortschritts zu marschieren. Es ist eine der vielen Schwächen Hayeks, daß er gerade auf diesen bayerischen Staatssozialisten mal größte Hoffnungen setzte.

    Eine Bitte: Widersteht der Verlockung alles Liberale mit „neoliberal“ oder „vulgar libertarian“ gleichzusetzen, auch wenn diese Elemente leider gerade in der Libersphäre die Szene beherrschen, wie ich zu meinem Bedauern zugeben muß.

    Linkslibertäre Grüße
    DDH

    P.S.: Da ich als damals rechter Teenager Carl Schmitt, Armin Mohler u.ä. verschlungen habe (wenn auch nicht immer verdaut), entdecke auch ich Analoges im Denken der Neocons!

    DDH

    10. März 2008 at 15:49

  12. @Che: „Die immer gleiche Blogroll, mit der PI, Gegenstimme, freilich CH, Eigentümlich frei und damals noch gewisse Mitdiskutanten hier 2005 aufkreuzten sieht aus wie eine 1 : 1 Übernahme der Blogrolls, die im Umfeld von Coulter, Pipes und bis hin zu US-Neonazis verwendet wurden. Nicht zuletzt aus diesem Grunde hatten Leute wie Don, Dr.Dean und ich damals so spitz reagiert. Dazu kommt dann die Komponente, dass es in den Niederlanden und Dänemark eine neue Art von Rechtsradikalismus gibt, der sich nicht mehr sozialpopulistisch gibt, sondern im Gegenteil wirtschaftsliberal. Kaschiert als Islamkritik wird eine Ausländerfeindlichkeit vertreten, die sich nicht mehr gegen Ausländer an sich,sondern gegen Armutsmigranten richtet. Namen wie Theo van Gogh und Ayaan Hirsi Magan stehen für diese neue Rechte, die ich als Wohlstandsrassismus bezeichne. Und die fanden sich halt auch auf der bewussten Blogroll.“

    freilich.ch auch? Aber da schreibt mein Freund Christian Hoffmann, den die Neocons so lieb haben wie mich! 😉

    Im übrigen glaube ich beobachten zu können, daß bei den pro-westlichen Rechtspopulisten ja die liberale (oder in Deinen Worten „wirtschaftsliberale“) Legierung längst schon wieder am Abblättern ist. Und Zuwanderungsrestriktion IST (wenn auch durch Herumreiten auf „westlichen Werten“ und „Hausordnungen“ und „“unserem“Grundgesetz“ camouflierter) Sozialpopulismus.

    btw.: Das ärgert mich ja auch so maßlos am „libertären“ Ron Paul, daß er closed borders zum Wahlziel ernannte! Ekehaft!

    DDH

    10. März 2008 at 16:03

  13. Frage in die Runde: Die merkwürdige Verbindung von Liberalismus (Vilfredo Pareto!) und Faschismus (Mussolini soll angebl. am Anfang seiner Regentschaft einige „wirtschaftsliberale“ Reformen durchgeführt haben) in der italienischen Geschichte harrt doch sicher noch einer eingehenderen Untersuchung, oder?

    DDH

    10. März 2008 at 16:09

  14. @italienischer Faschismus: Anfang letzten Jahres ist in der „Peripherie“ ein Artikel erschienen, der sich mit der breiten popularen Zustimmung zum Abessinienkrieg 1936 beschäftigte. Der Autor stellte folgende These auf (cuh zitiere mal von mir drüben:

    „der Sieg über Äthiopien stellt eine zentrale kollektive Erfahrung der gesamten (!) italienischen Bevölkerung im 20. Jahrhundert dar.

    Vollmer unterscheidet drei strategische Komplexe, die die Knotenpunkte des faschistischen Konsens bildeten:

    1. ein supermoderner Revolutionismus, der vor allem die Zustimmung der proletarischen Klassen sicherte und der folglich auch in der Industriestadt Terni Verwendung fand: der Sieg in Abessinien wurde als revolutionäre Gewalt gefeiert, die gleichzeitig die Befreiung der Arbeitklassen sicherte und sich dadurch von dem liberalen Staat des garibaldinischen Risorgiomento abgrenzte und als verjüngende Krieg-Revolution ein neues Zeitalter anbrechen sah;

    2. die Romanitá, die den Faschismus als Wiederauferstehung des Imperium Romanum präsentierte und damit an für die konservativen Intellektuellen im bürgerlichen Arezzo anschlussfähig blieb und Italien als eine erneuerte Kulturnation von weltpolitischer Bedeutung aus der franzäsisch-englischen Hegemonie im Mittelmeer und in Afrika herausgelöst sah.

    3. ein kultureller Missionismus: Die katholische Kirche vermochte an beide Diskurse anzuknüpfen, indem sie zum einen Rom wieder zum geistigen und religiösen caput mundi aufsteigen sah, und zum anderen den Abessinienkrieg als Befreiungs-, Expansions- und Zivilisationskrieg interpretierte, deren göttlicher Vollstrecker Mussolini war.“

    Also zum Konservativismus: Also wenn ich das noch richtig in Erinnerung habe, dann gab es in den 90ern in den USA einen großen politischen Streit um die adäquate Interpretation des Netzes. Auf der einen Seite eine Interpretation, die tatsächlich an die Cowboy- und Prärie-Romantik anknüpfte und das Internet als „New Frontier“ begriff, als unendlich weites Grenzland, dass es nun zu besiedeln und zu kolonialisieren gilt. Und auf der anderen Seite die Intepretation, des Netzes als Information Superhighway, die von Al Gore geliefert wurde und in Europa unter der neuen Gesellschaftskonzeption einer „global information society“ thematisiert wurde. Da gab es den sogenannten Bangemann-Report, der daraus Konsequenzen für die EU ausarbeiten sollte: da saßen dann neben dem Bangemann u.a. der Heinz-Olaf Henkel, von Pierer oder Romano Prodi drin, die eine explizite Ausrichtung des Internets auf Marktprozesse forderten. Eine strukturelle Notwnedigkeit dafür war daher die Etablierung von Breitbandnetzen.

    Beide Interpretationen trafen sich dann aber z.B. in der favorisierten Form des „Entrepreneur“.

    lars

    10. März 2008 at 16:27

  15. @ DDH / „wirtschaftsliberaler“ Mussolini
    Zwischen 1921 und 1925 kann man Mussolini als Vertreter eines kraftmeierischen Individualanarchismus nennen, und auch den italienischen Faschismus in dieser Richtung deuten, bis hin zur Verherrlichung der Willkür reicht als Ausdruck der „Willenskraft“. Passendes Stichwort: Nietzsche.

    Danach wurde der italienische Faschismus wirtschaftskorporatistischer, ohne damit sozialistische bzw. eigentumsenteignend-kollektivierende Züge anzunehmen.

    Im Gegensatz zu Deutschland war die Wirtschaftsdoktrin des italienischen Faschismus weniger stark völkisch geprägt, Autarkie-ideen und Betriebsführer-Ideologie hatten, im Vergleich zu Deutschland, in Italien eine geringere Bedeutung. Der italienische Wirtschaftskorporatismus während des Faschismus resultierte im Vergleich stärker aus den Ideen eines Ständestaates, was – ähnlich wie in Deutschland – ideengeschichtlich wiederum konservative Wurzeln hat, während der deutsche Korporatismus einerseits dem Industriewunsch nach „Bändigung“ des Konkurrenzwesens entsprach, sowie nationalsozialistschen Ideen einer „Volksgemeinschaft“, welche vom „Führer“ gelenkt sein solle. Der Korporatismus diente also zugleich der Gleichschaltung, gehörte hier also zum Bereich der Herrschaftstechnik, und weniger irgendwelchen sozialistischen Ideen, welche ja als „Bolschewismus“ abzuwehren waren.

    Herrschaftstechnik ist hier ein wichtiges Stichwort, war der faschistische Wirtschaftskorporatismus schließlich auch ein Mittel, divergierende Interessen einzubinden und einzuebnen.

    In beiden Formen des Faschismus galt der Unternehmer als Idealbild eines „Tatmenschen“ und seine Durchsetzungskraft wurde auch als Ausdruck eines sozialdarwinistischen Geschehens verstanden.

    Ab 1925 wurden im italienischen Faschismus die Kräfte hin zu einem etatistischen Nationalismus mit anti-liberalen Zügen stärker, und am Ende kam es – auch unter der Mitwirkung von Alfredo Rocco – zu einer Art Kompromiss zwischen individualanarchistischen, korporatistischen und nationalistisch-etatistischen ideen innerhalb des italienischen Faschismus. Der Korporatismus wurde von den Faschisten in diesem Zusammenhang als „die wahre Demokratie“ ausgegeben.

    Im faschistischen Wirtschaftskorporatismus liefen zwei Erscheinungsformen des Wirtschaftskorporatismus zusammen:

    A) Staatskorporatismus

    (Korporationen werden von staatlicher Seite per Zwang durchgesetzt)

    B) Privatkorporatismus

    (Wirtschaftliche Korporationen dienten einem privaten Interesse, z.B. zur Abminderung des Wettbewerbsdrucks)

    Dr. Dean

    10. März 2008 at 16:50

  16. (bitte bei beiden Formen die Durchmischung von privaten Wirtschaftseliten* mit Beamtenschaft, Parteieliten, und Staatsführung dazudenken – damit man einen vernünftigen Begriff von Korporatismus erhält)

    * z.B. zur Realisierung/Sicherung ökonomischer Privatinteressen von Industriellen

    Dr. Dean

    10. März 2008 at 16:55

  17. Mönsch, hier lernt man ja heute richtig was, kann meinerseits da tatsächlich wenig zu beitragen …

    momorulez

    10. März 2008 at 17:12

  18. Ja, vielen Dank. Das liest sich wirklich interessant.
    Bin durch die Diskussion über Trolle und Kommentare bei mir und Spreeblick hierher geraten. Und zwar über ein Zitat bei welt.de, das imho zu unserem Thema hier auch recht gut passt:


    Das Bellen der Kampfhunde sagt uns: Allzu viele intellektuelle Debatten werden hierzulande mit dem Willen zur Vernichtung geführt. In der Historikerdebatte ging es darum, den Ruf jener Wissenschaftler zu zerstören, die es wagten, Hitler und Stalin zu vergleichen. In der Walser-Bubis-Debatte unterstellte der Schriftsteller vorsorglich seinen Gegnern, sie wollten ihn mit der Auschwitzkeule totschlagen. Und so ging es immer fort in den unzähligen anderen, sich meist an der unseligen Vergangenheit aufrichtenden Feuilleton-Großereignissen der letzten Jahrzehnte – bis hinunter zu ihrer Karikierung in der Kerner-Herman-Show, bei der einzig die von „Bild“ gestellte Frage, ob „Eva braun oder nur doof“ sei, zugelassen war. Sie alle zielten darauf ab, die Deutungshoheit über die Ereignisse zu erlangen, indem der Gegner zur Unperson erklärt wurde.

    quelle: http://www.welt.de/wams_print/article1600388/Querulanten_aller_Lager_vereinigt_euch_Im_Internet_tobt_sich_das_gesunde_Volksempfinden_aus.html

    Ich freue mich schon drauf, dass momo mild lächelnd mir gleich am Millerntor erklärt, dass das normales menschliches Verhalten ist, wenn es um Machtkämpfe geht. 🙂

    Forza und bis gleich …

    ring2

    10. März 2008 at 18:28

  19. Sehr informativ hier und heute. Noch ein paar Spritzer SenF:

    >FJS, der behauptete “konservativ” zu sein bedeute an der Spitze des Fortschritts zu marschieren.<
    Strauß marschierte „an der Spitze des Fortschritts“, insofern Industrieansiedlungen, technische Neuerungen, Ausbau der Infrastruktur – und durchaus auch Investitionen in die Bildung (allerdings im Sinne der Eliteförderung) gemeint sind.
    Dass er in Sachen Gesellschaftsverständnis erzkonservativ war, und ein mehr als fragwürdiges Demokratieverständnis hatte, dass er klüngelte, bestach und sich bestechen ließ, dass das bayrische „Amigo“-System noch von ihm etabliert worden war, und das persönliche Beziehungen und persönliche Verpflichtungen für ihn stets wichtiger waren, als geschriebenes Recht, das steht auf einen anderen Blatt.

    In manchen Dingen könnte ich Strauß einen Vertreter der „reaktionären Modernität“ nennen. Ich neige aber dazu, ihn für einen mit beiden Beinen in der Moderne stehenden Anti- bzw. Scheindemokraten zu halten. „Fortschritt“ heißt ja leider nicht immer: mehr Gleichheit, mehr Bürgerrechte, mehr Demokratie. (Ein Zwangsstaat a la „1984“ wäre ja auch nicht reaktionär. Jedenfalls nicht aus der Sicht des Jahres 1948.)

    MartinM

    10. März 2008 at 19:11

  20. DDH,

    wie meinste denn jetzt „linkslibertär“?

    Ach, Ihr verwirrt mich alle so. Ne Menge antifeudalistischer und sozialistisch denkender – okay, wir müssen immer ganz genau sein in der Identifizierungsverwirrung : also syndikalistischer Anarchisten – Spanier waren „linkslibertär“.
    Aber wie bei NUB schon gesagt, ich bin kein HIstoriker. Ick staune nur und wundre mir.

    T. Albert

    10. März 2008 at 20:27

  21. @DDH: Ich meinte nicht, dass freilich CH in einen Topf mit PI, Kewil, Gegenstimme usw. geworfen werden könnte, sondern beschrieb nur die Zusammensetzung der Blogroll. Hinsichtlich „linkslibertär“ sehe ich das genauso wie T.Albert.

    che2001

    10. März 2008 at 22:45

  22. Naja, die Manchesterliberalen (Cobden, Bright) sagen Euch doch was. Und die amerikanischen Individualanarchisten (Tucker, Spooner, Thoreau) auch. Tu beides zusammen, dann hast Du „linkslibertär“. 🙂

    Okay, sehr verkürzt. 😉

    Bevor ich nun zu Bette gehe, hier noch ein Link zur Erläuterung:

    http://www.fff.org/freedom/fd0706b.asp

    DDH

    10. März 2008 at 23:41

  23. Nur dass in meinem Koordinatensystem, und ich habe in Geschichte und Politikwissenschaft zum Thema politische Ideengeschichte promoviert, der Begriff „libertär“ sich zwischen russischen Anarchisten (Bakunin, Kropotkin), Anarchosyndikalisten (Durutti, Rocker, Souchy) und neueren anarchopazifistischen oder auch militanten Strömungen (CNT, FAU, Graswurzelrevolution, Autonome) ansiedelt.

    che2001

    11. März 2008 at 8:16

  24. So kenne ich das Koordinatensystem auch, ohne solche Studien. Aber drum sagen mir die Manchesterliberalen auch nix, Tucker, Thoreau aber schon. Thorerau kenne ich aus der Kunst- und Musikgeschichte. Kropotkin, Durutti, Souchy sozusagen aus dem Leben.

    T. Albert

    11. März 2008 at 16:27

  25. Bei US-Libertären würden mir neben Tucker und Thoreau auch in erster Linie die Haymarket-Bewegung, Sacco und Vanzetti und die Wobbling Hall einfallen.

    che2001

    11. März 2008 at 17:22

  26. ja, die fallen mir natürlich auch ein.
    und wer hat Kropotkin ins Amerikanische übersetzt?
    Barnett Newman.

    T. Albert

    11. März 2008 at 18:36

  27. Für einen linken Libertarismus:

    http://zine.paxx.tv/?p=3

    DDH

    12. März 2008 at 18:02


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