shifting reality

Es gibt kein richtiges Lesen im valschen!

„Nach Moskau!“ – Selbst-und Fremdverständnis, Lektüre und Narration seiner selbst

with 15 comments

“ Auf einmal wird es Frühling

Die Tage werden lang

Alle Fenster stehen auf kipp …“

Singt Niels Frevert hier gerade. Macht irgendwas mit mir, weil’s wahr ist. Was macht man, wenn das nix mit einem macht?

Mein Kollege hat ’ne Tochter. Neulich, da wurde ich ganz plötzlich sauwütend. Und das, obgleich wir kurz zuvor noch einträchtig zusammengesessen hatten beim Mittagsgriechen. Weil er erzählte, daß sie am Abend zuvor der Tochter den CD-Player weggegenommen hatten, für ein paar Stunden nur. Und es ginge ja gar nicht, daß sie daraufhin des Kollegen Gattin als „Arschloch“, meiner Ansicht nach nur und ausschließlich im ganz konkreten Fall recht treffend, tituliert hatte. Sie würde sich nur noch in ihre Hörbücher flüchten, die Tochter, und all die häuslichen und schulischen Pflichten deshalb vernachlässigen. Und das sei nicht drin.

Richtig fuchsig wurde ich da. Damals gab’s ja auch Karl May-Platten, ein „Kimba“-Vinyl hatte ich auch, das vom „Dschungelbuch“ habe ich geliebt wie kaum etwas anderes, wie der Klaus Havenstein King Louis sang, das war schon dolle – und die Stadtbibliothek war meine Lieblings-Fluchtzone, voll von Sehnsuchtsorten und Abenteuern. Es machte glücklich, abends im Bett ganz illegal das Licht sehr lange anzulassen und in den „Fünf Freunden“ zu versinken, gemeinsam diese üppigen Mahle inklusive Aprikosen und Zunge sogar aus Konserven und mit frischem Schinken einzunehmen, zusammen durch die unvermeidlichen Tunnel und Geheimgänge zu flüchten. Hätte mir jemand meine Bücher weggenommen: Ein schlichtes „Arschloch“ ist harmlos gegen die damals von mir zu erwartende Reaktion.

Mittlerweile zeigt er Reue, der Kollege. Fast ein Jahr habe ich gestichelt, daß er seiner Tochter ja immer die Hörbücher wegnehmen würde. Doch als er nun einen ihrer Schulaufsätze las, da brach der volle Vaterstolz aus ihm heraus über ihr opulentes Sprachvermögen ….

Als ich so um die 18 war, da traten die Romane von Sartre in mein Leben. Ich wollte so sein wie die dort beschriebenen Bohèmiens, die mit ihren Gauloises, ihrem Café und ihrem Rotwein im „Deux Magots“ und „Les Fleures“ saßen und dem Jazz lauschten. Ein Freund empfahl mir „Die Zeit der Reife“, moderierte sie mit den Worten an, daß da nur Irre drin beschrieben würden, das würde mir bestimmt gefallen – der einzige, den er vernünftig fand, das war Bruno oder so, der Kommunist. Ich konnte mit Daniel viel mehr anfangen, der zwar beinahe seine Katzen ertränkt und sich selbst kastrieren will, beides Tätigkeiten, nach denen mir nie der Sinn stand – trotzdem, da wurden Charaktere so gezeichnet, daß es mir das Selbst- und Fremdverständnis näher brachte. Weil Sartre dafür Worte fand.

So gingen dann auch immer unglückliche und nur zum Teil glückliche Liebesgeschichten unauflösliche Einheiten ein mit dem, was ich gerade las – der Schulhofschwarm verschmolz mit „Krabat“, kein Witz. Der, den ich ansprach mit den Worten „Du heißt genau so wie der Behinderte, den ich gerade betreue!“ , der ging zunächst ganz ungewollt – und auch, ohne es zu wissen – ein Bündnis ein mit Michael Chabons „Die Geheimnisse von Pittsburgh“, ein toller Sommer war das nämlich auch, damals. Als ich zwischen Blaulicht und behelmten Polizisten durch’s Viertel streifte, eine Tüte mit Mumm-Sekt in der Hand, leicht amüsiert bangend, daß gleich die Verhaftung wegen potenziellen Baus eines Mollys erfolgen würde, unwahrscheinlich war das nicht – dabei wollte ich ihn doch nur unaufgefordert zum Geburtstag beglücken. Und er war dann gar nicht da …

Es war die Zeit der Kämpfe um die „Alte Flora“, da war das Viertel stets belagert, auf dem Heimweg von der S-Bahn mußte ich erst mal durch die Polizeisperre, der frisch gekaufte Gouda wurde abgetastet – und jeden Morgen der erste Anblick: Sich räkelnde, knackige Bereitschaftspolizei auf dem Parkstreifen vor meinem Hochparterre-Fenster.

Später dann schrieb ich fiktionale Dialoge zwischen Michel Foucault, der frisch in die „Ecriture“ meiner selbst getreten war, Hildegard Knef, meiner Göttin, und eben jenem Dauerschwarm (mit dem’s dann doch nichts wurde), weil ich mal wieder gar nix verstand und auf Klärung hoffte – das Bild, daß ich ihm gemalt hatte, ein ziemlich großer Schinken ganz im Stile der „Neuen Wilden“, das kam abhanden, als bei der Räumung der Mainzer Straße so zwei Jahre später es dem Staat und seiner Macht zum Opfer fiel, eben in den Hinterhof des „Tuntenhauses“, so beschrieb er’s mir.

Was jeweils ich las, das wob sich ein in Arten, mich selbst und andere zu verstehen … oder auch nicht. Das war nicht minder wichtig als der Soundtrack, der zwar viel direkter in Herz zielt, doch selbst erstmal der Narration bedarf, um z.B. Liebesleid sich zueigen zu machen als eigene Geschichte, um es irgendwann wieder loswerden zu können.

Und so sitze ich manches Mal und grübel, wie das bei Anderen wohl funktioniert. Wie spricht man über sich, wenn man primär an SMS und mails, vielleicht noch Dschungel-Camp und Video-Spiel orientiert sein Selbst- und Fremdverständnis formt? Oder gar den ganzen Tag im Call-Center telefonisch fremde Leute nervt?

Das ist keine Frage von Alphabetisierung oder nicht. Eher von Medialisierung noch viel allgemeiner, Geschichten am Lagerfeuer sind ja mehr als nur ein Mythos.

Liest man die Stücke meiner neuesten Liebe Tschechow, dann ist immer auch Thema, was man sich zu sagen hat, wenn man in unendlichen russischen Weiten im Landhaus sitzt und immer mal wieder jemand vorbei schaut, mit dem man schon 1000 Male gequatscht hat, der Offizier, der Landarzt, das alte Kindermädchen – viele absurde, amouröse Verstrickungen in den Dramen resultieren wohl auch aus purer Langeweile.

Klar, einige der Figuren arbeiten hart, hammerhart, so hart, daß wir es uns kaum vorstellen können – außer den 1-Euro-Jobbern, die im Park ganzjährlich Unkraut jäten, den Putzfrauen und Getränke-Lieferanten. Und denen auf dem Bau.
Aber die „3 Schwestern“, die würden heute wohl abends „Mein neues Leben XXL“ schauen, nicht miteinander reden, und das Drama käme so gar nicht mehr zustande, weil sie stattdessen im Chat herumlungerten … wie würden die sich heute wohl verstehen?

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Written by momorulez

15. März 2008 um 21:43

15 Antworten

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  1. Was jeweils ich las, das wob sich ein in Arten, mich selbst und andere zu verstehen … oder auch nicht.

    kennst Du das Stückchen „Mummerehlen“ aus der „Berliner Kindheit“. Ich hatte den Anfang kütlich mal zitiert:
    https://shiftingreality.wordpress.com/2008/02/21/die-bilder-im-kind/

    lars

    16. März 2008 at 11:14

  2. Momo, Kulturpessimismus?

    Und so sitze ich manches Mal und grübel, wie das bei Anderen wohl funktioniert. Wie spricht man über sich, wenn man primär an SMS und mails, vielleicht noch Dschungel-Camp und Video-Spiel orientiert sein Selbst- und Fremdverständnis formt? Oder gar den ganzen Tag im Call-Center telefonisch fremde Leute nervt?

    Ich glaube, Momo, das Bild, das Du hier mit Worten malst, haut nicht ganz hin. Wenn Du mich fragst: Zuviel gelb!

    (Die Farbe gelb sollte man beim Bildermalen sehr sparsam einsetzen – man benötigt fünf mal mehr andere Farben, je nach Tönung sogar zehn mal mehr, um einigermaßen ein Gleichgewicht der Farben zu erreichen)

    Auch die chattrigsten Dschungelcamp-Gucker haben ein Sozialleben und Erfahrungshintergründe, die über den Austausch von SMS hinaus reichen.

    (Oder?)

    Dr. Dean

    16. März 2008 at 22:41

  3. Nö, nix da gelb.

    „Auch die chattrigsten Dschungelcamp-Gucker haben ein Sozialleben und Erfahrungshintergründe, die über den Austausch von SMS hinaus reichen.“

    Ja, deshalb grübel ich ja. Was mir bei manch Gymnasiasten, der aus gut fianzstarkem Elternhause kam, tatsächlich oft auffiel bei den Youngstern, die be uns aufschlagen, wa,r daß die Texte schon anders bauen und denken als ich oder andere meiner Generation.

    Obwohl die natürlich auch sonstwas für Erfahrungen machen, war das Mitteilen dieser viel, na, bruchstückhafter und abgekürzter. Da werden Zusammenhänge anders gedacht. Eher „ich und meine Situation“, nicht „Ich und meine Geschichte“.

    Der viel naheliegendere Einwand wäre jtzt ja auch gewesen „Kein Wunder, daß das mit dem Typen nix wurde, wenn Du immer so viel gelesen hast“ 😉 …

    momorulez

    17. März 2008 at 8:39

  4. Die frage mit dem Callcenter habe ich mir auh schon häufiger gestellt. aber vielleicht ist bei solchen Jobs gar keine Identifikation mit Arbeit da (es wird ja auch eigentlich nichts produziert im Sinne des sich Veräußerns) und wird auch nicht erwartet. Und Ersatzmomente finden sich dann woanders…

    lars

    17. März 2008 at 10:49

  5. Na, ich habe ja so manches mal schon auch so Callcenter-artige Tätigkeiten, und man kann gar nicht anders: Das macht was mit einem, diese Sprachformen, von denen man umgeben ist und die man reproduziert …

    MomoRules

    17. März 2008 at 10:56

  6. Aber diese Autoren sind doch mit Verlaub bildungsbürgerliche Bengel. Als ob jeder früher (wann auch immer das war) die fünfte Symphonie von beethoven kannte. Das Gegenbild zu Bohlen ist doch nicht die Wiener Klassik und Hölderlin. Und Museumsbesuch und Play Station sind ja soweit auch nicht mehr auseinander.

    lars

    17. März 2008 at 11:11

  7. Ja, das sind Deppen, aber so sind sie halt Symptom für die von ihnen vertretene These 😉 …

    momorulez

    17. März 2008 at 11:59

  8. Also, wenn ich so meine jüngeren KollegInnen erlebe, die mit Bohlen usw. aufgewachsen sind, fällt mir schon recht krass auf, wie bildungsfern die sind. Da wirken Mittzwanziger auch emotional unreifer, als wir im gleichen Alter gewesen sind.

    che2001

    17. März 2008 at 12:14

  9. Je älter ich werde, umso unreifer kommen mir 20-jährige vor.

    (Ich glaube, ich werde älter.)

    Dr. Dean

    17. März 2008 at 12:40

  10. Ich meine das aber nicht aus der subjektiven Perspektive, sondern in dem Sinne, dass mit jeder Generation das Eintreten echter Erwachsenen-Lebensreife sich immer weiter nach hinten verschiebt. Ich bin auch der Auffassung, dass die jetzt-Mittfünfziger in ihren Mittzwanzigern reifer waren als wir in diesem Alter.

    che2001

    17. März 2008 at 12:49

  11. Ich bin bis heute nich gereift! Zum Glück!

    momorulez

    17. März 2008 at 12:52

  12. Danke Che, jetzt fühle ich mich gleich wieder 5 Jahre jünger.

    Dr. Dean

    17. März 2008 at 14:54

  13. @MMR, ich meine damit Dinge wie Verantwortung übernehmen zu können oder eine selbstständige Lebenshaltung. Das nicht entwickelt zu haben ist nichts, um darauf stolz zu sein,aber das meinst Du ja wohl auch nicht…

    che2001

    17. März 2008 at 16:09

  14. Nö, das nicht. Ich glaube, das hatte ich schon im Hort, als wir Plakate gegen die „Erzieherin“ aufgehängt haben …. Frau Schreiber hieß die…

    momorulez

    17. März 2008 at 21:16


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