shifting reality

Es gibt kein richtiges Lesen im valschen!

Verwirrt erwacht: Ein paar Basis-Banalitäten

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Hey, hört van Morrison! Ein Romantiker steckt doch in jedem von uns.

Der olle Ire hat mit „Keep it simple“ nunmehr einen traumhaften Anachronismus geboren. Das hört sich weg, als hätte es auch ’67 0der ’73 oder ’88 erscheinen können, wow, Soul, Blues, Wehmut, Hammond-Orgel, Gospel-Chor, ein Traum.

„No Answers“ singt er hier gerade, und die Schlichtheit solcher Slogans macht den guten, alten, durchgegospelten Bluesrock ja so universal. „Change“! Das begreift der durchschnittliche Bildungsbürger ja nicht, daß gerade diese schlichten, beliebig aufzufüllenden Ausrufe im Herzen des Pop wohnen und so unendlich viel bewegen können – dann, wen sie mit multiplen Material kombiniert ganze Landschaften entfalten, im besten Fall das, was man traditionell „Seelenlandschaften“ nannte: „Be!“. „It’s now or never!“ „Imagine all the people …“!
Und läßt man sich ein auf solche wie Van Morrison, dann hebt sich der Widerspruch auf zwischen den Figuren in den Tschechow-Dramen und dem Vater von Billy Elliot, der zum Wohle seines Sohnes zum Streikbrecher wird. Und man spürt in der Art, wie ein Eric Burdon, ein Van Morrison, ja, sogar der oft völlig zu recht verfemte Joe Cocker singt die abgrundtiefe Ehrfucht vor jenen, die zwischen Einsenbahnschwellen und Baumwollernte einst den Backbeat ihren geschundenen Körpern abgerungen haben.

Und dann sitzt man des abends mit Freunden da und erfährt viel über Unternehmensbewertungen. Dann, wenn man ein Unternehmen gründen will, Investoren hinzuzieht und um Anteile schachert. Wie viel Irrsinn auf diesem Feld bereits passierte, das hat man ja irgendwie mitbekommen damals, als der Neue Markt erst protzte und dann in sich zusammensackte vor lauter Visionärem.

Das sind so Mechanismen, die verstehen Bauern wie ich ja nicht. Die Eltern meiner Großeltern haben schließlich noch auf dem Landgut ostelbischer Junker ihre Pfoten in glühende Ziegel gesteckt, um was zu fressen zu haben, und  so manche Magd mußte dann wohl auch gelegentlich die Beine breit machen, wenn der Gutsherr kam. So entstand höchstwahrscheinlich das uneheliche Kind, das in die Familienhistorie hineinragte und dazu führte, daß irgendein geldwerter Arier-Paß dann eben nicht die Familienkasse füllte, damals, als mein Opa den englischen Sender hörte, obwohl darauf die Todesstrafe stand – so wurde es mir zumindest erzählt.

Und dann liest man sowas:

„Zur Unruhe an den Finanzmärkten trägt die Erkenntnis bei, dass die Notenbanken nicht über Wundermittel verfügen, um der Schwierigkeiten Herr zu werden. Traditionell bekämpfen Notenbanken Krisen des Finanzsystems, indem sie zusätzliches Geld zur Verfügung stellen und die Zinsen senken, das vorhandene Geld also verbilligen. Die amerikanische Notenbank Fed versucht schon Monate verzweifelt, auf diesem Wege die Banken zu stabilisieren und die Finanzmärkte zu beruhigen.

Das offenkundige Scheitern dieser Politik trägt schon heute dazu bei, das Ansehen der wichtigsten Notenbank der Welt zu beschädigen. Die Lage der Banken hat sich nicht verbessert, während gleichzeitig die Inflationsgefahren zunehmen. Die mit der Finanzmarktkrise einhergehende erschreckende Schwäche des Dollar wird vielleicht eines Tages in den Geschichtsbüchern als Symbol des Niedergangs der amerikanischen Hegemonie in Wirtschaft und Finanzen vermerkt werden.“

War das nicht der Durchbruch Milton Friedmans, diese Mechanismen diagnostiziert zu haben? Dieses Verhalten der Notenbanken vorgedacht zu haben? Man belehre mich.

Die Irritation, und so erklärt sich der Aufbau dieses Textes, die das bei mir auslöst, ist ja immer die geiche, seit Ricardo und Marx eigentlich: Wie bekommt man a.) konkrete Arbeitssituationen, b.) die betriebswirtschaftliche Ebene, die mir im konkreten Arbeitsablauf bestens bekannt ist, und c.) diese ganze Finanzmarkts- und Unternehmensbewertungsgeschichte zusammengedacht?

Erinnere mich bestens an den Smalltalk mit unserem Vorstandvorsitzenden damals, zu Zeiten des Börsengangs, als dieser erläuterte, daß einfach nur so der Unternehmenswert durch die Umwandlung in eine AG sich um ein Vielfaches erhöhe selbst dann, wenn man gar nicht die erfolgende Kapitalerhöhung mit berücksichtige. Stimmt das?

Auf meine konkrete Arbeitssituation wirkte sich das nur dahingehend aus, daß durch den Gewinnmaximierungsdruck das alles keinen Spaß mehr machte, abbekommen habe ich nix vom Mehrwert. Umgekehrt hätte das Unternehmen ohne die Kapitalerhöhung dann durch die gewaltigen Krisen um 2001 herum nicht überlebt und wäre eingegangen wie viele andere damals.

Das nun mit dem „Sound der Sklaven“, den ein Van Morrion so sehnsüchtig herausschmettert, zu konfrontieren, das ist freilich zugleich das Einfallstor für allzu Reaktionäres, das ist mir schon klar: Bauer versus Banker, ojeh, da steckt auch verdammt viel Grusel drin. Das ist mir schon klar.
Neulich ’ne Geschichte von William Faulkner gelesen, wo ein hinkender Pächter kleiner Land-Parzellen im Süden der USA so Anfang des letzten Jahrhunderts den Besitz der Großgrundbesitzer abfackelt, nachdem zuvor sie ihn demütigten. Er hat demonstrativ auf dem teuren, weißen Teppich in der Eingangshalle der „Vermieter“ Spuren von Mist verteilt – und dieses stolze Hinken über den Teppich mit Pferdeäppeln am Stiefel  war schon, na, mir voll verständlich. Die Kosten für den Teppich wurden ihm jedoch auf die Pacht draufgeschlagen. Und er hat sich gerächt.

Das leitet über zur Entgegensetzung von Schaffenden und dem Raffenden und noch Schlimmeren, darum geht’s mir aber ganz ausdrücklich nicht (!!!): Vielmehr geht’s mir um die Schnittstellen zwischen Mikro- und Makroebene all der Wirtschaftsweisheiten, auf die ich in all den Jahren des Bloggens und Arbeitens eigentlich wenig befriedigende Antworten erhalten habe. Wie funktionieren die denn nun wirklich? Ist das nicht ganz schön virtuell und platzt genau deshlab immer wieder?
Auf die Schnittstellen scheint die aktuelle Krise ja deutlich zu verweisen, sind nun mal die Banken. Bestimmt haben da von Marx bis Friedman und darüber hinaus ganz viele Leute schon alles Relevante geschrieben, und doch, in allen Diskussionen scheint mir das unvermittelt: Die einen dreschen einfach so auf’s globale Kapital ein und erklären es für böse,was angesichts des Sytems der Kleinkredite in Entwicklungsländern ja wohl auch nur Bullshit ist, man kann den Bauern eben nicht gegen den Banker ausspielen, ohne die Relation genauer zu bestimmen.

Die Anderen beschreiben nur das Verhältnis dessen zu nationaler Politik oder auch nicht, Ordo- und Neoliberle zugleich – und irgendwie kommt dann immer Van Morrison-mäßiger Blues dabei raus so für den Einzelnen, der vor all diesen Diagnostiken steht, dem rein betriebswirtschaftliche mangelnde Produktivität vorgeworfen wird und der ansonsten als Effekt eben dieser Schnittstellen durch’s Leben taumelt. Während die anderen zocken.

Kann noch nicht mal klarer formulieren, worauf ich eigentlich hinauswill, weil das, wonach es schreit, eben so viele Fallen birgt – das Wunder des Lebens ist es nicht, ich assoziiere frei….vielleicht kann irgendwer den Text ja mal fortsetzen?

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Written by momorulez

18. März 2008 um 9:39

Veröffentlicht in Ökonomie, Pop

27 Antworten

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  1. Ich nehm jetzt mal nen anderen Morrison,nämlich Jim: What have they done to the earth? What have they done to our fair sister? Tied her and bound her with fences and dragged her down. In her a very gentle sound. Just lie your ear down to the ground. I here a very gentle sound, very soft and very far. We want the world and we want it NOW!!!!!!!!!!

    che2001

    18. März 2008 at 9:51

  2. Interessant finde ich es übrigens, die Welt einmal aus der Perspektive von Arundhati Roy zu betrachten, die mir näher ist als fast alles, was hierzulande so geschrieben wird.

    che2001

    18. März 2008 at 9:56

  3. Arundhati Roy kenne ich gar nicht …

    MomoRules

    18. März 2008 at 10:36

  4. ich glaube statler kennt sich damit aus.

    fritz klein

    18. März 2008 at 11:41

  5. Den u.a. wollte ich ja dazu auffordern, zu antworten 😉 …

    momorulez

    18. März 2008 at 11:48

  6. apropos Bauer vs. Banker: Dank Che bin ich ja endlich auch am Lesen von Hobsbawms „Europäische Revolutionen“. Nach der Französischen Revolution kam es Hobsbawm zufolge in Frankreich zu einer Krise der Agrarwirtschaft, die aus der Privatisierung des Bodens resultierte. Den Bauern wurde zwar der Boden als Eigentum bzw. die Möglichkeit seines Erwerbs zugesprochen, dafür fielen auf der anderen Seite aber die Priviligien weg, die den Bauern von ihrem Lehnsherrn erwarten konnten (Feuerholz im herrschaftlichen Wald sammeln gehen; das Vieh auf den herrschaftlichen Weiden grasen lassen; Ersatz für Ernteausfälle usw.) , bzw. Garantien der ländlcihen Gemeinschaften (z.B. Allmenden). Aus diesem Verlust der Garantien durch die Obrigkeit resultierte der eigentliche Konservativismus der Bauern, ihre Loyalität gegenüber der Monarchie und der Kirche und ihr Widerstand gegen die liberalen und radikalen revolutionären Bestrebungen.

    lars

    18. März 2008 at 13:32

  7. Das ist exakt der gleiche Prozess wie nach der Sklavenbefreiuung in den USA – dann saßen sie auf ihrer kleinen Scholle und schickten ihre Frauen auf den Strich. Ist auch Thema in Tschechows „Kirschgarten“ 😉 …

    momorulez

    18. März 2008 at 14:01

  8. Ich sehe schon ein gemeinsames Kirschgarten-Seminar…. 😉

    lars

    18. März 2008 at 14:06

  9. … wenn es denn mal endlich klappen sollte mit den RARistas

    lars

    18. März 2008 at 14:06

  10. @damals, als der Neue Markt erst protzte und dann in sich zusammensackte vor lauter Visionärem.
    — war ich im Epizentrum des Bebens.

    che2001

    18. März 2008 at 14:31

  11. Wie man die verschiedenen Ebenen zusammendenkt? Vielleicht, indem man einfach bei den Überlegungen der einzelnen Haushalte ansetzt. Dann ist jede Blase anders, aber irgendwie ähneln sie sich in ihrem Zustandekommen auch.

    Dotcom 2001: Irgendwann wußte eigentlich jeder Anleger, daß der Markt insgesamt überbewertet war und es eine Korrektur geben mußte. Aber totzdem, so als einzelner Anleger denkt man sich dann: Vielleicht habe ich hier ja das eine von zwanzig Unternehmen erwischt, das wirkliche Wachstumspotentiale hat. Oder man denkt sich: Klar platzt die Blase irgendwann, aber erstmal treibt die Herde den Dax nochmal zehn Prozent nach oben, und da will ich dabei sein!

    Also, sogar eine vernünftige, realistische Einschätzung der Marktsituation kann bis zu einem gewissen Grad damit verbunden sein, daß eine Spekulationsblase weiter gefüttert wird, wenn die Leute risikofreudig genug sind.

    Man kann natürlich umgekehrt als Realist auch ein Jahr zu früh die Put-Optionsscheine auf den Nemax kaufen, aber das (schnief) ist ein anderes Thema. 😦

    Und jetzt war es mit den Immobilienblasen so ähnlich. Klar kann sich jemand, der ein hypothekenfinanziertes Haus kauft und ein geringes Einkommen hat, ausrechnen, daß er wahrscheinlich den Kredit nicht bedienen kann, sobald das Zinsniveau wieder steigt. Aber wenn er damit rechnet, daß die Immobilienpreise nur ein paar Monate weiter ansteigen — hey, dann hat er doch, wenn er das Haus wieder verkauft, zwischendurch einen schönen Handelsgewinn gemacht. Also wieder: Da sind sich Leute durchaus der Tatsache bewußt, daß es eine Spekulationsblase gibt, aber sie glauben, daß sie gerade deshalb profitieren können.

    Was da zusammen kommt, ist eine Mischung aus Risikofreude, Gier und kurzfristigem Optimismus bezüglich der Möglichkeit, daß sich die Blase noch ein wenig ausdehnen könnte. Es ist Lottospielen mit höherem Einsatz, aber auch höherer Gewinnwahrscheinlichkeit.

    Und gerade in diesem Kalkül ist das Zinsniveau so wichtig. Je billiger die Leute ihr Spielgeld kreditfinanzieren können, desto mehr werden sie so eine Spekulationsblase weiter anheizen. Eine Hochzinspolitik zum richtigen Zeitpunkt hätte verhindern können, daß sich die amerikanische Immobilienblase gefährlich ausdehnt. Aber das ist jetzt im Nachhinein, so als alter Klugscheißer ex post, natürlich leicht von mir dahin gesagt. Die Kunst des Zentralbankers besteht darin, das rechtzeitig zu erkennen.

    Umgekehrt bedeutet es außerdem auch nicht, daß nicht jetzt, in der Krise, eine Niedrigzinspolitik angemessen sein kann. Also, ein Zinsniveau, das auf dem Höhepunkt der Blasenbildung zu niedrig ist, kann in der Krise zu hoch sein. Ich kriege bei den ständigen Zinssenkungen der Fed zwar durchaus inflationäre Bauchschmerzen. Aber im Gegensatz zu vielen anderen Klugscheißern, z.B. dem zitierten von der FAZ, bin ich mir auch der Tatsache bewußt, daß ich an der Seitenlinie stehe und nicht im Spiel bin, und die Fed dürfte durchaus mehr und bessere Daten haben als ich, der FAZke oder die Kommentatoren bei Don Alphonso. Ein wenig mehr Bescheidenheit im Urteil wäre daher durchaus angemessen, denke ich.

    statler

    18. März 2008 at 14:48

  12. Dazu möchte ich dann gleich mal ergänzen: Bei der Dotcomblase spielte noch etwas Anderes eine Rolle, die Überzeugung, ja, man muss sagen der Glaube, dass die normalen Markgesetzmäßigkeiten in dieser speziellen Branche außer Kraft gesetzt seien und dass man Aktien unabhängig vom Wert des realen Unternehmens emittieren könnte. In meinem Unternehmen und bei den anderen NE-AGs, die ich damals kannte wollte man erfolgreiche Geschäfte durch Einstellung von möglichst viel Sales-Personal in möglichst kurzer Zeit vortäuschen („Jobmaschine Internet“), um beim IPO die Aktien möglichst teuer zu verkaufen und dann vom Vertrieb der Aktien die nötigen Entwicklungskosten zu finanzieren, um überhaupt eine funktionierende Soft-oder Hardware anbieten zu können. Das waren noch die „Seriösen“, die anderen wollten sich mit 40 zur Ruhe setzen, sobald sie die Aktien oder das Startup selber verkloppt hatten. Found a company, sell it and run away, so umschrieb damals mein Chef das Businessmodell der ganzen Branche.

    che2001

    18. März 2008 at 15:03

  13. Marktgesetzmäßigkeiten, nicht Mark 😉

    che2001

    18. März 2008 at 15:03

  14. (…) der Glaube, dass die normalen Markgesetzmäßigkeiten in dieser speziellen Branche außer Kraft gesetzt seien.

    Ich denke, das ist ein wichtiger Punkt. Ursächlich für diesen Verlust an Bodenhaftung ist m.E.
    1. Gier (=> giergetriebene Unvorsichtigkeit) und
    2. Herdentrieb, sowie
    3. die Verfügbarkeit und das Zinsniveau von Kredit (Statlers Argument – durchaus bedeutsam), dazu kommt
    4. das Funktionieren/Nichtfunktionieren kritischer Öffentlichkeiten, sowie
    5. der Deregulierungswahn der Neoliberalen (was solche Erscheinungen eben begünstigt, dazu
    6. der „ökonomische Zeitgeist“ (z.B. das gerade im Mode stehende Businessmodell) – sehr allgemein gesprochen also verfehlte ökonomische Lernprozesse, falsche Vorbilder usw..

    Dr. Dean

    18. März 2008 at 16:59

  15. Und nicht zu vergessen auch ein gewisses Maß an krimineller Energie und absurdem Anspruchsdenken. Dass nicht funktionierende Programmodule für Kundendemonstrationen in Flash simuliert wurden war ebenso selbstverständlich wie die Tatsache, dass ein CEO einen Dienstcarrera und ein Kreativer einen DienstTT braucht.

    che2001

    18. März 2008 at 19:08

  16. Klar, das gab’s auf der Nachfrageseite nach dem Kapital der Anleger. Aber jeder Internet-Blender braucht jemanden, der gierig genug ist, um nicht so genau hinzusehen, wem er da eigentlich sein Geld überläßt.

    Und mit Deregulierungswahn hat das nun gerade nichts zu tun. Wie hätte man denn die Internetblase regulieren sollen? Mit einem staatlichen Planungsbüro, das die Erfolgschancen der Geschäftsmodelle bewertet?

    statler

    18. März 2008 at 19:17

  17. Sinnvolle Regulation besteht nicht – anders als es in einem wirtschaftslibertären Weltbild nahe liegt – in der Eröffnung „staatlicher Planungsbüros“.

    Das hier ist die neoliberale Variante des staatlichen Planungsbüros: Mit Steuergeldern finanzierte Hype-Bejubelung. Und in Staatsanwaltschaften hieß es damals, dass man „zur Förderung der Wirtschaft“ von Verfahren wegen Wirtschaftsstrafsachen und Betrug doch bitteschön absehen solle.

    (Übrigens: Auch eine Form der Deregulation)

    Dr. Dean

    18. März 2008 at 19:35

  18. @Lars:

    „Ich sehe schon ein gemeinsames Kirschgarten-Seminar.

    Gerne.

    Ist aber gar nicht so einfach, da unsere Rangehenswiesen zu kombinieren, glaube ich … hätte aber wahrscheinlich gerade was. Mich fasziniert der ja weniger philosophisch. sondern als Medienpraktiker, der Tschechow. Und das mit den RARsistas wird schon, nach Ostern ist bei mir auch wieder weniger Druck.

    @Statler:

    Danke!

    Was mir – jetzt wird’s latent orakeleig, weil mir der Kopf schwirrt zwischen Tageswerk und einem längeren Gespräch gestern über die Praktiken von Investmentbankern, wobei „Praktiken jetzt gar nich abwerten soll, der Freund, mit dem ich quatschte, hat da sehr von profitiert – aber dabei nicht klar ist, ist, wie Du den Perspektivenwechsel zwischen „subjektiven Entscheidungsverläufen“ und objektivem Marktgeschehen (das Ganze Angebot und Nachfrage-Dingens, Sätze wie „das Gehalt wird durch die Produktivität bestimmt usw.) zusammendenkt.

    Ist letzteres Effekt von ersterem, oder umgekehrt, oder macht die Frage gar keinen Sinn?

    „Ihr“ beschreibt oft Marktgesetze wie Naturgesetze einerseits, und ansonsten subjektive Nutzenkalküle. Wie geht das zusammen? Wie „wenn da ein Fluß kommt, muß ich durchschwimmen“?

    Während ich ja meinerseits so in meinem Wirtschafts-Umfeld eher den Eindruck habe, daß viele eher quasi-normativ wie ein Regel-Befolgen funktioniert, das durch die Institutionen und die Akteure in ihnen hindurchgeht.

    Und daß dann z.B.. das Aufkommen einer in nur bestimmten Kreisen hippen „Regel“ „Alles unter 30 Prozent Gewinn ist Quatsch“ mal eben Volkswirtschaften echt gefährden kann.

    So gelten ja für Kreditvergaben an Firmen aktuell in Deutschland sehr restriktive Regeln, ohne Eigenkapital kannste wenig machen. War zu New Economy-Zeiten völlig anders. Und mein Kumpel gestern meinte umgekehrt, daß vieles, was bei Investmentbankern heute Gang und Gäbe ist, früher schlicht als Wucher gegolten hätte. Sind beides Regeltransformationen, die zwar auch auf Formen von Nutzenkalkülen zurückgehen, aber ja ganz anders als im „rational choice“-Modell, wenn ich das richtig verstanden habe.

    Und für mich stellt es sich so dar, daß eine Verschiebung dieser Regelwerke zumindest in meinem konkreten, lebensweltlichen Umfeld zum einen sehr viele Miseren bewirkt, zum anderen aber paradox wirkt, eben gerade nicht Wachstum bringend. Das merken die aber gar nicht, so wie Katholiken nicht merken, daß es Gottes Gnade ist sonst nichts.

    Wenn das alles so ist, müßte man dann nicht auch Theoriegebäude anders bauen?

    @Dean:

    ich glaube nicht, daß das aktuell viel mit Deregulierung zu tun hat. Das sind Mechanismen in „die Wirtschaft“ selbst, mal ab vom Leitzins, die da Paradoxien erzeugen.

    momorulez

    18. März 2008 at 20:50

  19. @ Momorulez
    Das kalt-neoliberale „Hauptsache, Geld machen, egal wie und gerne auf Kosten anderer“ (Neoliberalismus auf Mikroebene) hängt m.E. mit der Deregulationspropaganda auf Makroebene zusammen, und zwar in doppelter Hinsicht.

    Einerseits schafft diese Haltung für Missbrauchspraktiken ein – so nenne ich das mal – legitimatorisches Klima, und das ist kein kleiner Effekt, andererseits leistet das neoliberale „anything goes“ ökonomischen Missbrauchspraktiken auch ganz direkten Vorschub – besonders auf dem Wege verweigerter staatlicher Regulation.

    Der Hinweis zahme Staatsanwaltschaften ist ja erheblich, zumal im Zusammenhang mit den vieltausendfachen NE-Betrügereien. Der Wirtschaftsminister hätte auch nicht etwa bei irgendwelchen debilen Wirtschaftsbuddies (diesmal: Roland Berger) Jubel-Arien in Auftrag geben lassen sollen, sondern eine kritische Studie.

    Es gehörte damals nämlich recht wenig Wissen dazu, um herauszufinden (z.B. Statler und ich wetteten ein Jahr vor dem Zusammenbruch auf Kursrückgänge), dass das realwirtschaftliche Fundament dieser Blase so gut wie nicht gegeben war. Ein Wirtschaftsminister hätte hier – an Stelle von vermeintlich wirtschaftsfreundlicher Bejubelung – die Öffentlichkeit warnen können, auch, um Schäden der Blase einzudämmen.

    Nichts einfacher als das. Man hätte – Thema Regulation – die Transparenzvorschriften im NE-Segment vernünftig regeln können – und nicht so, dass damit Lug und Betrug erleichtert werden, was nun leider sehr stark der Fall war. Man hätte haftungsrechtlich etwas regeln können – damit Banken, welche auf Kleinanlegerverarsche setzen, in Haftung genommen werden.

    Doch ich denke, dass das allgemeine (neoliberale) Deregulationsdenken dieser Jahre die Entstehung und Größe der NE-Blase deutlich begünstigt hat.

    Dr. Dean

    18. März 2008 at 21:33

  20. @Dean:

    Ich stimme Dir vollumfänglich zu hinsichtlich der These des legitimatorischen Klimas.

    Aber das ist ja gerade keines, was irgendwie in der Staat-Wirtschafts-Relation auflösbar wäre, es sei denn, Du wolltest auf ein schärferes Strafrecht setzen.

    Die Pointe gouvrenementaler Techniken ist doch gerade, daß es eigentlich schnurz ist, ob jemand im Vorzimer von Steinbrück sitzt, in der Bertelsmann-Stiftung oder im Opel-Vorstand – da kannste ja recht problemlos wechseln, wenn Du nicht gerade aus der Linkspartei kommst, und folgst dennoch den gleichen Vorstellungen, eben Regeln.

    Und das, was Statler drüben gepostet hat, Sachsen und die andere Bank da in NRW, das sticht ja, da hat ja auch kein Finanz- oder Wirtschaftsminister väterlich den Zeigefinger gehoben, „Erhardt, Erhardt!“ gerufen und alles war gut.

    Ganz im Gegenteil: Die Staatskritiker der Neoliberalen (ich meine die im Friedmann-Gefolge) sind ja die vehementesten Staatsbefürworter bei gleichzeitiger Demokratiekritik.

    Die begründen eine Staatlichkeit aus der Makro-Ökonomie heraus, und alles andere sind im Grunde genommen Schein- und Ablenkungsgefechte.

    momorulez

    18. März 2008 at 21:44

  21. Also, das objektive Marktgeschehen wird als Folge subjektiver Entscheidungen verstanden. Das können wir so machen, weil wir Veränderungen ausgehend vom status quo prognostizieren wollen.

    Also, wenn wir die Informationen haben: „Helge ist ein rationales Individuum, Helge verdient 1000 Euro im Monat, der Preis für Käse beträgt 10 Euro pro Kilo“ dann können wir natürlich nicht prognostizieren, wieviel Käsebrot Helge isst, weil wir seine Präferenzen nicht kennen. Aber wenn wir davon ausgehen, daß er sich rational an veränderte Rahmenbedingungen anpasst, dann können wir schon mit einer gewissen Sicherheit sagen, daß Helge seinen Konsum von Käsebrot einschränken wird, wenn sich der Käsepreis verdoppelt.

    Oder ein anderes einfaches Beispiel: Wenn wir wissen, daß es irgendwo eine Überschußnachfrage gibt, und wir außerdem wissen, daß Individuen unterschiedliche Zahlungsbereitschaften haben, dann können wir davon ausgehen, daß die Überschußnachfrage wegrationiert wird, indem die Preise steigen, weil diejenigen mit hoher diejenigen mit niedriger Zahlungsbereitschaft überbieten.

    Das sind jetzt ganz einfache Beispiele, aber sie sollen zeigen, daß man sowas wie „Marktgesetze“, also im einfachsten Fall den Preismechanismus, aus individuellen Entscheidungen rekonstruieren kann, sogar wenn man nur sehr wenig über die konkret agierenden Individuen weiß.

    Bei den Regeln muß man unterscheiden. Solche individuellen Daumenregeln wie „30 Prozent muß die Investition schon bringen“ sind eine Sache. Die wird jemand aber auch schnell revidieren, wenn er merkt, daß er die 30 Prozent nirgends kriegt — er wird dann auch mit 10 oder 5 Prozent zufrieden sein, wenn die einzige Alternative ist, daß er sein Geld fast unverzinst auf dem Girokonto liegen läßt.

    Bei Regeln, die sich Organisationen geben, wird die Sache komplizierter. Solche Dinge, wie eine bestimmte Eigenkapitalausstattung von einem Gläubiger zu fordern, sind ja oft wieder Reaktionen auf ein wahrgenommenes Marktumfeld. Wenn ich sehe, daß das Umfeld insgesamt riskanter wird, dann ist es vernünftig, meine Vertragsrisiken zu reduzieren, indem ich „schlechte“ Gläubiger aussortiere. Daß die Eigenkapitalausstattung kein perfektes Signal ist, ist klar. Ich nehme da in kauf, daß ich mit einigen Leuten, die gute Kunden wären, keine Geschäfte mehr mache. Aber es ist vielleicht das einzige glaubwürdige, zu vertretbaren Kosten empfangbare Signal, und so nutze ich es eben.

    Also, wenn man das Wort benutzen will (mir fällt gerade kein besseres ein), dann ist das alles ein dialektischer Prozeß — Individuen nehmen Randbedingungen war, reagieren darauf in vorhersehbarer Art und Weise („Marktgesetze“), schaffen damit aber auch neue Randbedingungen (wie beispielsweise die Risiko generierenden Hypothekenbanken in den USA), und daran passen sich wieder die Individuen an, und so weiter.

    statler

    18. März 2008 at 22:08

  22. „Bei Regeln, die sich Organisationen geben, wird die Sache komplizierter.“

    Das halte ich ja mittlerweile für die Crux, vielleicht auch, weil ich ja eigentlich seit meinem Gejobbe für den Arbeiter-Samariter-Bund immer mit ziemlich komplexen Institutionsgefügen zu tun habe – Großverlage, meine jetzigen Kunden, wir hatten immer je unterschiedliche Teilhaber im Unternehmen, ökonomisch Old School und New School, ab irgendeinem Punkt spielten dann Investmentbanker die Hauptrolle.

    Mittlerweile sind wir eine einem gesamteuropäischen Imperium vorgelagerte, winzige Insel – mit der kuriosen Pointe, daß da Private Equity-Fonds sich Anbieter und Kunden gleichermaßen zusammenkaufen und so die Märkte selbst schaffen, in denen sie dann Produkte zirkulieren lassen (was aber nur geht, weil „Kunde“ bei uns zweierlei heißt und sich auch Nachfrage etwas anders definiert).

    Dagegen war die Massenuni, wie ich sie einst kennenlernen durfte, eigentlich sehr überschaubar, weil damals recht wenige Profs im jeweiligen Fachbereich die Hauptrolle spielten.

    Und da landet man dann bei einer Wahrnehmung, die eher Foucault und Luhmann Recht gibt, daß es sowas wie sich ausdifferenzierende Systemimperative“ oder institutionelle Regelwerke gibt, die individuelle Entscheidungen fast schon determinieren.

    Deshalb halte ich mittlerweile auch sehr viel von der Habermasschen System/Lebenswelt-Differenz, und wenn man mit der arbeitet, dann wäre „euer“ Theorie-Typus tatsächlich sowas wie die Re-Implementierung systemischer Imperative in lebensweltliche Zusammenhänge, also Kolonisierung derer. Was ja auch Thema der „Dialektik der Aufklärung“ ist.

    Und ich bin mir oft nicht so sicher, ob „ihr“ nicht noch zu sehr am Leitbild des Unterhehmers“ einerseits, des Supermarkt-Kunden andererseits festhaltet, und während es letzteres noch gibt, ist der klassische Unternehmer eher Mittelstandsphänomen, aber schon in Banken etc. gelten dann eben andere Regeln.

    Meine ich tatsächlich in unpolemischer Absicht, weil das ja schon rein deskriptiv ganz spannend ist. Und ich da gerade wieder was lerne, eben über das Agieren von Investoren, was ich einfach zunächst mal zu verstehen suche …

    momorulez

    19. März 2008 at 8:30

  23. @“Und ich bin mir oft nicht so sicher, ob “ihr” nicht noch zu sehr am Leitbild des Unterhehmers” einerseits, des Supermarkt-Kunden andererseits festhaltet“ — Ich würde sagen, ich bin mir sicher, dass das so ist. Bei Dir, Statler,noch nicht so stark, dazu bist Du zu sehr in internationaler Finanztheorie verwurzelt, aber das Bild „des Unternehmers“, das uns sonst in der liberalen Blogosphäre begegnet, ist das des Unternehmers von 1789-1848, und selbst dann unter Ausblendung auch damals schon existenter Riesenakteure wie der East India Company. Das war ja auch wiederum einer der Irrtümer der NE, das Entrepreneurtum vergangener Zeiten Tabula-Rasa-mäßig neu starten zu wollen.

    che2001

    19. März 2008 at 9:06

  24. […] Toller Kommentar von che2001 drüben bei Shifting Reality zum Bild "des Unternehmers" bei den Marktradikalen. Um nur einmal den wichtigsten Punkt zu zitieren: Das Bild “des Unternehmers”, das uns sonst in der liberalen Blogosphäre begegnet, ist das des Unternehmers von 1789-1848, und selbst dann unter Ausblendung auch damals schon existenter Riesenakteure wie der East India Company. […]

  25. (…) Meine ich tatsächlich in unpolemischer Absicht, weil das ja schon rein deskriptiv ganz spannend ist.

    Es ist ja schließlich auch deshalb spannend, weil es bedeutende Anteile und Akteure eines sozialökonomischen Geschehens deuten hilft – und sogar Prognosen zulässt. Problematisch kann das Spannende aber m.E. in zweierlei Form werden, erstens – wie von Freiburger Thesen angemerkt – wenn sich die Idealisierung von Sozialtypologien allzu weit von der Realität entfernt, aber auch – das Argumente ähnlich wie bei Momorulez -, wenn ein komplexes sozialökonomisches Geschehen nur noch sehr eingeschränkt und unter einem sehr speziellen Blickwinkel betrachtet bzw. die Darstellung des Geschehens „kolonisiert“ wird.

    (Übrigens, Statler, in der neoklassischen Betrachtungsweise wird die faktisch bedeutsame Kooperationsökonomik auf Mikroebene zumeist stark vernachlässigt, sofern sich diese vom Idealbild des Handelsvertrags entfernt.)

    Ein Problem ist, dass es in den Sozialwissenschaften eine – oft sehr sinnvolle – Neigung zur Vereinfachung gibt, zumal diese die wissenschaftlich notwendige Modellbildung erleichtert, während gleichzeitig gute Alternativen zur neoklassischen Sichtweise auf mikroökonomische Vorgänge sehr spärlich ausfallen.

    Das heißt, ein herkömmlicher Wirtschaftswissenschaftler, will er seinen Job gut machen, steht diesbezüglch eher nciht vor der Qual der Wahl. Ihm bleibt kaum etwas anderes übrig, als die von uns monierten Vereinfachungen vorzunehmen, z.B. beim Bild von idealtypisch gedachten Anbietern, Unternehmern und Marktnachfragern.

    Die scheinbare Alternative, z.B. in Gefolge bestimmter Soziologen, die Dinge dann eben mit einer anderen Makro-Theorie zu betrachten (bzw. die Betrachtungsweise damit zu ergänzen), ist für Wirtschaftswissenschaftler methodologisch zutiefst unbefriedigend, denn hier fehlt ein schlüssiges mikroökonomisches Fundament. Der Aufbau alternativer mikroökonomischer Modelle (ggf. geleitet von aktuellen Erkenntnissen aus der Experimentalökonomie wie bei Ernst Fehr*, sowie ergänzt durch Spieltheorie) steht erst am Anfang, und ist sehr weit davon entfernt, eine einigermaßen vollwertige mikroökonomische Alternative zu bilden.

    * Meine Prognose: Ernst Fehr gehört in spätestens 10 Jahren zu den Wirtschaftsnobelpreisträgern. (But, please, don’t call me Fehr-Groupie!)

    Dr. Dean

    19. März 2008 at 17:20

  26. „Ein Problem ist, dass es in den Sozialwissenschaften eine – oft sehr sinnvolle – Neigung zur Vereinfachung gibt,“

    Gibt’s die? Luhmann oder Habermas sind schon hochkomplex, und zumindest mit letzterem kommt man auch in der Mikroökonomie erstaunlich weit …

    momorulez

    19. März 2008 at 19:33


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