shifting reality

Es gibt kein richtiges Lesen im valschen!

… [zur kleinen Form]

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Im Gymnasium hatte ich wenig dazu gelernt, als Gedichte auswendig zu lernen. Ich habe sie alle wieder vergessen. Auf der Realschule dann gab es eine recht fundierte Vermittlung der Literaturgeschichte. Ich musste den Steppenwolf lesen, Referate zu Kafka, Hochhut, Manns, Büchner, Heine, Böll, Dürrenmatt, Frisch und Döblin hören, Streiflichter und Kurzgeschichten von Borchert interpretieren. Und auch so manches Gedicht. Wirklich beeindruckt hatte mich damals „Mein blaues Klavier“ von Else Lasker-Schüler: Die letzten mündlichen Noten mussten noch vergeben werden und meine Klassenkameraden mühten sich daran ab, das Gedicht zu interpretieren. Und niemand kam auf die Verbindung von blau und Traurigkeit.
Auf der Fachoberschule dann gab es noch einmal eine kurze Einführung in das Theater von Sartre, Beckett und Ionesco. Und wir selbst spielten Büchners Leonce und Lena. Dafür haben wir viel gelesen, auch den Surrealisten Queneau. Die Romane von Sartre und Beauvoir entdeckte ich erst, als ich schon mit dem Zivildienst fertig war. Während des Studiums dann folgten Chirbes, Tabucchi und der wundervolle Saramago. Irgendwie habe ich es geschafft, sein „Die Stadt der Blinden“ parallel zu Michel Foucaults „Überwachen und Strafen“ zu lesen. Aber plötzlich war da auch die Lyrik wieder. Genau diese wundervolle Expressionistin Else Lasker-Schüler aus Elberfeld, George, Rilke, Benn aber auch Kästner und die Kaléko. Plötzlich war diese kleine Form da, die mich nicht mehr los lies. Dass mir kurz darauf die Minima Moralia von Adorno in die Hände fiel und auch Benjamins Einbahnstraße nicht weit weg lag, erscheint mir im Nachhinein nur konsequent. Klar habe ich parallel dazu den soziologischen Kanon gelesen, mich mit der kritischen Theorie und dem Poststrukturalismus angefreundet und die politische Sozialisation durchgemacht. Irgendwann vor drei oder vier Jahren wurde mir dann klar, dass die Zeit der dicken Bücher für mich eigentlich vorbei ist, dass dafür die kleine Form, egal ob Gedicht, Aphorismus, Essay oder ein Blogeintrag meinen ästhetischen und auch politischen Vorstellungen am nächsten kommt. Und jetzt suche ich danach, Inhalt und kleine Form in Übereinstimmung zu bringen.

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Written by lars

19. März 2008 um 0:45

6 Antworten

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  1. Keine Ahnung, wieso das „Blau und Traurigkeit“, Blue-Notes, da oben aus dem Cache springt …

    Ich glaube, deshalb liebe ich den Popsong so. Selbst ein „Like a Virgin“ von Madonna hat ja was Lichtenbergsches 😉 …. das ist ein ganzer Kosmos. Auf irgendeine Art. Und sowas auch komplett trivial Wirkendes wie „Because the night belongs to Lovers“ steht ja der auch von mir heißgeliebten Else Lasker-Schüler um nix nach. Wobei ich jetzt nicht sagen kann, daß mich „Tristan und Isolde“ deshalb abschrecken würde, so meinerseits.

    Aber diese komprimierten Formen müssen ja auch gar keine kleinen Formen sein, wenn man vor einem 40 x 60-Picasso steht ist da ja immer noch unendlich viel größer als irgendein monumentaler Wurf von Neo Rauch.

    momorulez

    19. März 2008 at 8:40

  2. Größer als ein Monumentalgemälde von Rauch zu sein schafft schon eine Miniatur von Cruikshank oder Gillray.

    che2001

    19. März 2008 at 8:58

  3. die zeit der (dicken) bücher ist nie vorbei. man findet immer wieder neues, es geht immer weiter…

    jorg

    19. März 2008 at 11:57

  4. Ja, dass passiert mir häufiger, wenn ich von meiner alten Maschine zu Hause aus schreibe. Habe das mal repariert.

    Nein, die kleine Form ist ja eben nicht ein Ersatz für Wagner oder Proust oder Delacroix. Andererseits wird Pop auch dann schlimm, wenn er in Gigantomanie verfällt, die Klassik wieder aufleben lassen möchte. Also so manches Album des Progrock oder auch diese Metal-Symphonien. Klar hat das auch seinen Reiz, aber zum Fortschrittlichsten gehört das sicherlich nicht. In meiner Musikgeschichte wären das z.B. die Smahing Pumpkins gewesen, die irgendwann nur noch hohle Musik fabrizierten

    Die monochrome Malerei, wenn ich die richtig verstehe – im Original habe ich bewußt leider erst eine kleine Installation von Yves Klein gesehen – ließe sich fast schon wieder zur kleinen Form rechnen, denn ihre Wirksamkeit besteht ja auch darin, die Leinwand vergessen zu machen, den Rahmen zu sprengen und in der Präsenz der Farbe zu fesseln.

    Eines meiner Lieblingsbilder von Max Ernst ist übrigens „Das schlafzimmer des meisters es lohnt sich darin eine nacht zu verbringen“ von 1920, das ich im Netz leider nicht finden kann. Von der Surrealismus-Show, die vor ein paar Jahren in Düsseldorf in der K20 zu sehen war, habe ich dieses Bild am ehesten vor Augen, nicht seine Frottagen, Collagen und Dekalkomanien; und auch nicht die Bilder von Dali, Chirico und Tanguy.

    lars

    19. März 2008 at 12:40

  5. @jorg: also ich will damit ja nicht gesagt haben, dass die dicken Bücher ihren Sinn verloren hätten. Nur für mich ist das unter ästhetischen und auch intellektuellen Gesichtspunkten kein Ziel. Das atmet fast immer den alten Geist der Weltgeschichte des 19. Jahrhunderts. Das heißt im Übrigen nicht, dass die Sammlungen an kleinen Formen nicht selbst zu dicken Büchern werden würden. Das kann durchaus auch passieren. Aber was mich an den kleinen Formen fasziniert ist die Möglichkeit, kleine Kristalle zu schneiden, die einem bestimmten Gedanken oder einer Idee Rechnung zu tragen vermag, ohne gleich immer das große Ganze im Blick zu haben. Oft genug tut es sich dann in einem einzelnen Satz kund.

    Politisch ist das mit dem Problem der Repräsentation verbunden (verstanden sowohl als semiotisches Problem der Bezeichnung als auch als legitimatorisches Problem der Vertretung), dass sich mit den Theorien der Postmoderne und des Poststrukturalismus auftut: Keine Partei, kein Parlament, keine Regierung kann heute noch umfassend Gesellschaft repräsentieren. Und kein Kunstwerk kann ein ganze Welt abbilden. Diese Versuche scheitern immer, wenn manchmal auch auf hohem Niveau.

    Das Problem hatte ich ja gestern auch mit dem Deutschlandtrend. Die Kommentatoren sagten dann plötzlich: „Kein Informationsgehalt. Das bildet nichts ab.“
    Nein, es bildet etwas ab, aber es ist nicht genug oder nicht relevant, um darauf Politik zu gründen oder uns damit befassen zu müssen.

    Deshalb habe ich starke Sympathien für direkte Demokratie, Selbstbestimmung etc. Das verhindert dann im übrigen auch einen Nationalismus, Regionalismus und Lokalismus, weil man nämlich nicht einfach unvermittelt auf ein abstraktes Allgemeines zugreifen kann, um den Einzelnen zu repäsentieren. Bevor mir der Momo jetzt wieder an den Hals springt: Das heißt nicht, dass allgemeine Prinzipien nicht gültig werden können oder sollen. Aber sie besitzen dann auf der Ebene des Besonderen dann eben auch eine konkrete Form.

    lars

    19. März 2008 at 13:25

  6. […] Lars hat dieses Feeling neulich eh besser auf den Punkt gebracht, ich vermute mal, sowas meinte er. Wenn irgendwer ein Alles-Verrührer und Fan und Meister der ganz, ganz, ganz großen Form war, so war es Goethe, der Alleswisser, Farbenlehrer, Reimkunst-Sammler, Kultur-Inventator, Kultivierer, Ideenlehrer, “ewig-weiblich”, paah, dann doch lieber ganz konkrete Frauen, einzelne, indiviudelle, ja,  dieses so typisch männliche Wohlgefallen an sich selbst noch im “zwei Seelen, ach”, das der Zitronenland-Reisende da zelebriert, das kann ich kaum ertragen. […]


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