shifting reality

Es gibt kein richtiges Lesen im valschen!

„Verzweifelt, fett und alt“

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Kenne ich gut, das da in der Überschrift. Man sitzt ja mittlerweile des Mittags da mit Freunden und redet über die Angst vor dem Bandscheibenvorfall, so what? Wird halt nicht jeder so cool verlebt und doch präsent alt wie die wundervolle Patti Smith.

Verstehe die Häme gar nicht, die da durchdringt – was is’n so schlimm daran, daß 40jährige ihr Leben als 40jährige besingen? Und daß sie ganz ohne verfickte Ironie in Worten formen, was gesellschaftlich sie wahrnehmen?

Oje, „Gesellschaft“, wer das schreibt, wenn’s um Pop geht, kriegt ja mittlerweile prompt auf die Fresse. Was keiner merkt, ist, daß dahinter immer der Sieg von Botho Strauß über Bertold Brecht lauert. Der hätte zwar mit Kettcar- oder Superpunk auch nix anfangen können, der Brecht, der wollte ja Erkenntnis statt Gefühl , ganz so, als ginge das – aber wer mit Thatcher die Existenz der Gesellschaft bestreitet, landet immer irgendwann in der Botho-Strauß-Ecke, weil die glatten Yuppie-Oberflächen – ja, Schlagwort, zudem noch noch aus den 80ern, aber wahr – gegen Erschlaffung, Müdigkeit und Bluthochdruck noch nie was ausrichten konnten.

Und das reicht schon vollkommen zur Erklärung der Motibvation hinter den Attacken auf’s Gesundheitssystem – sowas Peinliches wie den Weg zum neuen Hüftgelenk oder Entwässerungspillen will man halt im Rahmen der/des „Privaten“ belassen. Neoliberalismus ist ja eigentlich ’ne Form von Scham, und wer sich schämt, richtet zugrunde – auch im Folgenden kann ich Herrn Winkler von der taz nicht wirklich folgen:

„Denn wenn er so auf die Welt blickt, entdeckt Spilker, mittlerweile 41 Jahre alt und Vater, vor allem Menschen, die fast schon verzweifelt um Teilhabe ringen in dieser Gesellschaft. „Ich lauf in Kreisen“, singt er, „weil mich nichts aufhält“. Die Protagonisten seiner Songs sind schwermütig, die meisten drohen im Selbstmitleid zu versinken. Ihr Leben ist ein Buch, in dem sie zwar lesen können, das aber kein Happy-End garantiert.“

Ja, und? Wieso soll man mit 41 auch das Happy end besingen? Fröhlich dahinjauchzend an der Wampe kratzen und sich auf die ersten hammerharten Diagnosen sorglos freuen und darüber, daß das Kniegelenk jetzt immer öfter schmerzt?  Natürlich kommt da anderer Pop bei raus, wenn man mit Kids samstäglich zwischen den Obst-Ständen auf dem Großneumarkt  flaniert und vor Entsetzen erstarrt Frau Sagers Wege kreuzt, die jetzt mit der CDU koalieren will, als wenn man als Jungspund den Hound Dog markiert.

„Nein, Wiebusch, 39, Familienvater mittlerweile und als Teilhaber einer Mini-Plattenfirma gestählt im kapitalistischen Auf und Ab, sitzt mit am Küchentisch, unter dem die demnächst einzuschulenden Kinder spielen, denn die sind befreundet mit seinen Kindern, und bringt einen gänzlich unironisch gemeinten „Toast auf die Freundschaft“ auf. Er berichtet wie ein Krisenreporter, durchaus auch mit ähnlicher Dringlichkeit, aus der Alltagshölle. Dort hat man es sich dann doch ganz kuschelig eingerichtet und den Blick auf die größeren Zusammenhänge verloren: „Es gibt kein Außen mehr, kein Drinnen und Draußen mehr“. Das eigene Dasein ist das Zentrum des Seins, die prekäre Situation als Kreativ-Jobber der Generation Praktikum (eindringlich beschrieben in „Geringfügig, befristet, raus“) ebenso frustrierend wie der Verrat an den eigenen Idealen (erschütternd demaskierend in „Würde“). Nur daraus, am Leid an der eigenen Existenz, kann sich noch eine kämpferische Haltung entwickeln. Die überblickt zwar immerhin die großen Zusammenhänge, aber ist dann doch nur mehr eine diffuse Ahnung von Wiebusch Vergangenheit als Punkrocker bei But Alive. Heute hat er den obdachlos gewordenen Duktus der guten, alten Sozialdemokratie adoptiert: „Für die einen sind es Menschen mit Augen, Mund, Ohren/ Für die anderen Kostenfaktoren.““

Ja, eben. Gegen die Obdachlosigkeit dieses Duktus schreibe ich hier ja auch an. Tschechow würde heute aus solchen Stoffen seine Dramen modellieren, und Leute wie der Winkler sind doch einfach nur diesen Creative-Writing-Ratgeber-Autoren auf den Leim gekrochen (okay, die Dringlichkeit gesteht er ein), diesen Deppen mit der aktiven Hauptfigur, die etwas unbedingt will, und die Story ergibt sich aus den Widerständen, die auf dem Weg zum Happy End zu überwinden sind. Und dabei stählt sich auch noch der Charakter, trifft auf tiefe Einsichten, erwirbt die Fähigkeit zu lieben und zu kämpfen und all dieser Kokolores, auch als Rock’n’Roll-Mythos oft reproduziert.

Ist so etwa das Leben? Daß beim Porno-Lesen und nicht nur das der verfettete Leib vom Clo fällt, weil das Herz einfach  keine Lust mehr hat auf all die Pillen, das ist doch viel realistischer – und irgendein Friseur hat so die Chance, sein Leben lang zu erzählen, wie er die Leiche frisierte und feststellte, daß längst schon der Ansatz weiß geworden war inmitten der noch vollen Haarpracht auf dem toten Leib …  „Graceland“ als Albumtitel, das paßt schon.

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Written by momorulez

29. März 2008 um 10:28

5 Antworten

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  1. Hmm, ich bin deutlich über 40, würde mich als jung und dynamisch bezeichnen, bin Führungskraft mit Etatverantwortung und könnte mir keine Einbauküche leisten, von solchen Flausen wie Familie gründen ganz zu schweigen, aber was erwartet dieser TAZ-Reporter? Dass alle Musiker wie Janis Joplin in sin on the road leben?

    che2001

    29. März 2008 at 12:24

  2. Anscheinden schon. Das ist das gleiche Argument, das man Linken immer dann vorwirft, wenn sie beim Hummeressen erwischt werden oder selbst über eine gewissen Wohlstand verfügen (gar etwas geerbt haben). Ein Linker hat arm zu sein oder er soll schweigen, denn andernfalls würde man sich ja am System beteiligen und sich als doppelzüngig erweisen, oder so.

    lars

    29. März 2008 at 13:17

  3. „Kommunismus ist kein uniformiertes Elend, sondern Luxus für alle. Das Recht auf die persönliche Kathedrale muss ebenso selbstverständlich werden wie das auf die massiv goldene Klobrille, ohne vom Primat des Mangels rationiert zu werden. Wir bestehen auf dem Recht eines jeden Menschen, genial und wahnsinnig zu sein.“ (Lucifer Dyonysios, „Genießen Sie den Untergang des Abendlandes“)

    che2001

    29. März 2008 at 15:26

  4. „Ein Linker hat arm zu sein“

    Liberale haben ja auch stinkreich, nur durch die Steuerfahndung bedroht und mit der Möglichkeit ausgestattet zu sein, über Wohl und Wehe von Millionen von Proletariern per Knopfdruck zu entscheiden. Jeder hat halt sein Kreuz zu tragen. 😉

    David

    29. März 2008 at 15:42

  5. Während Konservative noch reicher, durch intrigante Konkurrenten und Verwandte mit Mord bedroht, Ehebrecher, Steuerhinterzieher oder aber Bauern oder praktizierende Katholiken sind und Grüne Lehrer, Krankengymastinnen, Ökoladenbesitzer und Behindertenpädagoginnen in einer Person sind. Immer.

    che2001

    29. März 2008 at 16:47


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