shifting reality

Es gibt kein richtiges Lesen im valschen!

And what about the kids?

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„Um die Wende zum 20. Jahrhundert wurden die bemühungen systematischer und die Instrumente diversifizierter, mit denen Staat und Öffentlichkeit sich den Kindern zuwandten. Die Maßnahmen und die Rhetorik, mit der sie begründet wurden, lassen klar erkennen, dass es in dieser Zeit in erster Linie darum ging, einen Nachwuchs zu garantieren, wie man ihn sich wünschte: Ausreichenden Nachwuchs und fleißigen, ordentlichen Nachwuchs. Die Mittel zur Produktion dieses Humankapitals waren durch die Vordenker der früheren Jahrhunderte längst erfunden: Familie und Schule, die gemeinsam die lückenlose Kontrolle der Kinder gewährleisten sollten. Nun aber begnügte man sich nicht mehr mit moralischen Appellen (auch wenn diese heute noch einen vergleichsweise gewichtigen Anteil jeder Familien- und Kinderpolitik ausmachen!), gelegentlichen Sanktionen und nur minimalen Investitionen, wenn es darum ging, dieses Kindheitsarrangement zu schaffen.

Es lassen sich verschiedene Arten von staatlichen und öffentlichen Bemühungen unterscheiden, die sich auf die Kinder richteten. Zum ersten sind es Bemühungen, die darauf zielten, ein Familie mit klaren Geschlechts- und Generationsunterschieden zu födern und zu erhalten, d.h. eine Familie, in der das männliche Oberhaupt vis-á-vis der Frau und den Kindern den Status des Haupt- und möglichst Alleinverdieners hatte, und in der Mann und Frau sich klar als Eltern definierten, die ihre von ihnen abhängigen Kinder sorgfältig überwachten. Schon das preußische Landrecht von 1794 hatte diese ehelichen und elterlichen Pflichten festgehalten. Das bürgerliche Gesetzbuch von 1896 war zwar weniger explizit, was die innere Organisation der Familie betraf – weil nun das Prinzip des Schutzes der Intimsphäre vor staatlichen Zugriffen herausgestellt wurde, das allerdings nur solange galt, wie die Familien den Ordnungsvorstellungen entsprach! – zementierte jedoch dieses Familienarrangement. Es erlaubte eine eigne Erwerbstätigkeit der Ehefrau nur in Ausnahmefälle, sprach dem Ehemann alle Entscheidungsbefugnisse im Hinblick auf die Familie zu und schränkte die Möglichkeiten der Scheidung ein. (…)

Wir können also festhalten, dass sich ein zweiter Komplex politischer und öffentlicher Bemühungen für die Kinder darauf richtete einzugreifen, zu bestrafen und zu kompensieren, wo die Familienverhältnisse nicht in der gewünschten Weise bestanden oder sich herstellen ließen. Die Bemühungen wurden wesentlich von Experten unterstützt und sogar angetrieben, die sich über solche Bemühungen professionalisierten und deren Berufsgruppen expandierten. Dieses doppelte Interesse an gesellschaftlicher Ordnung und einem professionellen Markt führte wohl dazu, dass gerade dieser Bereich von Maßnahmen besonders schnell wuchs (nach 1924 allerdings vorerst wieder gebremst in Folge der wirtschaftlichen Entwicklung) und – wenngleich in entkriminalisierter Form – noch immer wächst. (…)

Ein dritter Komplex von Bemühungen richtete sich darauf, die Kinder vor Einflüssen zu bewahren, die mit dem Einfluss von Familie und Schule konkurrieren konnten. 1920 schlossen sich verschiedene ‚Kampfgruppen‘ zusammen, um gegen ein angeblich ausuferndes Vergnügungsleben, das von schamlosen Unternehmern gesteuert werde, vorzugehen. Ein Reichsfilmgesetz wurde im selben Jahr verabschiedet, es sag eine Prüfstelle und schwarze Listen für Verlage und Händler vor, die verderbliche Filme verbreiteten. 1926 wurden die sogenannten ‚Schund- und Schmutzschriften‘ durch ein Gesetz verboten. 1933 löste dann ein Gesetz des Reichstagspräsidenten zum Schutz des deutschen Volkes diese Gesetze ab.“
Bühler-Niederberger, D. (2005): Kindheit und die Ordnung der Verhältnisse. Von der gesellschaftlichen Macht der Unschuld und dem kreativen Individuum, München und Weinheim: Juventa, S. 81-85.

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Written by lars

1. April 2008 um 8:55

Veröffentlicht in He! Sie da! Polizei!, Liebe, Staat=Markt?

5 Antworten

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  1. Wenn Du das ungefiltert ins Jetzt projizierst, dann landest Du wahlweise bei sehr konservativen oder libertären Positionen. Und machst jenes Faß auf, daß z.B. auch Habermas zur Kritik des Sozialstaates (Kolonisierung der Lebenswelt) nötigte oder die Liberalen zu einer Totalisierung eines Begriffs negativer Freiheit führt.

    momorulez

    1. April 2008 at 9:51

  2. Das lässt sich auch gut an Foucault anknüpfen (Überwachen und Strafen) bzw. an das Geschichtsbild der Historischen Anthropologie. In Rückprojektion bedeutet es eine Eingliederung des Menschen in die kapitalistische Gesellschaft durch Verinnerlichung ihrer Normen. Der fleißige Mensch der Industriegesellschaft arbeitet gewissenhaft, weil er entsprechende Normen verinnerlicht hat, Menschen frührer Zeiten hätte man zu entsprechenden Arbeiten mit der Peitsche antreiben müssen (was man z.T. auch tat). Erst der neuzeitliche Arbeitsethos und die Erfahrung des Drills auf dem Kasernenhof erschufen den Typus des Fabrikarbeiters, erst die Verinnerlichung des Zwangs zur Arbeit zu einem Leistungsanspruch an sich selber und die Erziehung zum selbstdisziplinierten, auch selbstreflexiven, das System aber nicht grundsätzlich in Frage stellenden Menschen machten den eigentverantwortlich arbeitenden Menschen heutigen Typs möglich.

    che2001

    1. April 2008 at 10:07

  3. Ja, an Foucault musste ich bei diesem Zitat auch sofort denken. Die gesamte Gesellschaft, als Speerspitze der Staat, als Maschinerie zur Formung eines gewünschten Menschen. Je institutionalisierter diese Mechanismen werden, desto totaler ihr Ergebnis, und desto geringer die Möglichkeiten, der Formung auch nur teilweise zu entkommen.

    freiburgerthesen

    3. April 2008 at 12:24

  4. Sartre aber:

    „Die Bourgeoisie hindert die Leute daran, Kinder zu haben.“

    Dann: Frauenarbeit als Zwang, um die Löhne auch der Männer zu senken, was Frauen zu aushäusiger Arbeit zwingt.
    Sogenannte Migrantinnen arbeiten fast immer, wenn sie, wie fast immer, zu den niedrigen Lohnklassen gehören. Die sind nicht emanzipiert.

    – Kein Entrinnen.

    T. Albert

    3. April 2008 at 22:06

  5. Lesenswert: „Leben als Sabotage“ von Detlef Hartmann.

    che2001

    3. April 2008 at 22:13


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