shifting reality

Es gibt kein richtiges Lesen im valschen!

Erschöpfendes

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Wie beschreibt man Erschöpfung? Von innen nach außen oder umgekehrt? An Geltungsansprüchen orientiert, expressiv, als Stimmung, die Welt mir erschließt oder als strategische Operation, Mitgefühl zu erheischen?

Setzt man an bei dem Gefühl, morgens kaum aus dem Bett zu kommen und doch nicht mehr schlafen zu können, das eigene Fleisch spürt sich so an wie grau? „Ich fühle mich wie gerädert“, solche Sätze sind entstanden, einfach so, einst, während Menschen mit Sprache spielten, und man begibt sich in sie hinein, um zu wissen, was man fühlt – oder wie? Kleines Mittelalter-Einsprengsel steckt da drin, weil ja kein Mensch wissen will, wie’s wirklich sich anfühlt, gerädert zu werden … betonenswert sei dennoch, daß man auch als „Geistesarbeiter“ gelegentlich da hängt, die Schultern klappen nach vorne weg, die Hände sind kaum über der Tastatur zu halten und wollen – platsch – einfach niederfallen, weil allein schon ihr Gewicht auf einmal spürbar ist. Erschöpfung hat was mit Schwerkraft zu tun.

Der erschöpfte Mensch ist ja, ganz im Gegensatz zum Film – da darf man das nur sein, wenn man gerade stundenlang gegen Dinosaurier oder Zombies gekämpft hat und dolle Fluchten mit coolen Karren hinter sich brachte – auf der Theaterbühne durchaus trendy.

Der Faust überwindet sie zwar, der Hamlet wird trotz Zweifel und Hadern auch aktiv – aber bei Beckett kommt die Erschöpfung an allem und jedem zu sich selbst, und über Tschechow traue ich mich schon gar nicht mehr zu schreiben.

Alle Großen von Sophokles bis Beckett hatten keine andere Leitfrage als jene vierte des Immanuel Kant, die Foucault so eindrucksvoll einst attackierte: „Was ist der Mensch?“. Tragischen Gewalten unterworfen, strebsam, sich kultivierend und arbeitsfreudig oder einfach nur essend, trinkend, Unsinn redend und unerfüllt begehrend? Nach politischer Freiheit strebend oder unter der existentiellen leidend – oder auch einfach nur absurd wie in Ionescos kahler Sängerin? Tragikomisch zumindest ist er in alledem sowieso, nur, koordiniert diese Erkenntnis Handlungen? Kann man darauf ein Wirtschaftssystem aufbauen?
Seltsame Frage für jene, die Habermas‘ Exkurse zum Gattungsunterschied zwischen Literatur und Philosophie in dessen „Der philosophische Diskurs der Moderne“ nicht kennen. Steckt man gerade im Tschechow-Universum fest, dann liest sich das auch ein wenig wie „Le Malentendu“ von Camus oder so.  Noch grotesker wird’s, wenn man dann mit den CFOs oder wie die heißen von Freunden, die Unternehmer sind, zusammensitzt und über Buisnesspläne und Inverstoreninteressen diskutiert.  Und das, nachdem man seit Monaten grübelt, welche „Gattungsunterschiede“ zwischen Philosophie, Wissenschaft und Literatur denn nun eigentlich bestehen.

Habermas unterscheidet zwischen dem handlungskoodinierendem, problemlösenden, verständigungsorientierten, sich an „wahr“, „richtig“ und „authentisch“ orientierendem, kommunikativen Handeln einerseits und Welterschließung durch Kunst und Literatur andererseits. Nur, so schade das ist, über letztere vermag er erschütternd wenig zu sagen. Und seine eigene Kritik des strategischen Handelns, also solchem, das Andere und Welt objektiviert zu Zwecken der Verfügbarmachung, verschwindet völlig in der Diskussion. Was ja auf ein weiteres Mißverstehen vieler Kunstwerke verweist, setzen diese doch auch nur auf Effekt oder Marktgängigkeit, und dann sagen sie ja nix als dieses selbst, sind Ergebnisse strategischen Operierens.

Wie eben auch das Fertigen von Buisnessplänen. Da versammelt man sich mit seinen Beratern und diskutiert ganz verständigungsorientiert über Strategien. Ist ja seltsam. Obwohl’s natürlich der These von Habermas, daß strategisches Handeln dem verständigungsorientierten abkünftig sei, völlig recht gibt.

Nur schreibt man in Buisnesspläne nicht den „Point of Erschöpfung“ oder sowas. Monat 3 bei Betriebsergebnis X: Bitte ganz vorsichtig sein mit Geschäftsführer Y, da kriecht der auf dem Zahnfleisch durch’s Büro. Monat 7: Bitte alle Mitarbeiter zum Welllness-Wochenende in die Lüneburger Heide verfrachten, sonst klappen die zusammen. Monat 8: Aufgrund astrologischer Konstellationen wird Mitarbeiter Z in eine tiefe Krise schlittern, bitte unterstützen. Und bei Monat 9 steht dann einfach ein Gedicht darüber, wie Geldscheine sich anfühlen und wie wunderschön die Augen des „Mädchen für alles“ am Empfang sind.

Noch seltsamer ist, daß der qualitative Teil dieser Mach – und Planungswerke auch nur ’ne Form von Literatur ist. Bis in die Sprache hinein: Da sind bestimmte Formen zu wahren, die dann allerdings doch eher auf Effekt aus sind. Eigentlich ’ne Form von Kitsch ist so ein Buisnessplan, allerdings auch nur in der Form, im Inhalt ist’s eine Gemengelage. Und zwischen dem Koordinieren von Handlungen und Welterschließung kann man da beim besten Willen nicht unterscheiden.

Und dann lehnt man sich zurück und träumt davon, einfach mal ’nen Monat in Melichovo angeln zu gehen mit coolem Folk im I-Pod … ja, so beschreibt man dann wohl Erschöpfung.

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Written by momorulez

5. April 2008 um 9:19

12 Antworten

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  1. Du hast die verfügte Zwangserschöpfung als Konsequenz vergessen, den selektiven Charakter dieser ganzen entindividualisierenden Scheisse, in der das ganze Leben auf „richtig“ und „falsch“ auszurichten ist, bis man „richtigerweise“ einfach aussortiert worden ist, um „richtigerweise“ als Sozialschmarotzer noch soviel Mittel zur Verfügung gestellt bekommt, dass man in den Ramschläden konsumieren kann, was man muss und soll.
    Bis dahin hat man z. B. auf seinen Familiennamen verzichtet, hat als Arbeiterin im Informationsbüro der Bahn auf seinem Namenschildchen nur noch den Vornamen stehen, steckt in absolut unwürdiger Dienstkleidung, dein Lohn ist an deinem ganzen Aussehen und an deiner Ausstattung abzusehen, du bist nur noch Zeichen deiner Funktion, und auch nur auf Abruf, und eigentlich wertlos.
    ( Karsten wird jetzt wieder sagen, ich würde wieder mal einen mittleren Wutanfall äussern, womit er recht hat. Vollkommen. Zum Glück. Entspricht beginnende Alterswut nicht der beginnenden Altersweitsichtigkeit, und ist sie nicht der sich erneut bemerkbar machende Zorn des jungen Mannes über ekelerregende Zustände von Entwürdigung? Karsten?)
    Und doch: jetzt habe ich einige Tage in Paris, und im mir angemessenen „arabischen“ Montmartre-Quartier, Leute sehen können, die sich voller Würde im Zwangsschlamassel des Environments bewegen; noch nie habe ich in meinen Billighotels so würdige und schöne Zimmerfrauen getroffen, die ihren schlechtest bezahlten Beruf mit selbstverständlicher und beeindruckender Ernsthaftigkeit und wehrhafter Heiterkeit ausüben, wie die drei schwarzen und die eine dunkelweisse Afrikanerinnen dort. Nicht mal alle Zähne hatten sie. Und die schlimmen Jungs, ihre Söhne und Brüder aus den Banlieus, in der U-Bahn: hmmm, dachte ich, da muss es um was gehen, das ich vielleicht verstehen kann? Aber ich bin ortsfremd in Bagdad. Die waren ruhig, zuvorkommend, zurückhaltend, wenige, die sich vernachlässigen, und wohl ganz gut gelaunt.
    (Das ist ganz anders in Berlin, worüber ich kein Wort verlieren will.)

    T. Albert

    5. April 2008 at 11:36

  2. @T.Albert:

    „Du hast die verfügte Zwangserschöpfung als Konsequenz vergessen, den selektiven Charakter dieser ganzen entindividualisierenden Scheisse, in der das ganze Leben auf “richtig” und “falsch” auszurichten ist, bis man “richtigerweise” einfach aussortiert worden ist, um “richtigerweise” als Sozialschmarotzer noch soviel Mittel zur Verfügung gestellt bekommt, dass man in den Ramschläden konsumieren kann, was man muss und soll.“

    Na, ich kann ja nun nicht immer gleich auf’s ganze gehen 😉 … war ausnahmsweise mal einfach nicht mein Thema. Hast aber ja recht.

    momorulez

    5. April 2008 at 13:42

  3. Na, ich kann ja nun nicht immer gleich auf’s ganze gehen

    – nee, kann man nicht immer. Dein Text hat nur einiges in mir ausgelöst. Paris ist eine Reise wert. Offensichtlich ist man dort schon weiter im möglichst unbefangenen Umgang mit Menschen von Seiten der grossen Wirtschaft und des Staates, der sich nur als Marktteilnehmer und Arbeitgeber betrachtet.
    Ich musste ausserdem immer daran denken, wie es war, als ich damals einen Tag nach den aggressiven Protesten gegen Frau Thatchers Poll-Tax nach London gekommen war: es brannten noch Autowracks, Läden waren zerhauen, die Randale war in der Innenstadt noch zu sehen, wo die Jungs mit Autos aus den Autogeschäften gefahren waren. Im East-End patroullierten Panzerfahrzeuge, der U-Bahnhof und andere öffentl. Einrichtungen waren staatlicherseits, das behütete Mittelstandskind erschreckend,
    völlig verwahrlost gelassen. Im schönen feinen, weissen Richmond/Surrey hingegen, wo ich wohnte, direkt mit der Polizei per Alarmanlage verdrahtet (die auch kam, wenn man nicht rechtzeitig rauskam, nachdem man auf „Alarm“ gestellt hatte; interessant! ), gab es wunderbar funktionierende öffentliche Dienste, die sehr zu schätzen waren.
    Das war 1990, glaube ich, und es handelte sich nicht um den Zusammenbruch eines staatskommunistischen Systems, sondern um Alltag, soviel ich mitbekam, wenn ich dort war.
    Daran musste ich jetzt ständig denken. (In La Defense, das eine tolle Sache des kapitalistischen Fortschritts ist, ohne jede zufällige Ähnlichkeit mit Satellitenstädten der DDR, läuft Militär mit MAschinenpistolen in der Gegend rum. Woanders auch. Auch ein Schutz vor Erschöpfung. )

    T. Albert

    5. April 2008 at 14:16

  4. Paris ist auch extrem in bestimmten Hinsichten. Glaube aber, daß das an anderen Strukturen liegt als in England, eher dieser extreme Elitarismus und Zentralismus – und auch, daß diese ein Überwinden bestimmter postkolonialer Strukturen noch massiver verhindern als in den angloamerikanischen Ländern. .

    momorulez

    5. April 2008 at 15:16

  5. Die Frage stellt sich: Warum ist es in Deutschland (vergleichsweise) ruhig? Vielleicht, weil jene, die rebellieren könnten, schon längst erschöpft sind?

    MartinM

    5. April 2008 at 16:59

  6. Ist wohl eher ’ne Form von Ent-Solidarisierung, glaube ich – und so drastisch wie in den Pariser Banlieues zum Beispiel isses hier noch nicht.

    momorulez

    5. April 2008 at 19:09

  7. Begeisterung.

    Klingt doof. Passion hilft aber gegen Erschöpfung – idealerweise zusammen mit etwas Regeneration. Manchmal hilft es auch, einfach mal wieder eine paar Tage auszuschlafen und zwischendurch schöne Tage zu verleben. Oder Menschen treffen, auf die man sich freut. Sich von Unbeschwertheit anstecken lassen. Sogar ein Rummelbesuch – wie immer der konkret ausschaut. Und am nächsten Tag gleich eine Exkursion im Lüneburger Wald, ein nettes Picknick und abends ein gutes Glas Rotwein und angenehme Gespräche.

    Hoffnung. Mut. Und dazwischen öfters Durchatmen.

    (Blogger-Seelsorge präsentiert von: Dr. Dean)

    @MartinM
    Ich glaube, es fehlen da auch die Erfolgserlebnisse. Wer keine Erfolgserlebnisse hat, hofft im nächsten Schritt weniger auf solche. Wenn Widerstand kaum etwas bewirkt und die politische Lage wie festgefroren erscheint – dann ist die politische Lage in Deutschland zunächst vergleichsweise ruhig. Dazu kommt ein Prozess der Abkopplung politischer Entscheidungsebenen (u.a.: Stärkung von EU-Kompetenzen) und des Souveräns.

    Und dazu kommt die großkoalitionäre Lähmung des Landes. Wenn Politik zunehmend nur noch als Kasperletheater empfunden wird, bei dem nur noch Kleinigkeiten verhandelt werden, mit Akteuren, die sich gegenseitig kopieren (z.B. Seeheimer Kreis = CDU light), aber nichts Ernstes mehr zu bewegen versuchen, auch dann wächst das Desinteresse.

    Und dann das Personal: Kalte graue Politmanager, die sich im Wesentlichen nur noch für Machtfragen interessieren – und ihre Standpunkte, sofern sie diese überhaupt haben, vor allem „vermitteln“ wollen. Techniker der Macht.

    @ Momorulez
    Begeisterung & Passion.

    Dr. Dean

    5. April 2008 at 20:50

  8. @Dean:

    Danke für die Seelsorge 😉 …. habe mich heute auch einfach durch’s Leben schweifen lassen, obwohl ich eigentlich schrecklich viel zu tun gehabt hätte. Ein paar Tage gleich sind aktuell allerdings nicht drin … da das, was ich gerade zu tuen habe, tatsächlich vom totalen Nerv wieder zu einer gewissen Passion übergegangen ist, manchmal mutiert man ja innerlich auch in ganz schöne Richtungen, will ich eigentlich auch gar nicht jammern. Nur loswerden.

    momorulez

    5. April 2008 at 21:11

  9. Geht es in Paris und Frankreich um das Überwinden postkolonialer Strukturen?
    Den Eindruck hatte ich ganz und gar nicht. In London damals auch nicht. Ich hatte immer den Eindruck, dass manche Widersprüche der postkolonialen Strukturen eben mit Gewalt aufgelöst werden sollen und fertig. Ausserdem herrscht der Kolonialismus im Innern ja weiter, bis in den Einzelnen hinein. Die sogenannten Migranten sind nicht in die Freiheit geflüchtet, sondern in ihr altes „Mutterland“, wo sie einfach die sich geographisch verlagernde industrielle Reservearmee bilden, die man brauchen kann oder nicht. Interessant, dass man daraus jetzt „religiöse“ und kulturelle Themen schnitzt, wie es gerade geschieht. Als ich in England mit dreizehn und fünfzehn Jahren Austauschschüler war, war ich manchmal entsetzt, wie mies es den Leuten ging. Das war ich Anfang der neunziger Jahre wieder, auch damals redete noch niemand derartig ablenkend und versteckt rassistisch über religiöse Themen, statt über die soziale Lage der arbeitenden Klasse in England. Gegen die Verhältnisse dort war das schlimme „sozialdemokratische“ Westdeutschland eine ziemlich ausgeruhte und erstrebenswerte Angelegenheit, der soziale Krieg hielt sich in engen Grenzen.

    T. Albert

    5. April 2008 at 21:44

  10. „Geht es in Paris und Frankreich um das Überwinden postkolonialer Strukturen?“

    Wohl besser: Sollte es gehen. Zudem all die Themen, die jetzt so kulturell und religiös neu geschnitzt durch Blogs und Massenmedien schwirren, zu Zeiten meiner Schüleraustausch-Erfahrungen in Frankreich – Normandie und unweit von Besancon in den 80ern – schon sonnenklar waren in ganz anderen Hinsichten, eben nicht kulturell und religiös. Wie wir mit dem Französisch-Leistungskurs vorm Raschplatz-Kino standen , stumm und uns nicht trennen wollend, nachdem wir „Tee im Harem des Archimedes“ guckten, daran erinnere ich mich bestens …

    „Gegen die Verhältnisse dort war das schlimme “sozialdemokratische” Westdeutschland eine ziemlich ausgeruhte und erstrebenswerte Angelegenheit,“

    Ja, aber das war ja alles angeblich nur auf Pump und auf Kosten der Freiheit und irrealer Schein im Sinne der Wirtschaftsnaturtheorie …

    momorulez

    5. April 2008 at 22:01

  11. Den Film habe ich gar nicht gesehen, glaube ich. Ich weiss nicht mehr genau.

    T. Albert

    5. April 2008 at 22:28

  12. „Der in Frankreich lebende Algerier Mehdi Charef gehört zu den wichtigsten Regisseuren des so genannten „cinema beur“, in dem sich Filmemacher der zweiten nordafrikanischen Einwanderergeneration auf authentische Weise mit den Problemen junger Ausländer in den französischen Ballungsgebieten beschäftigen. Der autobiografisch geprägte, vorwiegend mit Laiendarstellern besetzte TEE IM HAREM DES ARCHIMEDES war einer der ersten (und besten) Filme dieser Gattung.“

    Von hier:

    http://www.deutsches-filminstitut.de/cinedays_2003/content/programm/tee_im_harem.htm

    Der ist ungeheuer beeindruckend, der Film. „Hass“ von dem Kassovitz, der ja auch von ’95 oder’96 ist, ist dann sowas wie die Steigerung davon.

    momorulez

    6. April 2008 at 8:39


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