shifting reality

Es gibt kein richtiges Lesen im valschen!

Ein Stier im Tor und die Folgen …

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Na, Fussball läßt ja das Archaische, Mythische dann allerorten heranwachsen in Jungs- und Mädels-Seelen, aber Santa Paula hat schon recht: Was so ein Torwartwechsel an psychischen Blockaden lösen kann, das zog uns alle mit hinein in einen Sog der Fassungslosigkeit im postivsten Sinne. Gestern, am schönsten Ort der Welt.

Von dem man dann final noch vertrieben wurde: Unglaublich – ernenne jemandem zum „Ordner“, und er wird Macht mißbrauchen. Wie von Polizisten, die glauben, die Straße gehöre ihnen, wird man auf einmal von bebrillten Kittelträgerinnen in gelb aus dem eigenen Stadion „gebeten“, als man noch ganz entspannt Siegesluft genießen möchte. Etwas länger nach Abpfiff, versteht sich. Und dann entblödet sich dieses grienende „Ich bin so tough, frisch, keck und gut gelaunt“-Hilfspolizistchen nicht, auch noch „Ihr könnt aber gerne wiederkommen!“ den Vereinsmitgliedern und seit Jahren Dauekartenbesitzern hinterher zu blöken, als habe sie da irgendwelche Mitwirkungsrechte. Unverschämtheit.

War aber allenfalls ein Wermutströpfchen – so dionysische Nachmittage wie gestern, ach, da fühlt man sich und die Welt und alle sechs Sinne so lange und so intensiv, bis sie sich dank Alkohol zu einer Einheit formen und wundervoll sanft verschwimmen zu einem ganzheitlichen Wohlsein, in dem man nur noch schwankt, hin und her zwischen Glück einerseits, Begeisterung andererseits. So steht man vor der Domschänke, winkt noch mal all den Spielern mit den klischeehaften Blondinen an ihrer Seite zu, die im braunen Dress die Budapester Straße zufrieden entlang schlurfen und genießt das nackte Dasein in vollen Zügen, empfindet denen gegenüber, die da schlurfen, tiefe Dankbarkeit dafür, daß sie einem ein solch traumhaftes Spiel geschenkt haben- Prost!

Und erinnert sich an das Unfaßbare, Unglaubliche, eigentlich Unmögliche:

René Schnitzler trifft!

Gleich ZWEI mal!

Ja, Wunder gibt es immer wieder. Man will „Amazing Grace“ anstimmen, singt stattdessen nicht minder euphorisch das eigentlich ja dumpfe „O, wie ist das schöööööön“ mit und findet das auch völlig in Ordnung. Weil’s ja wahr ist.

Dem Fußballgott möchte man irgendein Getier opfern vor Erleuchtung, wenn man sowas wie gestern erleben darf. Das Leben lohnt sich ja wirklich. Echt. Manchmal geht das leider nur auf Kosten anderer, gestern der Freiburger Spieler, die dem Millerntor aber sowas von gar nicht gewachsen waren. Geschweige denn einem Ziehaufmännchen wie Thimo Schulz, den ich immer falsch schreibe, der dafür aber alles richtig macht, wenn er den Dynamo anwirft und die ganze Manschaft nach vorne kreiselt kraft unerschöpflicher Energie.

Wenigstens ging’s nicht auf Kosten der Freiburger Fans, so schien es zumindest – die haben nämlich unsere Mannschaft irgendwann genau so gefeiert wie wir selbst. Forderten bei der Ehrenrunde die Welle und supporteten schon während des Spiels unsere Jungs irgendwann einfach mit. Unglaublich. Das gab zur Antwort nicht nur „Freiburg, Freiburg!“-Chöre, sonderrn auch ein Gefühl unauslöschlicher Hochachtung den Breisgauern gegenüber. Wow!

Die Anekdote, wieso ich mich einst in Freiburg dazu entschieden habe, nach Hamburg zu ziehen, die erzähle ich deshalb dieses Mal nicht …

Von meinem Haupttribünenplätzchen aus schien mir das Stadion gestern nichstdestotrotz erstaunlich leise, wobei man auch nach dem 4:0 in der 52. Minute nicht mehr wirklich das Gefühl hatte, die Mannschaft müsse weiter dringendst nach vorne gepeitscht werden (schon wieder sowas Archaisches, „peitschen“). Aber mir schwante auch (wie „Schwan“), die totale Fassungslosigkeit sei in all die Psychen in all den Kurven und Geraden (eigentlich gibt’s gar keine Kurven mehr, die heißen nur noch aus Gewohnheit so) gefahren, weil mit sowas nun wirklich keiner gerechnet hatte. Wie’n vierter Akt bei Tschechow war es trotzdem nicht: Hatte um die 70. Minute Angst, daß sie doch noch einbrechen, unsere magischen Helden, weil das konditionell eigentlich gar nicht gehen kann, was die da gespielt haben, dieser 90.-Minuten Sturmlauf.

Ging aber, bis zum fulminanten Schlußakkord, eben dem 5:0 von Kuru. Ein richtig gutes Fußballspiel ist ja wie ’ne mitreßende Symphonie, da muß halt zum Schluß noch mal ’nen gewaltiger Akzent gesetzt werden, in dem ganz anti-adornitisch die Dissonanzen aufgelöst werden – wobei, so richtig Dissonanzen gab’s gestern eigentlich gar nicht.

Also, liebe Nachbarn: Nicht immer so unken. Zwar habt ihr meistens recht, aber diese Sprüche gestern in der Halbzeit, daß das 3:4 ja noch drin sei, die waren für einen so magischen Nachmittag dann doch viel zu profan …

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Written by momorulez

7. April 2008 um 8:28

Veröffentlicht in Fussball, He! Sie da! Polizei!, Ja, Liebe

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13 Antworten

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  1. Gott, bin ich neidisch, dass Sie dort waren! So leibhaftig!

    jekylla

    7. April 2008 at 8:33

  2. Ja, war da, wie jedes mal – auch inmitten finterster Regionalliga-Momente …

    momorulez

    7. April 2008 at 8:56

  3. Ich verstehe jetzt, warum Ihr ins Stadion geht, aber das ist etwas, das ich niemals tun kann.

    David

    7. April 2008 at 8:59

  4. Wieso denn nicht? Schau einfach mal vorbei!

    momorulez

    7. April 2008 at 9:05

  5. Hehe, dachte mir, daß Du das Zitat nicht erkennen würdest: „Ich verstehe jetzt, warum ihr weint. Aber das ist etwas, das ich niemals tun kann.“ -Arnold Schwarzenegger am Ende von Terminator II. Kurz nachdem er gesagt hat: „Ihr müßt mich in den Stahl hinablassen.“ Hat Pathos für mich neu definiert.

    @Vorbeikommen: Gerne, wenn ich denn mal nach Hamburg komme.

    David

    7. April 2008 at 9:10

  6. @momorulez
    Ich kenne die als die „Offenbach“-Momente …
    Freitag in WI?

    jekylla

    7. April 2008 at 9:47

  7. Nee. auswärts bringe ich Unglück … waren immer fatale Schlüsselspiele, wenn ich da war …

    momorulez

    7. April 2008 at 9:55

  8. Im Geiste dabei geht ja auch.

    Das Schicksal ist da bei mir völlig unentschlossen mit Glück und Unglück, i.o.w., es ist alles drin.

    jekylla

    7. April 2008 at 10:01

  9. Die größte Gefahr ist, daß sie jetzt wieder „Kleinen“ gegenüber arrogant werden, die Jungs …. aber eigentlich müßte das Spiel gestern Auftrieb gegeben haben.

    momorulez

    7. April 2008 at 10:14

  10. Und den SVWWlern das Spiel gestern Abtrieb. Dann würde es ja passen 😉

    jekylla

    7. April 2008 at 10:22

  11. Daniela, freue mich auf die Tweets.

    Erik

    7. April 2008 at 20:19

  12. […] Bei 1000mikes einem Talkradio-Hoster, habe ich den Sender “Sankt Pauli” eingerichtet. MoMo, Daniela, Markus, Pepe und nochmal Markus ihr seid herzlich eingeladen, mir eure Telefonnummern zu […]

  13. […] Da waren wir noch Underdogs, frisch aufgestiegen, hatten eine Hänger-Phase hinter uns, doch kurz zuvor schon dieses unglaubliche 5:0 gegen Freiburg: „Ja, Wunder gibt es immer wieder. Man will „Amazing Grace“ anstimmen, singt stattdessen ni… […]


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