shifting reality

Es gibt kein richtiges Lesen im valschen!

Vom Sinn und Zweck des Studiums

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„Das Studium ist zuallererst eine Zeit der kreativen Muße, in der man sich in neuen Lebensweisen, Beziehungen und Wohnprojekten ausprobiert, sich auf abenteuerlichen Rucksacktouren den Wind der weiten Welt um die Nase wehen lässt und das Leben als Experiment angeht. Natürlich stehen die Studieninhalte im Mittelpunkt, das Ziel des Studiums ist aber keine Fachausbildung, sondern die Ausbildung einer allseits gebildeten, sozial kompetenten, erfahrenen und gefestigten Persönlichkeit. Herzensbildung, interkulturelle Kompetenz und Welterfahrung sind unverzichtbare Bestandteile davon, und daher ist StudentIn sein eine subkulturelle Lebensform, die zur kleinbürgerlichen Normalität in einem unverrückbaren Gegensatz steht.“ Das war unsere Position im Uni-Streik 1987, mit der wir uns stark von den Standpunkten der bürgerlichen Gruppen, zu denen wir auch den MSB- Spartakus rechneten, abgrenzten. Die wollten letztendlich nur Verschärfungen verhindern. Demgegenüber war unsere Position im engsten Sinne autonom: Die Selbstentfaltung des Einzelnen stand im Mittelpunkt als ein unveräußerliches Recht, für das gekämpgt wurde, by any means necessary. So fern das angesichts der heutigen Unistrkturen auch erscheinen mag, ich vertrete es unverändert, und ich meine, nach genau dem Muster sollten wir mal die Arbeitswelt angehen. Es gibt keine Sozialpartner. Das sind Klassenfeinde, und gegen Feinde wird gekämpft.

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18 Antworten

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  1. Ach, seufz, wäre ja auch gerne wieder Student unter damaligen Bedingungen … Lebensqualität war das wirklich … das Dumme ist nur, daß auch die Erklärung Anderer zum eigenen Feinde mit noch so guten Gründen letztlich nur dahin führt, daß man seine Mite nicht bezahlen kann. Aber das mit der Hafenstraße etc. fand ich ja auch genau richtig.

    momorulez

    10. April 2008 at 19:44

  2. „das Ziel des Studiums ist aber keine Fachausbildung“

    Warum denn nicht sowohl als auch, sowohl Herzens- als auch Fachaus-Bildung? Einem Arzt oder Architekten, der das Studium nur zur Herzensbildung genossen hat, würde ich jedenfalls mit argem Mißtrauen begegnen.

    Das Problem ist eher das wie der Fachausbildung. War das hier, wo vor ein paar Tagen das Stichwort „Bulimie-Studium“ fiel? Das ist es nämlich oft… Wissen reinstopfen, und gleich nach der nächsten Klausur alles rauslassen, damit wieder Platz ist. Zuviele Prüfungen, in denen jeweils zuviel Stückwerk abgefragt wird, und größere Zusammenhänge zwischen einzelnen Teilgebieten gehen unter.

    statler

    10. April 2008 at 21:19

  3. Das Sowohl-als-auch lasse ich gerne gelten. Aber das glatte, nur-zielgerichtete Studium ohne nach rechts und links zu sehen, das mehr und mehr die bildungspolitischen Konzepte bestimmt (oder auch: von ihnen Besitz ergreift) ist heute leider eher role-model. Ich habe es ja tatsächlich schon erlebt, dass ich mit alten Korpsbrüdern oder selbst Burschenschaftern mehr Gemeinsamkeiten habe als mit braven Geradeaus-Fachstudierten, weil für beide Lager, ob Linksradikale oder Verbinder, Studitum als Lebensform einen hohen Stellenwert hatte, für die reinen Fachnerds aber kein bißchen.

    che2001

    10. April 2008 at 22:06

  4. Habt Ihr Kinder? Im studierfähigen Alter? Kennt Ihr Leute, die solche Kinder haben?

    Die Zeiten haben sich geändert. Ich weiß nicht, ob es stimmt, doch gefühlsmäßig: Das Leben ist härter geworden. Träume haben noch nichts mit vollen Tellern zu tun, doch mit mühelos bezahlbaren Tierarztrechnungen und einem Führerschein. Selbstverwirklichung hat wieder eine materielle Basis. Dagegen habe ich eigentlich nichts.

    Doch weil _wir_ anders waren, tut sich eine Kluft auf. Immer noch gefühlsmäßig würde ich sagen, wir (die heute 45-55 jährigen), sofern wir ehrlich träumten und lebten, sind die Generation, die das Leben am meisten mißverstanden hat. Wir dachten doch tatsächlich, Selbstverwirklichung wäre ein Wert.

    Kaa

    10. April 2008 at 22:07

  5. Habe gerade heute den Satz gehört: „… da arbeiten lauter business school Absolventen, die ihre drei Jahre rumkriegen wollen. Für den Lebenslauf. Die gehen kein Risiko ein, die entscheiden nix“.

    Das ist kein Problem der Studierenden mehr.
    Das ist ein Problem einer ganzen Generation.

    ring2

    10. April 2008 at 22:17

  6. @statler

    Vom Medizinstudium versteh ich nichts, von der Begegnung mit Ärzten, die 20 Jahre jünger als ich sind, in den letzten Jahren leider schon. Erst gestern dachte ich wieder, der Arzt führt eine Art Verkaufsgepräch mit mir, anstatt über meine Fragen zu sprechen, Herzensbildung hatte er aber auch ein bisschen mitbekommen, das muss ich fairerweise sagen: bevor er loslegte, um statistisches Material zu Erfolgschancen auszubreiten, hat er gefragt, wie es mir ginge. Das hat mich so beeindruckt, dass ich die ganze Zeit die Klappe gehalten habe. Er hat auch keine weiteren Fragen, die zu beantworten gewesen wären, gestellt.

    Vom Architekturstudium verstehe ich ein bisschen mehr, als Student und als Lehrer, und da muss ich sagen: schaffen wir es doch einfach ab. Niemand braucht das so mehr, es ist mittlerweile zur Unkenntnis ausgedünnt, weder findet Fachausbildung noch die eigentlich von Architekten erwartbare Herzensbildung qua zwischenmenschlicher Erfahrung und historisch-kritischer philosophischer Leseerfahrung noch statt. Überlassen wir das Ganze den Projektmanagern und Bauwirtschaftlern, die können das mit ein bisschen gestalterischer Grundausbildung an der Volkshochschule auch. Was sie ja auch denken. (Da hab ich auch Erfahrung.)
    Ich halte das mittlerweile für ein Problem mehrerer Generationen.

    T. Albert

    10. April 2008 at 22:44

  7. @Kaa:

    So als noch 41-jähriger sehe ich das fundamental anders – hatte das große Glück, noch irgendwie „Umsonst & Draußen“-Konzerte mitbekommen zu haben, Leute, die statt affiger Designer-Möbel Regale aus Apfelsinenkisten hatten usw. – von daher ist auch das „wieder“ bei der materiellen
    Basis ganz schön windschief. Und Selbstverwirklichung ist kein Wert, sondern ein qualitativer Begriff von Leben, des eigenen und jenes der Anderen. Und das ist irgendwie tatsächlich in Wellness-Oasen für Besserverdienende ersoffen …

    momorulez

    11. April 2008 at 7:18

  8. @Kaa: „Habt Ihr Kinder? Im studierfähigen Alter? Kennt Ihr Leute, die solche Kinder haben?“ Ein Neffe und eine Nichte, die gerade ihr Studium abgeschlossen haben, studentische Praktikanten in der Firma und Studis im weiteren Bekanntenkreis zählen ja wohl auch. ich weiß, das ich mir heute ein Studium kaum noch leisten könnte, rein materiell gesehen, jedenfalls nicht zu den Konditionen wie damals.Nur gebe ich soziale Ansprüche nicht auf, weil die Konditionen schlechter geworden sind, sondern halte sie aufrecht. Um mit Gandhi zu sprechen: Satja Graha, Festhalten an der Wahrheit!

    che2001

    11. April 2008 at 7:23

  9. @ Che
    Die Vorstellung, dass die politische Umwelt ausschließlich aus „Feinden“ bestünde, halte ich für einen Denkfehler, egal, ob er in linker oder rechter Gestalt präsentiert wird. Du sagst ja selbst, dass Du das „sowohl – als auch“ gelten lässt. So wichtig es ist, dass Menschen die Zeitläufe formen (und zwar menschlich) – und nicht die Zeitläufe die Menschen, man muss sich den Realitäten stellen. Ich befürchte, hier gibt es keine einfachen Antworten, jedenfalls keine, welche das Individuum in eine autonome selbstbestimmte Welt außerhalb aller Zwänge stellen.

    @ all
    Im Moment lautet m.E. eine wichtige Frage, wie das „Bulimie-Studium“ wieder in Richtung einer umfassenderen (und auch: wertvolleren) Geistesbildung gewandelt werden kann.

    Meine These zu den Ursachenzusammenhängen der gegenwärtigen Verschulung wäre, einerseits, dass es erhebliche (auf Vereinheitlichung zielende) Einflüsse seitens einer machtüberheblichen und dominierenden EU-Bürokratie (Beispiel) gibt, andererseits, dass ein merkwürdig ökonomisierender Zeitgeist dazu beigetragen hat, die Vorstellungen von einem (allzu) freien Studium zu beerdigen, deshalb, weil im Bildungsbereich nunmehr fast alles, was unabhängig von unmittelbaren Verwertungszusammenhängen geschieht, unter einem erheblichen Rechtfertigungszwang steht.

    Nicht mehr Bildung an und für sich gilt als Wert, sondern der Leistungsnachweis, was wiederum unter (vermeintlichen) Effizienzbedingungen auf multiple-choice-Wissen hinaus läuft. Unter Wettbewerbsbedingungen wird dabei von Studenten zum jeweiligen Prüfungszeitpunkt das Bulimie-Wissen maximiert bzw. präsentiert.

    Eine Art Rattenrennen des Wissens. Und auch der Wissensvermittlung.

    Wobei meine Vermutung dahin geht, dass solche Fächer, welche gemessen am Studierenden recht knapp mit Mitteln ausgestattet sind (Sozial- und Wirtschaftswissenschaften mit ca. 800 Euro pro Studentkopf und Semester – inklusive Forschung, im bundesweiten Durchschnitt) verglichen mit stärker ausgestatteten Studienfächern stärker unter den Auswirkungen des Verschulungsprozesses leiden.

    Ich meine, die Schlacht gegen den Bolognaprozess und ähnliche Erscheinungen ist für die nächsten 30 Jahre verloren.

    Die diversen „Zentren für Hochschulentwicklung“ und andere Politikberatungsinstitutionen werden die gegenwärtige Lage als großartigen Erfolg feiern, und auch die EU-Bürokratie empfindet ob ihrer Leistungen im Hochschulbereich größtmögliche Glücksgefühle.

    Wer hier all dies seitens des Lehr- und Forschungspersonals empfindlich kritisiert, wird vom jeweiligen Dekan gemaßregelt.

    Okay – das ist wohl etwas übertrieben dargestellt.

    (Trotzdem: Das führt m.E. zu einen zentralen Ansatz für eventuelle Reformszenarien – Reform der Reform sozusagen: Die Überzeugung effektiver Hochschulmehrheiten bis hin zu den Dekanaten und Hochschulleitungen. Und das vor dem Hintergrund der aufgrund des kleinen Professorenkörpers (!) Machtarmut der Wirtschafts- und Sozialwissenschaften. Das wird ein langer und schwieriger Weg*. )

    * Ggf. wäre es hierbei hilfreich, wenn das CHE in die Luft gesprengt bzw. demokratisch abgewickelt wird. Hrmpf. Vielleicht bin ich zu pessimistisch.

    Dr. Dean

    11. April 2008 at 8:38

  10. Ähm, das oben erfolglos verlinkte Beispiel wollte ich noch nachtragen. Sowas in der Art ist vermutlich ohnehin den meisten gut bekannt: EU-Regelungen für Hochschulen, so unangemessen diese auch sein mögen, können auf nationaler Ebene nicht mehr aufgehoben werden, nicht einmal dann, wenn sie mit widersinnigsten persönlichen Härten einhergehen.

    Das Problem ist nicht „der Staat“. Sondern: Welcher Staat.

    Dr. Dean

    11. April 2008 at 8:45

  11. @Dean, „Die Vorstellung, dass die politische Umwelt ausschließlich aus “Feinden” bestünde“ vertrat ich nie, unsere Art von Radikalismus besteht eher darin, vom Ansatz her grundsätzlich anders zu denken als in den Mainstream-Diskursen.

    che2001

    11. April 2008 at 12:09

  12. @Dean, “Die Vorstellung, dass die politische Umwelt ausschließlich aus “Feinden” bestünde” vertrat ich nie, unsere Art von Radikalismus besteht eher darin, vom Ansatz her grundsätzlich anders zu denken als in den Mainstream-Diskursen.“

    Es gibt keine Sozialpartner. Das sind Klassenfeinde, und gegen Feinde wird gekämpft.“

    Ja, klar. Ein „Mainstream-Diskurs“ ist das nicht. Genau genommen: Es ist gar kein Diskurs. Wozu auch ein Diskurs, wo Andersgesinnte bzw. Vertreter anderer Interessen automatsich zu bekämpfende Feinde sind? Diskursfreie Kampf-Rhetorik. So richtig schön Hau-Ruck. Sehr deutsch.

    Dr. Dean

    11. April 2008 at 12:54

  13. „Das Problem ist nicht “der Staat”. Sondern: Welcher Staat.“
    ist auch
    „mittlerweile ein Problem mehrerer Generationen.“

    ring2

    11. April 2008 at 14:07

  14. @ ring2
    Oja. Ein Generationenproblem.

    Faszinierend finde ich in diesem Zusammenhang das teils starke Aufkommen von liberalen (?) Antistaatlern unter den jüngeren Studenten. Dabei sind sie es, die an der Uni unter einigen Erscheinungen bzw. Folgewirkungen dieser Ideologie zu leiden haben.

    @ ring2

    11. April 2008 at 17:52

  15. Diese Jung-Nazis in Mittweida, die wegen ihres Prozesses vorgestern im
    BRD-TV vorkamen, hatten so hübsche Flyer, auf denen stand:

    FREIHEIT STATT DEMOKRATIE!

    T. Albert

    11. April 2008 at 19:35

  16. Das riecht nach Weimar …

    momorulez

    11. April 2008 at 20:10

  17. Wenn ich die eigene „Freiheit“ so weit ausdehnen möchte, dass mir nix mehr widerspricht, stört Demokratie natürlich.

    In der Politik ist das fatal.

    … aber mal eine Frage an die Künstler hier: Ist diese Form der Freiheit in der Kunst nicht sogar Grundlage für das eigene Werk?

    ring2

    12. April 2008 at 7:49

  18. @Diskursfreie Kampf-Rhetorik. So richtig schön Hau-Ruck. Sehr deutsch.
    — nö, sehr spanisch oder sehr französisch. Unterhalt Dich mal mit Leuten von der CGT oder CNT.

    che2001

    15. April 2008 at 9:57


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