shifting reality

Es gibt kein richtiges Lesen im valschen!

Freiheit ist nur die Wahl zwischen Pepsi und Coca Cola

with 43 comments

Dessen Werk findet sich auch in der aktuellen Die Zeit besprochen, ein Erbe Adornos und Marcuses ist er allemal – Benjamin Barber nun auch im taz-Interview:


„Barber: Die Marke ist der Ersatz für authentisches Verhalten.

Sie schreiben in Ihrem neuen Buch „Consumed“, dass der Konsumismus die Menschen infantilisiert. Warum eigentlich?

Um Menschen dazu zu bringen, dass sie Dinge kaufen, die sie nicht brauchen, müssen sie infantilisiert werden. Erwachsene Menschen, die vernünftige Entscheidungen zu treffen imstande sind, müssen zu kopflosen Kindern gemacht werden, die an der Supermarktkasse nur „Ich will, ich will!“ rufen. Der Markt trainiert uns von unseren ersten Lebenstagen auf ein solches Verhalten.

Konsumenten sollen wie Kinder agieren, aber Kinder sollen auch zu Konsumenten werden ?

Ja, so ist es. Der Hintergrund von all dem ist ein Kapitalismus, der so erfolgreich ist, dass die meisten echten Bedürfnisse der meisten Menschen in den entwickelten Ländern gestillt sind. Also, wie kann man da die Maschine am Laufen halten?“

Bin ja in vielem bei ihm – aber mit der „Infantilisierungsthese“ habe ich doch traditionell so meine Probleme. Gibt’s denn „höherstufiges“ und „zurückgebliebenes“ Bewußtsein? Und selbst bei der Proklamation eines starken Begriffs von Mündigkeit – ist „infantil“ dann ein kritischer Begriff, der als Maßstab der Kritik taugt?

Gerade das zweckfreie Spiel ist etwas, das in Kindheitstagen zunächst noch möglich ist und das in schulischen Zusammenhängen gerade durch Bewertungsstandards zu Grabe getragen wird, so daß als auch kreativ tätiger Mensch man sich erst ganz allmählich dieses Zurückerobern muß, um überhaupt produktiv sein zu können – kann man das, was Herr Barber meint, nicht anders, besser formulieren?

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Written by momorulez

12. April 2008 um 8:46

43 Antworten

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  1. nee, ich finde, er hat recht mit dem Wort. „Infantilisierung“ meint doch eben nicht, was Du meinst. Kreative Produktivität ist so wenig infantil wie es das kindliche Spiel ist. „Infantil“ bezieht sich auf Erwachsene. Hat doch auch den Vorteil, dass wir alle wissen, was er meint.

    Oder habe ich Dich valsch ferstanden?

    T. Albert

    12. April 2008 at 11:34

  2. Weiß ich nicht so genau – ich lese „infantil“ immer als Regression, als Sich-Zurückbilden auf’s Kindliche, sozusagen, und das kann ich nicht schlimm finden, zumindest temporär … wenn man es exklusiv für Erwachsene vorbehält als Nicht-Ausschöpfen der Möglichkeiten des Mündigseins, gut, dann okay. Wobei ich dann immer in’s Schleudern komme, weil die Plädoyers für Eigenverantwortung, die dann den Hartz IV-Empfängern noch das bißchen Kohle wegdiktatorisieren wollen, mit ganz ähnlichen Topoi um die Ecke kommen.

    momorulez

    12. April 2008 at 11:40

  3. ich verstehe unter „infantiler Erwachsener“ den unselbständigen, genauer unabgelösten Erwachsenen, welchem es nicht gelingt, aus dem Schatten der elterlichen Autorität herauszufinden. Diese Menschen lassen sich (im UNterschied „eigenstädigen Persönlichkeiten“) ihr Leben lang ihre Bedürfnisse von anderen suggerieren oder gar mit Druck aufzwingen, erst von den Eltern, dann von Lehrern und Mitschülern, von Partnern, und schliesslich von Chefs, Beamten etc. – unmündige Menschen eben.

    All das hat vor allem mit seelischer Reife und Gesunndheit zu tun, nur wenig (wenn auch nicht nix) mit angeblicher neoliberal verstandener „Autonomie“ und „Überlebensfähigkeit“.

    Warum? Weil der mündige Mensch ein soziales, auf andere Menschen positiv wie negativ bezogenes Wesen ist und bleieben wird (also wie schon häufiger bei Momo diskutiert sind positive und negative Freiheit zusammen betrachten etc pp)

    Zum Schluss: was glaubt ihr, wieviele McKinsey-Berater/innen sich von Mutti die Möbel für`s neue Schlafzimmer aussuchen (und vielleicht sogar noch bezahlen) lassen?

    Fragezeichen

    12. April 2008 at 11:52

  4. Ich bin da ganz bei T.Albert und Fragezeichen, wobei es ja meine Dauerthese ist, dass mit jeder neuen Generation die jungen Erwachsenen unreifer werden. So schätze ich den Bewusstseinsstand und Reifegrad der durchschnittlichen Mittzwanziger von heute auf dem Level ein, das meine Generation so um die 20 hatte, und die heutigen Mittfünfziger waren uns nochmal um ein paar Jahre voraus, die waren mit 22 so weit wie wir mit 30. Vielleicht sollte man das Alter der Volljährigkeit auf 30 raufsetzen?

    che2001

    12. April 2008 at 12:02

  5. Mit der “Infantilisierungsthese” habe ich doch traditionell so meine Probleme.

    Ich auch. Wobei ich einerseits finde, dass da auf der Ebene der Werbepsychologie etwas dran ist. Oft wird in der Werbung das Impulsive im Menschen und das „Kind-Ich“ angesprochen (Beispiel: Technik-Gadgets). Wobei ich andererseits der Werbung jetzt nicht die Kraft einräumen würde, Menschen dauerhaft zu infantilisieren.

    Auf der Makroebene wiederum könnte man die (m.E. wilde) These aufstellen, dass „der“ Kapitalismus infantilisierte Konsumenten und Mitarbeiter benötigt – und jedenfalls zum Teil in diese Richtung erzieht. Nunja – das ließe sich plausibel darstellen, aber man könnte es genauso gut bestreiten. Streben Firmen denn nicht zunehmend nach selbstständigeren Mitarbeitern? Räumt nicht Kapitalismus jedem die prinzipielle Chance ein, zumindest ein Kleingewerbe aufzuziehen – was, wenn das der Fall ist, dann doch wohl eher zu „erwachsenen Bürgern“ beiträgt.

    So pauschal ist das keine einfache Frage – ich wüsste im Moment auch nicht, wie man sich ihr wirklich sinnvoll nähern könnte.

    Eine Idee habe ich aber: Dort, wo der Kapitalismus Menschen in ihrer Position schwach macht (also z.B. in den unteren Bereichen des Arbeitsmarktes), dort infantilisiert er die Menschen. Das gilt sogar indirekt: Soziopsychologische Prozesse sowie die „kapitalistische Ideologie“ (das Wort sollte man m.E. nur mit großer Vorsicht/Abstand gelten lassen) führen auch zur Infantilisierung von Erwerbslosen, und zwar umso stärker, je machtloser diese sind. Die Betroffenen werden in gewisser Weise auf eine Art des Kindseins herabgedrückt und in ihrer Selbstständigkeit eingeschränkt. Sie werden in einer Art psycho-soziologischen Dynamik, auch über Erfahrungen mit ihrer sozialen Umwelt, zu „Verlierern“ herabgedrückt, mithin: weiter entmachtet und in Folge sozial infantilisiert. Verglichen mit einem Arbeitslosen in Kuba, behaupte ich jetzt mal, wird ein Hartzvierling vergleichsweise stark infantilisiert. Auch die Lage von Frauen und Migranten im Kapitalismus, als Beispiel für ein wirkmächtiges Machtgefälle, eignen sich m.E. zur Verdeutlichung von Infantislisierungsprozessen im Kapitalismus.

    (*Hach! * Habe ich es mal wieder geschaffft, die Kapitalismuskritik auf das ordoliberale Format der Vermachtungsfrage zurückzuführen.)

    Tatsächlich ist das mein Eindruck: Die Beantwortung der Infantilisierungsfrage hängt stark davon ab, einerseits, mit welchen Kapitalismus man konkret zu tun hat – und andererseits, welche Bereiche und Segmente man betrachtet. Je größer die Machtassymetrie zu Lasten des Individuums, auch: je undemokratischer, umso infantiler wirkt es sich aus – das wäre meine These.

    @ T. Albert

    Das Stichwort „kreative Produktivität“ finde ich in diesem Zusammenhang wichtig. Könnte man nicht eventuell sagen, dass „der“ Kapitalismus Kreativität eher hervorlockt und, zumindest auf dem Gebiet von Konsum- und Produktionsmitteln, Wahlvielfalt schafft?

    Und falls das so ist: Ist die Fähigkeit, als Erwachsener auch mal „Kind“ zu sein, nicht vielleicht auch etwas Positives, mitunter z.B. etwas, das kreative Prozesse unterstützt?

    Und wenn das so ist, dann müsste man m.E. die kritisierte „Infantilisierung“ durch „den“ Kapitalismus genauer beschreiben, hmm, vielleicht als: Verlust individueller Selbstständigkeit, Handlungs- und Entscheidungsfähigkeit..

    So, das wären meine ersten, unausgegorenen, schnell hingeschmierten Gedanken dazu.

    Dr. Dean

    12. April 2008 at 12:04

  6. @ „@ T. Albert

    Das Stichwort “kreative Produktivität” finde ich in diesem Zusammenhang wichtig. Könnte man nicht eventuell sagen, dass “der” Kapitalismus Kreativität eher hervorlockt und, zumindest auf dem Gebiet von Konsum- und Produktionsmitteln, Wahlvielfalt schafft?

    Und falls das so ist: Ist die Fähigkeit, als Erwachsener auch mal “Kind” zu sein, nicht vielleicht auch etwas Positives, mitunter z.B. etwas, das kreative Prozesse unterstützt?“ — Nein, da treffen Horkdornos Kapitel über die Kulturindustrie, Postmans „Wir amüsieren uns zu Tode“ und Fromms „Haben oder sein“ es noch immer am Besten. Nicht Kreativität wird im (Spät-)Kapitalismus hervorgelockt, sondern die Bedürfnisse, die normalerweise mit kreativität zusammenhängen, marktförmig befriedigt, organisiert, kanalisiert und im Sinne von Optimierung der Wertschöpfung weiterentwicklelt. Statt spontan im Park eine Jamsession machen oder einfach so ohne große Vorbereitung Samstag nachmittags ein Straßenfest mit Lifemusik machen Castingshows, Discos und Eventagenturen, für jede Sehnsucht gibts nen Film, und die sind alle nach einem psychologischen Muster gestrickt, das das Publikum bei der Stange halten soll, von der Tantalusqual des Rezipienten, die darin besteht, nie wirklich die projizierten Sehnsüchte, die ein emotional tief bewegender Film transportiert befriedigt zu finden bis zum Happy End als umgedrehte, regressive Katharsis.

    vgl. http://www.sopos.org/aufsaetze/41bee2e9c632c/1.phtml

    http://www.sopos.org/aufsaetze/41bee2e9c632c/1.phtml

    che2001

    12. April 2008 at 12:37

  7. Ich würde den ganzen Bereich des Kulturkonsums im modernen Kapitalismus als systematische Kolonisierung kreativer Bedürfnisse durch das Kapital bezeichnen.

    che2001

    12. April 2008 at 12:41

  8. Nunja Che, „Kulturkonsum“ und noch besser, „Kulturindustrie“ sind auch so große Worte, denen man sich von sehr unterschiedlicher Seite nähern könnte. Adorno mag Einsichten und Ansichten dazu vermittelt haben, was zur Vertiefung des soziologischen Blickes wichtig ist, aber eine letztgültige Beschreibung hat er nicht geliefert.

    (provozierender Exkurs: Bei Weitem nicht – dazu war seine Analyse viel zu einseitig, viel zu sehr von Angstvisionen bestimmt, und auch zu sehr von Kulturdünkel. Zum Beispiel: Seine Ansichten zur Musik meinen zwar, dass diese einen generellen, unumstritten wahren Befund darstellten. Aber schon die Frage, ob es nun 11 oder 12 Töne oder doch vielleicht auch mal Kadenzen oder sogar finnischer Tango sein dürfen, ist ja garnicht so einfach zu beurteilen für einen Komponisten. Was davon ist „Niedergang“ – und was davon „Kulturindustrie“? Wenn ich nun einfach mal 13 Töne nehme – und einen davon wiederhole: Nähere ich mich dann schon der kulturellen Verrottung des Kapitalismus?)

    Bei solchen Fragen ist es m.E. ganz hilfreich (bitte den provozierenden Exkurs wieder vergessen – danke!), sich zu fragen, womit nun genau verglichen wird. Kultureller Niedergang im Kapitalismus – im Vergleich zur Vergangenheit? Im Vergleich zum rheinischen 80er-Jahre-Kapitalismus? Im Vergleich zum Armutskapitalismus in Drittweltstaaten? Im Vergleich zu einer sozialistischen Gesellschaft?

    Und jeweils sind die Antworten schwierig, hängen vielleicht sogar an der jeweils betrachteten Kunstgattung. Nehmen wir einmal Künstlerkollektive und Kibbuze als sozialistisches Vorbild. Klar: Sie sind, verlgleichsweise, kultureller, kulturell höherwertiger und emanzipieren die dort tätigen Menschen eher. Indes: Sie setzen eine kapitalistische Umwelt voraus, ohen die sie eigentlich kaum lebensfähig wären.

    Oder nehmen wir ganzheitliche sozialistische Syssteme:

    Es mag vielleicht sein, dass es in der DDR eine höherwertige Kultur gegeben hat. Ich selber würde da eher die Gegenthese vertreten. Mir kam die DDR kulturell immer ziemlich grau vor, sorry, Ausnahmen gabs dazu auch – aber die waren m.E. tendenziell systemwidrig. Und für den gewöhnlichen Bürger: Da war ist schon mal schwierig, vernünftige Pinsel zu bekommen. Oder, als Musiker, vernünftige Instrumente.

    Die Verfügbarkeit von „Kultur ermöglichenden Produkten“ ist m.E. im Kapitalismus höher. Und wenn es einen breiten sozialen Mittelstand gibt (also: In etwa das Deutschland der 70er und 80er Jahre), dann stellt sich die Lage anders dar, sogar komplett anders, als in einer Situation, wo der überwiegende Teil der Bevölkerung Angst vor der Zukunft hat, sei es wegen Verarmung/Verschuldung, sei es wegen Leistungsdruck in der Arbeitswelt, welcher die Freizeit zunehmend in eine unfreie Zeit verwandelt, und sei es auf dem Weg langer (unbezahlter) Arbeitszeiten oder Doppeljobs.

    Was genau davon ist: „der“ Kapitalismus. Und wie kann ich mir sicher sein, dass kulturelle Erscheinungen innerhalb „des“ kapitalistischen Systems automatisch minderwertiger seien oder ein Ausdruck von Infantilisierung?

    Nee, Adorno hilft bei der Antwort nur wenig. Er liefert Teilaspekte, interessante und grob verzerrte zudem.

    Interessant fand ich Che´s Gedanken, dass die heutigen Generationen immer später erwachsen werden. Ältere Menschen werden verspielter (kann man übrigens auch gut finden), die Familiengründung wird immer häufiger „nach hinten“ verschoben, und tatsächlich: Im Vergleich könnte man eine gesellschaftliche Infantilisierung feststellen bzw., besser gesagt, eine Art von allgemeiner individueller Spätentwicklung.

    Vielleicht hängt das auch ein wenig mit den Wirkungen der Weltkriege zusammen. Die Nachkriegsgenerationen erlebten auf brutale Weise eine Schnellreifung, und noch die Generation der 68er war davon geprägt, während sie zugleich versuchte, sich (auch) davon frei zu machen, frei von zuviel Ernst und einem Übermaß an „erwachsener“ Strenge. Waren also die 50er Jahre weniger kapitalistisch als die Nullerjahre, in denen wir leben? Wie genau ist da der Zusammenhang – gibt es da überhaupt einen einfachen Zusammenhang? Ich weiß es nicht.

    Zugleich stimmt es: Die Fähigkeit zur Triebentsagung und Nüchternheit, das zukunftsgerichtete Planen und das zielstrebige Durchführen einer Planung an Stelle kindlicher Spontanität, die Fähigkeit Frustration auszuhalten und auf Konsum zu verzichten: All das ist in erwachsener.

    Aber damit auch weniger kapitalistisch? Will „der“ Kapitalismus nur kindhafte und gänzlich konsumenthemmte akulturelle Erwachsene – und erzieht sich die Menschen dementsprechend?

    Wie gesagt: Mit den „großen “ Thesen habe ich meine Probleme. Ob es nun die „unsichtbare Hand“ ist, die selbstredend igänzlich unbeeinflusst mmer und stets zum jeweils besten Ergebnis führe, ob es die angeblich unaufhaltsame Niedergang der Kultur im Kapitalismus sei, weil ja die Kulturindustrie die Menschen immer weiter verdumme, ob es die Betrachtung aller sozialen Zusammenhänge unter dem Aspekt des „Strafens“ ist:

    Man mag mit diesen Großthesen zu Einsichten kommen, aber sollte sich darauf einstellen, dass das schiere Gegenteil ebenfalls wahr sein kann.

    (Ich finde an Stelle solcher Großthesen i.d.R. interessanter zu fragen: Wann genau geschieht etwas? Und wann genau das Gegenteil? Vor allem: Wie sieht es jeweils aus? Bei genauer und ausgewogener Beobachtung kommt man m.E. zu Bildern von der Gesellschaft, welche die gesellschaftliche Landschaft besser darstellen. Adorno mag in diesem Zusammenhang auf einem hübschen Hügel thronen – aber mit seiner Sichtweise auf die Gesellschaft erhascht man nur einen Teil der Lanschaft.)

    Dr. Dean

    12. April 2008 at 18:02

  9. Che ist mir zuvorgekommen.

    Und das „Kindsein“: worauf am Kinde bezieht sich das? Auf die Kindergartenzwangskreativität?
    Ich weiss nicht, ich blicke da nicht mehr durch. Ich habe nur noch einen Reflex, mich zu wehren, wenn ich ehrlich sein soll. Wenn ich höre, dass die OECD zu Hause erziehenden Müttern dies neue Erziehungsgeld nicht zugestehen will, dann wird mir ganz schlecht. Wahrscheinlich, weil ich nie im Kindergarten war und froh drum bin. Is mir auch wurscht, wenn ich wie ein CDU-ler klinge.
    Wenn in der DDR dreijährige zu „neuen Menschen“ ausgebildet werden sollten, fand ich das auch nicht prickelnd, wieso soll ich die Total-Kanalisierung früher Kindheit und ihrer „Kreativität“ jetzt toll finden, weil die Kinder die Zukunft des Wirtschaftsstandortes und seiner Wettbewerbsfähigkeit sind?
    Das war zwar nicht das Thema, aber das fällt mir zum Thema noch ein. Diese angebliche Sorge für die Kinder und ihre „Bildung“ und „Kreativität“ ist reine Perversion.

    T. Albert

    12. April 2008 at 18:11

  10. Na ja, ich sehe die Großthesen ja gar nicht als einen absoluten Begriff von Kultur und Gesellschaft, sondern eher als eine Verschiebung der Blickrichtung. Horkdorno mit Lacan mit Bourdieu mit Baudrillard mit Postman mit Fromm mit Mitscherlich mit Foucault mit Sonntag gemixt, wie ich´s gerade brauche. Mir doch egal, was die voneinander gehalten haben. Für mich sind das Lieferanten: sie stellen die analytischen Mittel zur Verfügung, die ich brauchen kann.

    che2001

    12. April 2008 at 18:35

  11. Ich klann nicht mehr folgen …. außer, daß pauschale Urteile über Unreife Jüngerer sich mir so nicht entringen würden und ich auch kein Kriterium für Reife wüßte … und daß T. Albert natürlich in allem recht hat, sich aber daraus kein Argument gegen das zweckfreie Spielen, das Kinder eben draufhaben, basteln läßt.

    Das hat ja mit Kindergarten oder auch nicht gar nix zu tuen … und schon gar nicht damit, nun wettbewerbstaugliche Standortfaktoren zu erziehen.

    Viel schlimmer finde ich ja auch die 40jährigen, die sich nur über’s Konsumieren definieren, deshalb ja auch die Verlinkung – jene, die man Samstags bei Saturn trifft (daß ich da dann auch CDs kaufe, Schande über mich, ist das Konsum-Schema?).

    Während, als ich neulich meinem fast 15jährigen Neffen über die Schulter guckte (der hat „Linke Zone“ an seiner Zimmertür hängen und hat sich sehr über die Tasche mit dem roten Stern gefreut 😉 ), mir dann schon auffiel, wie viel Kreativität so in dessen Computerspiel steckte, das er immer so spielt.

    Das ist zwar auch doofes Fantasy-Geballer gewesen, egal, ich fand das echt hochkomplex und ganz faszinierend, wie der sich da eingroovete.

    Auch, wie er und meine Nichte, 17 mittlerweile, sich mit Musik auseinandersetzen. Der Neffe regte sich dann die ganze Zeit darüber auf, daß wir nur „gesellschaftsfähige“ Musik anklicken würden bei Youtube und wollte mich dann immer mit Slipknot und so schocken. Ich habe dann ganz unchristlich mit Slayer gekontert und gewonnen 🙂 …

    Man kann nun zwar Fantasy-Kampfspiele und Slipknot Scheiße finden, aber das ist halt die Vorstufe zur Reife, dieses Aufsuchen dessen, was er „nicht gesellschaftsfähig“ nennt. Wenn’s nicht gerade Pubertieren durch Nazi-Mist ist.

    Insofern habe ich aber auch das Gefühl, das eher „unsere“ Generation, na, weit gefaßt die 25-45jährigen, die Vollbekloppten sind, aber daß das, was dann nachkommt, wieder ganz fit ist …

    momorulez

    12. April 2008 at 19:00

  12. Den Eindruck, dass „unsere“ Generation die der Bekloppten ist, habe ich auch, momorulez!
    Die Generation meiner Eltern, die jetzt so um die 70 sind, waren sozusagen „zwangsreift“ – sie mussten in den Wiederaufbaujahren der 50er Jahre sehr früh „voll ins Berufsleben“ einsteigen, Gymnasium oder gar Studium war was für Privilegierte. Außerdem war im Falle meiner Eltern, die ich die „kleinbürgerliche“ Verhältnisse nicht untypisch halt, die frühe Familiengründung die einzige realistische Möglichkeit, sich von „zuhause“ abzunabeln, ein gewisses Maß an Selbstbestimmung zu verwirklichen. (Gut, im Falle des Elternhauses meiner Mutter stimmt „kleinbürgerlich“ nicht, ein kleiner Beamter bei der Post, wie mein Großvater mütterlicherseits ist eher ein „Weißer-Kragen-Proletarier“ – aber das Gefühl „was Besseres“ zu sein als jemand, der z. B. im Akkord Fliesen legte (und doppelt so viel in der Lohntüte hatte) war bei ihm irgendwie drin. Meinen anderer Großvater war allerdings, als Handelsvertreter, „echter“ Kleinbürger, mit ausgeprägtem Bewusstsein für Statussymbole. Die Marheineckes, das waren die mit den zwei Autos – eines davon in den 60ern sogar ein Mercedes. Das dafür an anderer Stelle „geknappst“ wurde, gehörte zum Lebensentwurf. )
    Im direkten, äußeren, Vergleich erschien mein ernster, autoritärer, kontrollierter und notorisch pessimistischer Großvater mütterlicherseits „erwachsener“ zu sein, als mein genussfreudiger, prestigebewusster und spontaner Großvater väterlicherseits. Tatsächlich wird es genau umgekehrt gewesen sein. Auch fällt mir auf, dass mein Vater, der beruflich sehr früh auf eigenen Beinen stand und nach außen hin mit Mitte 20 den Typus „seriöser Geschäftsmann“ verkörperte, außerhalb des „geschäftlichen“ Gebiete erstaunlich unreif und unerwachsen agierte – manchmal wie ein „großer Junge“.

    Die „Generation unreif“ sind, bezogen auf die West-BRD tatsächlich wohl jene Kinder, die in den 70er und 80ern groß wurden. Generation Konsum-Kid – oder die Generation ohne Generationskonflikt, die aber auch „Generation Karriere-Planer“ war.

    MartinM

    12. April 2008 at 20:29

  13. … und die sich auf die eine oder andere Art aufgegeben haben, spätestens, als die Mauer fiel, so daß dann administrativer Verbraucherschutz übrig blieb in Sachen Kapitalismuskritik oder gar der Quatsch von der „Macht der Konsumenten“, oder die gleich in’s Reagan-Thatcher-Horn stießen und irgendwie allesamt dann doch diesem Diskurs als „Realismus“ huldigten. Grün/Schwarz in hamburg ist da das Symptom. Ich will die zauselbärte aus den frühen 80ern wiederhaben!

    Wobei das ja fast schon rituelle Nachbeten der Kulturindustrie-Postman-Schiene irgendwie auch nicht der Weisheit letzter Schluß sein kann, glaube ich … das läßt der „anderen Seite“ den Spaß, und irgendwie falten sich dann immer Dialektiken auf, die auch nix voranbringen, oder irre ich?

    So langsam kommt ja auch eine Selbst-Thematisierung dieser Generation jenseits der unsäglichen „Gneration Golf“ zum Durchbruch, für mich stellen sich 2 Drittel der Blogs, die ich so lese, als genau das dar. Mal gucken, was dabei rauskommt …

    momorulez

    12. April 2008 at 20:50

  14. @“Ich klann nicht mehr folgen …. außer, daß pauschale Urteile über Unreife Jüngerer sich mir so nicht entringen würden und ich auch kein Kriterium für Reife wüßte“ — Das ist auch erst mal rein subjektiv. Ob das die Mittzwanziger KollegInnen in meiner Abteilung sind, Leute die ich im Urlaub kennengelernt oder wen ich so in der Fußgängerzone erlebe – ich habe den Eindruck, dass die im Schnitt unreifer sind, als wir in dem alter waren, und dass die Generation meiner großen Schwester (die unmittelbar-nach-68er-Generation) reifer war, als wir in dem alter waren. Manifestiert sich sogar an den Gesichtsausdrücken, mit denen Leute durch die Gegend rennen und die heute infantiler wirken als früher. Als Kriterium für Reife würde ich „für andere Verantwortung übernehmen“ und „unter Abwägung verschiedener Faktoren folgenschwere Entscheidungen treffen können“ nennen.

    che2001

    12. April 2008 at 21:30

  15. Jungs und Mädels, ich kann da erst morgen darauf antworten… So viele Fragen und so viel anderer Kram im Kopf. Mache mich hier gerade rar, obwohl ich echt gerne mehr Zeit hier verbringen würde. Wenn das Semester richtig läuft, dann bin ich wieder häufiger hier (und hoffentlich endlich wieder mit eigenen Beiträgen.

    @talbert: Meld‘ Dich bitte mal wegen Deiner Dortmundwochen.

    lars

    12. April 2008 at 22:57

  16. Außerdem habe ich gerade Brokeback Mountain gesehen, was meinen Emotionalitätsspiegel stark nach oben hob.

    lars

    12. April 2008 at 23:00

  17. @lars: dann lass doch finger von dem hormonkram

    im allgemeinen stimme ich der these zu. anders ausgedrückt – kannte es die alten römer schon – brot und spiele.

    der mensch, nicht unbedngt allgemein ( ! ), aber doch eine große breite masse lässt sich nur zugern vom konsum vereinnahmen/ berieseln ( DSDS ). entzug ist auch sehr schwer möglich, denn macht man nicht mit ist man „out“sider. und wer möchte schon mit all seinen ( wirklichen ) problemen in der großen ( übemächtigen ? ) gesellschaft alleine darstehen ?

    ( aber gerade das ist doch dem menschen förderlich in seiner entwickelung. )

    zur jugendreife: das sehe ich eher kritisch. ja sie sind uns in fast allen dingen vorraus. vor in allen „neuen“ dingen. aber, und das sage ich nur sehr ungerne, da es ja nicht zu unserem vorteil ist, als individuum als auch als gesellschaft, in vielen wichtigen dingen, wie eigenständige politische meinungsbildung, gesellschaftkritik und deren fähigkeit dazu, als auch oft in der einfachen möglichkeit seine eigene schnitte brot zu verdienen, sind sie uns weit unterlegen. sie werden oft zu schnell reif, auch was die körperlichkeit angeht, emotional sind sie bei weitem nicht so ausgereift. ( komisch hier fält gerade so spontan ein „betriebssythem“ ein. *schmuzel* )

    die „konsumaustrahler“ vergessen gerne das bei der ganzen “Infantilisierung“ auch schnell der horizont erreicht ist. natürlich lässt sich mit immer geschickteren tricks und hebeln hier und dort noch ein quentchen herrausholen, zur not wird halt fusioniert/ globalisiert um meherer machtfaktoren eine konzentration zu ermöglichen, aber was zeigt uns das beisepiel amerika ? kredite für hausbau ?

    ja irgedwann ist ende der fahnenstange. und so schließt sich der kreis die unternehmen sind ihrem eigenen trick der infantiliesierung ( dem frühkindlichen glauben, alles wird immer besser, größer… ) selbst auf dem leim gegangen und sind pleite.

    gokui

    13. April 2008 at 8:59

  18. @Martin „Die Generation meiner Eltern, die jetzt so um die 70 sind, waren sozusagen “zwangsreift”“ — ist bei meinen Eltern nochmal ne Ecke härter – Vater war mit 14 Jungvolkführer mit eigenem Sekretär und mit 16 SS-Hauptsturmführer, Mutter erlebte mit 8 die Inhaftierung ihres Vaters und ein paar Jahre später den wohl auf Kummer darüber zurückzuführenden Krebstot ihrer Mutter. Mir wiederum wurden diese Dinge in aller Ausführlichkeit erzählt, als ich so 6 war. Also, ne richtige unbeschwerte Kindheit ohne politische Dinge im Kopf kenne ich nicht. Zu meinen frühesten Kindheitserinnerungen gehört das Bild, wie US-Soldaten einem vietnamesischen Kriegsgefangenen mit dem Messer den Bauch aufschneiden und natürlich die Panzer in Prag.

    che2001

    13. April 2008 at 11:09

  19. Wenn ich das Interview so lese, bleibt da dieser Geschmack des „ja, versteh schon, was er meint“ – aber die Unterscheidungen, die da getroffen werden sind doch wenig präzise und irgendwie auch recht willkürlich. Klar, kann man das von Barber beschriebene Verhalten als infantil bezeichnen, nur mir entzieht sich da völlig die Grundlage auf der diese Bezeichnung erfolgt. Das von ihm beschriebene Kind, das an der Kasse steht und „Ich will, Ich will“ ruft, könnte sich dieses Verhalten doch genausogut bei Erwachsenen abgekuckt haben, oder ..?

    Und den Konsum als identitätsstiftend zu beschreiben … kann man machen. Nur wenn man Konsum als einen von vielen Teilen der Selbstinszenierung beschreibt, dann ist das auch nichts, was irgendwie neu wäre, denn den Dandy gabs ja auch schon vor ’ner ganzen Weile. – Und so wie der auf seine Kleidung, sein Auftreten, seine Lebensgewohnheiten achtete, ist das heute doch nicht so viel anders. Die Einen achten mehr auf Außenwirkung, als die Anderen. Manchen ist die Außenwirkung des Autos wichtig, Anderen ist das Auto als Teil der Selbstinszenierung generell zu laut und billig …

    Worauf ich hinaus möchte: Ich seh einfach nicht, auf welcher Grundlage da bewertet werden kann/soll. So oder so kann man ’nen halben Schuh daraus machen, der aber auch so oder so halb in der Luft hängt.

    Und letztlich geht mir das mit dem Kulturindustriekapitel nicht anders. Wenn man will kann man den Niedergang der Kultur an der Synkopisierung im Jazz festmachen, klar. Aber ich halte es da lieber mit Benjamin, der in der „Analyse“ nicht so unähnlich ist, aber gleichzeitig nicht den Untergang der Kultur sieht, sondern einen weitaus positiveren, auf sich neu eröffnende Möglichkeiten (für Kunst) zielenden Blick hat.

    Insofern habe ich aber auch das Gefühl, das eher “unsere” Generation, na, weit gefaßt die 25-45jährigen, die Vollbekloppten sind, aber daß das, was dann nachkommt, wieder ganz fit ist …

    Ach menno, wieso ausgerechnet diese Grenzziehung? Das Intervall noch ein paar Jahre verkleinern? Wär‘ ja auch gerne Teil von dem, was da nachkommt …

    christianK

    13. April 2008 at 11:15

  20. Das mit dem Kulturindustrie-Kapitel ist schon komplizierter, allein schon die Analyse dessen, wie und warum Nivellierung sich vollzieht -und die Alters-Grenzziehung mag ja irgendwie willkürlich erscheinen, der Intevervall selbst bezieht aber auf die Brüche Anfang der 80er (letzten Aufbranden der großen, sozialen Bewegungen – gab danach noch Wackersdorf, Hafenstraße und auch Lichterketten, aber das ist für mich immer eher ein Echo der Zeit davor und das Umschlagen in die Kohl/Zeitgeist/Yuppie-Welt) und so um 2001 herum, womit ich nicht nur den 11. September, sondern vielmehr noch den Zusammenbruch der New Economy meine. Und mittendrin halt Mauerfall. Ab da gibt’s sowas wie ein Beurteilungs-Danach, glaube ich. U

    Und die Generationen, die von Kohl/Thatcher/Reagan bis eben zum Zusammenbruch des Yuppie-Szenarios Träger der Jugendkulturen waren, die sind für mich die Deppen-Generationen – weil sie, teil vollgepropft mit Idealen, nix wirklich Nachhaltiges dem Neoliberalismus und Neonazismus, da gibt’s ja Interdependezen, entgegenzustellen vermochten. Nein, Kohl war kein Neoliberaler, deshalb wurde Schröder ja einer …

    momorulez

    13. April 2008 at 11:39

  21. passt zum thema: die linke mehrheit und das land der unmündigen
    http://www.zeit.de/2008/16/Waehler-als-Opfer?page=all

    Fragezeichen

    13. April 2008 at 12:02

  22. Der Generationengap hat aber auch immer mit der spezifischen Sozialisation zu tun. Ich gehörte in den achtzigern zu einer Fachschaft, die bis in die Neunziger ihre Ansprache an die Erstsemester mit „Die Erblast der Achtundsechhziger“ betitelte und sich direkt in deren Handlungskontinuität sah. Ich löas gerade in konkret eine Diskussion mit Grmeliza, Dithfurth, Ebermann, Dellwo und so weiter über 68er und RAF und stelltre fest, dass diese zeit für meinen inneren Horizont noch gar nicht vorbei ist.

    che2001

    13. April 2008 at 13:41

  23. Mir stellt sich wie Momorulez die Frage des „nach 01“ und vor allem die Frage, welche nachhaltige Alternative einem grassierenden Neoliberalismus gegenüber gestellt werden könnte. Es findet sich da durchaus, wie in einem breiten Fundus, m.E. allerhand, was man von der „Deppengeneration“ nehmen und lernen könnte – aber eben eine schlüssigen Entwurf, der taugt für den breiten Raum zwischen Realität und Utopie, auf den warte ich noch.

    Ob er noch kommt?

    (Ich selber bin dabei nach wie vor entschieden sozial- und linksliberal eingestellt – und ich denke: für Linksliberalismus 2.0 gibt es ein echtes, noch auszufüllendes politisches Vakuum und zudem eine wachsende Empfänglichkeit der Öffentlichkeit – aber vielleicht täusche ich mich. Man kann vielleicht auch bestreiten, dass man damit der Ökonomie wieder eine menschlichere Gestalt geben könnte und den Neoliberalismus nachhaltig in seine Spezialecke zurückdrängen kann, in die er gehört)

    Politischer Crossover

    Oder werden wir zunehmend etwas erleben, was die Musikbranche bestimmt hat, nämlich das Recycling alter Ansätze, verbunden mit viel Crossover. Und nach vier Jahren Seattle folgen dann zwei Jahre Sheffield. Oder so. Was nicht für das Kommen eines großen Entwurfes spräche.

    Die großen politischen Fundamental-Fragestellungen waren in gewisser Weise wohl auch vom Krieg geprägt, von der Notwendigkeit eines fundamentalen Neuanfangs – und das reichte eben bis zu den 68ern, welche sich u.a. unterdrückter Geschichtsaufarbeitung annahmen.

    So hohl die Buzzword-Fetischisten des „linken Neoliberalismus“ mir auch erscheinen (und: es auch sind), sie stehen m.E. für einen Trend, nämlich den des politischen Crossovers.

    Dr. Dean

    13. April 2008 at 14:07

  24. „Die großen politischen Fundamental-Fragestellungen waren in gewisser Weise wohl auch vom Krieg geprägt, von der Notwendigkeit eines fundamentalen Neuanfangs – und das reichte eben bis zu den 68ern, welche sich u.a. unterdrückter Geschichtsaufarbeitung annahmen.“

    Quasi-Innenpolitisch mag das so sein, was aber weit mehr durchschlagen wird auch auf die Muster der Politik, das ist das, was ja aktuell zu Recht die Schlagzeilen beherrscht: Der „Erfolg“ von Systemen wie China, welweite Hungersnöte und Bankenkrisen, weltweite Flüchtlingsbewegungen.

    Und ich werde ja das Gefühl nicht los, daß Leute wie Sen einerseits, mit dem Du Dich ja auch anfreunden könntest, Putin und die Partei in China andererseits die opponierenden Paradigmen sein werden, und nicht etwa Prowestlertum und Islamismus, wie manche glauben.

    Und wieso das was ganz anderes ist als der Blockgegensatz einst, das wäre dann die analytische Aufgabenstellung, das zu beantworten. Bush beispielsweise ist für mich näher an Putin als an Sen. Und letzterer hat immerhin analysiert, wieso Hungersnöte in Demokratien nicht vorkommen, und genau da muß man ansetzen … und die „capabilities“ haben sogar ’nen Lifestyle-Aspekt.

    momorulez

    13. April 2008 at 14:43

  25. Da kann noch was ganz Anderes kommen: Große Hungeraufstände in den Ländern der Peripherie, bei denen die Armen zu Hunderttausenden die Villenviertel der Reichen plündern werden. Die Phase der militanten Revolution im Iran, die der Machtübernahme der Mullahs vorausging, könnte die Matrix sein für das, was Ägypten, Tunesien, Jordanien unmittelbar bevorsteht, und der Chavismus die Perspektive für Haiti, Santo Domingo, Barbados, Grenada und Equador.

    che2001

    13. April 2008 at 16:05

  26. „Und die Generationen, die von Kohl/Thatcher/Reagan bis eben zum Zusammenbruch des Yuppie-Szenarios Träger der Jugendkulturen waren, die sind für mich die Deppen-Generationen – weil sie, teil vollgepropft mit Idealen, nix wirklich Nachhaltiges dem Neoliberalismus und Neonazismus, da gibt’s ja Interdependezen, entgegenzustellen vermochten. Nein, Kohl war kein Neoliberaler, deshalb wurde Schröder ja einer …“

    Verdammt, mitten in dieser Generation gelandet.

    lars

    13. April 2008 at 16:51

  27. @“Anfang der 80er (letzten Aufbranden der großen, sozialen Bewegungen – gab danach noch Wackersdorf, Hafenstraße und auch Lichterketten, aber das ist für mich immer eher ein Echo der Zeit davor und das Umschlagen in die Kohl/Zeitgeist/Yuppie-Welt) und so um 2001 herum, womit ich nicht nur den 11. September, sondern vielmehr noch den Zusammenbruch der New Economy meine. Und mittendrin halt Mauerfall. Ab da gibt’s sowas wie ein Beurteilungs-Danach, glaube ich.“ — Diese Phasenlehre sehe ich auch anders. Für mich war das „letzte Aufbranden der sozialen Bewegungen“ ihr Höhepunkt, nämlich die Phase 1978-1984, als Friedens-Anti-AKW-Häuserkampf-Frauen-und Antivolkszählungsbewegung ineins fielen und damit die größte oppositionelle Massenbewegung schufen, die es in der BRD jemals gegeben hat. Das waren ja rein zahlenmäßig vielleicht 50 mal mehr Leute als die AktivistInnen von 68, und für eine kurze Zeit waren die auch medial sehr gut präsent (Report Baden-Baden, Monitor und Panorama kamen damals als grundsätzlich regierungskritische und bürgerbewegungsnahe Sender rüber). Selbst die militante Linke in Form von Autonomen und Antiimps umfasste damals mehrere zehntausend Leute. Da waren diese Swinging Cities Bremen, Hamburg, Kreuzberg, Braunschweig, Frankfurt, wo mittelfristig staatlich nicht mehr kontrollierbare Strukturen entstanden. eine ganzes Viertel von SO 36 war monatelang von den Bullen befreit, das muss man sich mal vorstellen!

    Startbahn Hafenstraße Wackersdorf, das war ein Aufbäumen, parallel dazu wuchs die Bedeutung des Faktors Antifa, weil ein Teil der revoltierenden Jugend nicht mehr nach links, sondern nach ganz rechts ging, und für uns in Göttingen waren der Tod von Conny und von Alex 1989 und 90 wichtiger als der Zusammenbruch der DDR. Diese ganze subkulturelle Linke mit alle paar Jahre ein paar Hausbesetzungen, jede Woche auf ner Demo, der Selbstverständlichkeit, in einer fremden Stadt einen kostenlosen Pennplatz zu bekommen, ein Auto für reintanken als Leihgebühr zu kriegen und bei politischen Strafverfahren Anwaltskosten und Bußgeld natrürlich nicht selbst zu bezahlen, sondern aus Solikassen zu kriegen, das alles bröckelte in meiner Welt erst so ab 1995. Und aktuell werden solche Strukturen gerade wieder aufgebaut.

    che2001

    13. April 2008 at 17:30

  28. PS: Swinging Cities ist die Aufzählung verkürzt: Kommen noch Göttingen, Hannover, Marburg und Freiburg hinzu.

    che2001

    13. April 2008 at 17:33

  29. Chavismus? Und das soll dann auch noch als die große Befreiungsperspektive sein?

    Es ist leider nicht so, dass ich mir zur Innenpolitik unter Chavez gut informiert fühlen würde. Es wird viel von Chavez gesprochen – und das meiste davon ist parteilicher Müll.

    Was ich aber so einigermaßen sehen kann, das sind seine außenpolitischen Auftritte, die vor allem von einem dümmlich-populistischen Antiamerikanismus zeugen. In Sachen Südamerika-Zusammenarbeit scheint ihm etwas zu gelingen – aber ob das viel wiegt?

    Seine Innenpolitik jedenfalls, soweit man sie nachvollziehen kann, ist relativ konzeptions, eigentlich recht moderat und ziemlich linkspopulistisch – was nicht das Übelste sein muss (aber: auch nicht das beste). Erschwerend kommt hinzu, dass die im Westentlichen von Öleinnahmen getragen ist. Nuja: Das ist schwerlich etwas, was für andere Länder eine Emanzipationsperspektive darstellt.

    Hat Chavez eine wirtschaftspolitische Konzeption – mal abgesehen von einer Bereitschaft zur Umverteilung? Ich konnte da bislang kaum etwas entdecken. Abgesehen von der Nationalisierung der Bodenschätze, was ich als Ausnahmefall der Wirtschaftspolitik begrüße, ist da eher eine Form der Nicht-Tätigkeit (aber: mit viel Pomp!) zu sehen, verbunden mit einer sozialdemokratischen Ausgabenpolitik. Das ist verglichen mit Thatcherismus, Reaganschen Rüstungskeynesianismus oder der dem Sozialingenieurstum von IWF-Ökonomen vermutlich keine allzu üble Wahl, zudem stärker an den Interessen der Bevölkerung orientiert. Aber eben doch: Gemurckse.

    Dr. Dean

    13. April 2008 at 19:51

  30. „Ein ganzes Viertel von SO 36 war monatelang von den Bullen befreit, das muss man sich mal vorstellen!

    //* Lästermodus: on *//

    Ach, wie toll. Von „den Bullen befreit“. Wie hübsch das klingt.

    Ich schätze, das muss man als ein Durchbruch betrachten, als so eine Art Lebenstraum, zum Beispiel von der Einzelhandesverkäuferin, die endlich mal grünfrei zur Arbeit laufen kann, vom kleinen kaufmännischen Angestellten, dem das ebenfalls herzlich egal ist, jedenfalls, solange keine Kriminalität ausbricht, von Oma Erna und ihren Enkelkindern. Ach – Moment! Wenn man mal ehrlich ist, sind die über diese Art der „Befreiung“ eher unglücklich.

    Sie haben weder Bock auf schmierige Drogendealer, die den Kids vor den Schulen auflauern (hey: sowas gab es mal in Berlin), dank „bullenfrei“ mit Spaß dabei, noch darauf, dass irgendwelche verschissenen Autonomen Dauerparty feiern und die Müllcontainer in den Hinterhöfen anzünden, weil das eine so richtig revolutionäre Stimmung verbreitet, und vor allem, weil die Welt ja auf einmal so wundervoll befreit sei.

    //* Lästermodus: off *//

    Nee, Che, das ist doch reine Karikatur. Du kanns Doch nicht ernsthaft behaupten, dass „bullenfreie Stadtteile“ die Lebenswirklichkeit der Bewohner sonderlich positiv beeinflussen. Es mag für die autonome Szene ein prima Machtbeweis gewesen sein. Ich kann Dir sofort einen linken Gastronomen zeigen, und zwar genau aus diesem Viertel, der ganz froh ist, immer dann, wenn es nicht ganz „bullenfrei“ ist. Der hat sich mehr als einmal die Spinner vorgeknöpft, die sich als „Autonome“ mit angeblicher Weltrevolutionsformel ausgeben.

    Im Zusammenhang mit gewalttätigen 1. Mai-Demos, auch quer durchs ehemals „befreite“ Viertel, fällt mir nur ein Wort ein: Pissbande. Zünden z.B. ein friedliches Straßenfest der Anwohner an (bzw.: versuchten das mit mit erheblicher Bemühung), treten wie Hooligans auf nach dem Motto „die Macht sind wir“. Und wer das als Anwohner nicht so klasse findet, der bekommt schon mal eine gedrückt. Und das sind dann original die Leute, die darüber faseln, was für großartige Anarchisten sie doch seien, und dass ein Staat ohne Bullen doch nun wirklich das Allergrößte darstellt.

    Kasperletheater. Bestenfalls.

    Dr. Dean

    13. April 2008 at 20:13

  31. Weil heute Sonntag ist, aber ohne Gewähr:

    „Jesus sagte:
    Ich versichere euch, wenn ihr euch nicht ändert
    und den Kindern gleich werdet,
    dann könnt ihr in Gottes neue Welt
    überhaupt nicht hineinkommen.“
    (Matthäus 18,3)

    ____
    Die Quacksalberwerbeabteilungen versprechen ja auch 120 Jahre Lebensdauer, da macht eine Verlängerung des Heranwachsens irgendwo Sinn.
    ___
    Für den Kreativen ist es aber schon angenehm, wenn er sein kindliches Bewusstsein situationsgebunden einsetzen kann und nicht von ihm Gassi geführt wird.
    M.f.G.

    nexuslex

    13. April 2008 at 20:49

  32. Dr. Dean, ich sehe keine positive Perspektive im Chavismus, ich schreibe, was wahrscheinlich passieren könnte. Im Falle Kairo gehörte die Villa eines alten Freundes zu den ersten Häusern, die geplündert würden. Im Falle Kreuzberg betzrieben die Autonomen auch die H-Dealer-verpisst-Euch-Kampagne undhielten einen Mauerabschnitt durch Zwillenbeschuss der NVA-Soldaten für einige Monate patrouilenfrei, was mehreren Leuten die Flucht in den westen ermöglichte.

    che2001

    13. April 2008 at 20:59

  33. @momo:
    Ich habe mich schon einmal gewundert, daß du das Phänomen der Retardierung/Regression quasi als diskrimierende Projektion zu betrachten scheinst. Es wundert mich umso mehr, als daß du Habermas‘ Rationalismus (letzterer Terminus ist meine plakative Umschreibung seiner Vernunftskonstruktion) offenbar befürwortest.
    Für mich ist Piagets entwicklungspsychologisches Stufenmodell extrem überzeugend, und daher vertrete ich vehement die Ansicht, daß gerade Kritikfähigkeit und damit einhergehende Handlungskompetenz notwendig Resultat eines fragilen Lernprozesses ist. Dieser ist von Regression jederzeit bedroht, das ist für mich ganz unzweifelhaft. Ein äußerst effizientes Mittel der „Bidlung“ des unkritischen Bürgers ist daher die gezielte kompetitive Hemmung psychischer Ressourcen „höherer“ Reifestufen. Höher sind sie insofern, als daß früher entwickelte Kompetenzen notwendige Bedingung für spätere sind. Man regreddiert zwar nicht vollständig, sondern situativ, aber eine Kultur der Regression als perennierender „Spaß“ ist extrem wirkungsvoll.

    flatter

    14. April 2008 at 0:13

  34. @flatter: Das Problem bei Kohlbergs/Piagets Konstruktion ist ja eher, dass sie immer als Fahrplan zum moralischen Handeln daherkommt. Auch hier wäre zu fragen: wer entscheidet darüber, auf welcher Stufe man sich befindet?
    Ich habe ehrlich gesagt nie ganz verstanden, wie man von Meads Intersubjektivität ( Aushandeln und gegenseitiges In Rechnung stellen, d.h. eine grundlegende Berücksichtigen der Akteure als Bedingung von Kommunikation: das ist ja der Kern der Habermas’schen Kommunikationstheorie) zu einer Stufentheorie der Moral kommt, in der sich die Berücksichtigung des Anderen erst relativ spät vollziehen soll. Ich habe da immer das Gefühl, dass die Konzeption von Kohlberg und Piaget auf eine allgemeines moralisches Defizit in jedem Einzelnen hinausläuft (mit der Folge, alles und jeden zu therapeutisieren) und das von der Gesellschaftsstruktur abkoppelt, auf der man ja durchaus
    solche Stufentheorien anwenden könnte. Dann hätten wir es aber mit der moralischen Qualität von Organisationen und Institutionen zu tun, duie jenseits des Individuums funktionieren.

    lars

    14. April 2008 at 7:51

  35. @Flatter:

    Diese ganze Piaget/Kohlberg-Rezeption bei Habermas fand ich immer nur strukturell einleuchtend, nicht unbedingt genetisch – da steckt mir noch zu viel wahlweise Goethe oder Hegel drin. Da wird ein Entwicklungspfad vorgeschrieben, sozusagen, und auch die Kritik des Feminismus an Habermas fand ich da immer ganz einleuchtend. Und sowas wie ein zweckfreies Spiel kann man mit Habermas eh nicht denken, trotz all der Kritik an strategischen Handlungsmodi.

    momorulez

    14. April 2008 at 7:54

  36. @Dean: „Es mag für die autonome Szene ein prima Machtbeweis gewesen sein. Ich kann Dir sofort einen linken Gastronomen zeigen, und zwar genau aus diesem Viertel, der ganz froh ist, immer dann, wenn es nicht ganz “bullenfrei” ist. Der hat sich mehr als einmal die Spinner vorgeknöpft, die sich als “Autonome” mit angeblicher Weltrevolutionsformel ausgeben.

    Im Zusammenhang mit gewalttätigen 1. Mai-Demos, auch quer durchs ehemals “befreite” Viertel, fällt mir nur ein Wort ein: Pissbande. Zünden z.B. ein friedliches Straßenfest der Anwohner an“
    — Das hat aber nichts mit den Hausbesetzungen 1979-82 zu tun, die sich vor dem Hintergrund massiver Wohnungsnot und des Neue Heimat/Garski/Oetker-Skandals abspielten und bei denen Kleinunternehmer teilweise geräumten HausbesetzerInnen ihre Läden/Lager als Rückzugsräume zur Verfügung stellten und Bäcker Kraaker mit Brot beschenkten. Die selten dämlichen Militantparties 1987 ff. stehen auf einem völlig anderen Blatt.

    che2001

    14. April 2008 at 11:15

  37. @ Che
    Vielleicht sollte ich „kindische Autonome“ von „verantwortungsvollen Autonomen“ trennen. Das fälllt mir, zugegeben, allerdings seit dem Zeitpunkt schwer, als ich mich auf einer entglasenden Demo gegen Ausplünderungen gestellt habe, Aug in Auge mit johlenden Autonomenblöcken.

    Okay – es stimmt trotzdem, Che, Du machst einen guten Punkt: Die Motivation von vielen Autonomen (m.E. bes. aus dem AntiFa-Umfeld) entspringt nachvollziehbaren Motiven – und es gibt sicher auch einige verantwortungsvoll handelnde Autonome. Ob das in der Masse so gilt, vermag ich nicht zu beurteilen – mein Eindruck ist aber, dass der Anteil der Hools und der Idioten trotz allem recht hoch liegt.

    Was die autnomome Ideologie betrifft, glaube ich nicht, dass der als Utopie gedachte – und von Dir bejubelte – gewaltsam erzwungene Totalverzicht auf Polizei z.B. durch gelegentliche „H-Dealer-verpisst-Euch-Kampagnen“ zu ersetzen ist. Wenn man es konsequent zu Ende denkt, dann wäre mehr als eine einzelne Kampagne von Nöten – und am Ende dann tatsächlich so etwas wie: Polizei.

    Mit meiner bitteren Häme gegenüber Autonomenfolklore wollte ich zudem zum Ausdruck bringen, dass manche Ideen, die als „autonom“ präsentiert werden, alles andere als nachhaltig oder irgendwie durchdacht sind. Dazu zähle ich die Verherrlichung der (vermeintlich) rebellischen Aktion, die m.E. im Regelfall eher mit lustorientierter Hordenkultur zu tun hat – und insofern passt das zu einer Diskussion über politische Regression und Infantilisierung.

    (Sieht man es unter diesem Blickwinkel, und bei angenommener wachsender Infantilisierung der Gesellschaft, dann könnte man ggf. behaupten, dass die Autonomenbewegung eine insofern logische Nachfolge der 68er darstellt. Obwohl politische Jugendkultur m.E. immer eine gewisse Nähe zu infantilen Erscheinungen hat, würde ich es allerdings bestreiten, dass politische Jugendkulturen in der deutschen Geschichte einen eindeutigen Trend hin zur Infantilisierung aufweisen. Sind politische Hippies der 68er Generation weniger infantil als z.B. heutige Attack-Aktive? War der SDS mit seinem – m.E. kindischen – moralischen und utopischen Rigorismus weniger infantil als z.B. diejenigen, die heutzutage den Protest gegen die Vorratsdatenspeicherung organisieren? Sind die Aktionen der Hedonistischen Internationalen – wegen ihres Spaßcharakters – nun infantil, und wenn ja: im Vergleich womit?)

    Dr. Dean

    14. April 2008 at 14:14

  38. Na ja, ich sehe das ja noch sehr viel differenzierter.

    @“Was die autnomome Ideologie betrifft, glaube ich nicht, dass der als Utopie gedachte – und von Dir bejubelte – gewaltsam erzwungene Totalverzicht auf Polizei z.B. durch gelegentliche “H-Dealer-verpisst-Euch-Kampagnen” zu ersetzen ist. Wenn man es konsequent zu Ende denkt, dann wäre mehr als eine einzelne Kampagne von Nöten – und am Ende dann tatsächlich so etwas wie: Polizei.“ — Ich habe überhaupt nichts bejubelt, sondern deskriptiv beschrieben, wie es damals in Kreuzberg war. Ja, und ich finde gut, dass es gelungen war, solche von staatlicher Kontrolle freien Räume zu erkämpfen, aber nicht um ihrer selbst willen, sondern als Voraussetzung für mögliche weitere soziale Dynamiken und Emanzipationsprozesse, die sich unter solchen Verhältnissen hätten entfalten können, dies aber -nicht zuletzt aufgrund staatlicher Repression – nicht entfaltet haben.

    Folklore, infantil und so: Es gibt einen großen Unterschied zwischen der „Gründergeneration“ der Autonomen und denen der 90er oder gar denen, die sich heute so nennen. Die Autonomen der ersten Stunde hatten einen sehr großen Arbeiter- Unterschichts-und MigrantInnenanteil und demzufolge noch sehr genuine, „handfeste“ Gründe für sozialen Protest. Später überwogen die Lehrer-Professoren-und Pastorenkinder, also Leute aus beruflichen Moralistenfamilien, sozusagenm, und inzwischen sind es teilweise schon die inzwischen erwachsenen Kinder der 70er-Jahre-Punks. Das macht in Herangehensweise und Verhalten einen immensen Unterschied aus.
    Den moralischen Rigorismus des SDS würde ich als zwanghaft, aber nicht als infantil bezeichnen, und die Hedonistische Internationale und die Situationisten als teilweise extrem sophisticated.

    che2001

    14. April 2008 at 14:49

  39. Und wenn ich mir anschaue, was wir als Autonome so in den 90ern veranstaltet haben, dann war das das Veranstalten von Straßenfesten, deren Erlöse nach Kurdistan runtergekarrt wurden, um sie die Bedürftigen direkt in die Hände zu drücken (und umherreisen, kein Witz, tat man mit nem Jeep mit aufmontierten MG auf Lafette), der Wiederaufbau einer Brücke dort unten und ganz viel ehrenamtliche Flüchtlingssozialarbeit und Asylberatung in Deutschland. Also, eigentlich war das eine Art Caritas im Schwarzer-Block-Outfit.

    che2001

    14. April 2008 at 18:53

  40. @lars & momo
    Ich kann den Kohlberg da auch weniger gebrauchen und halte ihn für weit weniger relevant als Piaget. Mit Piaget ist die Frage:
    „wer entscheidet darüber, auf welcher Stufe man sich befindet?“ einfach zu beobachten, es ist nämlich beobachtbar, ob ein Kind in der Lage ist, zu operationalisieren. Noch einfacher ist zu beobachten, ob es sprechen kann oder nicht.
    Dem entsprechen weitgehend auch beobachtbare hirnorganische Entwicklungen. Ich will überhaupt nicht auf moralische Niveaus hinaus, Moral ist für mich immer Teil eines Diskurses und als solcher meist kontraproduktiv. Der Diskurs ist aber als Kommunikation davon abhängig, wie die kognitiven Ressourcen genutzt werden. Ich sehe da übrigens eine Analogie zu dem, was Foucault „episteme“ genannt hat. Es macht keinen Sinn, Politik als göttliche Offenbarung zu betrachten und „Signaturen“ zu deuten. Es macht auch keinen Sinn, den Bundeskanzler zu kritisieren, weil er dem persönlichen Bedrüfnis nach Zärtlichkeit nicht gerecht wird. Regression ist real. Als „Konsumismus“, so mag man das bezeichnen, ist die Flucht in die Lust am falschen Bedürfnis ein Diksurshemmnis. Zwar ist das Phänomen noch gut für die Analyse und offebart das berechetigte Unbehagen am gegebenen Zustand. Aber es ist völlich richtig, eine Haltung als defizitär zu betrachten, die sich einerseits in schale Gemütlich flüchtet, andererseits aber „Argumente“ erzeugt, mit denen man sich dann noch ernsthaft auseinandersetzen soll. „Infantil“ ist als Begriff freilich recht unpassend. Sie werden ja nicht wie die Kinder, sie stellen sich nur an, als hätten sie nichts gelernt und haben obendrein jede kindliche Offenheit in sich längst getötet.

    flatter

    14. April 2008 at 23:04

  41. p.s.: Schrieb ich da oben „völlich“?! „Völlich richtich“? Da ging wohl etwas mit mir durch 🙂

    flatter

    14. April 2008 at 23:07

  42. @flatter, mir fällt da der Begriff „Tittytainment“ zu ein: Ein Medienkonsum, der unreflektiert und mechanisch erfolgt wie das Einsauger der Muttermilch. Lässt sich auf das gewohnheitsmäßige Einkaufen von sinnlosem Tand sicher übertragen. Ich will jetzt nicht mit Freuds oraler Phase kommen, aber von einer Regression hinter die Kindheit zurück hat das schon etwas.

    che2001

    15. April 2008 at 7:22

  43. […] pepsi u. cola angedacht hier […]


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