shifting reality

Es gibt kein richtiges Lesen im valschen!

Der Widerwille will bei mir nicht schwinden … und jubeln will ich heute doch!

with 6 comments

Nee, nee, nee. Wat ich bin ich froh, daß die Briten, Amis und Iren uns befreit haben von mancher Bildungsbürgersauce.

Wenn man des Morgens Kaffee schlürfend auf dem Sofa sich räkelt, den Rosen beim Austreiben zuschaut und dabei van Morrison seine Ehrfurcht vor der US-Black-Culture in Gesang gurgelt und knödelt und dergestalt kurz glücklich macht, so ist das ja Leben, wie es sein soll.

Und dann liegt dieser ekle Goethe-Gedichtband vor mir rum, und ich kann nicht anders, ich lese rein. Die Ausgabe „Goethe: Gedichte“, kommentiert von Erich Trunz im C.H. Beck-Verlag 1998 ist schon in der Hinsicht kurios, daß der Kommentar-Apparat umfangreicher ist als das lyrische Werk selbst, ganz so, als handele es sich um einen religiösen Text.

Zufällig schlage ich S. 645 auf, da wird das Sonett „Natur und Kunst“ flankiert – und natürlich kommen einem diese Derrida-Scherze in den Sinn, wo die Fußnoten ein reges Eigenleben entwickeln und irgendwann die Seiten überwuchern, schon gar nicht mehr bezogen auf das Befußnotete. Da schreibt der werte Herr Trunz:

„Schillers philosophische Aufsätze sahen Sinnlichkeit und Vernunft, Freiheit und Gesetz zur Harmonie gebracht im Schönen, so daß durch das Ästhetische der Mensch zur wahren Humanität gelangt.“

Na, die Kant-Paraphrasen seien fremd, aber akzeptiert, und daß Kunst Menschen erst menschlich macht, das ist noch den Modernsten nicht fremd. Liebe Spieler des FC St. Pauli, nehmt das mal ernst und erzieht uns heute abend durch einen schönen Sieg zu wahrer Humanität! Sollen der Herr Hopp und sein schnöder Mammon doch bleiben, wo die klassische Stiftung wächst, da macht er ja meines Wissens auch Dolles. Bei uns blüht halt der Hopfen im Herzen (kennst Du das Land, wo die Astra-Flaschen sich leeren?).

Aber wat macht der Goethe, dieser Banause, dieser Geheimrat, dieser Kleist-Versenker daraus, aus dem Schillerschen Gedanken? Auf S. 245 macht er das:

„Natur und Kunst, sie scheinen sich zu fliehen

Und haben sich, eh‘ man es denkt, gefunden;

Der Widerwille ist auch auch mir verschwunden,

Und beide scheinen gleich mich anzuziehen.

 

 

Es gilt wohl nur ein redliches Bemühen!

Und wenn wir erst in abgemeßnen Stunden

Mit Geist und Fleiß uns an die Kunst gebunden,

Mag frei Natur im Herzen wieder glühen.

 

 

So ist’s mit aller Bildung auch beschaffen:

Vergebens werden ungebundne Geister

Nach der Vollendung reiner Höhe streben.

 

 

Wer Großes will, muß sich zusammenraffen;

In der Beschränkung zeigt sich erst der Meister,

und das Gesetz nur kann uns Freiheit geben.“

 

 

Gut, „In der Beschränkung zeigt sich erst der Meister“, das meint van Morrison wohl auch, wenn er sein Album „Keep it simple!“ nennt. Ich habe aber auch nix gegen opulente Ergebnisse, so lang sie für die eigene Mannschafft fallen, die Tore, und das redliche Bemühen heißt in diesem Zusammenhang einfach Training und „nachsetzen“. Mit Geist und Fleiß sollen sie auch die Hoffenheimer an die Wand spielen!

Klar: Ohne Regelwerk auch nicht die Freiheit, mit tollen Hackentricks Tore vorzubereiten; Und Cézannes Kugel-, Kegel- und Zylinder-Theorie der Harmonie parallel zur Natur strebt auch zur Größe. Und trotzdem sträubt sich in mir ALLES, wenn ich das lese. Warum eigentlich?

Advertisements

Written by momorulez

16. April 2008 um 8:56

6 Antworten

Subscribe to comments with RSS.

  1. Warum sich bei Dir (metaphorisch gesprochen) das Nackenfell sträubt, wenn Du diese Goethe-Sätze liest? Vermutlich, weil eine lange Reihe erzautoritären „Volkserzieher“ sie immer wieder und bis heute zu Tode zitieren, um ihrer Forderung nach weniger Freiheit unter Berufung auf die „Autorität“ Goethes nachdruck zu verleihen.

    MartinM

    16. April 2008 at 11:51

  2. Wir haben kurioserweise unseren linken Lehrer damals fast dazu zwingen müssen, mit uns den Faust zu lesen, nach all den Brechts und Frieds und wie die alle hießen haben wir ein Klassiker-Semester gefordert – mit „Hamlet“ und „Faust“. Und der „hamlet“ hat mich damals auch umgehauen, beim „Faust“ mochte ich eher die Weltschmerz-Passagen 😉 …

    Ich habe langsam eher das Gefühl, so anglomerikanisch/französisch geprägt zu sein, daß mir dieser aufgeplusterte Gestus im Falle der Literatur total auf den Senkel geht, im Falle der Musik aber komischerweise nicht: Zumindest Bach und Wagner finde ich ja super. Mozart macht mich aber auch aggressiv …

    momorulez

    16. April 2008 at 12:16

  3. Ich liebe meinen Faust, aber bei Werthers Leiden sagte etwas unwirsch in mir „Mann, drück Dich mal konkreter aus und nicht so geschwollen!“. Und das liegt nicht einfach an der Zeit, Problem habe ich weder bei Schilling noch bei Lesser. Bach finde ich ebenso großartig wie Beethoven und Richard Strauß, Wagner fasse ich eher mit ganz spitzen Fingern an (vom Ritt der Walküren abgesehen). Und wir hatten wenig linke Lehrer, Brecht und Büchner wurden behandelt, aber kein Fried, dafür das Nibelungenlied im mittelhochdeutschen Original.

    che2001

    16. April 2008 at 12:30

  4. Ich bin auch viel zu wenig Wagner-Kenner oder so, aber „Tristan und Isolde“ z.B., das finde ich schon immens großartig. Obwohl Wagner natürlich ein Riesen-Arschloch und übler Antisemit war und es auch sonst kein „Mißbrauch“ von Seiten der Nazis war, das war kein Zufall. Richard Strauß hat da aber meines Wissens auch noch höchstpersönlich mitgemischt.

    Auch und gerade in der Hinsicht ist der Briefwechsel Mann/Adorno wirklich spannend, auch wenn ich als Laie in Fragen der Komposition da kaum noch folgen kann. Adorno hatte ja Thomas Mann beim „Dr. Faustus“ in Sachen Komposition beraten, und was er da so in diesen Roman hinein brachte, führte dann dazu, daß Schönberg stinksauer war, irgendwer könnte irgendwann glauben, die Romanfigur sei der eigentliche Erfinder der Zwölftonmusik.

    Später kommentiert dann Thomas Mann Adornos Wagner-Buch, und die Diskussion ist schonaufregend, gerade, weil ich da nicht so viel verstehe …

    momorulez

    16. April 2008 at 13:34

  5. Der email-Verkehr zwischen Horkheimer und Heinrich Mann und zwischen Benjamin und Klaus Mann tät mich mal interessieren 🙂

    che2001

    16. April 2008 at 14:34

  6. Das wäre erschütternd anders 😦 … bin gerade auf dem Tripp, lauter Briefwechsel zu lesen (die von Benjamin an Hokheimer/Adorno und zurück sind ja alles andere als komisch, die vo Tschechow/Olga Knipper einfach nur wundervoll, ganz traumhaft, und Thomas Mann/Adorno fasziniert schon auch sehr) – und da ist echt ’ne Kultur verschwunden.

    E-Mail ist a priori flaspisger, direkter, weniger durchgearbeitet, was ja auch was hat.

    momorulez

    16. April 2008 at 14:39


Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s