shifting reality

Es gibt kein richtiges Lesen im valschen!

Was ist aus der Politikwissenschaft geworden?

with 8 comments

Einer der absoluten Doyens der Politikwissenschaft in Deutschland hatte es vor Jahren abgelehnt, meine Dissertation zu rezensieren. Die Begründung war interessant. Sie lautete: „Die Arbeit reflektiert den neuesten Stand der Forschung zum Nationalsozialismus. Das ist kein aktuell diskursrelevantes Thema für die Politikwissenschaft.“ Treffender hätte er die Wandlung des Fachs kaum ausdrücken können. Die Politikwissenschaft, die ich einmal studiert hatte, war eine Mischung aus Zeitgeschichte (von der Geschichtswissenschaft dadurch unterschieden, dass die Zeit vor 1933 eine geringe, die nach 1950 hingegen eine große Rolle spielte und dass die außereuropäische Zeitgeschichte in Deutschland viel eher von Politologen als von Historikern behandelt wurde), politischer Ideengeschichte, Ideologiekritik, Sozialpsychologie, vergleichender Politikwissenschaft und politischer Philosophie. Heute ist es eine Anwendungswissenschaft geworden, die Parteien, Verbänden, Gewerkschaften und Unternehmen politikwissenschaftliche Studien als Dienstleistung anbietet. I am out of time.

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Written by chezweitausendeins

20. April 2008 um 19:13

8 Antworten

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  1. nein. bist du nicht.

    die probleme der welt haben sich noch nie nach den wissenschaftlichen disziplinen gerichtet. du verwechselt machtprozesse mit prozesse der erkenntnisgewinnung.

    sei dir gut & bleibe was du bist: wild!

    /sms ;-)

    21. April 2008 at 9:46

  2. Wenn ein führender Politikwissenschaftler indirekt sagt, dass Nationalsozialismus kein politisches Thema sei, jedenfalls keines, mit der sich die Politwissenschaft befassen sollte, wirkt das schon etwas merkwürdig. Ja, vielleicht wirkt sich hier eine gewisse Anwendungsorientierung aus, ein Trend zur Politikberatung. Oder auch eine wachsende Hinwendung zu Gegenwartsthemen.

    Wenn das so ist, wäre Che vielleicht mit folgender Arbeit ggf. auf sein Wohlwollen gestoßen:

    Möglichkeiten und Grenzen der Methoden nationalsozialistischer Politikvermittlung bezogen auf die Moderation heutiger politischer Prozesse

    Dr. Dean

    21. April 2008 at 11:43

  3. Erst vor kurzem erzählte mir jemand, der kurz vor der Zwischenprüfung in Politikwissenschaft stand von der „Anwendung“ verschiedener Theorien auf „Fakten“ der Gegenwart. Alleine diese Formulierung kann Achselzucken hervorrufen … richtiggehend verblüfft war ich aber bei der Schilderung der Praxis, die in Seminararbeiten oder Prüfungen – zumindest am GSI in München – üblich scheint: Erkläre Konflikt x mit Theorie y und verlasse diese nicht!

    Mag sein, dass damit vor allem ein pädagogischer Anspruch verbunden ist, aber unter’m Strich ist es doch etwas eigenartig.

    Vielleicht passt es vor diesem Hintergrund ja ganz gut, dass dann ein bekannter Namen am GSI den Lehrstuhl, hin zur Philosophie wechselt …

    christianK

    21. April 2008 at 18:05

  4. Erst vor kurzem erzählte mir jemand, der kurz vor der Zwischenprüfung in Politikwissenschaft stand von der „Anwendung“ verschiedener Theorien auf „Fakten“ der Gegenwart. Alleine diese Formulierung kann Achselzucken hervorrufen … richtiggehend verblüfft war ich aber bei der Schilderung der Praxis, die in Seminararbeiten oder Prüfungen – zumindest am GSI in München – üblich scheint: Erkläre Konflikt x mit Theorie y und verlasse diese nicht!

    Mag sein, dass damit vor allem ein pädagogischer Anspruch verbunden ist, aber unter’m Strich ist es doch etwas eigenartig.

    Vielleicht passt es vor diesem Hintergrund ja ganz gut, dass dann ein bekannter Namen am GSI den Lehrstuhl, hin zur Philosophie wechselt …

    christianK

    21. April 2008 at 18:07

  5. @sms: Aber das Problem ist doch umgekehrt: Der Witz ist doch, dass sich hier die Wissenschaftsdisziplin Politikwissenschaft (die sich vermutlich noch stärker als die Soziologie von der Staatslehre des 19. Jahrunderts abgrenzte)
    nun sagt: Wir wollen nichts mit der Realität zu tun haben.
    Und selbst unter Lughmannschen Gesichtspunkten muss man ja doch sagen, dass sich das Wissenschaftssystem durch die Umwelt irritieren lassen muss, um sich aufrecht zu erhalten – und wenn sie für sich dann noch in Anspruch nimmt, historisch zu argumentieren, dann kann sie Gechsichte nicht mit Aktualität beiseite wischen.
    So, dann kann der Che hier immer noch wild bleiben, aber verwunderlich ists schon. (Spannend wäre hier zu wissen, wo der Nichtdoktorvater nun die Grenze zwischen Aktualität und Vergangenheit zieht…)

    lars

    21. April 2008 at 21:02

  6. @Che: kannst Du mir nochmal bei Gelegenheit den Titel Deiner Diss mailen, irgendwie scheint die Mail untergegangen zu sein…

    lars

    21. April 2008 at 21:03

  7. Der ichtdoktorvater ist ja sogar Begründer einer eigenen Imperialismustheorie, was das Ganze noch abstruser macht. Klar, ich mail Dir!

    chezweitausendeins

    21. April 2008 at 21:26

  8. Hm, das zeichnet ihn nicht gerade aus.

    lars

    21. April 2008 at 22:28


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