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Es gibt kein richtiges Lesen im valschen!

Zum 1.Mai:Max Nettlau/Autoritärer und freiheitlicher Sozialismus

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1830, das Jahr der Juli-Revolution,war das erste Jahr der sich befreienden Menschheit. Was das spätere achtzehnte Jahrhundert geistig angestrebt und der erste einmütige Impuls der französischen Revolution von 1789 zu verwirklichen versucht hatte, der Sturz der alten Welt des Zwanges und unentwirrbarer Bindungen, hatten vierzig Jahre der Diktaturen – in logischer Folge die revolutionäre, die militärische und die feudal-klerikale absolutistisch-fascistische der Restaurationsperiode – gestört und aufgehalten und nun schmolz es in der Julisonne dahin, durch kurzen Kampf weggefegt, und von dieser Zeit ab stand wirklich fast überall freieren Entwicklungen die Bahn offen; das moderne Leben beginnt erst um jene Zeit. Erst von da ab konnte die Wissenschaft sich wirklich frei entfalten und in ihrer angewendeten Form, als Technik, die Erde erschließen. Erst damals wurde durch Eisenbahn und Dampfschiff der Weltverkehr möglich, und der Industrialismus, die Maschinenproduktion, nahm ungeheure Größe an. Bis dahin hatten die Menschen in engen lokalen Verhältnissen vegetiert, von uralten Gesetzen und Gebräuchen in ihrem Leben geregelt und des weiteren Denkens über allgemeinere Angelegenheiten durch die Verfügungen angestammter Obrigkeiten enthoben. Nicht neue Herrschaft, demokratische, selbst republikanische Diktatur, wollte der erwachende Menschengeist 1789 an die Stelle dieser allgemeinen Unmündigkeit setzen, sondern ein das Minimum staatlicher Einmischung in das Privatleben darstellendes System, das die freie Entwicklung garantieren und schützen sollte und dem entsprach, was 1830 durchgesetzt wurde, zum erstenmal, so unvollkommen uns das Julikönigtum Louis Philipps natürlich erscheinen muß. Es war doch damals, 1830, zum erstenmal eine Regierung von der Gesellschaft eingesetzt worden, statt daß, wie bis dahin, die Gesellschaft jede Regierung widerstandslos über sich ergehen lassen mußte. Ohne mir Illusionen zu machen, kann ich nur die freiheitliche Initiative von 1830 begrüßen; 1848 ist nur eine Auswirkung von ihr und wir leben noch immer von den letzten Reflexen der Strahlen der Julisonne von 1830.

Auch das Jahr 1930 brachte schon eine kleine Freude, das Entschwinden des spanischen Diktators, der wie die französischen Bourbons von 1830, auf die für solche Fälle wirksamste, und, ich möchte sagen, eleganteste Weise beseitigt wurde – durch allgemeine Abkehr der gesellschaftlichen Kräfte von ihm, durch eine tödliche Isolierung, wie sie Napoleon I. im Jahre 1815, nach Waterloo, Napoleon III. im September 1870, nach Sedan, und den Zarismus im Oktober 1905 und März 1917, und die deutsche und österreichisch-ungarische Regierung im Oktober-November 1918 traf.

Ein derartiger Fall ist der tiefste und wirksamste, und möge die Diktaturdämmerung bald weite Kreise ziehen. In diesem Zusammenhang darf man wohl einmal die Frage stellen, wie sich eigentlich die beiden im Sozialismus nach ihrer Auffassung „herrschenden“ Richtungen, die Sozialdemokratie und der „Kommunismus“, die Zukunft vorstellen, ob sie nun wirklich meinen an die Stelle der „angestammten Herrscher“ getreten zu sein und fortab das Geschick der Erde zu lenken?

Da gibt es nun Millionenparteien von Wählern, Riesengewerkschaften und eine je nach den Möglichkeiten des Vorwärtskommens von Parteien unterhaltene Bürokratie, die sich sehr gern in den heutigen Staat als regierendes Beamtentum eingliedert und die auch nach einem Staatsstreich ein ganzes Land, wie das ungeheure Rußland, zu regieren und verwalten übernimmt, mit einem Wort, eine sich als geborener Machtapparat gebärdende Kaste, die an die Stelle der uralten staatlichen Bürokratie zu gelangen strebt. Daneben stehen eine diese Interessen offiziös vertretende ungeheure Presse und natürlich auch mindestens zwei „Parteiwissenschaften“, die sozialdemokratische und die kommunistische, und der Kampf dieser beiden Pressen und „Wissenschaften“ wird auch mit anderen Mitteln fortgeführt, wo eine der beiden Parteien über den Regierungsapparat, über Militär und Polizei verfügt wie die eine in Rußland, die andere manchmal in anderen Ländern. Gemeinsam aber ist beiden, daß sie sich als das letzte Wort, als die Erben und als die Blüte und Frucht des ganzen Sozialismus gebärden, gewissermaßen als der Übersozialismus, für den, im Sinne von Nietzsche, aller bisherige und übrige Sozialismus nur der eine solche Blüte vorbereitende Dünger war und ist. Sie betrachten daher, von historischen Verbeugungen vor einigen Sozialisten, die längs tot und begraben sind, abgesehen, alle Sozialisten außerhalb ihrer Partei mit höchster Verachtung und diese Ignorierung oder kleinliche Bekämpfung wird zur bösartigsten Verfolgung, endet in geistiger Unterdrückung durch Verbote und physischer Vernichtung durch Kerker, Sibirien und Tod lebenden Sozialisten anderer Richtungen gegenüber, sobald die Partei über den Polizeiapparat verfügt.

Diese schamlose Diktatur im Sozialismus ist ein Verbrechen am Sozialismus und an der ganzen Menschheit, deren Traum und Hoffnung zu allen Zeiten nicht Zwang, Ungleichheit und gegenseitige Feindseligkeit, sondern Freiheit, Gleichheit und Solidarität oder mindestens friedliches Zusammenleben waren und sind. Von den Nutznießern von Zwang und Monopol und ihren abgestumpften direkten Werkzeugen abgesehen, sind wirklich freie Entwicklung, gleiche Chancen für jeden und ein freundliches Lebensmilieu die natürlichen Wünsche und Bedürfnisse eines Jeden, und der Kampf ums Dasein, das Streben vorwärtszukommen, das Mißtrauen gegen jeden unbekannten Nebenmenschen sind aufgezwungen, meist bitter empfundene, äußere Notwendigkeiten, denen gegenüber doch jeder in irgendeinem kleinen Kreise oder selbst nur im Hoffnungstraum sich ein eigenes freies und freundliches Ideal zu schaffen sucht. Das alles streift die freche und unfähige Diktatur roh beiseite, greift in alle menschlichen Verhältnisse ein, zerstört das natürlich Entwickelte mit der ihr eigenen Ungeschicklichkeit und Unfähigkeit und nennt das Sozialismus. Soll denn das so bleiben?

Als um 1830 die moderne Zeit mit dem alten Zwang ernstlich zu brechen begann, war es unvermeidlich, daß die freigewordenen Kräfte zunächst in der Richtung der Freiheit vorwärts drängten. Der Sozialismus war bereits zur Stelle, das soziale Unrecht war bekannt, und sozialistische Rekonstruktionsvorschläge im größten Umfang – Godwin, Saint-Simon, Robert Owen, Fourier u.a. – standen vor der denkenden Menschheit und fanden wahrscheinlich relativ größere Beachtung als irgendwelche späteren Pläne seit damals.

Es war aber psychologisch unmöglich, daß sie eine Verwirklichung erfahren konnten, weil die vom alten System und dann von den Diktaturen befreite Menschheit von 1830 wirklich vor allem der Freiheit zueilte und sich nicht gleich wieder in die Bindungen allgemeiner Systeme begeben wollte. Diesen natürlichen Instinkt hat sie noch heute und wird sich nie einen autoritären Sozialismus aufzwingen lassen und ebensowenig selbst einen freiheitlichen Sozialismus, wenn dies mit autoritären Mitteln geschehen sollte. An die Freiheit nach der Diktatur glaubt sie nun einmal nicht, und einmal bestehende Freiheit – das bescheidene Maß von persönlicher und privater Freiheit, das wir seit ungefähr 1830 besitzen, und das früher nicht bestand – will sie nicht mehr aufgeben. Daher hatte und hat von allem Sozialismus nur der freiheitliche, der anarchistische, eine wirkliche Aussicht auf Verwirklichung, sobald sein Wesen bekannt und erkannt ist, sobald er selbst von allen autoritären Schlacken gereinigt ist, und sobald er die Wege gefunden haben wird, auf eine Weise ins Leben zu treten, die auch den Schein der Diktatur vermeidet. Letzteres ist eine Frage für sich; hier sei nur darauf hingewiesen, daß nur ein Sozialismus lebensfähig ist, der das Herz der Menschheit erobert hat, dem man gern und freudig Opfer bringt und nie und nimmer ein aufgezwungener. Wir leben seit hundert Jahren in einer, wenn auch noch so schlechten, doch von einer Unmasse von Zwang befreiten Gesellschaft und wollen diese Errungenschaft nicht preisgeben. Verzweiflung kann zur Geringschätzung der neben der wirtschaftlichen Ungleichheit anscheinend wertlosen persönlichen Freiheit führen, aber Verzweiflung ist kein allgemeines, kein dauerndes, kein produktives Gefühl, und man kann auf Nervenzusammenbrüchen nicht die Zukunft aufbauen. Man wird also den Sozialismus mit allen Freiheitsgarantien umgeben müssen, um ihn der Menschheit, die das Jahrhundert relativer persönlicher Freiheit, 1830-1930, gekostet hat, je annehmbar zu machen, und dies ist eine schöne und große, kaum begonnene Aufgabe, der unsere besten Kräfte gehören sollten.

Auf die Gebundenheit vieler Jahrhunderte, ohne Freiheit und mit auf Entbehrung und Resignation, sozialem Gehorsam, dem Seitenstück des politischen und persönlichen Gehorsams, gegründeten relativ stabilen sozialen Verhältnissen waren die Erschließung der Erde durch die Technik, die menschliche Bewegungsfreiheit und der Bruch mit der starren Vergangenheit gefolgt und, wie gesagt, der Sozialismus mußte zunächst zurückstehen und die Arbeiter, durch den aufschießenden Maschinismus furchtbar bedrängt, mußten sich selbst helfen, was sie im Anschluß an ihre Verteidigungsbewegungen früherer Zeiten durch Zusammenschluß und Widerstandsaktionen getan haben – von den ältesten Trade Unions bis zu den großen Gewerkschaften, die allmählich ihre Wirkung verloren und zum Syndikalismus, der die intensive Abwehr wieder belebte und neue Hoffnungen gab. Die Sozialdemokratie hatte dieser Selbstorganisation der Arbeiter nichts Wesentliches hinzuzufügen; was in den Parlamenten gesetzlich festgelegt wird, ist die Bestätigung vorhandener Kräfteverhältnisse, etwas Nachträgliches also, das ebensogut auf irgendeine andere nicht parlamentarische Weise gesichert werden konnte. Daraus darf die Sozialdemokratie also keinen Anspruch auf Führung der Arbeiter und auf Führung im Sozialismus herleiten. Indem sie aber hier falschen Schein erregte, wurde sie zu einer Vermittlungskaste, wie in allen Zeiten die Priesterkasten es waren und sind, und sie war zur Aufrechterhaltung, Vergrößerung und Vergröberung von Fiktionen genötigt, wie die Priester, um ihre Unentbehrlichkeit als Kaste, die längst Selbstzweck wurde, zu sichern. Dies führte sie zu dem anscheinend stabilsten, dem Staat und seinem Beamtenkörper, zurück, dem sie sich anähnlichen, eingliedern und den sie, wie in Rußland, ganz darzustellen suchen. ,Das ist einfach Parasitismus, die Einschiebung einer unnützen Zwischenstufe, die graduell oder durch Staatsstreich Herr über das Ganze werden will. So wie die wirklichen Produzenten den kapitalistischen Parasitismus ausschalten wollen, werden sie auch den administrativen Parasitismus beseitigen, ob er sich schlicht und klar ein jeder Regierung zur Verfügung stehendes Beamtentum oder ob er sich sozialdemokratischer oder kommunistischer Parteidiktaturapparat nennt.

Man darf sich wirklich nicht wundern, wenn die Mitwelt diesen „Sozialismus“ ablehnt und, da trotz allen Erfahrungen der wirkliche Sozialismus noch immer nicht entschieden genug gegen dieses Gaukelspiel protestiert, überhaupt zu der Meinung zu gelangen beginnt, der Sozialismus sei ein gänzlicher Fehlschlag und werde vielleicht bald gänzlich aus dem Bewußtsein der moderneren Teile der Menschheit verschwinden. Wer die Verhältnisse nicht näher kennt, muß sich tatsächlich fragen, wie zwischen dem Idealismus und der Menschengüte, den Opfern und Entbehrungen der älteren Sozialisten, die von ihren Zeitgenossen oft verhöhnt und verfolgt, aber im Grunde doch stets sehr geachtet wurden, und den Grausamkeiten und dem Despotismus der heutigen russischen Machthaber und den besser nicht charakterisierten Leistungen heutiger Sozialdemokraten, die jeder aus der Nähe sehen kann, wie zwischen beiden diese ungeheure Kluft entstehen konnte; eine „Entwicklung“ ist das nicht, es ist die furchtbarste Entartung, und das kann nicht laut und oft genug gesagt werden. Gerade jetzt, wo der Kapitalismus längst die freiheitlichen Kräfte, die vor hundert Jahren sein Aufblühen erst recht ermöglichten, als überflüssig betrachtet und neue Arten allgemeiner Gebundenheit, wirtschaftlicher Verknechtung, ins Leben ruft, gerade jetzt wäre ein lebendiger, zeitgemäßer Sozialismus am richtigen Platz – und es ist für die Allgemeinheit nur Sozialdemokratie und Kommunismus vorhanden, von denen erstere von den Kapitalisten längst als zähmbares Haustier betrachtet wird, während sie dem letzteren den Fascismus entgegenzustellen bereit sind.

Früher waren in den erwähnten Bewegungen noch tüchtige, wirkliche Sozialisten vorhanden, die von Zeit zu Zeit die Geduld verloren und sich dem Sumpf entrissen, so seit 1879 die Sozialrevolutionäre, seit 1890 die Unabhängigen, wieder 10, 12 Jahre später die Lokalisten und Syndikalisten. Diese Quelle scheint zu versiegen; die während des Krieges ausgeschiedenen Unabhängigen entwickelten sich wieder zur Partei zurück und während aus allen früheren Sezessionen viele Anarchisten und AnarchoSyndikalisten hervorgingen, produzieren die späteren Sezessionen nur diktaturwidrige Kommunisten, von denen sich dann wieder Diktaturen in partibus, oppositionelle Kommunisten ohne eigene Diktatur absondern, die schon dem Messer ohne Klinge, an dem der Griff fehlt, zu ähneln beginnen. Diese Erscheinungen zeigen das Absterben von Geist und Temperament in der Sozialdemokratie, und wie könnte es anders sein?

Trotzdem sollte man noch eine Probe machen. Es wird wohlin jedem größeren Land 10 000 freiheitliche Sozialisten geben, von denen jeder eine Anzahl nicht gänzlich fanatisierter und jeder Einsicht verschlossener Angehöriger der erwähnten Partei kennen dürfte. Wenn diese, nicht die Führer, mit Beiseitelassen aller aktuellen Streitfragen, einmal im zwanglosen Privatverkehr gefragt würden, ob sie wirklich sich nicht bewußt sind, in welchem Grade ihre beiden großen Parteien seit Jahren mit dem Sozialismus Schindluder treiben, ob wirklich der Sozialismus für sie nun ebenso abgeschlossen ist wie etwa für Gläubige eine Religion, deren Weiterführung und Einzelfragen sie getrost den Theologen überlassen? Ist ihnen all das recht oder gleichgültig, nun, dann ist wirklich nichts zu machen, dann sind sie eine sich aus der Menschheit absondernde Abart nach Art religiöser Schwärmer, Fanatiker und anderer Monomanen, sie sind unproduktiv wie all diese Exzentriker, und die Menschheit geht ihren Weg ohne sie weiter.

Vielleicht sehen doch manche ein, in welche Lage sie sich gebracht haben, und auch wenn sie persönlich an ihren Ansichten festhalten, wäre dann das mindeste, was sie tun könnten, dies, dafür zu sorgen, dass ihre Richtungen wenigstens die nichtswürdige Bekämpfung der ihnen nicht genehmen Richtungen des Sozialismus einstellen. Sie könnten bedenken, daß trotz allem, was geschieht, noch immer sehr zahlreiche freiheitliche Sozialisten die traurigen Taten des Kommunismus und der Sozialdemokratie milde beurteilen, nach Entschuldigungsgründen suchen und dem gemeinsamen Feind gegenüber Solidarität empfinden und daß diese Zurückhaltung ihnen der allgemeinen öffentlichen Meinung gegenüber nur genutzt hat. Wenn solche Nachsicht sie aber im Gefühl ihrer Alleinherrschaft bestärkt, ist sie wirklich an sie verschwendet. Denn jedem von uns muß die gesamte Zukunft des Sozialismus höher stehen also solche sehr prekären, zeitweiligen Erfolge, und um die ganze Zukunft handelt es sich hier: wir können nicht wünschen, daß hundert Jahre allseitiger sozialistischer Arbeit zum zeitweiligen Sieg einiger Usurpatoren und dann einer in Fascismus endenden allgemeinen Katastrophe führen, wie schon in Rußland ein Jahrhundert hingebender Revolutionsarbeit aller fortschrittlichen gesellschaftlichen Kräfte zur Usurpation der Früchte durch den Novemberstaatsstreich durch eine einzige Richtung oder Gruppe von Personen geführt hat. Das war eine gelungene Kopie des Überfalls von Napoleon Bonaparte auf die französische Revolution und ihr Werk, und es wurde von Mussolini im November 1922 abermals kopiert; wenn aber der Bonapartismus und der Fascismus Episoden sind, die mit solchen Streichen beginnen (1799, 1851, 1922) und mit Katastrophen enden (1815, 1870) oder enden werden, und wenn auch das Schicksal des russischen Sozialismus für lange hinaus gründlich verpfuscht ist, so muß doch endlich und mit aller Kraft der Sozialismus davor bewahrt werden, in solchen Ruin mit hineingerissen zu werden.

Darum meine ich, daß die Zeit des autoritären Sozialismus, der in die Vergangenheit, zur Staatsknechtschaft, zurückführt, vorüber ist, wenn auch die Katastrophen, die sein Ende bedeuten werden, noch vor uns liegen. Wir müssen endlich verstehen, ihm einen großzügigen, das moderne Freiheitsbedürfnis zufriedenstellenden, vielartigen und lebendigen Sozialismus gegenüberzustellen, nicht als System, sondern als die wahrscheinlichste Richtung der Entwicklung, sobald die autoritären und monopolistischen Hindernisse aus dem Weg geräumt sind, was um so leichter sein wird, je allgemeiner der wertlose und schädigende Charakter dieser Hindernisse empfunden werden wird. Dann wird die Menschheit diesen Hindernissen, dem Staatsapparat und den Kapitalisten, dem bolschewistischen und dem sozialdemokratischen Regierungs- und Parteiapparat und allem Gaukler- und Parasitentum den Rücken kehren wie 1830 den Bourbonen in Frankreich und am 28. Januar 1930 dem spanischen Diktator, und die Zeit der Freiheit und des Sozialismus kann unter günstigen Verhältnissen beginnen.

Daß Freiheit, die Sehnsucht und in gewissem, leider beklagenswert geringem Grade der Inhalt des neunzehnten Jahrhunderts in ihren Anfängen vor hundert Jahren getrennt waren, ist, wie ich angedeutet habe, damals unvermeidlich gewesen, ist aber der stärkste Grund dafür, daß sie endlich vereinigt werden. Denn die kapitalistische „Freiheit“ allein hat sich zur verschärften Autorität (Fascismus) zurückentwickelt, um ihre sozialen Privilegien um jeden Preis zu schützen, und die sozialistische „Solidarität“ längst durch ehrgeizige Rechthaberei untergraben, hat zur antisozialistischen diktatorischen Usurpation geführt, zur Verleugnung und Schändung des großen Ideals der Solidarität. Beide Entwicklungen sind zu Entartungen und Rückbildungen geworden und bergen die Tragödie furchtbarer Endkatastrophen in sich. Nach diesen Erfahrungen von 100 Jahren sind gewiß die lebenstüchtigen Teile der Menschheit endlich in größerem Umfang fähig, die sorgfältigsten, uneigennützigsten Verbindungen von Freiheit und Solidarität zu prüfen und zu würdigen, die ihr die verschiedenen Richtungen des freiheitlichen Sozialismus vorlegen würden. Auf solche Weise nur kann dem großen antisozialistischen Rückschlag begegnet werden, den das totale Versagen des autoritären Sozialismus mit sich bringt. Diese Arbeit, der ja überall viel stille, wenig sichtbare Tätigkeit vorarbeitet, sollte wohl endlich in klar ausgesprochener kollektiver Weise auf eine feste Grundlage gestellt werden, damit wir alle wissen, in welcher Weise unsere Kräfte am besten verwendet werden können.

Originaltext: Max Nettlau: Autoritärer und Freiheitlicher Sozialismus, aus: „Die Internationale“, herausgegeben von der FAUD, April 1930. Nachdruck in: Max Nettlau: Gesammelte Aufsätze, Band 1. Verlag die Freie Gesellschaft 1980
Gescannt von anarchismus.at

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Written by talbert

30. April 2008 um 10:08

39 Antworten

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  1. Spannender Text mit interessanten Einsichten. Besonders, wenn man (wie der heutige Leser) die weitere Entwicklung kennt. Darf man davon ausgehen, dass Du die Haltung des Autors teilst, talbert?

    freiburgerthesen

    9. August 2008 at 14:08

  2. @freiburgerthesen

    Selbstverständlich darf man davon ausgehen.

    Zur Sozialdemokratie – wie zum italienischen PCI – habe ich angesichts der weiteren historischen Entwicklung seit 1930, als Nettlaus Aufsatz erschienen ist, und auf Grund des „Nullmoments“ der SPD 1933, als Wels das Ermächtigungsgesetz ablehnte, ein noch ambivalenteres Verhältnis als Nettlau. Und innerhalb des Möglichen war Brandt dann natürlich, auch aus familienbiographischen Gründen, für mich als jungen nachgerade eine deutsche Lichtgestalt, aber das scheint ja nun nachhaltig vorbei zu sein.
    Als 1992 ff. in Deutschland Menschen angezündet wurden, bin ich sogar mal in die SPD in Brandenburg eingetreten, weil ich mir dort , auch aus familiären Gründen, eine bewusste Stärke erhoffte, die dann ebenso bewusst nicht aufgebracht wurde, nicht mal rhetorisch.

    Ich finde dies Zitat aus dem Zitat wichtig:

    „(…) hier sei nur darauf hingewiesen, daß nur ein Sozialismus lebensfähig ist, der das Herz der Menschheit erobert hat, dem man gern und freudig Opfer bringt und nie und nimmer ein aufgezwungener. Wir leben seit hundert Jahren in einer, wenn auch noch so schlechten, doch von einer Unmasse von Zwang befreiten Gesellschaft und wollen diese Errungenschaft nicht preisgeben. Verzweiflung kann zur Geringschätzung der neben der wirtschaftlichen Ungleichheit anscheinend wertlosen persönlichen Freiheit führen, aber Verzweiflung ist kein allgemeines, kein dauerndes, kein produktives Gefühl, und man kann auf Nervenzusammenbrüchen nicht die Zukunft aufbauen. Man wird also den Sozialismus mit allen Freiheitsgarantien umgeben müssen, um ihn der Menschheit, die das Jahrhundert relativer persönlicher Freiheit, 1830-1930, gekostet hat, je annehmbar zu machen, (…)“

    Und das ist der Punkt: es geht um die erwähnten Garantien und die Entwicklung der Freiheiten, errungen wurden, und zwar trotz Kapitalismus, wie ich denke; der Freiheit nicht garantiert, sondern zuerkennt.

    Dann gibts im Nettlau-Aufsatz ein Zweites, nämlich die historische und „ideologische“ Ehrlichkeit, die den Zwangssozialismus und Stalinismus nicht einfach nach rechts verschieben will, sondern eben als das benennt, was sie sind, und zwar im Jahre 1930.
    Das ist ein Unterschied zu all den Rink-Lechts-Verschiebungsversuchen, die dann alle Differenzen einebnen und Geschichte gar nicht mehr sehen.
    Denn ich bin selbstverständlich der Auffassung, dass auch die zwangssozialistische Rote Armee Europa und Deutschland von den Nazis befreit hat, und Stalin weder in Jalta noch in Tehran alleine in der Konferenz sass.

    T. Albert

    9. August 2008 at 15:40

  3. (das grinsemännchen resultiert wohl aus einem tastaturfehlgriff.)

    T. Albert

    9. August 2008 at 15:42

  4. Nee, aus einem Punkt ohne davor stehenden Buchstaben und einer geschlossenen Klammer. Passiert immer, wenn man die Smileys aktiviert hat; ist mir auch bei mir schon öfter passiert.

    freiburgerthesen

    9. August 2008 at 16:00

  5. Wunderbarer Text, hinter dem ich so stehe wie T.Albert. Als 1992 ff. in Deutschland Menschen angezündet wurden habe ich begonnen, zweimal die Woche mit dem Schlagstock den Nahkampf zu trainieren, weil mir klar war, dass wir den Schutz der Ausgegrenzten nicht der Staatsmacht überlassen konnten. Und auch hierbei ging es darum, Freiheit zu verteidigen.

    che2001

    9. August 2008 at 16:01

  6. @talbert:
    Ja, das gefällt mir auch sehr gut. In vielen Diskussionen mit erklärt „linken“ Diskussionspartnern wollte man mir nämlich schon klar machen, dass der Stalinismus und alle anderen unangenehmen Ausprägungen des Sozialismus eigentlich gar nicht „links“, sondern „rechts“ seien. Das fand ich immer wenig überzeugend. Man muss schon zu den Leichen im Keller der eigenen politischen Überzeugung stehen, sonst wird man blind.

    Ebenso lächerlich ist es, wenn reaktionär gesinnte Menschen den Nationalsozialismus als „linke“ Geschichte abtun wollen.

    Was aber nun vielleicht stimmt, ist, dass man zwischen fehlgeleiteten und autoritären Varianten aller drei großen politischen Grundhaltung, seien es konservative-reaktionäre, sozialistisch-kommunistische oder liberal-marktwirtschaftliche Systeme, deutliche Parallelen sehen kann. In vielerlei Hinsicht unterscheiden sich Nazitum, Stalinismus und wirtschaftsliberale Diktaturen wie bei Pinochet kaum voneinander. Oder seht ihr auch das anders?

    freiburgerthesen

    9. August 2008 at 16:12

  7. Das Problem der Totalitarismus-Ansätze ist, dass sie die sozioökonomischen Gründe für die unterschiedlichen Diktaturen nicht beleuchten. Ansonsten gilt hier, wie bei Hai, Ichtyosaurus und Delfin das Prinzip „form follows function“. Und Repression sieht immer gleich aus, drangsalieren fühlt sich immer wie drangsalieren an.

    che2001

    9. August 2008 at 16:35

  8. „In vielen Diskussionen mit erklärt “linken” Diskussionspartnern wollte man mir nämlich schon klar machen, dass der Stalinismus und alle anderen unangenehmen Ausprägungen des Sozialismus eigentlich gar nicht “links”, sondern “rechts” seien. Das fand ich immer wenig überzeugend. Man muss schon zu den Leichen im Keller der eigenen politischen Überzeugung stehen, sonst wird man blind.“

    Na, zu denen gehöre ich dann allerdings auch – bei Lenin sehe ich die Sache noch ambivalent, aber Stalin hat mit links einen Scheißdreck zu tun. Sieht Che zwar auch anders, aber da stehe ich zu dem, was in anderen Diskussionen so alles geschrieben habe.

    Und an den totalisierenden Totalitarismus-Theorien stimmt ja auch anderes nicht, so z.B., daß es schon einen Unterschied zwischen Vergasen und dem Einlagern von Regimegegnern oder dem massenhaften Vernichten von Menschen aufgrund ihrer „Rasse“ gibt. Was den Gulag aber keineswegs verharmlosen soll.

    Habe neulich nur wieder eine Buchbesprechung über das Buch von einem gelesen, der zu einem Sonderkommando in einem KZ gehörte, also zu jenen, die erst die zu Vergasenden vor den Kammern in Empfang nahm und dann die Leichen nach zu Verwertendem untersuchten, Zahngold und so.Konnte dann zwei tage kaum was essen, und vielleicht macht’s bei all diesen politstrukturellen Diskussionen mal Sinn, daran zu erinnern, worum’s da überhaupt geht, was also eigentlich ihr „Gegenstand“ ist.

    Habe aber ebensowenig bei den paar liberalen Blogs, denen der Tod von Solschenyzin eine Erwähnung wert war (uns hier aber ja auch nicht), auch nur ein relevantes Wort darüber gelesen, worüber der im „Archipel Gulag“ geschrieben hat – meine mich aber an Wortreiches in den Feuilletons zu erinnern, in denen dann die Ignoranz der Linken im Westen beschworen wurde, die irgendie wichtiger erschien als das Grauen des Stalinismus selbst.

    Darüber, daß es Sachalin schon des Zaren Zeiten gab, wurde aber auch nichts erwähnt.

    momorulez

    9. August 2008 at 18:50

  9. Klar, die Meinung westlicher linker Feuilletonisten ist wichtiger als 20 Millionen tote Russen (waren ja nur Russen). Zum Teufel mit den Opfern, es lebe das gepflegte Ressentiment!

    Und dass die grausamste Willkürherrschaft des alten Europa (Michail Bakunin: „Nehmt den radikalsten Revolutionär und setzt ihn auf den Thron aller Russen, und binnen eines Jahres wird er schlimmer als der Zar sein!“) ursächlich für den Stalinismus war wird allein schon deswegen unterschlagen, weil dann ja auch andere unschöne Dinge Ursachen haben: Die Ayatollah-Diktatur den US-Imperialismus, der Bürgerkrieg im Kongo westliche Rohstoffinteressen, der Afghanistan-Konflikt den US-Imperialismus, das Ersaufen afrikanischer Flüchtlinge vor Gibraltar die äußere Abschottung und imperialistische Agrarpolitik der EU usw. usf……

    che2001

    9. August 2008 at 20:27

  10. @freiburgerthesen
    wieso kann man denn bei Dir zu der furchtbaren düsseldorfer geschichte nichts sagen?

    T. Albert

    10. August 2008 at 10:38

  11. Eigentlich, weil es ja nur eine Leseempfehlung ist und man da beim Originalartikel kommentieren sollte. Da ich in diesem Fall aber doch etwas mehr selbst geschrieben habe, hab‘ ich die Kommentare grad mal freigegeben.

    freiburgerthesen

    10. August 2008 at 10:49

  12. @stalinismus≠links

    also, ich finde schon, dass wir das unerträgliche aushalten müssen. wenn ich nämlich den stalin einfach nach rechts verschiebe, gehe ich einigen widersprüchen aus dem weg und mache diese rinks-lechts-verschiebungen auch mit, und dann wird alles gleichgemacht, wie wir es gerade erleben. dann kommt auch solcher stuss zustande wie der von der „ignoranz“ der westlichen linken, aus der dann flugs mal ein durchgängig stalinistischer zwangssozialistentrupp konstruiert wird, was ja nun der wirklichkeit in keiner weise entspricht und entsprochen hat. und wenn die feuilletonisten erst durch solschenizyn vom gulag erfahren haben, in dem ja nun beträchtliche teile der europäischen arbeiterbewegung verschwunden sind, dann ist das ihr problem. sie hätten ja linke europäische autoren seit spätestens den dreissiger jahren mal lesen können, zb eben diesen nettlau. andre gide’s „zurück aus der sowjetunion“, in der er als antifaschist die diktatur kritisierte, erschien m. w. 1936 und hat ihm einigen ärger eingebracht, trotz rücksichtnahme auf die kpf.
    wir haben genügend andere beispiele, die den antistalinismus, auch unter deutschen regime-gegnern, belegen; das ist doch keine neuigkeit.

    T. Albert

    10. August 2008 at 11:27

  13. „wenn ich nämlich den stalin einfach nach rechts verschiebe, gehe ich einigen widersprüchen aus dem weg“

    Welchen denn?

    momorulez

    10. August 2008 at 11:42

  14. tja, ich glaube ja, nach all den eigenartigen diskussionen mit unseren libertarianistischen freunden, für die die welt so einfach und klar ist, dass sie mit ihrer übersicht immer richtig liegen, und zwar mitten in der wärmsten unschuld, dass das eine frage der zuschreibung und identifizierung ist.
    es ist ja völlig egal, welchen standpunkt wir da einehmen, irgendwann kriegen wir den stalin um die ohren gehauen. selbst in den adorno-diskussionen schwingt ja sowas mit.

    jedenfalls halte ich es eben schon für einen linken und unauflösbaren widerspruch, dass die stalinistische sowjetunion für viele zumindest eine militärische hoffung war. zu recht.
    warte mal, bis der ganze kapitalistische anti-antisemitismus umkippt, wenn einige leute das solschenizyn-buch über
    „die rolle „der juden in der bolschewistischen revolution gelesen haben werden.

    T. Albert

    10. August 2008 at 12:31

  15. „es ist ja völlig egal, welchen standpunkt wir da einehmen, irgendwann kriegen wir den stalin um die ohren gehauen.“

    Ja, aber das muß man ja nicht annehmen.

    Und selbst in meinen „antiamerkanischten Phasen“ Anfang der 80er hat man die UDSSR ja eher als so eine Art Reflex auf die USA gedeutet (und die DDR auch) und nicht als in sich irgendwie Vorbildliches. Kuba war immer so eine seltsame Ausnahme, weiß auch nicht, wie das kommt, aber nie Breschnew oder Honecker.

    Schumacher war ein echter Kommunistenfresser, und die paar Leute, die mit der DKP oder der SDAJ sympathisierten, das waren ja zumindest in meinem Umfeld nur sehr, sehr wenige. Und ich habe schon damals vertreten, daß zumindest die frühen 80er betreffend in der DDR weit mehr Kontinuitätslinien zum 3. Reich anzutreffen sind als in West-Deutschland. Wieso soll ich mir dann Stalin anziehen?

    Ziehe mir gerne Willy Brandt und Gewerkschaftsnähe an, aber doch nicht Stalin.

    Und die „Dialektik der Aufklärung“ reagiert genau so auf Stalin wie auf Hitler. Und so ist man doch aufgewachsen: Gibt fürchterlich viel kirtisieren am Kapitalismus, aber immer noch besser alsdas, was jenseits des „eisernen Vorgangs“ passiert.

    Wir haben doch mit den Dissidenten gefiebert, mit der Solidoarnosc, und haben Biermann und Bettina Wegener zugejubelt.

    Noch als die Mauer fiel, schien es zunächst selbstverständlich, daß die DDR-Bürgerrechtler eben nicht mit der CDU, sondern mit den damals noch partiell linken West-Grünen fusionieren.

    Daß gegen Ende des 2.Weltkriegs Stalins Armeen auch Hoffnung waren, klar – haben ja auch Auschwitz befreit.

    Aber danach bin ich eher in pazifistischen Neutralitätssehnsüchten aufgewachsen, Vorbild Schweiz und Österreich, und Stalin wurde allenfalls hinsichtich der Stalin-Note diskutiert.

    momorulez

    10. August 2008 at 12:52

  16. Ja, das seh ich ja alles genauso, und es ging mir auch immer so, wie Du es beschreibst, das ist ja kein Streitpunkt.

    Aber ich kann ja nun – wie Nettlau auch nicht – nicht so tun, als sei Stalin einfach so aufgetaucht und habe mit der Arbeiterbewegung und dem Sozialismus nichts zu tun gehabt. Deswegen will ja Nettlau den Sozialismus mit allen Freiheitsgarantien umgeben.
    Er schlägt den Stalinismus nicht einfach Rechts zu, sondern sieht den Zwangssozialismus und die sozialistische Diktatur.
    Das ist doch eine Sache historischen Realismus und der Ehrlichkeit.

    Es wäre nur sehr nett, wenn von anderen Seiten diese Ehrlichkeit auch mal käme. Drum gehen mir das ja immer so auf den Senkel, wenn Herr Hitler als aus dem Nichts dahergeritten kommender böse Weltgeist präsentiert wird, der auf nichts Bezug nehmen konnte. Dann ist es auch leicht, aus ihm einen Linken zu basteln.

    T. Albert

    10. August 2008 at 14:30

  17. „Er schlägt den Stalinismus nicht einfach Rechts zu, sondern sieht den Zwangssozialismus und die sozialistische Diktatur.“

    Na, weil das halt so ist wie mit der „Diktatur des Proletariats“ als „Übergangszustand“, deshalb sehe ich ja Lenin ambivalent, obgleich es gerade die Avantgarde-Theorie ist, die in’s Unheil führte, meiner Ansicht nach: Unter den historischen Bedingungen, unter denen versucht wurde, sowas wie Sozialismus zu etablieren, ist der erste Schritt dorthin wohl auch nicht mit Kuscheln möglich gewesen – und, bevor hier wieder irgendwer meint, auf Gewaltfreiheit hinweisen zu müssen: Der 1. Weltkrieg war auch nicht gewaltfrei, und das Regime der Zaren ebenso wenig, und der zweite Weltkrieg auch nicht, und selbst die Weimarer Republik wurde etabliert, indem wilhelminische Strukturen fortbestanden und Leute wie Ernst Toller in Festungshaft landeten.

    Man kläre mich auf, aber als Stalin an’s Ruder kam, da war doch das Wesentliche schon gelaufen, der Übergang vollzogen? Und was hat dann ein autoritaristischer – mal harmlos gesprochen – „Sozialismus“ noch mit eben diesem zu tun? Das ist dann Cliquenherrschaft und Führerkult, nicht Sozialismus.

    momorulez

    10. August 2008 at 20:05

  18. Immer diese Selbstreferentialität 😉 —

    momorulez

    11. August 2008 at 14:45

  19. Was mir an Euch so sympathisch ist, ist, dass Ihr Euch untereinander so schön uneinig sein könnt, und man dabei besonders viel lernen kann. 🙂

    freiburgerthesen

    11. August 2008 at 23:18

  20. Welches Wesentliche war schon gelaufen, als S. ans Ruder kam?

    Manchmal versteh ich Dich ja echt nich. 🙂

    (Lenin war ja nicht so ein echter Stalin-Fan, laut dem sogenanntenTestament, wo er vor Stalin warnt.)

    Bakunin hat dem Genossen Marx ja die Vorstellung von der „Diktatur des Proletariats“ vorgeworfen. Wer das sagen würde, der bekäme dann eben auch wirklich eine Diktatur, anstatt Klassendiktatur aufzulösen- das ist, was Nettlau meint: autoritärer Sozialismus, der dann auch kein Soz, ist, aber nachhaltig den Begriff diskreditiert. Damit haben wir es ja nun zu tun, ob wir wollen oder nicht.
    Kommen dazu die von Che erwähnten historischen Korrelationen und Kausalitäten, damits Cliquenherrschaft und Führerkult wird. Worauf für Russland auch Bakunin hinweist, hier wieder mittels Che. NIcht?

    @freiburgerthesen
    Ja klar. Einigkeit ist furchtbar.

    T. Albert

    12. August 2008 at 0:36

  21. Na, dann haben wir unseren Bildungsauftrag erfüllt 😀
    Andersrum gefragt: Warum sollten wir hier diskutieren, wenn
    wir uns immer schon von vorneherein einig wären?

    @Momo: Ich halte zwar von der Leninschen Avantgarde auch nicht viel, aber ich stosse dann immer wieder auf den Punkt, dass es ohne die Intellektuellen auch nicht geht. Deren Ansatz kann ja dann meinetwegen auch negativ sein (also kritischm dekonstruktiv oder wie auch immer), aber so ganz ohne den Anspruch, Weltauffassungen zu erzeugen, (also letztlich: Bildungsarbeit) geht es ja auch nicht.

    lars

    12. August 2008 at 0:37

  22. @Talbert: Wesentliches=die Etablierung des sowjetischen Staatsapparates? Auch von der Seite wäre Lenin wohl zu kritisieren. Schließlich war das ja durchaus seine These, dass man den Staatsapparat besetzen und zerschlagen müsse. Und wägrend das Besetzen in Russland ja noch ganz gut funktionierte, war das Zerschlagen dann nicht mehr so einfach…

    lars

    12. August 2008 at 0:41

  23. @freiburgertehsen:

    So ist das halt – seit Friedman und so ist der Pluralismus halt vom Liberalismus vollständig auf die Linke übergegangen 😉 …

    @T. Albert:

    Ich meinte das Etablieren einer neuen Wirtschaftsordnung mit „das Wesentliche“.

    @Lars:

    Das Problematische ist ja weniger eine intellektuelle Avantgarde, sondern dieser Gedanke, daß eine kleine Elite nur erst mal gründlich das Sein ändern muß, damit neues Bewußtsein entstehe (wird heute übrigens von neoliberaler Seite vertreten: Wenn man den Leuten die Heizkosten nicht erstattet, entwickeln sie schon das Bewußtsein, daß man eigentverantworzlich Pullover anzuziehen hat) . Während noch bei Marx die „revolutionäre Situation“ ein „historischer Automatismus“ ist.

    Die „Erschaffung neuer Menschen“, die war eben grundblöd, und die hat noch in der DDR schlimmstes Unheil angerichtet.

    Was jetzt allerdings kein Grund ist, nicht für menschlichere Bedingungen in einer Gesellschaft einzutreten – statt sie per Unmenschlichkeit umzuerziehen, wie die aktuellen Eliten bzw. Avantgarden das gerne hätten.

    momorulez

    12. August 2008 at 7:52

  24. Noch was:

    „autoritärer Sozialismus, der dann auch kein Soz, ist, aber nachhaltig den Begriff diskreditiert.“

    Na, dann ist auch die Inquisition die eigentliche Wahrheit des Christentums – das ist dann halt Etikettenschwindel, aber doch nicht links.

    momorulez

    12. August 2008 at 7:54

  25. Momo: Hmmm, den Autiomatismus sehe ich bei Marx so gar nicht. Im 18 Brumaire, den ich ja immer noch für das Beste halte, was der Marx verfasst hat (von den Feuerbachthesen mal abgesehen), ist ja vor allem ein Versuch, warum revolutionäre Situationen nicht genutzt wurden. Und ab da wird es ja spannend, weil sich dann Politik udn Ökonomische Struktrur gegenseitig in die Hände spielten (also die feudalistisch oragnisierte Bauernschaft, denen Louis Bonaparte dann entsprehende Zugeständnisse machte. Da steckt ja dann auch das ganze Problem der politischen Repräsentation wieder mit rein, implizit also das Problem der Elite=Avantgarde: Wer also die reoultion vertritt. Von da aus ließe sich gut eine Geschichte der linken Kämpfe schreiben. Und da hatte der Gramsci gegen Lenin schon recht: Man muss schon auch auf der Seite der Kultur ansetzen. Und in diesen Kulturkämpfen sind wir ja mitten drin, ob wir wollen oder nicht. Auch wenn wir derzeit eher verteidigen als erkämpfen (68er-bashing; die Diskredietierung des Projekts einer Linken durch Parteibashing; Eurozentrismus und Reorientalisierung der Kulturdebatten usw.).

    lars

    12. August 2008 at 8:47

  26. Bin jetzt nicht so Lektüre-sattelfest, was Marx betrifft, aber die alles dominierende Pointe war für mich immer der Widerspruch zwischen Produktivkraftentwicklung und Produktionsverhältnissen, und das ist dann auch das, was ihn ja zum Materialisten macht. Und da gibt’s dann schon sowas wie einen „Automatismus“ – der allerdings nicht eintrat.

    Das ist doch auch einer der prominenten Kritik-Ansätze, daß nun ausgerechnet China und die Sowjetunion als Agrarländer noch nicht mal Marx selbst zufolge „reif“ für die Revolution waren. Und da, wo industrialisiert wurde, fand sie nicht statt.

    Da sind dann Zugeständnisse von Louis Bonaparte auch eher „Oberflächenphänomene“ … und ich glaube übrigens tatsächlich, daß auch kulturelle Entwicklung ganz überdeutlich an diese Produktivkraftentwicklung gebunden sind, wie ja gerade im Fall populärer Musik bestens nachvollziehen kann. Und dort hat man auch aufgrund dieser tatsächlich nicht mehr adäquate Produktionsverhältnisse, ist ja fast alles zusammengebrochen.

    ’ne Revolution gab’s deshalb allerdings noch nicht …

    momorulez

    12. August 2008 at 10:14

  27. Der 18. Brumaire des Louis Bonaparte ist eine Schrift, in der Marx im rinzip schon eine Faschismustheorie geliefert hat, an die, als der Faschimus dann real passierte, Bauer, Thalheimer, Trotzki und Poulantzas anknüpften. China und Russland holen ihre industrielle Entwicklung und die bürgerliche Gesellschaft gerade nach, nachsitzen sozusagen…

    che2001

    12. August 2008 at 12:28

  28. @das Wesentliche als etablierte neue Wirtschaftsordnung

    nene.

    Geschichte mit Wikipedia wegen der Kürze:

    „Die NEP in der Sowjetunion [Bearbeiten]

    Die Neue Ökonomische Politik wurde im März 1921 durch Lenin auf dem X. Parteitag der Russischen Kommunistischen Partei verkündet. Sie löste die Wirtschaftspolitik des Kriegskommunismus ab, in der nur Werktätige Anspruch auf Lebensmittel-Zuteilung hatten, die Produktion nach dem Bedarf diktiert und die Lebensmittelproduktion der Bauern beschlagnahmt wurde.

    Die NEP brachte einen tiefgehenden Wandel im politischen Klima mit sich. Der Weltkrieg und der folgende Bürgerkrieg hatte Russland verwüstet. Nach dem militärischen Sieg galt es die durch den Bürgerkrieg nachhaltig beeinträchtigte Versorgungssituation zu verbessern. Die Erwartungen waren nach der Revolution sehr hoch. Es musste zunächst ein eher notdürftiges Überleben nach dieser Zeit organisiert werden. Lenins Gebot „Lernt handeln“ erforderte eine Übergangszeit. Lenin selbst führte zum XI. Parteitag dazu 1922 aus: „Die Sache ist die, dass der verantwortliche Kommunist – …. – es nicht versteht, Handel zu treiben, weil er nicht vom Fach ist, weil er nicht das gelernt hat und nicht lernen will und nicht begreift, dass er mit dem Abc anfangen muss.“

    Die NEP legalisierte die gewinnorientierte Produktion, das Privateigentum in der Konsumgüter-Produktion und den Erwerb von Reichtum und band außerdem die Bauern durch eine „Naturalsteuer“ in das ökonomische System ein. Damit wurde theoretisch zum ersten Mal das Problem einer sozialistischen Marktwirtschaft berührt, das sich durch den Sieg der Kommunisten in einem einzelnen rückständigen Land (statt in einer Weltrevolution der entwickeltsten Länder) gestellt hatte.

    Die NEP hatte auch zu Folge, dass die Parteiorganisation und ihre Apparatschiks nach vorne rückten und der Einfluss der Ideologen und Agitatoren nachließ. Die positive Wirkung der NEP stärkte auch die zentrale Macht des Parteiapparats.

    Die Periode der NEP endete schon ab 1927 mit einem Beschluss auf dem 15. Parteitag der KPdSU.“

    T. Albert

    13. August 2008 at 18:02

  29. Und was hat der Stalin dann genau gemacht, ökonomisch?

    momorulez

    14. August 2008 at 9:38

  30. Die Landwirtschaft zwangskollektiviert, alle größeren Bauern (die nach westeuropäischen Maßstäben noch immer ärmliche Kleinbauern gewesen wären) in Arbeitslager gesteckt, die unter der NEP entstandenen neuen mittelständischen Unternehmen enteignet und verstaatlicht und die Unternehmer als „gewesene Menschen“ aus den Melderegistern gestrichen. Die wurden dann teils in Lager gesteckt, teils zur Kultivierung neuen Bodens in Permafrostgebieten angesiedelt und teils nach vorgegebenen Anteilsquoten erschossen.

    che2001

    14. August 2008 at 10:36

  31. Und das ist dann Sozialismus?????? Und links?

    Ja, ich weiß, es gab auch ’68 noch die Enteignungsforderungen z.B. Springer gegenüber – aber Verstaatlichung hat doch dann mit links oder Sozialismus rein gar nix zu tun, wenn irgendwelche Zentralräte und Nomenclaturas den Staat ausmachen. Gemeinschaftseigentum an Produktionsmitteln ist doch was ganz anderes, so isses halt Staatseigentum ohne demokratische Legitimation.

    MomoRules

    14. August 2008 at 11:05

  32. Und damit das niemand merkt oder sagt, ist der ganze Apparat der Inquisition dem Sozialismus der keiner war einverleibt worden.

    che2001

    14. August 2008 at 15:08

  33. Ja, ich wollte mit dem EInschub sagen, dass eben überhaupt noch nix Wesentliches erreicht war; im Gegenteil wurden ja alle demokratischen und autonomen Entwicklungen, die ja in Teilen schon vor 1917 begonnen hatten, zunichte gemacht. (Und klar war Kronstadt die Ursünde.) 1927 war Schluss.
    Ich mein, die glorreiche, aber symptomatische frühsowjetische Kunstgeschichte, die erst ab Mitte der Siebziger wieder in ihrer grossen Relevanz aus den Kellern geholt wurde zwecks Wiederentdeckung, wurde ja fast von einem auf den andern Tag abgebrochen, dafür wurde Sozrealismus verhängt, Majakowski hats nicht ausgehalten und sich erschossen, Mandelstam wurde im Lager zu Tode gearbeitet und Isaac Babel abgeknallt, wie all die Bauern.
    Klar hat das mit Sozialismus alles nix zu tun, bloss….
    >Aber es hat sehr viel mit der deutschen und US – amerikanischen Wirtschaftspräsenz in der SU zu tun.
    Gleichzeitig sind dann aber doch viele Leute, die Sozialisten waren, in die SU gegangen, um sich vor den Nazis zu retten oder von dort aus gegen sie zu kämpfen.

    Nettlau:“Von den Nutznießern von Zwang und Monopol und ihren abgestumpften direkten Werkzeugen abgesehen, sind wirklich freie Entwicklung, gleiche Chancen für jeden und ein freundliches Lebensmilieu die natürlichen Wünsche und Bedürfnisse eines Jeden, und der Kampf ums Dasein, das Streben vorwärtszukommen, das Mißtrauen gegen jeden unbekannten Nebenmenschen sind aufgezwungen, meist bitter empfundene, äußere Notwendigkeiten, denen gegenüber doch jeder in irgendeinem kleinen Kreise oder selbst nur im Hoffnungstraum sich ein eigenes freies und freundliches Ideal zu schaffen sucht. Das alles streift die freche und unfähige Diktatur roh beiseite, greift in alle menschlichen Verhältnisse ein, zerstört das natürlich Entwickelte mit der ihr eigenen Ungeschicklichkeit und Unfähigkeit und nennt das Sozialismus. Soll denn das so bleiben?“

    Ja, und es ist bis heute so geblieben, in Deutschland auch wegen der Arschlöcher, die ohne Not nachträgliche Stalinisten in ihren K-Grüppchen waren und jetzt in „Die Welt“ schreiben, zB. Wo sie ja immer noch schreiben, dass das eben „der Sozialismus“ sei.

    Das Blöde an auch an denen ist nur, dass sie mich durchaus nicht erlösen

    T. Albert

    14. August 2008 at 17:11

  34. …….naja, ich will von denen auch nicht erlöst werden, weder in ihrer früheren noch in ihrer heutigen, gespiegelten form.

    – meinte natürlich was anderes, aber das sag ich jetzt nicht.

    T. Albert

    14. August 2008 at 17:24

  35. Na, dann kann doch bei alledem nicht aufrecht erhalten, daß Stalin irgendwie links gewesen sei.

    momorulez

    15. August 2008 at 7:52

  36. Puh, in beruflich begründeter Kürze:

    Du versuchst mit einer historischen Reinheit des Begriffs zu argumentieren, die ich eben nicht sehen kann. Ich finde die leider nicht mehr, ich glaube auch nicht, dass sie jemals da gewesen wäre, und das lag natürlich schon am argumentierenden und handelnden Personal.
    Für mich ist das schon eine Auseinandersetzung erstmal innerhalb der Linken, weil ich nicht abstreiten kann, dass der Stalin aus dem kam, was in Europa damals Linke und Arbeiterbewegung war.
    Ich habe ja nun keinen Gefallen daran, im Gegenteil.
    Und ich kann doch auch nicht so tun, als seien sehr grosse Teile der Kommunistischen Parteien in Europa – wie die KPF – nicht mehr links gewesen, weil sie sich zumindest geistig von den Stalinisten dominieren liessen. (Es waren ja auch jede Menge guter Leute drin, die ihre Gründe hatten.)
    Weswegen es ja dann auch ab 68 – endlich – die wunderbaren Gegenbewegungen überall gab, die die KPs das Fürchten lehrten und in denen wir uns dann wiederfanden. Bloss- da war der nazifaschistische Druck im Grossen weg.

    Wöhrend Stalin und geraume Zeit danach haben viele Sozialisten das ungelebte sozialistische Leben in ihre Hoffnung auf die Zukunft verlegt, nicht?

    Jetzt such ich mal einen kürzlichen ungeduldigen Anraunzer raus, den ich dem Kollegen fpk freundlicherweise zukommen liess, der zeigen sollte wie das durch uns alle hindurchgeht, ob wir wollen oder nicht. Und ich sage ja, wir solten die in aller Hilflosigkeit aushalten. Dass ich jedem Stalinisten sage, dass ich ihn nicht für einen Linken, sonderneben für einen Stalinisten halte, das ist auch klar. Aber eben das ist eine Auseinandersetzung erstmal IN der Linken. Hab schliesslich mein ganzes Leben vor solchen Leuten Reissaus genommen.
    Und mit der Partei, die sich jetzt so nennt, habe ich doch genau aus diesen Gründen meine Probleme, obwohl da nun alle möglichen Vögel drin sind, aber eben immer noch auch mir nicht geheure Leute. Biermann, der mit 16 Jahren in die DDR gegangen ist, sagt jetzt, er würde diesen Leuten ja sogar die Hand reichen, aber ändern müssten sie sich – denn: SO einfach wäre die Geschichte ja nun auch nicht gewesen. Boche hat da ein interessantes Radio-Interview zu verlinkt kürzlich.

    Der Anraunzer aus Hilflosigkeit:

    „Jetzt will ich Dir mal was sagen: ich kenne immer noch Leute und “ihre Nachfahren”, die als Juden im Konzentrationslager ermordet werden sollten, ich kenne Nachfahren von Leuten, die als Juden und Kommunisten, “jüdische Bolschewisten”, ermordet werden sollten; ich kenne immer noch alte Leute, die danach in die Frankreich in die kommunistische Partei eingetreten sind, weil sie das als die naheliegendste Möglichkeit sich fürderhin zu schützen sahen; ich kenne Leute,deren Eltern in den zwanziger und dreissiger Jahren katholisch oder protestantisch wurden; es gab manche Leute, die in die DDR gegangen sind, nachdem sie den Massenmord überlebt hatten; ich kenne Leute, die darum familienweise in der KPF geblieben sind, obwohl sie mit deren Haltung zu vielem nicht einverstanden sein konnten, ich erinner mich daran, wie wichtig es für eine Freundin war, als vor zwei, drei Jahren Jaques Chirac eine Mitschuld und Mitverantwortung von Franzosen zum ersten Mal eingestand. Sarkozy hatte auch bei Linken, die als Juden gelten u. a. deswegen manche gute Karte, weil er der “Nachfahre von Minoritäten” ist.

    So, und dann gibts die Bücher von Peter Weiss.

    Man kann über dieses Wort “Antisemit” nicht mehr vernünftig diskutieren, seit sich alle möglichen Antisemiten seiner bemächtigt haben. Wahrscheinlich wird demnächst irgendjemand auch Reich-Ranicki zum Antisemiten erklären, weil er historisch-biographisch folgerichtig mal Kommunist war oder weil er
    irgendwann nicht mehr mit jedem reden mochte.“

    T. Albert

    15. August 2008 at 9:35

  37. „Du versuchst mit einer historischen Reinheit des Begriffs zu argumentieren“

    Na, schon auch mit Kriterien für die Beurteilung realgeschichtlicher Praxis. Wobei ich auch an fpk gerichtet gerade ganz ähnlich, wie Du’s hier tust, gegen die Reinheit liberaler Ideen angesichts der realgeschichtlichen Wirklichkeit argumentiert habe. Und ich auch noch einen deutlichen Unterschied zwischen den verschiedenen Formen der Linken in westlichen Ländern als kritische Instanzen und dem, was in Russland oder China vor sich ging, sehen würde.

    Gab allerdings auch in Europa sehr unterschiedliche Ausrichtungen kommunistischer Parteien – halte es jedoch ebenso für falsch, sich nun vor allem an denen zu orientieren, wenn man über die Geschichte der Linken redet, gab ja immer auch die anarchistischen und sozialdemokratischen Varianten und eben Ideen des demokratischen Sozialismus, und im Grunde genommen geht man dem Klassenfeind auf den Leim, wenn man sich ständig Stalin aufschwatzen läßt.

    momorulez

    15. August 2008 at 10:40

  38. ach, jetzt sind wir aber etwas sinnlos ineinander verhakt:
    ich orientier mich ja eben nicht vor allem an den kommunistischen parteien – ich konstatiere ja nur, dass ich die mitsamt ihrem stalinistischen mist nicht eben mal aus der geschichte der linken ausschliessen kann, weil sie mir nicht passen, sondern ich sehe die als bestandteil dieser geschichte. that`s all.

    T. Albert

    15. August 2008 at 11:11


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