shifting reality

Es gibt kein richtiges Lesen im valschen!

Arbeit fressen Seele auf

with 28 comments

Besonders wenn es Kopfarbeit ist. Und insbesondere auch dann, wenn sich Routinen einschleichen. In den letzten Wochen komme ich abends nach hause und denke mir: Jetzt noch an die Diss? Oder bei ShiftingReality vorbeischauen? Das geht doch auch morgen. Ich habe heute doch so viel nachgedacht. Das politische Bewußtsein schläft im Keller zwischen Kartoffeln und alten Zeitungen. Scheint aber auch ne biographische Umstellung sein. Der direkte Freundeskreis in Wuppertal hat sich in den letzten Jahren von linksliberal bis konservativ gedreht. Und die wenigen, mit denen man etwas anfangen kann, reiben sich selber in der Arbeitswelt des Prekariats auf. Und dann gibt es Situationen, die einen den Rest der Laune auch noch versauen: Wenn Routinen nicht funktionieren, zum Beispiel die Verwaltung. Sie scheint irgendwie nicht mitbekommen zu haben, dass mein Hilfskraftvertrag sich um ein halbes Jahr verlängert hat. Mein Kontostand merkt es demzufolge auch nicht. Tja, ein bißchen mehr Augsburg (so rein was die Lebensqualität betrifft) wäre mir im Moment gar nicht unrecht.

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Written by lars

4. Mai 2008 um 15:09

Veröffentlicht in Modere

28 Antworten

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  1. Was heißt bei diesem Kreis „konservativ“ ? Richtig das volle Programm, also Angst vor „dem“ Islam, Angst vor Terror, Angst vor Sozialschmarotzern und Sozialhilfebeziehern, Angst vor den Ausländern, Angst vor Grünen, emanzipierten Frauen, Fahrradfahrern, dazu der Wunsch nach härterer Polizei und Justiz, Schluss mit der „political correctness“ und vor allem: Hinfort mit dem Sozialstaat?

    Dr. Dean

    4. Mai 2008 at 15:48

  2. Ja, in abschattierten Tönen höre ich das schon mal von ehemaligen Mitstreitern.

    lars

    4. Mai 2008 at 16:02

  3. Grusel. Gegen das Etikett „linksliberal“ habe ich ja meinerseits auch wenig einzuwenden, aber solche Töne haben es zum Glück in mein Umfeld (abgesehen von manchen Kunden) bisher noch nicht geschafft. Na gut, die Islam-Phobien gerade bei Frauen, die gibt’s schon, und da kommt man wohl auch nicht drumrum, sich damit auseianderzuswetzen. Aber ansonsten leiten selbst meine Ausbeuter-Chefs Sätze immer ein mit „Eigentlich sind wir ja auch Anarchisten/Sozialisten, aber ..:“, und dann kommen Lamentos über Notwendigkeiten.

    Und Du glaubst gar nicht, wie viele von unseren „freien Mitarbeitern“ und auch und gerade den befristet Angestellten eben jene Probleme mit konzerninternen „Verwaltungen“ auch haben, wie lange die auf Verträge warten, in denen dann irgendein nicht abgesprochener Unsinn steht etc. – das zumindest ist Mythos, daß das in der „freien Wirtschaft“ anders liefe. Aber das erzählen Dir Deine Prekariats-Freunde ja wahrscheinlich auch. Auch wenn die Realwirtschafts-Nomenclatura dann immer so tut, als läge das alles nur an staatlichen Auflagen.

    Ich mache das demnächst hofffentlich (!!!) alles besser 😉 …

    momorulez

    4. Mai 2008 at 16:51

  4. Okay , da habe ich mich nicht richtig ausgedrückt: linksliberal war die Ausgangsorientierung…

    lars

    4. Mai 2008 at 16:56

  5. Ja, das wäre Dir zu wünschen. Wir hatten uns am Telefon ja gerade drüber unterhalten: Noch viel schlimmer sind große Teile der nachwachsenden Elite, die von Mitarbeitern verlangen, sich „in ihrer Persönlichkeit zu optimieren“, was ja in der Konsequenz auf Gehirnwäsche hinausläuft. Die ach so freie Wirtschaft nimmt zunehmend totalitäre Züge an.

    chezweitausendeins

    4. Mai 2008 at 17:03

  6. Und zumindest in dem Punkt kann ich wenigstens von mir behaupten, das schon jetzt anders zu machen: Gehe immer von den Persönlichkeiten aus und setze sie so ein, daß es paßt, und ggf. werden Schwächen, die ja jeder hat, im Team-Building kompensiert – an vorderster Front immer auch meine eigenen. Diese Druck-Lgik ist sowieso kontraproduktiv.

    JEDER Mensch IST Potenzial, nicht Defizit oder Grund für eines, ökonomisch wie nicht-ökonomisch, und wer das nicht sieht, hat die entscheidenden Lektionen einfach nicht begriffen.

    Und diese Lamentos darüber, wie man so zu sein hat in diesem oder jenen Job, halte ich in der Tat auch für einen totalitären Zug. Wundere mich immer auf Flughäfen etc., wie unifomiert diese ganzen Hansel da im Gleichmarsch daher quatschen und aussehen. Grauenhaft.

    Wobei ich ja schon glaube, daß das nun gerade der Punkt ist, wo linke Lebenswelten – schließe ich mich mal ein – oft auch nicht besser waren: Mit Anzug in die Öko-Kneipe der frühen 80er zu spazieren, das war ja nun auch nicht ohne. Auch die ganze sich therapeutokratisch auf optimales Funktionieren in Beziehungsdingen optimierenden Leute da einst, die noch alles, wirklich alles, was sie aßen, als politischen Akt behaupteten, nee, dat war auch nie meine Welt. Wo schon jedes Kleinfamnilienmodell Ächtung erfuhr und dem angenehmen an Reihenhaus und Geranien nicht gehuldigt wurde 😉 … und jedes feministische Votum gleich den Kniefall und devotes Schuldgesuhle nach sich zog. Auch nicht besser …

    momorulez

    4. Mai 2008 at 17:15

  7. @Che ich finde den schleichenden Prozess des sich Abfindens und des sich daran Gewöhnens mindestens genauso bitter.

    @Momo: Das musste ich ja nicht miterleben, meine Erfahrungen mit dem Feminismus war eben nicht mit dem Typus Alice Schwarzer, sondern eher mit dem Typus Judith Butler oder Andrea Maihofer, und die meisten Feministinnen, die ich persönlich kenne, sind zugleich stark von der Postkolonialitätsthematik beeinflusst…

    lars

    4. Mai 2008 at 17:52

  8. @ lars zu „schleichenden Prozess des sich Abfindens

    Ich denke, bei vielen in der Alterskohorte ist zu sehen, wie sie beim Älterwerden ihr „inneres Feuer“ verlieren, ihre Neugierde und Offenheit. Teils sind abgekämpft, teils desillusioniert, teils ist es ein Rückzug in die Famile, auch geschuldet der Tatsache, dass man im Übrigen von der Arbeit aufgefressen wird.

    Meine Vermutung ist, dass bei vielen dieser „Abfinder“ ein eher nur primitives politisches Ideal vorhanden war, welches der Realität gewachsen ist. Kommt das hin?

    Dr. Dean

    4. Mai 2008 at 18:11

  9. Die Vorstellung, dass das Private politisch und das Politische privat ist finde ich durchaus richtig. Daraus einen moralisch repressiv gebrauchten Katalog von Verhaltensnormen abzuleiten ist aber schon vom Ansatz her völlig abstrus. Befreiung und Moralin gehen grundsätzlich nicht zusammen, ebensowenig wie Befreiung und normative Ordnung. Nicht umsonst nennt man unsereins Chaoten 😉

    chezweitausendeins

    4. Mai 2008 at 18:20

  10. @Lars:

    Ich glaube, von Andrea Maihofer habe ich mal was gelesen, das mich so dermaßen aufregte, daß ich ab da schon noch die Butler-Schiene sehr ernst nehmen konnte, auch Jessica Benjamin, aber sonst eigentlich nix mehr aus der feministischen Ecke bzw. ich mied sie ab dann als manipulativ … vielleicht verwechsel ich aber auch Frau Maihofer.

    @Dr. Dean:

    Ist ja ein bißchen ’n Widerspruch, oder? „Inneres Feuer“ verlieren oder nie gehabt haben, das ist ja eher die Frage … zudem ich bei Leuten, die eher den Alltag damit verbirngen, irgendwie die Kohle für den Kindergarten zusammenbringen und mit tiefen Sorgen, wie man trotz überdurchschnittlichem Gehalt das Studium von 2-3 Kids noch finanzieren soll, ’nen Perspektivenwechsel durchaus auch vollkommen verstehe …

    momorulez

    4. Mai 2008 at 18:21

  11. @Che:

    „Die Vorstellung, dass das Private politisch und das Politische privat ist finde ich durchaus richtig.“

    Na, die Frage ist ja eher, in welcher Hinsicht denn nun eigentlich, und nicht, daß das so ist.

    momorulez

    4. Mai 2008 at 18:22

  12. Ja, mag sein. Viel geschirr ist tatsächlich auch über private fehden zerschlagen worden, was zu einer Abkehr von dem jeweiligen Aktionsfeld führte. Die Privatisierung der Kämpfe war definitiv ein Motor. Manchmal hat das gerade den politischeren Individuen den Rest gegeben. Ich war nie derjenige, der von einer politischen Struktur zur nächsten zog, das machten ja auch einige: vom autonomen Zentrum in den AStA, von dort in regionale oder überregionale Strukturen oder umgekehrt…

    lars

    4. Mai 2008 at 18:23

  13. Tja, das habe ich durchaus gemacht, aber in langen Wellen: Von der Flüchtlinssoli- zur Anti-AKW-zur Antifa-Bewegung, 6 Jahre Fachschafts- und ASTA-Arbeit, dann zurück zur Flüchtlingssoli, die sich jetzt Antira nannte, das nochmal (neben Kurdistan-Soli) 6 Jahre lang, und heute quasi der Szene-Senioren-Verein.

    chezweitausendeins

    4. Mai 2008 at 18:29

  14. @Momo: Das ist die Tochter vom ehemaligen FDP -Bundesminister. Die hatte 1995 ein Buch „Geschlecht als Existenzweise“ geschrieben. Also irgendwo zwischen Horkdorno, Althusser, Existenzialismus und Konstruktivismus gelegen und die Frau von meinem ehemaligen Soziologieprof.

    Es geht ja nicht darum, die Lebensentscheidungen einzelner zu kritisieren, sondern einfach darum, dass politische AKtivität tatsächlich für viele eine biographische Passage darstellt, die sie irgendwann verlassen. Das es gerade mir jetzt auffällt, ist ganz klar auch diese Altersschwelle Ende 20/Anfang 30.

    Es fehlen mir auch ganz einfach Gesprächspartner, d.h. ich kann nicht alle zwei Monate nach Berlin oder Frankfurt zu einer Konferenz fahren, wo das möglich ist. deswegen fand ich auch den Nachmittag mit talbert in Wuppertal so klasse. Und da funktionieren Weblogs auch nur begrenzt. Schon aufgrund der emdialen form des Textes.

    lars

    4. Mai 2008 at 18:41

  15. @Lars:

    Was mich daran echt verblüfft, das ist in der Tat, daß gerade im universitären Umfeld die Gegenüber fehlen. Liegt’s nur an Wuppertal, oder isses wirklich so grausam geworden?

    Vielleicht liegt’s auch an den „Produkten“, die wir zum Teil so machen, aber in meinem alltäglichen Umfeld wird eigentlich ständig auch Politik diskutiert. Das Akademische fehlt mir hingegen sehr, aber ich bin von der Altersspanne, na, so 20-45 umgeben, da sind auch ganz Unpolitische drunter, aber auch viele sehr engagierte, entweder kulturell oder konkret politisch, ein paar hast Du ja mal kennengelernt.

    Und im Gegensatz zum oben Geschriebenen ist für die wenigsten der reine Rückzug in’s Familienglück ein Weg – unser Haus ist extrem fruchtbar, da sind mittlerweile 5 oder 6 Kinder geboren im Kollegium, bei zwischen 10 und 25 Mitarbeitern ja kein schlechter Schnitt, seitdem wir dort hausen, aber das ausschließliche Aufgehen in der Elternrolle ist da für kaum jemanden ein Weg.

    Vielleicht ist das aber auch wirklich die Großstadt, da gibt’s halt von allem ein bißchen mehr. Und daß wir größtenteils einmal durch die Mentalitäten der 90er, die in der New Economy gipfelten, sozusagen durchgespült wurden und die Schattenseiten auch so gut kennen. Vielleicht muß man das auch erfahren haben, um politisch zu bleiben?

    momorulez

    4. Mai 2008 at 18:54

  16. Ja sicher, es gibt ja so gut wie keinen Mittelbau mehr.

    lars

    4. Mai 2008 at 19:06

  17. Genau das ist wahrscheinlich der Witz, dass man eigentlich in anderen Milieus suchen müsste.

    lars

    4. Mai 2008 at 19:09

  18. Übrigens: Wie steht es denn nun mit den RARistas? Könnt ihr vielleicht mal die letzten Formalia nicht so klären?

    lars

    4. Mai 2008 at 19:12

  19. An den Formalia ist der Erik dran – Erik?

    Ansonsten waren das gerade arbeitstechnisch so derart riesige Hürden, die zu überspringen waren, daß ich nicht mehr fähig war, noch ’nen Treffen zu arrangieren, kommt aber!

    momorulez

    4. Mai 2008 at 19:27

  20. Ja, wäre mal gut, wenn da wieder was passiert. Jetzt, wo ich gerade „Welcome to the Jungle“ von Kobena Mercer lese, können wir die Debatte um den HipHop wieder aufnehmen. 😉

    lars

    4. Mai 2008 at 19:37

  21. Habe gerade mal in Eurem Fachbereich in Wuppertal rumgesurft. Da gibt es ja wirklich keinen Mittelbau mehr. Was in aller Welt ist denn da passiert, daß sich die Professoren die Mitarbeiterstellen haben nehmen lassen? Gibt es in NRW keine bindenden Berufungszusagen mehr?

    statler

    4. Mai 2008 at 22:23

  22. Wahrscheinlich sitzt Du in Südwest auf einer ausstattungsmäßigen rosa Wolke 🙂

    chezweitausendeins

    4. Mai 2008 at 22:33

  23. @statler: Das Land wollte ja die Uni ganz dicht machen. Dem konnte man vor 5-6 Jahren nur dadurch entrinnen, dass man einen hochbezahlten Experten aus Stanford einflog, der dann Sparvorschläge machte und Restrukturierungen vorschlug. Da wurden dann die ganzen Fachbereiche neu zusammen gewürfelt.

    Bei den Soziologen sah es dann so aus, dass sie sich
    a) gegen die Wirtschaftswissenschaften behaupten mussten, mit denen Sie in einem Fachbereich saßen, und in dem sie ohne eigenen Studiengang und mit wenig Drittmittel eher schlecht standen.
    b) mit 3 Emeritierungen, die nicht wieder neu besetzt wurden, 1 Neubesetzung zur Halbzeit und einer Lehrstuhlvertretung für den Rektor zu kämpfen hatten, was sich ebenfalls auf den Mittelbau auswirkte.
    c) bei den wenigen verbleibenden Diplomanden wenig Bedarf an Promotionen vorhanden war (da waren einfach viele Studierende mit Ausbildung da, die halt auf eine Verbesserung ihrer ökonomischen Lage zielten und verständlicherweis auf weitere 3 bis 5 Jahren Promotionsarmutszeit keine Lust hatten).

    lars

    4. Mai 2008 at 22:38

  24. Das Einfliegen eines hochbezahlten Experten aus Stanford hatte ich selbst mal organisiert, mit dem Resultat, dass ein Kaffeegespräch ohne Folgen geführt wurde. In Göttingen gab es mal die tolle Debatte, bei der Uni-Präsident Figura, ein Biochemiker, die Politikwissenschaft als auszumerzende Schwachstelle bezeichnete, worauf Bassam Tibi meinte, er als Semit wolle nicht schon wieder biochemisch ausgemerzt werden. Das ist so der Debattenstil, den ich im universitären Umgang kenne. Puh, und im Kontrast dazu muss ich mir den Werbewixer-Tonfall antun, auf den ich im „Business“ angewiesen bin.

    chezweitausendeins

    4. Mai 2008 at 23:08

  25. @ Che:
    Ich wäre auf einer rosa Wolke, wenn ich die Ausstattung hätte, und nicht Teil der Ausstattung wäre. 😉

    @ Lars:
    Stimmt, die Schließungsdrohung hatte ich schon wieder ganz vergessen. Klar, ist ja auch naheliegend, daß man auch noch eine Uni schließt in einem Land, das eine unterdurchschnittliche Quote an Hochschulabsolventen aufweist. Deppen.

    statler

    4. Mai 2008 at 23:19

  26. Vielleicht lieber Experten aus Stratford einfliegen, die können all das besser, sogar das Werbewixen 😉 …

    momorulez

    4. Mai 2008 at 23:21

  27. Shakespeare konnte auch das? Echt?

    statler

    4. Mai 2008 at 23:37

  28. @statler: Immerhin, Du bist Ausstattung. Für mich kann man auch ein paar Computer kaufen, oder auf einen internationalen Kongress reisen 😉 … WHKs werden aus den Sachmitteln bezahlt. Der Witz ist aber, dass meine Chefin geradezu blendend dasteht, was die Drittmittel betrifft (im Vergleich zu den anderen Fachkollegen). Trotzdem reicht es nicht für eine feste Stelle.

    Naja, die Uni gibt’s noch, aber halt reduziert. Und jedes Jahr gibts ein bißchen weniger.

    lars

    4. Mai 2008 at 23:40


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