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Es gibt kein richtiges Lesen im valschen!

Kulturwurschtdiskurs

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Update: Oder muss das jetzt Kulturmülldiskurs heißen?

Ich sitze ja mal wieder über diesen unglaublich schlechten Reden der Berliner Konferenz. Das funktioniert ja ganz absurd. Da sagt dann der Herr Kulturstaatssekretär Neumann, dass man dem Bürger eine positive Vorstellung von Europa vermitteln solle (und Kultur das geeignete Medium sei), während die EU-Außenkommissarin die Aufklärung quasi nur als Update der religiösen Wurzeln begreift, als Katalysator und Modernisierung der Tradition. Das ist ja immer noch das für mich Erschreckende an diesem Diskurs, dass er zwischen einem autoritärem Gestus (Man muss die Menschen zur Kultur erziehen, und hier besonders Südosteuropa) und dem alten Veredelungsgedanken oszilliert.

Dabei ist auch den Akteuren völlig klar, und sie benennen das auch ganz eindeutig, dass Kultur hier tatsächlich nur Mittel zum Zweck ist.

„Wir sind keine Kulturlobby, wenn wir sagen, dass Europa für sein Fortkommen sich seine kulturellen Kräfte nutzen muss.“ (Volker Hassemer)

„Es soll nicht primär der Kultur, sondern der Europapolitik weitergeholfen werden.“
„Die Kultur nicht als Anspruchsteller, sondern als Anbieter europapolitisch verwertbarer Konzepte.“ (Hans-Gert Pöttering)

Die politischen Wünsche schwanken allerdings zwischen einer „guten Regierung“ Europas (Ferrero-Waldner) und einer „offenen Gesellschaft“ (George Soros), die eines solche gerade ablehnt.

Was heißt das? Zuallererst, dass die innere Form des Kulturdiskurses, wie er von den nationalen und supranationalen Akteuren geführt wird, vollkommen irrelevant ist. Kultur ist deswegen von Interesse, weil sie entweder Ressource europäischer Entwicklungs- und Wirtschaftspolitik darstellen soll, oder weil sie zur Legitimation weltpolitischer Interventionen im Namen der Zivilisation und des Fortschritts dienlich erscheint. Schließlich lässt sich auf Grundlage der imaginierten Wertematrix auch eine Migrations- und Integrationspolitik gründen, die es im Namen des Guten, Wahren, Schönen erlaubt, sich an der eigenen Angst vor dem Anderen festklammern zu können.

Ein letztes Indiz für diese Vewertungslogik der Kultur, die sich um innere Rationalität nichts schert, könnte auch die wirklich eigenartige Aneignung des Briefes von Habermas und Derrida vom 31. Mai 2003 durch Ferrero-Waldner sein. Die Philosophen schrieben damals im Angesicht des Irakkriegs:

„Heute wissen wir, daß viele politische Traditionen, die im Scheine ihrer Naturwüchsigkeit Autorität heischen, „erfunden“ worden sind. Demgegenüber hätte eine europäische Identität, die im Licht der Öffentlichkeit geboren würde, etwas Konstruiertes von Anfang an. (…)
Jede der großen europäischen Nationen hat eine Blüte imperialer Machtentfaltung erlebt und, was in unserem Kontext wichtiger ist, die Erfahrung des Verlusts eines Imperiums verarbeiten müssen. Diese Abstiegserfahrung verbindet sich in vielen Fällen mit dem Verlust von Kolonialreichen. Mit dem wachsenden Abstand von imperialer Herrschaft und Kolonialgeschichte haben die europäischen Mächte auch die Chance erhalten, eine reflexive Distanz zu sich einzunehmen. So konnten sie lernen, aus der Perspektive der Besiegten sich selbst in der zweifelhaften Rolle von Siegern wahrzunehmen, die für die Gewalt einer oktroyierten und entwurzelnden Modernisierung zur Rechenschaft gezogen werden. Das könnte die Abkehr vom Eurozentrismus befördert und die kantische Hoffnung auf eine Weltinnenpolitik beflügelt haben.“

Demgegenüber argumentiert die EU-Außenkommissarin stets mit Begriffen wie „Leitwerte“ „Grundkonsens“ oder „Wertefundament“.
Denn die Kultur Europas selbst ist bei ihr ganz klar von der Antike her bestimmt:

„Den Reichtum Europas kurz zusammenfassen, grenzt ans Unmögliche. Lassen Sie mich es dennoch versuchen und mit Paul Valéry beginnen: ‚Europäisch ist alles, was von den drei Quellen Jerusalem, Athen und Rom herrührt‘.
Unsere kulturelle Basis ist unsere jüdisch-christliche Prägung, wie sie durch die Aufklärung
modernisiert wurde. Es ist die Trias von Spiritualität, Demokratie und individueller, verrechtlichter
Freiheit.“

Ganz ungeniert plädiert sie dann für eine Missionierung, wenn nicht mit Waffen, so doch mit einer „Ideeninvasion“:

„Und es ist unsere Aufgabe, diesen ‚way of life‘ auszustrahlen. Das ist der Kern der EU-Außenpolitik im 21. Jahrhundert. Es geht somit nicht nur um die innere ‚Verfasstheit‘ Europas, sondern auch um seine internationale ‚Mission‘. Vielleicht ist Europas globale Rolle ja die Keimzelle eines neuen europäischen Narratives.
Das wäre – frei nach Derrida und Habermas – die ‚Wiedergeburt Europas aus dem Geist der
Globalisierung‘.“

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Written by lars

7. Mai 2008 um 14:27

16 Antworten

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  1. Hagenbuch hat nunmehr zugegeben, dass der europäische Kulturkreis auch nicht besser sei als der in der Südsee, die es in Wirklichkeit gar nicht gäbe, die es vielmehr nur nach Mead und Mitchell, Manners und Mercant gäbe, auf Mine-Mine-Loa-Loa, seinerzeit mit dem Hackbrett für Weib und Getreide. Wenn der Häuptling sich dort unter die größte Palme der Insel stellt, heißt das, dass alle sich mit dem Häuptling unter die größte Palme der Insel stellen sollen. Oder unter die Kleinste. Sei er in Bremen und sähe den Roland, aha, denke er, Teutoburger Wald, Hermann!
    Außerdem würden sich alle nur immer in etwas reinflüchten, so, wie sich Griesinger in die Psychologie, Hörmann in die Theologie und Einstein in die Physik geflüchtet hatte. Selbst Christus habe sich bei aller Begabung ins Christentum geflüchtet. Manche seien auf der Flucht sogar durch tiefen Schnee getappt, wie Scott. Scott und kein Denkmal! Aber Nähmaschinenfabrikanten, Wurstproduzenten und Generäle, lauter fleischgewesene, steingewordene Gemütszerstörer, jawohl, alles Gemütszertrümmerer! Ab in die Südsee, nach Mine-Mine-Loa-Loa! Aus dem Kulturkreis in den Kulturkreis!

    che2001

    7. Mai 2008 at 14:59

  2. Was heißt das? Zuallererst, dass die innere Form des Kulturdiskurses, wie er von den Nationalen supranationalen Akteuren geführt wird, vollkommen irrelevant ist.Was heißt das? Das heißt, dass diejenigen, die in ihrem supranationalen Omnipotenzwahn auch noch glauben, dass sie sich sinnvoll zu kulturellen Fragen äußern könnten, dies eben nicht können.

    Es heißt, dass diese Europapolitiker sich Kultur schnell als Veranstaltung zur Förderung ihrer jeweiligen europapolitischen Vorstellungen begreifen, schlimmer noch, sie reden vom Kulturbegriff, haben aber nur ihre eigenen – offenkundig beschränkten – Begriffe von Politik.

    Das ist so ähnlich wie die Sache mit dem Hammer, der in der Hand begrenzter Menschen zur Auffassung führt, dass jedes Problem ein Nagel sein müsse.

    Aber immerhin: Diese Machtmenschen verdeutlichen bei ihrem Reden über Kultur einmal ihren Distinktionsanspruch, und auch, wie schnell sie die eigenen politischen Ideale ins Pseudoreligiöse überhöhen. Jedenfalls, wenn man die Argumentation von Ferrero-Waldner genau liest, dann klingt sie ebenso verhoben und größenwahnsinnig wie die Philosophie von Auguste Comte.

    Nur halt noch beschränkter. Sie nennen es Kultur.

    Dr. Dean

    7. Mai 2008 at 16:30

  3. Ich hätte es schön gefunden, wenn jemand der dämlichen Ferrero-Waldner verticken könnte, dass es z.B. ohne die türkischen, arabischen und muslimischen Einflüsse gar keine „europäische Kultur“ gegeben hätte.

    Ich weiß nicht genau, woran es liegt, aber irgendwie macht es mich aggressiv, sogar sehr aggressiv, wenn ich sehe, wie sich unsere Chef-Eurokraten beschäftigen und wie sie sich dabei äußern.

    Dr. Dean

    7. Mai 2008 at 16:34

  4. Ich bemitleide jedenfalls deine Aufgabe, sich eingehend mit diesen Reden zu befassen. Ein übler Politiksprech, der durch den Sonntagsredencharakter nochmals ins Unerträgliche gesteigert wird. Mir fiel diese Stelle bei Frau F-Ws Rede auf:

    <Fünftens: Europa steht für eine Kultur der Kreativität. Das Faustische Streben nach Erkenntnis, das Genie eines Leonardo, aber auch der Hamletsche Zweifel, die Skepsis und das kritische Denken, sie alle sind Teil der „Conditio Europea“. Sie dürfen wir nicht brachliegen lassen. Im 21. Jahrhundert ist Humankapital unser wichtigster Rohstoff. Hier müssen wir mehr investieren, finanziell und vor allem gesellschaftlich. Bundeskanzlerin Merkel hat in diesem Zusammenhang zu Recht darauf hingewiesen, dass sich Europa seines „kreativen Imperativs“ besinnen muss. Meine Damen und Herren! Sie sehen, wie stark die internationale Dimension von Europas „Seele“ ist.

    <Europas „Seele“ (was immer das genau sein soll) ist gemäß von Frau F-W also die Vorstellung von Kreativität und Kultur als „Humankapital“.

    Die Kultur erhält ihre Anerkennung über ihre Eignung unter Verwertungsgesichtspunkten, die in Begriffen der Betriebswirtschafslehre herausgestellt werden.

    Ein Teil ihrer Rede und, ähem, grundlegenden Epochenschau zielt dabei auf die „Karikaturenkrise“, bei der sie davon ausgeht, dass Europa sich im Glanzlicht gezeigt hätte. Außerdem wünscht sie sich für die „internationale Mission“ Europas eine „Keimzelle eines neuen europäischen Narratives.

    Ehrlich, ich glaube, diese Frau ist einfach nur dämlich.

    Dr. Dean

    7. Mai 2008 at 16:57

  5. dämlich vielleicht, aber relativ mächtig…

    lars

    7. Mai 2008 at 17:25

  6. Zur Seele Europas: Die Initiative, die diese Berliner Konferenz veranstaltet (die nächste folgt ja in diesem Herbst), nennt sich ja „Europa eine Seele geben“ – an diese Metapher schließen die Redner natürlich gerne an…

    lars

    7. Mai 2008 at 18:00

  7. Ja, aber ist es nicht etwas peinlich, wenn das große Thema „Europas Seele“ und „Kultur“ heißt, und den Rednern bei der Gelegenheit neben einer gewissen Dosis angedeuteter Islamphobie einfällt, sowie, dass Kultur prima „Humankapital“, ergo – vor allem zu verwerten sei?

    Ich mein, ist das in seiner Kleinlichkeit nicht sogar bereits akulturell?

    Mir kommt diese diese „Konferenz“ vor wie eine Wohlfühl- und Selbstlegitimationsmesse politischer und (zu geringeren Teil) ökonomischer Eliten. Ich mein, es ist ja supertoll, dass „Europa“ (also: die EU-Bürokratie) zur Durchführung solcher Veranstaltungen ordentlich Geld verballert – aber der Nutzen des Ganzen ist mir unklar. Wo Frau F-W ihren Perlenschmuck aufträgt, ist doch ziemlich gleichgültig, da muss man doch nicht gleich eine „Konferenz“ veranstalten, die allenfalls in ihrer inhaltlichen Belanglosigkeit und Schwülstigkeit Maßstäbe setzt, die Bedeutung heuchelt, wo es tatsächlich nur um ein soziales Ritual geht, bei der sich Honoratioren gegenseitig ihre unermessliche Wichtigkeit und Kompetenz versichern.

    Dr. Dean

    7. Mai 2008 at 19:32

  8. Da stecken aber handfeste politische Strategien dahinter. Kultur soll zum Signum der europäischen Weltpolitik und zur zentralen Ressource der Wirtschaftsentwicklung werden. Wenn man sich gleichzeitig gegen die USA und den Orient abgrenzen kann – umso besser.

    lars

    7. Mai 2008 at 19:59

  9. Ich sehe das – Politikersprech hin, Verwertungslogik her – auch im Kontext mit der „Europa-Bewegung“. In den 1950er und 1960er Jahren griffen Politiker, die den „europäischen Gedanken“ propagierten, gern auf das „christliche Abendland“ zurück – namentlich Adenauer und de Gaulle. Das war damals sogar legitim, denn die „deutsch-französische Erbfeindschaft“ ließ sich allein durch pragmatische Tagespolitik nicht so ohne weiteres aus dem Köpfen verbannen. Der Rückgriff z. B. auf „Karl den Großen“ (Karlspreis) war ein Rückgriff auf „gemeinsame kulturelle Wurzeln“ – ein psychologisch geschickter Schachzug, um bestehende Ressentiments abzubauen.
    Das war allerdings damals. Heute hat die stark erweiterte EU ebenfalls ein „Indentitätsproblem“ – und es sieht so aus, als ob die Rezepte, die damals funktioniert haben, aus der Mottenkiste geholt würden, wobei sehr fraglich ist, ob sie unter den heutigen Bedingungen überhaupt funktionieren können. Der „Europaidee aus dem Geist des christlichen Abendlandes“ half damals der Kalte Krieg gegen die „atheistische“ Sowjetunion sicherlich auf die Sprünge, außerdem war die „islamische Welt“ noch kein wichtiger Faktor, es gab nur wenige islamische Einwanderer, und die (meist uneingestandene) Abwehrhaltung gegen die „kulturelle Dominanz“ der USA spielte auch noch keine große Rolle.

    Ich bin mir ziemlich sicher: aus der Rede von Frau Ferrero-Waldner (und der andere Europolitiker) spricht die Angst. Überfremdungsangst , Angst, auf allen Gebieten außer vielleicht der Ökonomie, „Zwerg“ zu sein, aber auch Angst vor dem, was Konservative aller Coleur gern die „fehlende Mitte“ oder das „Wertevakuum“ nennen, oder auch mal die „inhaltliche Leere des westlichen Liberalismus“. Man kann auch sagen: die Angst vor dem unregulierten und unbekanntem Freirraum (die sich z. B. auch in der regulationswütigen europäischen Gesetzgebung niederschlägt, besonders markant im Sexualstrafrecht). Allerdings: eine „offene Gesellschaft“ ist ohne diesen Freiraum, den Politiker wie Frau F.-W. mit ideologischem Schutt auffüllen, nicht denkbar.

    Ich habe aber auch noch einen anderen unschönen Verdacht: nämlich den, dass sich die politischen Entscheider (zu denen ich auch viele Lobbyisten und Politikberater zähle, aber längst nicht alle Politiker) mehrheitlich nur unzureichend mit den Werten der Aufklärung identifizieren können – bzw. sich vor den Folgen, die eine auf diese Werte gegründete „europäische Identitätspolitik“ haben könnte, fürchten. Dann bleibt als „einigendes Band“ praktisch nur noch das Christentum (während die „alte“ EWG und selbst noch die EU vor der „Osterweiterung“ noch weitaus mehr gemeinsames historisches Erbe hatte).

    MartinM

    7. Mai 2008 at 20:26

  10. Danke Martin für diese Erläuiterungen – sio klar konnte ich es im Moment noch nicht benennen.

    Bis auf den Punkt der Identitätsproblematik:Ich glaube nicht mal, dass der EU unter UIdentitätsanomie leidet. Wahrschinlich ist da eher das Problem, dass man sich eine europäische Identität vorstellt, die nach dem nationalen Prinzip funktioniert und daher auch nach diesen Essentials Europas sucht – ein Moment, das freilich so nicht eintreten wird, schon allein aus Komplexitätsgründen nicht.

    lars

    7. Mai 2008 at 21:10

  11. So als einer derer, die ständig kanonisieren (müssen) im wahren Leben, aktuell auch in europäischer Perspektive, läuft’s mir natürlich kalt den Rücken runter, wenn ich das lese.

    Könnte jetzt auch aus dem Nähkästschen plaudern, darf ich aber nicht.

    ABER: Das Schöne ist ja, daß die ganzen Leitkulturler in der Politik sich ständig ins eigene Knie schießen, weil: Wenn man in identitätspolitischer Perspektive am Leitfaden der Kultur Deutschland oder auch Europa diskutiert, dann kommt da ja was ganz anderes raus als diese Wurzellogik: Nämlich eine knallbunte Welt der Differenz.

    Beschäftigt euch mal mit europäischer Folklore: Die Kelten und die „Zigeuner“ waren’s, die hinter Flamenco, Schuhplattern und dem Czardas (oder wie auch immer der sich schreibt) stecken, Marika Rökk zum Trotze, und die „Zigeuner“ kamen wohl höchstwahrscheinlich aus dem Maghreb-Staaten. Die Kelten waren vor der Christianiserung da. Usw.

    Einzig die Rolle der griechischen Antike kann man nicht klein reden, aber auch da war Knabenficken üblich (und problematisch), und Epikur, Xenon, Dionysos, Platon und Aristoteles sind ja nun auch schon eine ganz lustige Gemengelage. Und zudem für die islamische Kultur nicht minder wichtig als für das, was sich christlich nennt, aber ja nun auch von den Wiedertäufern bis zu all den Päpsten ein Reich der Heterogenität ist. Und bei solchen Resultaten landet man notwenig , da können die noch so rumsabbeln … Shakespeare z.B. hat eigentlich nur heidnische und weltliche Quellen aufgesucht, die alte Rampensau, Schopenhauer hat den Buddhismus aufgesogen, ach, es ist alles so schön bunt hier, das ist toll!

    momorulez

    8. Mai 2008 at 9:08

  12. @Momo:
    „Könnte jetzt auch aus dem Nähkästschen plaudern, darf ich aber nicht.“

    Schade. Hoffe aber, irgednwie und irgendwo darfst Du das dann mal.

    Aber eben, es geht nicht um culture pour culture. Es geht quch nicht um Kultur als Lebensqualität. Es geht noch nichtmal um Zivilisation (im Elias’schen Sinne). Nein, das ist bloße Ressourcenaneignung (und dass der Wim Wenders da so blöde mitmacht, nehme ich ihm übel), eine geopolitische Strategie und um eine autoritäre Ordnungspolitik der Sozialstruktur.

    Aber auch, was die Antike betrifft: Der aufgeklärten Elite stand schließlich eine übergroße Zahl Sklaven gegenüber. Und Alexander der Große ist ja auch ein Vorläufer kolonialistischer Politik. Und zu Rom gehören notwendig die Barbaren. Was ich damit sagen will ist, dass man sich auch nicht auf die Antike als solches bezieht, sondern auf ein ganz bestimmtes Muster der Antikengeschichtsschreibung.

    lars

    8. Mai 2008 at 11:24

  13. @Lars:

    Ja, klar! Aber Vorteil an „der Kultur“ ist ja, daß die allen definitionsmächtigen und identitätsschwurbelnden Tendenzen gouvernementaler Politik gegenüber sowieso immer zurückschlägt.

    Kann man z.B. auf die Hip Hop-Geschichte durchaus beziehen: Ich kann diese ganzen Sexisten ja auch nicht ausstehen, die wuchern aber ganz von selbst, ob die politischen Eliten das nun wollen oder nicht. Auch das Koma-Saufen von Kids oder deren Computerspielabhängigkeit kann man ja doof finden, das ist aber nicht regulierbar, und natürlich sind das auch kulturelle Formationen.

    Das war ja selbst in so durchdisziplinierten Regimen wie der DDR, ja geradezu ein Paradebeispiel für verlogene und komplett scheiterende Identitätspolitik von oben. Da gab’s auch Kampftrinken und Punks und Blues-Messen und eine rege Kunstszene im Underground.

    Kultur ist ja viel schneller. flexibler, frecher als ökonomisch determinierte, gesellschaftliche Strukturen – deshalb aber auch lange nicht so nachhaltig wirksam.

    momorulez

    8. Mai 2008 at 12:05

  14. schön ausgedrückt.

    lars

    8. Mai 2008 at 12:25

  15. Was mich stört, auch an F-Ws Reden, ist die veränderte Perspektive gegenüber dem, was MartinM beschrieben hat. Es geht nicht mehr um Völkerverständigung, Kutluraustausch, Frieden, und auch: eine Freiheitsperspektive aus Sicht der Bürger.

    Stattdessen ist es geradezu eine Umkehrung.

    Habituell In zunehmend höfischen Formen werden Machtansprüche formuliert, an Stelle der Völkerverständigung tritt die Vorstellung von Kultur als Hilfsmittel einer Geostrategie. Ich seh das so wie Lars.

    Ist es nicht merkwürdig, wie und womit die Inhalte der „Mission“ beschrieben werden, während man sich all dies zugleich vorstellt als idealen Ausdruck, sogar als notwendige Konsequenz (europäischer) Kultur?

    Soros beklagt sich in seiner Rede über ein zu geringes Tempo und formuliert:

    Der politische Wille, den Prozess voranzutreiben ist geschwunden. Die Erinnerung an vergangene Kriege verblasst und die Bedrohung durch die Sowjetunion ist abhanden gekommen.

    Allerdings stellt sich Soros andere Ziele vor, als diejenigen, welche aus Sicht der EU-Eliten die Politik der EU bestimmen sollen. Er spricht on internationaler Kooperation, Konfliktverhinderung, Friedensorientierung und beklagt zum europäischen Prozess: „Er wurde von einer Elitebetrieben und große Teile der Bevölkerung fühlten sich davon ausgeschlossen.“ Soros stellt sich die Einbeziehung der Zivilgesellschaft durch Demokratisierung der EU und Elemente direkte Demokratie vor.

    Ganz anders lesen sich die Zielsetzungen der EU seitens von Frau F-W:

    Sie will die Formung der Gesellschaft durch ein „Globalisierungsmanagement“ seitens der EU, womit vor allem die Ausrichtung der EU an Konzerninteressen gemeint ist, sowie ein Kampf gegen Extremismus und Terror, eine militarisierende Sicherheitspolitik, eine geostrategische Sicherung der Energieversorgung, Großmachtspolitik, dazu Eindämmung von Migration.

    Kulturelle Abgrenzung an Stelle von Vökerverständigung.

    Sie freut sich darum über folgendes Unsinnszitat: „Europäisch ist alles, was von den drei Quellen Jerusalem, Athen und Rom herrührt“. Wer in Europa bereits Nationalbürger ist, soll – sofern seine Eltern oder Großeltern Migranten waren, Bekenntnisse im Sinne von Frau F-W ablegen:

    Wir brauchen ein unumgängliches Bekenntnis zu unserem Wertefundament, nicht zuletzt von Einwanderern. Für offene Gesellschaften einzutreten, heißt nicht sich in ideologischer Beliebigkeit zu erschöpfen.

    Mit anderen Worten: Frau F-W möchte eine „offene“ Gesellschaft, die v.a. als Unterwerfung der Menschen unter die Ideologie von Frau F-W gedacht ist.

    Kultur als „Seele Europas“ dient ihr als Legitimation sowie als machtpolitisches Hilfsmittel. Europaische Kultur soll zur weltweiten „Invasion der Ideen“ führen, und soll dabei die auf Machtausdehnung zielenden Vorstellungen der EU-Kommission flankieren.

    Dr. Dean

    8. Mai 2008 at 19:19

  16. Dr. Dean, Du formulierst das zwar (wie gewöhnlich) etwas schärfer, als ich es ausgedrückt hätte, aber recht hast Du!

    Das Zitat: “Europäisch ist alles, was von den drei Quellen Jerusalem, Athen und Rom herrührt“ ist eine – Verfälschende – Entlehnung aus dem Zitat von Theodor Heuss: Er hatte gesagt, Europa definiere sich „auf alle Zeit durch die drei Hügel: Akropolis, Capitol und Golgotha“. Damit ist gemeint: auf den griechische Logos, das römische Rechtsdenken und die christliche Religion. Heuss‘ Zitat ist prinzipiell „erweiterungsfähig“ (etwa um die arabische Gelehrsamkeit oder den keltischen Individualismus) und er sagte auch sehr richtig, dass sich Europa so definiert, nicht, dass es dort herrührt bzw. stammt. Man kann, nach Heuss, „Europäer“ sein, ohne von europäischen Eltern abzustammen, in Europa aufgewachsen zu sein – oder in Europa zu leben. Europäische Kultur ist nicht an „Blut“ oder „Boden“ gebunden!
    Allerdings halte ich Heuss‘ auf die vor dem Hintergrund der Situation der 50er Jahre zu sehende Aussage heute für problematisch.

    MartinM

    8. Mai 2008 at 21:09


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