shifting reality

Es gibt kein richtiges Lesen im valschen!

Weil es so nervt: nochmal bulgarische Zwangsarbeiter am freien Arbeitsmarkt

with 14 comments

Einerseits kann man ja mit etwas ästhetischem Empfinden bei der ganzen Bloggerei die Geschichte und historische Bezüge zur Gegenwart in Form einer elastischen Rezeptions-Bricolage von grosser Plastizität ausbreiten.

Andererseits kann man bei der Bastelei in Permanenz schon mal den Überblick verlieren, vor allem, wenn einem die Beschaffenheit der Einzelteile, die man zusammenwerkelt, nicht irgendwann auch mal klar geworden ist, trotz unserer Eltern, Grosseltern und Lehrer.  Vielleicht haben sich die Bastler auch nicht ausreichend mit den Rändern ihrer zusammenzufügenden Versatzstücke beschäftigt, um wenigstens mittels geschickten Zurechtschleifens  ein Bild herbeizumanipulieren, dass immerhin so stimmig tut, dass es dem Betrachter-Leser der Bastelei nur geringe Glaubens-Anstrengung abverlangt.

Und drittens kann dem Leser der geschichtssprachlichen Basteleien eben der Anspruch an seine Glaubens-Fähigkeiten sehr auf die Nerven gehen, so sehr, dass er nach wiederholter Beschäftigung mit der unsinnigen Struktur der Bricolage, die angeblich gutgemeint ist, beschliesst, in ihr die Bestätigung ihres Gegenteils zu sehen, das sich ja in jeder Struktur verbirgt. 

Dementsprechend setze ich gegen dieses:

http://www.bissige-liberale.com/2008/05/04/ueber-bulgaren-und-andere-minderwertige-fremdlinge/

jenes:

„Ende 1944 arbeiteten mehr als 7,5 Millionen ausländische Arbeitskräfte, davon ein Drittel Frauen, für geringe Bezahlung oder auch ohne Lohn in fast allen Bereichen der deutschen Wirtschaft. Nur so konnte die NS-Führung der deutschen Bevölkerung bis Kriegsende einen relativ hohen Lebensstandard sichern und den massenhaften Einsatz von deutschen Frauen in der Wirtschaft lange vermeiden.“ http://www.dhm.de/lemo/html/wk2/kriegsverlauf/zwangsarbeit/index.html

Kommentare? Ach, das war der „nationale Sozialismus“? Es gab keinen Markt im Dritten Reiche? Es gab gar kein freies Unternehmertum? 

 

 

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Written by talbert

11. Mai 2008 um 16:58

Veröffentlicht in Ökonomie, die Moral

14 Antworten

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  1. Dieses Unternehmertum war so eigentümlich frei, dass es locker vom organisierten Kapitalismus zur Sklavenhaltergesellschaft zurückfand. Wie andernorts schon gesagt: Auschwitz war die Weiterentwicklung des Industriekapitalismus bis zur Ausbeutung buchstäblich bis auf die Knochen. Capita listi hießen die vermögenden, nichtsenatorischenUnternehmer des Ritterstandes in Rom, die in Werkstätten und Handwerksbetrieben Sklaven beschäftigten, da kommt der Begriff her. Die Vorstellung, Kapitalismus sei ausschließlich ein Freimarktmodell radikal-wirtschaftsliberalen Zuschnitts ist eine Chimäre, die ich nur innerhalb der Bloggosphäre und in INSM-Kreisen kennengelernt habe. Also eigentlich gesamtgesellschaftlich völlig irrelevant.

    che2001

    11. Mai 2008 at 23:08

  2. „Rezeptions-Bricolage von grosser Plastizität“ – reif für den Grimmepreis 😉

    flatter

    11. Mai 2008 at 23:26

  3. Und weil es wieder so gut dazu passt:

    statler diskutiert die einhundertsechsunddreissig gezählten durch rechtsradikale Gewalt Getöteten, und in 80 Kommentaren wird zuverlässigst eine Diskussion über „Migranten“- Gewalt und die Linker draus.

    DAS IST ES.

    T. Albert

    12. Mai 2008 at 11:11

  4. Oder auch nicht

    Moment mal!

    Erstens. Die real im Netz existierenden Netzliberalen (unter besonderer Berücksichtigung sehr spezieller Exemplare) sind per definitionem anti-totalitär. Deshalb dürfen sie, ohne Widerspruch in den eigenen Reihen, über ihre weltanschaulichen politischen Gegner behaupten, dass jene in dieser Frage eine Gesinnung sehr genau entsprechend der NS-Diktatur hätten – und die Bulgaren für minderwertige Fremdarbeiter halten würden.

    Das ist nun einmal Fakt: Auf diese Weise darf ein extremer (Netz-)Liberaler (aber nur der!) sagen, dass alle, die seine Meinung in dieser Frage nicht teilen, eine sehr ähnliche Denkstruktur hätten wie eben die Nationalsozialisten 1933ff. Das wird von seinen weltanschaulichen Freunden vermutlich für argumentativ feinsinnig, notwendig und vor allem vollauf zutreffend gehalten.

    Zweitens. Der Markt ist ebenfalls per definitionem frei. Wenn also irgendetwas in unserer Gesellschaft auf Märkten geschieht, was wir für mies oder ausbeuterisch halten, dann und genau dann stimmt, abgeleitet von der unerschütterlichen Definition, mit uns etwas nicht.

    Mit anderen Worten: Die Wirklichkeit kennt keine Fälle von schlimmer Ausbeutung, der Unternehmer ist edel und gut, Gewerkschaftler sind alle Verbrecher usw. usf.

    Drittens. Hätten Unternehmen zu Nazi-Zeiten die Zwangsarbeiter mit – vergleichbar – zwei Euro pro Stunde entlohnt, dann verbleibt es immer noch ein Riesen-Unterschied:

    Die Bulgaren sind ja per definitionem freiwillig hier. Der Gedanke, jedenfalls für bestimmte (Netz-)Liberale, dass bei derart abhängigen, schlechten und übelst entlohnten Verhältnissen, nicht sonderlich viel Freiwilligkeit im Spiel sein kann, der muss – ebenfalls folgend aus der Definition – ungedacht bleiben. Es wäre ja (weltanschaulich) unerhört!

    Das würde bedeuten, dass sich auf Märkten (die ja eigentlich per definition superfrei sind) private Macht konstituiert – und diese missbrauchbar ist wie jede Machtposition, sogar im Gefolge eines „freiwilligen“ Vertragsabschlusses. Es wäre dann sogar generell denkbar (und: hier ist es so), dass Zwangslagen auf Märkten ausgenutzt werden und Versprechungen nicht eingehalten werden – während der bulgarische Arbeitnehmer hier weitgehend wehrlos ist.

    Viertens. Wer sich aus weltanschaulichen Gründen auf die Seite übler Ausbeuter stellt, während er seine politischen Gegner in die Nähe von Nationalsozialisten stellt, ist ein edler Mensch mit überaus trefflichen Urteilsvermögen.

    Oder auch nicht.

    Fünftens. Die NS-Herrschaft war das Paradies für meisten Unternehmer. Sie machten Riesengewinnne, sie wurden rechtlich und ideologisch als „Betriebsführer“ überhöht, während der Staat die Arbeitnehmerseite weitgehend entmachtet hatte. Der NS-Staat erwies sich aus Sicht des (akkumulierten) Privateigentums weit überwiegend als Schutzmauer gegen den Bolschewismus.

    Deshalb gab es von Unternehmerseite auch keinen* Widerstand gegen die NS-Herrschaft.

    Der NS-Staat war das Paradies der Unternehmer.

    (*Jedenfalls, wenn man mal von linksliberalen Unternehmern wie Bosch oder dem bis heute weitgehend unbekannten Hamburger Kreis absieht. )

    Dr. Dean

    12. Mai 2008 at 11:38

  5. „statler diskutiert die einhundertsechsunddreissig gezählten durch rechtsradikale Gewalt Getöteten, und in 80 Kommentaren wird zuverlässigst eine Diskussion über “Migranten”- Gewalt und die Linker draus.“
    Ist mir auch unangenehmst aufgefallen – es ist offensichtlich gar nicht mehr möglich, in „liberalen“ Blogs den politischen Dumpfbacken zu entgehen und den Blick dahin zu lenken, wo die wirklichen Probleme sind. Egal, wie differenziert man in so einem Blog schreibt – angesichts der Kommentare wird einem klar, dass die „Leserschaft“ offensichtlich ihre liebgewonnenen Klischees bedient haben will.
    Der Impuls, keine Perlen vor die Säue zu werfen, mag arrogant sein; aber die Säue mit ihren immer gleichen Klischees können einem schon den Spaß am Bloggen nehmen.
    Das ist zwar nicht der einzige Grund, aber einer der Gründe, weshalb ich nicht mehr beim B.L.O.G. schreibe. Ein andere Grund ist der, dass ich nicht wüsste, wie ich mich im B..L.O.G. von Beiträgen wie dem zu den „bulgarischen Arbeitern“ distanzieren könnte – und ich von der werten Leserschaft in eine Schublade gepresst werde, in die ich beim besten Willen nicht passe.

    MartinM

    12. Mai 2008 at 12:11

  6. Das ist ja echt gruselig da drüben beim A-Team – aber Statler hält sich echt wacker, Respekt!

    Martin, Du kannst von mir aus immer noch gerne hier mitmachen, wenn Du willst!

    momorulez

    12. Mai 2008 at 12:55

  7. Nein danke, denn dann würde ich unter Umständen in der „linken“ Schublade landen …

    MartinM

    12. Mai 2008 at 13:29

  8. Hmm, für mich geht das inzwischen auch eher in Richtung http://youtube.com/watch?v=NYW6mgIN6Pk

    Jedenfalls war die Art, wie sich die Diskussion entwickelt hat, nicht unbedingt so, daß es den Spaß am Bloggen gesteigert hat.

    statler

    12. Mai 2008 at 13:30

  9. @Martin:

    O Schreck! Das wäre ja fürchterlich 😉 …

    @Statler:

    Ja, diese Hymne habe ich im letzten Jahr auch verdammt oft angestimmt …

    momorulez

    12. Mai 2008 at 13:57

  10. Ich habe mir meine Schublade – nicht zuletzt deshalb – gewählt. Ich sehe es tatsächlich als eine Art „Ausgleich“ in Bezug auf tatsächliche gesellschaftliche Machtverhältnisse, wobei (da bin ich sehr schwach) das die Gefahren nicht mindert, die mit dem argumentativen Holzhammer verbunden sind.

    Es gehört, vermute ich, zu den Gefahren zugespitzter (und einem Lagerdenken verhafteter) politischer Positionen, besonders im Internet, dass man sich damit einen Kommentatorkreis erzieht und v.a. heranzieht, der sich im Wesentlichen aus der Frontstellung definiert.

    Es fehlt die Mäßigung durch „face to face“ und andere menschliche Komponenten der Kommunikation.

    Dazu kommt eine gewisse Eigendynamik, die sich aus dem Heroismus-Getue einiger Netzliberaler ergibt, der m.E. ganz gut zu einer Überdosis Selbstgewissheit beiträgt.

    (Ein Problem, das m.E. eigentlich eher typisch ist für die Linke in Deutschland)

    Vielleicht kann man sogar auch das als Gegenreaktion auffassen (und auch: die Sozialstaatsfeindlichkeit ist trotz vieler irrationaler Züge auch eine Reaktion auf tatsächliche Probleme infolge hoher Steuer- und Abgabenbelastungen). Hmm. Wie also damit umgehen?

    Insofern – hier verlasse ich einmal kurz die politischen Frontlinien – verstehe ich das Gefühl der Ratlosigkeit, aber möchte zugleich einen möglichen Ausweg anbieten:

    Geduldige Aufklärung.

    Dazu gehört dann, auch im Sinne notwendiger geistiger Offenheit (und hier bin ich erneut ein eher schlechtes Beispiel), dass man gezielt regelmäßige „Ausflüge“ unternimmt, welche die ideologischen Trennmauern überwinden.

    Es ist für politische Blogs ein sehr mühseliger Weg für eine gehobene Diskurskultur, und die Mitstreiter, die man dafür benötigt, mögen selten sein im Vergleich zu der Zahl derjenigen Menschen, die sich „klar“ auf eine Seite begeben (teils übrigens: mangels Alternativen).

    Um den Rat zu konkretisieren: Gründet einen Gemeinschaftsblog, der in sich wirklich divers ist und wo euer Ideal einer hohen Diskurskultur verfolgt wird. Schmeißt dort z.B. einfach (ganz unliberal) alle diejenigen – jedenfalls zeitweise mit der Möglichkeit der Rückkehr – raus, denen allzu schnell das Wort „Migrantenkriminalität“ aus der Tastatur gleitet.

    Um einen weiteren Rat zu geben: Macht einfach mal ein paar „Gastauftritte“ hinter den Frontlinien. Ich halte das für hilfreich.

    Es lohnt es sich m.E. auch, sich ganz besonders damit zu befassen, wie man Kommentatoren umgeht, jedenfalls dann, wenn sie einen – wie im konkreten Fall – einige Kraft und Mühe kosten, und zwar auf mutmaßlich eher unnütze Weise.

    Wenn ich in meinem Blog viele Kommentare mit fragwürdiger Tendenz habe, dann wünsche ich mir bzw. meinem Blog eine Funktion, um „diskurswidrige“ Kommentare nach hinten zu verfrachten.

    (so ähnlich, wie das bei Indymedia abläuft)

    Aber das ist nur ein Teil der Antwort. Ich denke, in Zusammenhang mit der kommenden Bundestagswahl wird das Politbloggen wieder ein wenig mehr Spaß machen, aber ich fürchte, auch der Un-Spaß wird zunehmen.

    Mein Ratschlag wäre – in Bezug auf Statler und MartinM:

    Frontlinien-Flexibilität.

    Klingt doof – und ist es evtl. auch. Aber vielleicht ist es einen Versuch wert.

    Dr. Dean

    12. Mai 2008 at 14:27

  11. (sorry wegen meinem Kursiv-Missgriff!)

    Dr. Dean

    12. Mai 2008 at 14:28

  12. Dean

    jezz machste mich gerade ganz ungeduldig.
    Wen meinste denn?
    Ausserdem: der Statler weiss ja gar nicht, wie frontlinienflexibel ich ihn oft gut finde, trotz sehr diverser Standpunkte; geht ihn auch nix an. Reicht ja, ab und zu mal zuzustimmen.

    T. Albert

    12. Mai 2008 at 14:48

  13. @ T. Albert – Hmm. Vielleicht habe ich es nicht deutlich genug geschrieben. Einerseits meine ich, dass es da ein allgemeines Problem gibt, bei Politblogs allgemein – und umso stärker je kämpferischer diese sich geben. Andererseits waren meine billigen und eventuell gänzlich untauglichen Ratschläge an diejenigen addressiert, die sich u.a. wg. der Bulgarientirade und der dutzendfachen „Migrantengewalt“ in heimischen Liberalblog-Gewässern zunehmend unheimisch fühlen.

    Dr. Dean

    12. Mai 2008 at 15:40


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