shifting reality

Es gibt kein richtiges Lesen im valschen!

Materialien zum Versuch einer Subsistenzkunst: Seine, meine und ihre Wohnung ist ein schöner Ort zum Ausstellen (Buren)

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Die Macht ist von den Zwecken des Künstlers abgezogen und auf die des Konservators, Museumsdirektors, Magazinverlegers oder von sonstwem verlagert worden. Es gibt ein wirklich ungeheuerliches Beispiel, das mir sehr gut gefällt. Nach 1967 waren selbst Leute mit völlig gegenläufigen Arbeiten in der Lage, irgendwo auszustellen, sei es mit Hilfe von irgendjemandem oder von ihrem eigenen Kopf. Das war spannend und schwierig, … eine Bäckerei ist eine Ausstellungsvitrine, die Wohnung eines Freundes ist ein schöner Ort zum Ausstellen usw.. Alles das wurde abgetan und ist beinahe in Vergessenheit geraten, weil es für zu dumm oder zu naiv gehalten wurde. Während der sechziger Jahre kehrte man in die Museen zurück, die Galerien wurden immer wichtiger. 1986 geht plötzlich ein Museum hin und findet selber eine Möglichkeit, Geld und Prestige für das Ausrichten einer Ausstellung zu bekommen: „Chambres d’amis“. Und was ist das für eine Ausstellung? Nicht etwa geht es dabei um ein oder zwei Künstler im Museum: Vielmehr stellen siebzig Künstler ihre Arbeit in siebzig Genter Privathäusern aus. 1967-1968 sagen mehrere Künstler mangels Vertrag: „Wir finden keine Galerie, also lasst uns draussen ausstellen.“ Zwanzig Jahre später fasst der Direktor eines Museums den lächerlichen Beschluss, in einem Privathaus auszustellen, weil das öffentlicher ist, als in einem Museum auszustellen… Er überzeugt siebzig Künstler, …in diesen Häusern auszustellen, und sieben Monate später erhält selbiger Direktor einen Preis für das Konzept seiner Ausstellung!

Daniel Buren, Erscheinen Scheinen Verschwinden,
Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen, Düsseldorf, 1996

http://www.gogood.ch/malerei/seine_meine/ausstellung.htm

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Written by talbert

16. Mai 2008 um 16:53

Veröffentlicht in Nicht kategorisiert

4 Antworten

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  1. Subsistenzkunst = Kunst als Mittel der Selbsterhaltung fernab von Märkten? Die Vermeidung von Akzidenz in der Kunst? Durchseeltes, körperloses und der Ewigkeit gewidmetes Kunstschaffen? Oder geht es um Subsistenz-Räume in der Kunste?

    (begrifliche Fragen zum Wort Substistenzkunst)

    Die Idee des Museumsmachers finde ich toll, allerdings wird sie erst durch das Akzidentielle des Aufmerksamkeitswertes lebendig, durch den Zuspruch der Öffentlichkeit oder evtl. durch ihre Verankerung in einer Kunstzzene.

    Ich hätte beinahe geschrieben, dass derartige Konzepte nur dann und nur so häufig vermarktbar (ups!) sind wie sie Aufsehen erregen, aber nun – vielleicht ist es vom Ansatz her bereits lebendiger im Vergleich zur oft toten Musealität z.B. einer städtischen Kunstgalerie.

    Je mehr ich mir darüber Gedanken mache, umso mehr wünsche ich mir für meine Stadt, dass dort so etwas einmal im Jahr stattfindet.

    Dr. Dean

    16. Mai 2008 at 21:30

  2. (und mir fällt ein, peinlich spät, dass ich in Berlin Moabit an einer derartigen Veranstaltungsform einmal teilgenommen habe, als Zuschauer und Musiker – der Witz war damals, dass die ganze Sache reinweg über Mundpropaganda verbreitet wurde und dennoch ziemlich viel Rummel gemacht hat)

    Dr. Dean

    16. Mai 2008 at 21:34

  3. Kennt ihr noch die Manifeste der Gruppe COBRA (Asger Jorn, Nieuvenhuis und so)?

    che2001

    16. Mai 2008 at 22:23

  4. Ja, klar, die Cobra-Texte, die gehören auch zu diesen Materialien. Die Situationisten-Sachen, usw. Dis sollten wir mal wieder studieren, weil dort nicht nur die Rede von Märkten ist, sondern von diskursiver Selbstbestimmung, die eben nicht in der Regelhaftigkeit von Märkten aufgeht, nicht dort immer wieder in ein System der Repräsentation verwandelt wird, das die Objekte überformt. Und die Autoren und ihr Verhältnis zum „Publikum“. Die Künstler sollten sich die Diskurshoheit bezüglich ihrer Arbeit wiederholen. Da haben sie irgendwann mal nicht aufgepast, und jetzt sind sie faktisch Angestellte ihrer Verwerter, mit Sklavenfreude, und wundern sich dabei, dass sie gesellschaftlich keine Rolle mehr spielen, es sei denn als intellektuelle Dekoration, und nicht mehr ernstgenommen werden. Wozu auch?

    Na, bis morgen abend. Ich muss das morgen den ganzen Tag so diskutieren, dass sich konsequenzen für die praktische Lehre ergeben.

    T. Albert

    16. Mai 2008 at 23:27


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