shifting reality

Es gibt kein richtiges Lesen im valschen!

Was fang ich mit dem Körper an?

with 18 comments

Momorulez hat ja heute schon die großen Fragen auf die Füße gestellt. Ich würde ihm entgegenrufen und an die Überlegungen, die wir im März mal zur Leiblichkeit anstellten, anschließen: „Die wirklich großen Fragen betreffen unsere Körper!“

Also was mich gerade umtreibt, abgesehen von meinem Fachinteresse an der Körpersoziologie, ist folgendes. Weil ich einige Zitate aus unseren Kommentaren zusammen gesucht hatte, bin ich auf nochmal auf meine These gestoßen, dass Bildung nicht nur ein Wissen darstellt, das man erlernt (und in meinem Fall sowas wie Geslelschaft oder Sozialbeziehungen betrifft), sondern eben auch eine Schulung des Auges (also eine ästhetische Bildung) und untrennbar damit verbunden auch ein körperliches Verhältnis zu seinem Wissen. Mir ist das kürzlich auch nochmal an der schönen Studie zum Boxen aufgegangen, die Loic Wacquant schrieb. Das ging schon soweit, dass ich mir überlegte, ob ich nicht doch eine regelmäßig praktizierbare Sportart aufnehmen sollte (was bei mir einiges heißen soll; eine befreundete Soziologin hatte mir drauf auch prompt erzählt, dass sie wegen dieser Studie selbst zum Boxen anfing!).
Woran kann man dieses leibliche Engagement deutlich machen? Vielleicht mit der Erfahrung von Literatur: Die Romane von Albert Camus z.B. klingen für mich nach Weather Report und ich habe sofort den Geruch von warmen Frühlingstagen in der Nase: ich habe „Der glücklichen Tod“ und „Die Pest“ von Camus auf dem Balkon gelesen, während im Hintergrund „Black Market“ hoch und runter lief.

Ein anderes Beispiel wäre das Problem der Solidarität, was für mich immer ein ganz zentraler Wert sowohl im Politischen wie auch und im Privaten darstellt. Dass darin auch ästhetische Dimensionen zu stecken scheinen, deutete T.Albert die Tage mal an und wenn ich den Verweisauf Tschechovs Landhausgemeinschaften heranziehen darf, dann lässt sich Momo’s Satz

„Und weil dieses seltsame Geschöpf zum Knuddeln ist, wenn es Unsinn redet und dabei z.B. niedlich lächelt, einfach, um Kontakt zu halten nach langen Sommertagen, Beisammensein ausfüllend, ist doch egal, was man da quatscht, wenn man abends in den Salons russischer Landgüter zusammen sitzt.“

eben auch als ein solches körperliches/leibliches Verhältnis der Solidarität begreifen: Die Grundlage des Kommunismus ist eben das Beisammensein, eine Gemeinschaft der Körper. Da hatte der Durkheim schon recht, dass Solidarität durch eine gemeinsame Tätigkeit hervorgerufen wird (auch wenn er mit Solidarität das einverleibte moralische Zwangskorsett der Gesellschaft meinte und keineswegs eine Partizipation am Handeln und Denken anderer).
Aber was heißt das für einen Cezanne, oder einen Beckett, und meinetwegen auch für einen Meese?

Das ganze ist natürlich nich ganz unproblematisch. Eine der zentralen Schlagwörter von Judith Butler etwa ist das „leidenschaftliche Verhaftetsein“, welches noch die verletzten Identitäten körperlich an den sie verletztenden „normativen Heterosexismus“ bindet. Und doch bin ich mir sicher, dass ohne eine körperliche/leibliche Teilhabe die „großen Fragen“ nicht „beantwortet“ werden können. Bourdieu, der ja schon so etwas wie eine fundamentale Referenz meines Denkens darstellt, weil sich durch ihn meine Blicke anders richten, mein Denken andere Wege nimmt (alles Metaphern, die auf einen Körper bezug nehmen), hat die Vorstellung eines homo oeconomicus, oder die einer abstrakten und theoretischen Vernunft mal die“scholastische Verblendung“ genannt. Und recht hatte er. Ausdrücken kann er’s übrigens auch viel besser:

„Weil der Körper (in unterschiedlichem Ausmaß) exponiert ist, weil er in der Welt ins Spiel, in Gefahr gebracht wird, dem Risiko der Empfindung , der verletzung, des Leids, manchmal des Tods ausgesetzt, also gezwungen ist, die Welt ernst zu nehmen (und nichts ist ernsthafter als Empfindungen – sie berühren uns bis ins Innerste unserer organischen Ausstattung hinein), ist er in der Lage, Dispositionen zu erwerben, die ihrerseits eine Öffnung zur Welt darstellen, das heißt zu den Strukturen der sozialen Weltm deren leibgewordene Gestalt sie sind.“
P.Bourdieu (2001) Meditationen. Kritik der scholastischen Vernunft, Frankfurt/Main: Suhrkamp, S.180.

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Written by lars

16. Mai 2008 um 14:47

18 Antworten

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  1. Du mußt echt mal Merleau-Pontys Phänomenologie der Wahrnehmnung lesen – das ist ja eine Theoriepraxis des gelebten Leibes, die meiner Ansicht nach sich nicht in Solipsismus oder „Privatsprachen“-Fallen verfängt.

    Die großen Themen Fouaculst in „Überwachen und Strafen“ muß man ja immer mit Merleau-Ponty und Sartre im Hinterkopf lesen, Blick und Körper halt.

    Und man kommt dann immer zur Habermasschen Ssystem/Lebenswelt-Differenz, behaupte ich einfach, auf die sich auch T. Albert im eben geposteten Text bezieht.

    Und wenn man das alles verrührt, dann ist Meese da ’ne Antwort, eine von vielen möglichen: Habermas wieder von der Kognition lösen und der Sinnlichkeit zuführen, und dann so lange in Fingerfarben manschen, bis man seine eigene Mythologie der Welt entgegengesetzt hat. Und dann eben abwarten, wer mitkommen will in’s Pocahontas-Zelt – ist jetzt ein wenig romantisch-eskapistisch, aber schöpferisch und empfangend zugleich sein ist ja nur über Sinnlichkeitsgewinn möglich, und nur so wird man auch dem Anderen gerecht.

    momorulez

    16. Mai 2008 at 17:23

  2. @Momo: Du machst es Dir echt etwas einfach mit dem Hinweis, doch einfach Merleau-Ponty zu lesen. Aus einem solchen Satz lese ich entweder heraus, dass ich komplett daneben liege, oder ein Problem anspreche, dass Du mit dem Verweis auf Merleau-Ponty für gelöst hältst

    Andererseits: Ich habe den Waldenfels zum Leib gelesen (der im Vergleich zu MP sicherlich ein müder Abklatsch ist) und da hab ich halt dann das Problem, dass es doch irgendwann eine philosophischen Begriffsarbeit wird, was ja meine Sache so gar nicht ist. Deswegen ist mir ein Bourdieu, der seinen MP sicherlich gelesen hat, doch angemessener, weil er das Wissen, die Blicke, die Körper, die Vernunft und auch die Irrationalität resozialisert.

    Ich kann’s biographisch und habituell gesehen nur noch andersrum lesen: Sartre mit Foucault und Bourdieu im Hinterkopf. Und den Merleau-Ponty, ja den wollte ich mir heute bestellen, aber 100 Euro sind mir einfach zu viel für seine Phänomenologie der Wahrnehmung. Irgendwo habe ich noch ein paar Paragraphen daraus in meinen Sammelordnern, aber leider nur ein paar Seiten, von denen ich vor vier Jahren dachte, dass sie für meine Diplomarbeit ganz nützlich sein könnten. Und so in einem durchlesen, dass schaffe ich bei philosophischen Büchern, die mehr als 70 Seiten haben, auch nicht.

    Deine Habermaszeilen müsstest Du auch nochmal erläutern. Ich glaube nämlich, dass wir auf je etwas anderes zielen. Mir geht es bei der Emphase des Körpers ja erst einmal darum, herauszukehern, dass Leute wie Habermas, Weber und der Großteil der soziologischen Klassiker den Körper einfach ignorierten. Von den politischen Theorien ganz zu schwiegen. Der Arthur Frank, ein englischer Körpersoziologe hat einen seiner Aufsätze mal derart angefangen: „What if Mead titled his book body, self and society?“ Und das ist wirklich eine wichtige Anmerkung für mich. Ich könnte natürlich auch fragen: Warum hat Habermas zwar eine kommunikative, aber keine leibliche Vernunft entworfen?

    Naja however, mich beschäftigt es gerade und deswegen tippe ich diese Zeilen hier mit meinen Fingern, vor allem weil ich das nicht für mich allein im Pocahontaszelt der Merleau-Ponty-Lektüre klären will.

    lars

    16. Mai 2008 at 19:53

  3. @“Warum hat Habermas zwar eine kommunikative, aber keine leibliche Vernunft entworfen?“ — Na, weil er in der körperfremden Welt der Kritischen Theorie sozialisiert wurde und keinen Foucault, keine feministisch/antisexistische/dekonstruktivistische Gesellschaftskritik kennt, die philosophische Variante der Dekonolisierungsmodelle (Fanon, Nkrumah, Negritude, Dependencia, Black Consciousness, Maori-Spirit) nicht zur Kenntnis genommen hat und also in den Traditionen der scholastischen Körper-Seele-Geist-Trennung denkt, die die Psychoanalyse zwar problematisiert, aber nie überwunden hat.

    che2001

    16. Mai 2008 at 22:37

  4. @Lars:

    „Du machst es Dir echt etwas einfach mit dem Hinweis, doch einfach Merleau-Ponty zu lesen.“

    Wieso? Was hättest Du denn gern so an Schwierigkeiten für mich?

    „Mir geht es bei der Emphase des Körpers ja erst einmal darum, herauszukehern, dass Leute wie Habermas, Weber und der Großteil der soziologischen Klassiker den Körper einfach ignorierten.“

    Ja, eben. Das wollte ich ja sagen. Es ist aber so, daß Habermas gute Gründe hatte, zwischen Struktur und Institution einerseits, Subjekt andererseits die Intersubjektivität zu schieben – er hat’s nur falsch reduziert, weil Kognition ohne Körperlich/Leiblichkeit eben auch nicht geht.

    „vor allem weil ich das nicht für mich allein im Pocahontaszelt der Merleau-Ponty-Lektüre klären will.“

    Das Schöne an Merleau-Ponty ist ja, daß er jenseits von Pocahontas zeltet …

    momorulez

    16. Mai 2008 at 23:33

  5. @Che:

    „und keinen Foucault, keine feministisch/antisexistische/dekonstruktivistische Gesellschaftskritik kennt“

    Das stimmt nicht. Genau damit setzt er sich in „Faktizität und Geltung“ auseinander, allerdings nicht den Vorgaben irgendwelcher studentischen Flugblätter folgend.

    Und es ist ja nun auch nicht jenseits des Kolonialismus, die Negritude und den Maori-Spririt als Aufhebung des vermeindlich seit der Scholastik dominierenden Leib/Seele-Problems zu verstehen – das ist nun auch ’ne ziemlich haarige Interpretation.

    Das sich in der Sprachanalyse, die Habermas maßgeblich beeinflußte, ja gar nicht wirklich stellt, weil Sprache eben nur in ihrer körperlichen Materialität des Sprechens, Schreibens und dem doppelten Sinn von Sinn – hören/lesen und verstehen – funktioniert.

    Finde sowieso das Gegeneinanderausspielen „kommunikativ“ versus“ leiblich“ ein wenig krude … ein Kinnhaken ist ja auch ’ne Form kommunikativen Handelns.

    momorulez

    17. Mai 2008 at 8:27

  6. @Momo:
    Na, mich ärgert halt einfach der Verweis, doch erst mal Merleau-Ponty lesen zu müssen, um das Problem lösen zu können.

    Und den verweis auf die Privatsprache jabe ich immer noch nicht verstanden, zumal mir das Pocahontaszelt und die eigene Mythologie vom Konzept einer Privatsprache allzuweit entfernt scheinen – die Flaschenpost im übrigen auch nicht.

    Naja, und was die Trennung Struktur – Intersubjektivität – Subjekt betrifft, so halte ich die tatsächlich für problematisch, insofern ich das Subjekt eben auch als Struktur anderer Größenordnung verstehe. Ich bin da wohl doch eher bei Elias als bei Habermas. Wozu die Trennung zwischen Subjekt und Struktur führt, zeigt sich in der nackten Ideologie ja dann bei Parsons und seiner Verinnerlichung zentraler gesellschaftlicher Werte in das Persönlichkeitssystem.

    @Habermassche Sprachtheorie: Korrigier mich bitte – bin schließlich kein Habermaskenner -, aber die sprachlichen Grundlagen übernimmt er doch maßgeblich von Mead und den symbolischen Interaktionisten.
    Und zumindest bei Mead hört spätestens bei den signifikanten Symbolen der Körper auf, eine Rolle jenseits der rein materiellen Reproduktion des Lautes oder der Geste zu spielen. Dass diese signifikanten Zeichen ja von allen gleich verstanden und reproduziert werden können, ist bei Mead ja dann auch die Grundlage für eine friedliche demokratische Gesellschaft.
    Aber an dem einen Punkt hat der Che mit seinem Verweis auf die neuen sozialen Bewegungen nämlich schon recht: dass die Trennung zwischen Siginikant und Signifikat nun mal endgültig ist, was ein Mead ja gänzlich von sich gewiesen hätte. Für ihn waren Sprachrepertoires evolutionäre Errungenschaften, hinter die man nicht mehr zurück fallen konnte.

    Die Frage ist im übrigen nicht, ob jede Kommunikation materiell und damit körperlich ist, sondern ob dem Körper ein Eigensinn jenseits symbolischer und damit kognitiver Dimensionen zugesprochen werden kann. Und ich würde behaupten: es gibt eine sinnliche Rationalität jenseits einer sinnhaften Rationalität, umgekehrt aber nicht.

    lars

    17. Mai 2008 at 14:34

  7. @Lars:

    „Na, mich ärgert halt einfach der Verweis, doch erst mal Merleau-Ponty lesen zu müssen, um das Problem lösen zu können.“

    Nö, aber er hilft dabei, es lösen zu können – sieh’s doch als Literaturtipp.

    Das ist eh ’ne Art von „Problem“, das man nicht „lösen!“ sondern bestenfalls leben kann.

    Deshalb halte ich es auch für grundfalsch, das „Subjekt“ als Struktur zu begreifen, dann, wenn man es als reale Person versteht, nicht als methodisches Postulat, . Und genau dabei hilft dann Merleau-Ponty wirklich, wenn man wissen will, warum – aber auch vieles aus der Literatur von Joyce bis von mir aus Michael Chabon.

    Weil ja weniger die Frage ist, wer von welchem Denker herkommt, sondern was am meisten Sinn macht.

    In der Musik kann man dann lernen, daß es keinen Sinn mehr macht, von Subjektivität als Struktur zu reden – Erfahrung und Erleben sind dann ja gerade nicht mehr strukturiert, sondern das ist Sinnlichkeit, die über Individualität weit hinaus weist und trotzdem Erleben ganz ausfüllt.

    „Wozu die Trennung zwischen Subjekt und Struktur führt, zeigt sich in der nackten Ideologie ja dann bei Parsons und seiner Verinnerlichung zentraler gesellschaftlicher Werte in das Persönlichkeitssystem.“

    Und wo ist da jetzt das Argument? Das führt genau so zu Adorno.

    Habermas schöpft aus verschiedenen Quellen, auch Mead, aber ebenso Wittgenstein, Austin, Searle, Apel -und mit denen, denen er „Semantizismus“ unterstellt aus sprachpragmatischer Perspektive, verbindet ihn eine jahrzehnteange Auseinandersetzung.

    Das unterscheidet ihn ja von all denen mit den großen Thesen: Er setzt sich wirklich auseinander. Dabei kommt dann zwar auch mal eine Anhäufung kruder Fehlinterprationen heraus wie im „Philosophischen Diskurs der Moderne“, so what, er tut’s.

    „Für ihn waren Sprachrepertoires evolutionäre Errungenschaften, hinter die man nicht mehr zurück fallen konnte.“

    Das ist bei Habermas ebenso, aber das ist ja u.UU. eher das Problem – und ich habe seinen Versuch der Theorie kommunikativen HANDELNS immer als Versuch gelesen, gegen sowas wie einen bedeutungstheoretischen Idealismus die ganz reale Person und ihr ganz konkretes, auch körperliches Handeln nicht unter den Tisch zu kehren.

    Daß bei einer Konzentration auf die Geltungsansprüche richtig und wahr dann die propositionalen Strukturen und die Begründung von Handlungsregeln in den Mttelpunkt rücken und anderes außen vor bleibt, das ist halt so, muß ja nicht jeder immmer gleich alles beantworten.

    „sondern ob dem Körper ein Eigensinn jenseits symbolischer und damit kognitiver Dimensionen zugesprochen werden kann.“

    Na, wenn Du Kognition und symbolische Dimension zusammenfallen läßt, dann kommst Du ja zu einer Reformulierung des Leib-Seele-Problems.

    Manches sollte man tatsächlich lieber malen oder sonstwie erfahren, anstatt es theoretisch einholen zu wollen, glaube ich. Und hinsichtlich kritischer Gesellschaftstheorie dann halt vehement für jene Erfarungsraummöglichkeiten jenseits eines total gewordenen Funktionalismus plädieren, da sind wir ja eh immer alle gleichermaßen bei Horkdorno.

    Sobald man letzteres jedoch tut, theoretisieren, kommt man um sinnhafte Artikulation und eine Reflexion auf Sprache als Medium nicht herum.

    momorulez

    17. Mai 2008 at 18:06

  8. Ja und nein. Gerade die Musik hat mich gelehrt, dass es dabei um eine totale Subjektivierung geht, die hochgradig eine Strukturiertheit der Erfahrung und um eine Formierung des Körpers im Dienste der Sinnlichkeit einschließt. Und dass ich in Transzendenzerfahrungen nicht unbedingt das Glück sehe, darfst Du gerne meinem protestantischen Körper zuschreiben. Aber ich möchte nicht schon wieder darüber diskutieren, ob die Kunst vorerst nur Stellvertretercharakter habe oder nicht. Auch habe ich Adorno immer so gelesen, dass in einer versöhnten Gesellschaft beides verschwände: Subjekt und Gesellschaft. Aber die ganz realen Personen sind nidht zu trennen von den Strukturen, in denen sie leben und die sie ausmachen. Und das betrifft sowohl die mentalen Strukturen als auch die körperliche hexis. Strukturen sind einfach mehr als bloße Ideologie, sie sind ganz real, alltäglich und durch uns gelebt.

    Aber eigentlich interessiert mich hier nicht die Frage, ob man wir bei Habermas oder bei Derrida landen müssen. Was mich beschäftigt ist tatsächlich etwas anderes als die Einbeziehung des Anderen, wenn ich von körperlicher Solidarität rede. Ich kann es derzeit nur vage ausdrücken, aber meine Idee ist eben, sich nicht damit zu begnügen, alternative Perspektiven in der Selbst- und Weltdeutung zuzulassen, sondern sie offensiv zu integrieren und eben auch zu verkörpern. Vielleicht sehe ich darin die Aufgabe der Kunst. Nicht Transzendenz zu erfahren, sondern immanente Beziehungen zum Ausdruck zu bringen und leibliches Nachvollziehen zu ermöglichen. Sich im Namen des anderen selbst zu riskieren. Und da hast Du dann mit Deiner Erfahrung recht, das kann man letztlich nicht nur mit theoretischen Abwägungen realisieren. Aber ohne geht es auch nicht. Und meine eigene Erfahrung bezüglich der Sprache sagt mir dann, dass es eben doch auch um so etwas wie eine Aneignung der Bedeutungen geht, und zwar derart, dass es eben nicht um ein esoterisches Sprachspiel der Eingeweihten geht, um exklusives Wissen usw. Vielleicht meint das Habermas mit seiner kommunikativen Vernunft, aber ich finde es halt doch eher bei Bourdieu.

    lars

    17. Mai 2008 at 19:36

  9. @Lars:

    Ich wüßte im konkreten Fall weder, wo ich von Transzendenz geschrieben hätte – was über Individualität hinausweist, muß ja nicht gleich die Transzendenz des Ego sein. Das kann auch das Material sein, mit dem ich umgehe. Auch bei Glück war ich noch lange nicht angelangt.

    „Aber die ganz realen Personen sind nicht zu trennen von den Strukturen, in denen sie leben und die sie ausmachen.“

    Nein, natürlich nicht. Deshalb ist aber trotzdem subjektive Erfahrung und subjektives Erleben nur dann möglich, wenn man diese hinter sich läßt – und überhaupt nur so kommt man wirklich beim Anderen an. Das Postulat „Es gibt Strukturen!“ verweist ja nun nicht auf das Subjekt als Struktur, und auf Intersubjektivität schon gar nicht. Ansonsten kaum Einwand; weiß nicht genau, womit Du gerade kämpfst, ich bin’s jedenfalls nicht. Außer:

    „Gerade die Musik hat mich gelehrt, dass es dabei um eine totale Subjektivierung geht, die hochgradig eine Strukturiertheit der Erfahrung und um eine Formierung des Körpers“

    Das halte ich von vorne bis hinten für komplett falsch.

    Aber sonst nichts, was Du schreibst. Ist halt nur immer ein Weg der Erfahrung und nicht des Slogans, sich selbst zu riskieren. Mit meinen fast 42 ist mir das zwei Mal gelungen, das eine mal ging’s gut, und von dem anderen mal habe ich mich bis heute nicht erholt …

    momorulez

    17. Mai 2008 at 21:45

  10. Oh Mann, wie reisst man Fronten ein, die einem anscheinend doch wichtig sind. 😦

    Mache einfach auch gerade eine Denkbewegung, die mir irgendwie quer zu stehen scheint. Ich merke halt, dass mich bestimmte Konzepte stärker überzeugen als andere, z.B. eben die Unmöglichkeit einer subjektiven Erfahrung jenseits gesellschaftlicher Strukturen.

    @ITranszendenz: Ist doch nur verstehen als etwas, dass über den aktuellen Zustand erfahrungsmäßig hinausweist? Aber eine derartige Erfahrung ist mir bislang versagt gewesen. Verstehe ehrlich gesagt aber nicht, was das sinnvoll auf das Material angewendet heißen kann. Ich kenne zwar sowas wie eine intensive Tiefe des Moments, aber es ist doch nichts, was darüber hinaus geht.

    Und was die Musik betrifft, das ist einfach meine Erfahrung, Ich habe das Musizieren halt aufgegeben, als ich merkte, dass ich nur weiterkomme, wenn ich mich einer eisernen Disziplin unterwerfe um die entsprechenden technischen Hürden zu überwinden. Naja und Disziplin ist gewiß keine meiner Stärken. Deeswegen hadere ich wohl insgesamt mit meiner eigenen künstlerischen Praxis.

    Der seltsame Verlaufs der Diskussion, die weder an auf ein Abarbeiten an irgendwas, noch auf einen Streit aus ist, mach mich selbst etwas ratlos.

    lars

    17. Mai 2008 at 22:49

  11. „dass über den aktuellen Zustand erfahrungsmäßig hinausweist?“

    Ist’s vielleicht die Erwartungshaltung? Aber Picasso angucken, mit Ölfarben malen, das erste Mal in einem Avid sitzen, ein Interview führen, eine Examensarbeit schreiben, mich verlieben, ein neues Gericht kochen, eine neue Frisur haben, mit meinem Hund „Rolle“ üben, meine Neffen aufwachsen sehen, neue Leute kennen lernen, mit Dir diskutieren, das ist alles keine Autonomie jenseits von Gesellschaft, die ja nie jemand behauptet hat, aber das alles ändert mich doch ständig, je nach In-Situation-Sein.

    momorulez

    18. Mai 2008 at 8:47

  12. Na, ich verstehe Transzendenz nun mal im Gegensatz zu Immanenz, und das heißt dass es um etwas geht, was über die bloße Raum-Zeit-Ordnung der Erscheinung hinausgeht.

    Und dieses Situation sein, das fällt doch nicht vom Himmel. Das heißt, dass ich da in einem Avid sitze, einen Neffen aufwachsen sehe etc. hängt vor allem von den eigenen geworden sein ab, die mir Handlungsräume eröffnete, in denen ich mich wiederfinde und die mich dann verändern.

    lars

    18. Mai 2008 at 9:53

  13. Das ist doch aber alles kein Einwand …. und außerdem frage ich mich die ganze Zeit, wer hier Transzendenz im von Dir explizierten Sinne eigentlich vertreten hätte.

    momorulez

    18. Mai 2008 at 11:33

  14. Ich gebe zu, dass ich den Transzdenzbegriff anders gefüllt habe als Du, aber dann finde ich eben die „Situierung“ doch klarer.

    lars

    18. Mai 2008 at 11:40

  15. Ja, aber das ist dann ja gewissermaßen wieder nur die „Input“-Relation …

    momorulez

    18. Mai 2008 at 12:03

  16. Aber das umfasst doch dann auch sowas wie eine Selbstsituierung.

    lars

    18. Mai 2008 at 12:07

  17. Finde da ja diesen Unterscheidung zwischen präreflexiv und reflexiv ganz hilfreich – gibt Formen sinnlicher rationalität, die sozusagen im In-der-Welt-sein immer schon drinstecken und permanent Welt mir erschließen, und das ist für mich das Sein-in-Situation. Und solche, die sich er beim Reflektieren auf diese Erkenntnis-Basis, gewissermaßen, ergeben, und zu letzteren würde ich die Selbstsituierung zählen.

    momorulez

    18. Mai 2008 at 13:42

  18. Handlunsgtheoretisch würde ich da prinzipiell erst mal zustimmen. Auch wenn ich die Selbstsituierung nicht gänzlich der Reflexion zuschlagen würde, weil ja z.B. das sinnliche Genießen duchaus ja dieses sich zu etwas verhalten beinhaltet, aber nicht notwendigerweise reflektierend sich vollzieht. Oder zumindestens Ausdruck einer leiblichen Reflexion darstellt.

    lars

    18. Mai 2008 at 13:47


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