shifting reality

Es gibt kein richtiges Lesen im valschen!

Trainer für Trainer

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Kürzlich führte ich im Bekanntenkreis ein Gespräch über Bewerbungen, und da berichtete ein alter Freund eine Story, die er vor Jahren erlebt hatte. Von Haus aus war er Sozialwissenschaftler und lebte als freier Dozent, der bei verschiedenen Bildungsträgern EDV-Seminare und  Kurse zur  politischen Bildung gab.  An der Sozialwissenschaftlichen Fakultät und dem Institut für Publizistik und Kommunikationswissenschaft fand er zwei identische Aushänge, denen zufolge ein Ökonom oder Sozialwissenschaftler mit Berufserfahrung aus der Erwachsenenbildung als Trainer für Trainer gesucht wurde. Er bewarb sich also, wurde auch zum Vorstellungsgespräch eingeladen und erlebte sein blaues Wunder.

Es empfing ihn ein in eine Azzarro-Wolke gehüllter junger Mann von vielleicht 23 Jahren im Armani-Anzug, mit einem Pfund Pomade im Haar, fettem goldenen Siegelring und einer ebenso protzig wie billig aussehenden Uhr made in Singapore.

Sein Gegenüber erwiderte weder seinen Gruß, noch stellte er sich namentlich vor, sondern blätterte heftig schwitzend in der Bewerbungsmappe meines Freundes und fragte, ohne ihm ins Gesicht zu sehen: „Wieso haben Sie sich beworben, um bei uns als Trainer für Trainer zu arbeiten?“. Es klang wie „was willst Du Wichser hier?“. Um es kurz zu machen, unter Trainer für Trainer war nichts anderes zu verstehen als ein Coach für Motivationstrainer im Strukturvertrieb, eine Tätigkeit so halbwegs zwischen Drückerkolonne und Scientology. Und dafür werden Akademiker gesucht….

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Written by chezweitausendeins

25. Mai 2008 um 15:18

4 Antworten

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  1. Ich bin ja der Meinung, dass es längst einen veirten Sektor des Arbeitsmarkts gibt, in dem Leute ebschäftigt werden, andere Leute in beschäftiogung zu bringen. Zumeist sind das tatsächlich Hochschulabsolventen, die in befristeten Verträgen (und auch: befristet aus dem Boden gestampften Instituten) ihre Kolleginnen und Kollegen in Arbeit oder Weiterbildungs- maßnahmen verteilen. Und läuft die Stelle aus, finden sie sich auf der anderen Seite des Schreibtichs wieder und besuchen diesselben Motivationstrainings, die sie einen Monat zuvor selbst gehalten haben…

    lars

    26. Mai 2008 at 10:20

  2. Ja, aber der geschilderte Fall war schon noch etwas anderes. Es ging hier darum, Leute zu trainieren, die Multilevel-Marketing Leute motivieren sollten. Das wiederum ist ein Vertriebswegmitunter hart am Rande der Legalität.

    http://verbraucherschutz.wtal.de/strukturvertriebe-checkliste.htm

    che2001

    26. Mai 2008 at 10:45

  3. Das ist doch ein Traumjob, oder? Der „Trainer für Trainer“ muss in seiner Tätigkeit lediglich drei Sätze wiederholen:

    1. „Kapitalismus ist Freiheit.“
    2. „Bei uns ist alles erlaubt.“
    3. „Wir machen dich reich!“

    Dr. Dean

    26. Mai 2008 at 18:23

  4. Die Kunst ist es, diese Sätze in 30 000 Varianten zu wiederholen.

    che2001

    27. Mai 2008 at 10:54


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