shifting reality

Es gibt kein richtiges Lesen im valschen!

Archive for Juni 2008

Die Tochter des Rabbiners

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Meine Mutter hatte eine jüdische Schulfreundin, die Tochter eines Rabbis war und die sie daher öfter in der Synagoge besuchte. Ein BDM-Mädel in der Synagoge – das mag merkwürdig erscheinen, aber da die Familie nach zwei Jahren Haft des Vaters wegen „staatsfeindlicher Beziehungen zu Juden“ ohnehin untendurch war und sie später einen SS-Hauptsturmführer heiratete passt es in unsere verschlungene Familiengeschichte. Nach 1940 verschwand die jüdische Familie spurlos, und bis vor Kurzem gingen wir davon aus, dass sie im KZ ermordet wurden. Glücklicherweise weit gefehlt – nach 70 Jahren Exil in Kanada kehrt die Schulfreundin zurück, und meine Mutter wird sich mit ihr treffen. Ich hoffe, dabei sein zu dürfen, sowohl als Historiker als auch als Sohn.

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Written by chezweitausendeins

29. Juni 2008 at 22:58

Stellungnahme des bolivianischen Präsidenten zur EU-Abschieberichtlinie

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Negation der Freiheit
Die Abschieberichtlinie der Europäischen Union bedroht die Menschenrechte
und die internationale Zusammenarbeit. Ein Appell des bolivianischen
Präsidenten Evo Morales Ayma
Von Evo Morales Ayma

Mit nachfolgendem Brief wandte sich Evo Morales am Dienstag gegen die
geplante Abschieberichtlinie der EU. Das Dokument wurde in Boli­vien im
Internet veröffentlicht und von den Botschaften verbreitet.

Bis zum Ende des Zweiten Weltkrieges war Europa ein Kontinent der
Emigranten. Dutzende Millionen Europäer gingen nach Amerika, als
Kolonisten, vertrieben von Hunger, Finanzkrisen, Kriegen oder auf der Flucht
vor totalitären Regimen und der Verfolgung ethnischer Minderheiten.

Heute verfolge ich mit Besorgnis die Verhandlungen über die sogenannte
Abschieberichtlinie der EU. Der Text, der am 5. Juni von den Innenministern
der 27 Mitgliedsstaaten verabschiedet wurde, soll am 18. Juni im
Europäischen Parlament zur Abstimmung stehen. Ich bin sicher, daß die
Regelung auf drastische Weise die Voraussetzungen für Inhaftierung und
Ausweisung von Migranten ohne Papiere verschärfen würde, wie lange sie
sich auch schon in den europäischen Ländern aufhalten mögen; ungeachtet
ihrer Arbeitssituation, ihrer familiären Beziehungen, ihres
Integrationswillens und ihrer Integrationsfortschritte.

In die Länder Lateinamerikas und nach Nordamerika kamen die Europäer
massenweise, ohne Visa und ohne Bedingungen, die ihnen von den Behörden
gestellt wurden. Heute wie damals sind sie willkommen in unseren Ländern
des amerikanischen Kontinents, der damals mit den Flüchtlingen auch das
wirtschaftliche Elend Europas und seine politischen Krisen aufgenommen hat.
Die Europäer waren auch auf unseren Kontinent gekommen, um seine
Reichtümer auszubeuten und nach Europa zu schicken. Der Preis für die
Urbevölkerungen Amerikas war hoch, wie das Beispiel der Stadt Potosí am
Fuße des Cerro Rico mit seinen berühmten Silberminen zeigt. Sie lieferten
dem europäischen Kontinent seit dem 16.Jahrhundert und bis zum
19.Jahrhundert den Rohstoff für Münzen.

Die europäischen Migranten, ihr Hab und Gut sowie ihre Rechte wurden bei
uns immer respektiert.
Wirtschaftsfaktor Migration
Heute ist die Europäische Union das Hauptziel der Migranten der Welt. Der
Grund ist der gute Ruf der Europäi­schen Union als Region von Prosperität
und öffentlichen Freiheiten. Die Migranten kommen mehrheitlich in die EU,
um zu dieser Prosperität beizutragen, nicht um sich ihrer zu bedienen. Sie
wirken bei öffentlichen Arbeiten mit, in der Baubranche, im Bereich der
Dienstleistungen und in Krankenhäusern. Sie übernehmen meist Tätigkeiten,
die Europäer nicht ausüben können oder wollen. Sie tragen zur
demographischen Dynamik des europäischen Kontinents bei, zur
Aufrechterhaltung des notwendigen Verhältnisses zwischen aktiven und
passiven Arbeitskräften, das seine großzügigen sozialen Systeme möglich
macht. Sie geben dem Binnenmarkt neue Impulse und stützen den sozialen
Zusammenhalt. Die Migranten bieten eine Lösung für die demographischen und
finanziellen Probleme der EU.

Uns wiederum bieten die Migranten eine Hilfe zur Entwicklung, die uns die
Europäer verweigern – da nur wenige Länder tatsächlich das Minimalziel
von 0,7 Prozent ihres Bruttoinlandsproduktes für Entwicklungshilfe
aufwenden. Lateinamerika erhielt im Jahr 2006 indes 68 Milliarden US-Dollar
Geldüberweisungen von Migranten. Das ist mehr das Doppelte der
ausländischen Investitionen in unseren Ländern.

Weltweit erreichen diese Überweisungen von Migranten an ihre Familien 300
Milliarden US-Dollar. Dieser Betrag übersteigt die 104 Milliarden US-Dollar
Entwicklungshilfe bei weitem. In meinem eigenen Land, Bolivien, entsprechen
die Überweisungen mehr als zehn Prozent des Bruttoinlandsproduktes, rund
1,1 Milliarden US-Dollar und dem Wert eines Drittels unserer jährlichen
Gasexporte.

Die Wirtschaftskraft der Migranten ist trotzdem vor allem für die Europäer
von Vorteil und nur marginal für uns in der Dritten Welt. Wir verlieren
Millionen unserer qualifizierten Arbeitskräfte, in die unsere Staaten,
obwohl sie arm sind, unzählige Ressourcen investiert haben.

Leider verschlimmert die Abschieberichtlinie der EU diese Situation in
erschreckender Weise. Auch wenn wir davon ausgehen, daß jeder Staat oder
jede Staatengruppe die eigene Migrationspolitik in voller Souveränität
definieren kann, können wir nicht akzeptieren, daß unseren Mitbürgern und
lateinamerikanischen Brüdern die Grundrechte verweigert werden. Denn die
EU-Abschieberichtlinie sieht die Möglichkeit der Einkerkerung der Migranten
ohne Papiere bis zu 18 Monate vor. Danach folgt die Ausweisung oder ihre
»Entfernung«, wie der exakte Terminus der Direktive lautet. 18 Monate!
Ohne Urteil und Gerechtigkeit! Der vorliegende Entwurf der Richtlinie
verletzt damit eindeutig die Artikel 2, 3, 5, 6, 7, 8 und 9 der Allgemeinen
Erklärung der Menschenrechte von 1948. Darin heißt es unter anderem:
»Jeder hat das Recht, sich innerhalb eines Staates frei zu bewegen und
seinen Aufenthaltsort frei zu wählen«. Und weiter: »Jeder hat das Recht,
jedes Land, einschließlich seines eigenen, zu verlassen und in sein Land
zurückzukehren.«

Und was das Schlimmste ist: Es wird die Möglichkeit geschaffen, Mütter und
Minderjährige, ohne ihre familiäre oder schulische Situation zu
berücksichtigen, in Internierungszentren einzusperren. Die Folge sind
Depressionen, Hungerstreiks und Selbstmorde. Wie können wir tatenlos
akzeptieren, daß Mitbürger und lateinamerikanische Brüder ohne Papiere in
Lagern eingepfercht werden? Und das, obwohl sie mehrheitlich seit Jahren
dort gearbeitet haben und integriert sind. Auf welcher Seite besteht heute
die Pflicht zu humanitärer Einmischung? Was ist mit der
»Bewegungsfreiheit«, mit dem Schutz gegen willkürliche Haft?
Appell an das Gewissen
Parallel zu dieser Politik versucht die Europäische Union, die
Andengemeinschaft (Bolivien, Kolumbien, Ecuador und Peru) davon zu
überzeugen, ein »Assoziierungsabkommen« zu unterzeichnen, das einen
Freihandelsvertrag einschließt, der sich in Charakter und Inhalt nicht von
den Verträgen unterscheidet, die die Vereinigten Staaten unseren Ländern
aufzwingen.

Wir stehen unter intensivem Druck aus der Europäischen Kommission, die
vollständige Liberalisierung im Handel, in den Finanzdienstleistungen, beim
intellektuellen Eigentum und in unseren öffentlichen Diensten zu
akzeptieren. Außerdem bedrängt man uns unter dem Vorwand des
»juristischen Schutzes« wegen der Nationalisierung von Wasser, Gas und
Telekommunikation, die wir am Internationalen Tag der Arbeit vorgenommen
haben. Ich frage: Wo ist die »juristische Sicherheit« für unsere Frauen,
unsere Jugendlichen, Kinder und Werktätigen, die in Europa bessere
Aussichten suchen? Die Freiheit des Handels und der Finanzen soll
gewährleistet werden, während wir unsere Brüder in Gefängnissen ohne
Urteil sehen. Dies zu akzeptieren hieße, die Grundlagen der Freiheit und
der demokratischen Rechte negieren.

Wenn die Abschieberichtlinie verabschiedet werden sollte, stehen wir vor
einem ethischen Dilemma. Die Verhandlungen über Handelsfreiheit mit der EU
könnten nicht vertieft werden. Wir behalten uns auch das Recht vor, für
EU-Bürger die gleichen Visapflichten festzulegen, die den Bolivianern seit
dem 1. April 2007 auferlegt werden. Bisher haben wir nichts unternommen,
weil wir auf günstige Signale aus der EU gehofft haben.

Die Welt, ihre Kontinente, ihre Ozeane und ihre Pole sind von Problemen
belastet: die globale Erwärmung, die Verschmutzung, der langsame aber
sichere Verbrauch der Energieressourcen und die bedrohte Biodiversität.
Hunger und Armut wachsen in allen Ländern und schwächen unsere
Gesellschaften. Die Migranten, ob mit oder ohne Papiere, zu Sündenböcken
für diese globalen Probleme zu machen, ist keine Lösung. (…) Diese
Probleme sind das Ergebnis eines vom Norden aufgezwungenen
Entwicklungsmodells, das den Planeten zerstört und die Gesellschaften der
Menschen fragmentiert.

Im Namen des Volkes von Bolivien, aller meiner Brüder auf dem Kontinent und
in Regionen der Erde wie dem Maghreb und den übrigen Ländern Afrikas
richte ich einen Appell an das Gewissen der führenden europäischen
Politiker und Abgeordneten, der Völker, Bürger und politisch aktiven
Kräfte Europas: Die Abschieberichtlinie darf nicht verabschiedet werden. Es
ist eine Direktive der Schande. Ich appelliere an die EU, in den nächsten
Monaten eine Migrationspolitik zu erarbeiten, die die Menschenrechte
respektiert, die es ermöglicht, diese vorteilhafte Dynamik zwischen den
beiden Kontinenten zu erhalten. Ich appelliere an sie, die gewaltigen
historischen, wirtschaftlichen und ökologischen Schulden zu begleichen, die
die Länder Europas gegenüber einem großen Teil der Dritten Welt haben.
Die offenen Adern Lateinamerikas müssen verheilen. (Anspielung auf das Buch
»Die offenen Adern Lateinamerikas« des Uruguayers Eduardo Galeano)

Die »Integrationspolitik« darf heute nicht auf die gleiche Weise versagen,
wie die »zivilisatorische Mission« in der Zeit der Kolonien gescheitert
ist. Nehmen Sie alle, Regierungsvertreter, Europa-Parlamentarier,
Compañeras und Compañeros, brüderliche Grüße aus Bolivien entgegen.
Unsere Solidarität gilt besonders allen »Illegalen«.

Evo Morales Ayma amtiert seit Januar 2006 und ist der erste indigene
Präsident der Republik Bolivien

Das linke Menschenbild – was ist das?

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Zum Thema Sexismus, Linke, Moral und Menschenbilder füge ich hier mal einen literarischen Beitrag  aus einem von mir verfassten Roman  ein, der zwar Anfang der 90er geschrieben wurde, aber zu den aktuellen Debatten recht gut passt.

Also: Was ist das linke Menschenbild?

Oder gibt es so etwas überhaupt? Diese Frage stellt Alfie sich in der letzten Zeit immer häufiger. Dabei sollte e r es eigentlich wissen – seit den späten Siebzi­gern dabei, in allen Szene-Zusammenhängen gerne gesehen, theoretisch außeror­dentlich bewandert…

Die Wahrheit ist, er kennt sich nicht mehr aus. Das Verständnis von Verhaltens­normen, Rollenzuweisungen etc pp hat in der Szene niemand eindeutig definiert, aber niemals haben die Leute sich darüber so sehr den Kopf zerbrochen wie ge­rade zur Zeit. Nun ja, wir leben ja auch, was die Linke angeht, in einer Saure­Gurkenepoche. Politischer Durchsetzungsmöglichkeiten und Utopien beraubt, nach langen, immer genauso ablaufenden Kämpfen ausgelaugt, die stets gegen Wind­mühlen geführt wurden, unterlag sie zu schlechter Letzt der Wiedervereini­gungsdepression.

Nun leckt die Linke ihre Wunden, und ihr studentisch-akademischer oder sonst­wie sich intellektuell definierender Teil betrachtet fasziniert den eigenen Bauch­nabel. Nicht, daß dabei nichts Produktives herauskommen könnte; Kritik an den eigenen, oft gar nicht libertären Strukturen und Verhaltensweisen ist allemal angebracht.

Da gibt es linke Macker mit übelst frauenfeindlichem Verhalten und Frauen, die, firm in feministischer Theorie, mit eindeutigem Jargon und Outfit, keine Frauen­demo auslassend, auf harte Männer mit markigen Sprüchen abfahren und sich in ihrer jeweiligen Beziehung bereitwillig dominieren lassen. Da rennen mindestens zwei Drittel der Szene mit einem moralinsauren Schuld-und-Sühne-Denken durch die Gegend, an dem der olle Siegmund seine helle Freud hätte… und nebenbei gesagt, geht wohl kaum ein soziales Millieu mit sich selbst so grausam um, wie eben die linke Szene.

Dazu kommt die Aufweichung des subkulturellen Millieus durch verpunkte Bürgers und verbürgerlichte Punks (die mit ks, nicht die mit x), das Verschwinden früher selbstverständlicher gesamtlinker Verbindlichkeiten. „Die neue Unübersichtlichkeit macht uns noch alle, wirst sehen!“ wie Sabine seit zwei Jahren ständig meint.

– Früher, so um 1980 herum, schien alles vergleichbar einfach.

Da fuhr mensch, falls motorisiert, nen Käfer mit kleiner Heckscheibe oder n R4 mit einsteckbarer Anlasserkurbel und Anti-AKW-Aufkleber. Einheitlich wie das Fahrzeug waren Musik und Kleidung: Hannes Wader, Ton Steine Scherben, Fehl­farben; der Text war wichtiger als der Sound. Auf Feten: Deep Purple, Led Zep­pelin, Uriah Heep, White Snake, Blue Oyster Cult. Die Kluft: entweder selbstgehäkelt bzw Kamelhaar oder Afghan-Kammgarn oder aber Leder, drei Jackenmodelle zur Auswahl: Motorradjacke schwarz mit geflochtenen Schulterstücken und massiver Polsterung (Modell Streetfighter), Antiklederjacke olivbraun mit spitzem Kragen (Modell Fritz Teufel) und schließlich der bodenlange Original-Fünfziger-Jahre-Motorradmantel. Verkehrt wurde ausschließlich in Szenekneipen, von denen es in den kleineren Städten immer nur eine gab: in Osnabrück den PH-Keller, in Braunschweig erst den Golem, dann die Chimäre, später das Eusebia, in Salzgit­ter das Wilde Huhn, in Göttingen den Theaterkeller, in Bremerhaven die

Haifischbar, in Kassel das Lohmann’s. Diese Kneipen hatten ebenfalls einen Ein­heitslook: eng, schmuddlig, große, mit Einritzungen verzierte Holztische, die Wände voll Plakate, die oft bis 1967 zurückreichten, oder völlig schwarzes PVC. Die oben genannte Musik aus einer quäkenden, schlechten Anlage. Discos wurden gemieden, stattdessen in Jugend- und Kommunikationszentren abgehottet, in denen Jugendliche oft eine Minderheit bildeten: Die Fabrik, das Onkel Pöh, das KOMM, das E-Werk, die Brunsviga, die Kampnagelfabrik, die Ufa-Fabrik. Später, im Verlauf der Achtziger, sollte es noch ein paar Nachzügler-Projekte dieser Art geben: Tempodrom, Schwarze Katze, JUZI, Alhambra.

Wie der linke Lebensstil, das linke Lebensgefühl so einheitlich wirkten, daß Bul­lenspitzel in aller Regel dadurch enttarnt wurden, daß ihnen trotz perfektem Aussehen und plausibler Legende ein gewisses Flair, wie Alfie sagt, „der Stallgeruch“, fehlte, so legte eine kollektive Aversion fest, was „out“ war: Popperlook bzw Schleifchen im Haar, Taco- und Culture-Club-Musik, Bodybuilder und Edelfreßlokale waren Haßobjekte. Inwieweit diese Normierungen des linken Alltagslebens richtig und rational begründbar waren, mag eine interessante Frage sein; gestellt wurde sie nicht. Tatsache war, daß die subkulturelle Festgelegtheit der Szene identitätsstiftend wirkte und so eine Art linkes Heimatgefühl schuf, das im Verlauf der Achtziger Jahre zumindest außerhalb von Szenestädten wie Berlin, Hamburg, Frankfurt, Bremen oder Göttingen allmählich verloren ging.

Auf der anderen Seite hatten die alten Szenenormen aufgrund ihres formalen Charakters viele zentrale Fragen ausgeklammert; ganz abgesehen davon, daß sie die Szene für Angehörige ganzer sozialer Gruppen fast unzugänglich machten, vernebelten sie den selbstkritischen Blick auf ihre internen Strukturen. Diese waren auch bei sich als undogmatisch verstehenden Gruppen durchaus hierarchisch und autoritär, mit Opinionleaders und Gefolgschaften. Während ständig die Verbunden­heit von Politischem und Privatem betont wurde, wäre niemand auf die Idee gekommen, die eigenen privaten Verhältnisse, Beziehungskisten etc ernsthaft zu thematisieren. Mancherorts sonnten sich die linken Gruppen in Selbstbeweihräucherung, was die Spontis und Autonomen den orthodoxen MarxistInnen oft zum Vorwurf machten, sie selber aber genauso drauf hatten. Ein ziemlicher Inno­vationsschub kam, was die universitäre Linke anging, dann mit der Streikwelle an den Hochschulen im Jahre 1988, der sogenannten „Unimut“-Bewegung. Eine Generation von Studis, die keinerlei Szene-Biographie und auch an den Aktionen der Friedensbewegung oder dem Wackersdorf-Kampf keinen Anteil ge­habt hatte, politisierte sich selbst und organisierte sich spontan. Hierbei kam es zu einer Art „Generationskonflikt“ mit den etablierten politischen Hochschulgrup­pen. Einerseits wurden alle Bevormundungs- und Umwerbungsversuche, wie sie vor allem aus der Juso-SHB-MSB-Ecke, aber auch von radikaleren Gruppen ka­men, entschieden zurückgewiesen. Zum Anderen weigerten sich die jüngeren Stu­dis ebenso entschieden, solidarisch gemeinte Kritik oder auch nur Ratschläge jeder Art von Älteren (wobei „Ältere“ zwei Semester bedeuten konnte) anzuhören oder sich die Erfahrungen früherer Auseinandersetzungen zunutze zumachen. Da die politischen Vorstellungen der „Unimut“-Bewegung heterogen und oft unzu­sammenhängend waren, stellte sich ihr Abgrenzungsverhalten gegen die eta­blierten politischen Hochschulgruppen und die älteren Semester eher als hilfloser Akt dar; es ging auch keine neue politische Kraft aus dieser Bewegung hervor.

Aber die „VeteranInnen“ der „Unimut-Bewegung“ , die nun sukzessive in die linken Gruppen, die Hochschullisten und Basisgruppen hineingingen, taten dies mit einem anderen Selbstbewußtsein und Rollenverständnis, als dies bis dahin bei Newcomern üblich gewesen war.

Überkommene Gruppenstrukturen, existierende Hierarchien, auch „mackerhaftes“ Verhalten von Leuten (auch Frauen) wurden von ihnen schonungslos kritisiert. Dabei ging es, was die Stoßrichtung dieser Kritik anging, allerdings weniger darum, daß die tatsächlichen Strukturen linker Gruppen deren Idealen von Egalität und befreitem Leben nicht entsprachen, son­dern schlicht und platt um den Wunsch nach menschlich netteren Umgangsfor­men.

Eine andere Entwicklung hatte ihren Ausgangspunkt genommen, als sich nach und nach in weiteren Kreisen herumsprach, daß es innerhalb von Szene-Zusam­menhängen Vergewaltigungen gegeben hatte, und keineswegs etwa nur am Rande und vereinzelt, sondern über Jahre hinweg erschreckend häufig. Die Vergewalti­ger- und Sexismusdebatte bekam dadurch eine bisher unbekannte Brisanz: sie richtete sich nicht mehr ausschließlich gegen ein erstmal abstrakt als System begriffenes Patriarchat oder die frauenfeindliche Anmache durch Normalo-bürgerliche Männer, sondern es mußte sich prinzipiell jeder linke Mann die Frage nach der Glaubwürdigkeit seines antipatriarchalen Anspruchs (wenn er denn einen hatte) stellen lassen, nicht abstrakt-theoretisch, sondern ganz konkret, nicht in der Vertrautheit der eigenen Beziehung, sondern öffentlich. Parolen wie „Jeder Mann ist ein potentieller Vergewaltiger“ hatten die linken Männer zwar ausdrücklich nicht ausgespart, aber solange Vergewaltigungen in der Szene kein Thema waren, ließ sich das bequem beiseite wälzen. Es bedurfte recht wuchtiger Auseinandersetzungen, um daran zumindest vom Begreifen her etwas zu ändern. Auch Alfie hatte da keine Ausnahme gebildet, wenn er auch von so klischeehaften Reak­tionen wie tumber Ignoranz oder dem verlogenen Selbstbezichtigungsgeseiere à la Herbert frei geblieben war. Es ist heutzutage leider nötig, auf „Selbstverständlichkeiten“ gesondert hinzuweisen. Nicht kurz und gut, sondern vielmehr lang und kompliziert, im Augenblick sind die Debatten, wie sie in vielen Gruppen geführt werden, keine Theorie- und Strategiediskussionen mehr, sondern befassen sich mit Gruppenstrukturen und Rollen­verständnis.

Auf der Ebene des trivialen Alltagslebens führt das Ganze dann allerdings mit­unter zu merkwürdigen Resultaten, wie etwa vor zwei Wochen in Alfies WG, als Bernward gemeint hatte, daß es auch mal interessant wäre, sich zu überlegen, was linke Frauen daran besonders emanzipiert finden würden, sich so unerotisch wie nur möglich zu kleiden. Seitdem redet Dorit, die gerade hereingeschaut hatte, kein Wort mehr mit ihm.

„Der Typ erzählt zwar viel Müll, aber deshalb mußt du ihn doch nicht gleich zur Unperson machen!“ hatte Henning – während Bernie übrigens dabei war! – ne Woche später gemeint und dafür „Euch ist in eurer Macho-Solidarität auch nichts zu blöde!“ geerntet. Alfie hatte nichts ge­sagt, sondern noch ein Flens gekippt. Die Tatsache, daß er bei solchen Napfsül­zen wie Dorit oder Herbert, die er nicht fürn Pfennig ernstnimmt, selber so be­liebt ist, hängt nun mal damit zusammen, daß er sich bei solchen Gelegenheiten raushält. Nicht aus Taktik oder Konfliktscheue, sondern weil er keine Lust hat, ernsthafte Auseinandersetzungen auf der Ebene der an den Kopf geschmissenen Plattheiten zu führen. Son Löres interessiert ihn nicht. Immerhin, die ideologi­sche Verbissenheit um Alltagsbagatellen hat sich über die Jahre gehalten.

Früher gab es mal die Diskussion um die sozialistische Kartoffel, und die ging so

: „Ist eine sozialistische Kartoffel nur dann eine sozialistische Kartoffel, wenn sie ohne entfremdete Arbeit hergestellt wurde, oder reicht es, wenn sie aus einem realso­zialistischen Land kommt? Wie steht es mit der Ökologie? Ist eine Kartoffel, die privatwirtschaftlich, aber ökologisch hergestellt wurde, einer Industriekartoffel aus einem sozialistischen Land vorzuziehen oder umgekehrt?“ Na ja, und so wei­ter. Alfie ist nicht mehr so ganz bei der Sache, der Kater wirkt nach. Verwendba­rer sind vielleicht die Gedanken, die Azad zu dem Thema mal geäußert hat. „Eure Probleme mit eurem Selbstverständnis und euren Strukturen sind deshalb so kompliziert, weil es in eurem Land keinen revolutionären Prozeß gibt, auf den ihr euch beziehen könnt,“ hatte er argumentiert.“Der Neue Mensch entsteht aus der kämpfenden Konfrontation mit der alten Welt. Was ihr braucht, sind keine immer neuen Theo­riediskussionen, sondern neue Verhältnisse, und dazu müßt ihr die herrschenden Verhältnisse angreifen.“ Doch weitere Gedanken überlassen wir lieber der lieben Leserin und dem nicht minder sympathischen Leser, denn Azad ist gar nicht da, und Alfie nicht mehr in der Stimmung. Auch in einem Buch muß man ja mal seine Ruhe haben und mit sich allein sein. Verlassen wir also die Szenerie und bege­ben uns nach Hamburg St Pauli, in eine Kneipe namens „Onkel Otto“. Aber das ist ein anderes Kapitel…*

Written by chezweitausendeins

27. Juni 2008 at 21:23

Veröffentlicht in Aufklärung?, Baggage, die Moral, Links?

Begehren, aktuell: Google, „Frauen“, und was sich findet

with 19 comments

Warum sind eigentlich russische, polnische und ukrainische Frauen so beliebt?Heute Google-Suche „Frauen“. Solange die obersten Plätze Partnervermittlungen osteuropäischer Frauen vorbehalten sind, mache ich mir keine Sorgen über die repressive Moral des Postfeminismus.

P.S. Man beachte auch die „verwandten Suchvorgänge“!!!

Written by lars

27. Juni 2008 at 9:06

In memoriam Rio Reiser und weil es gerade passt

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Ich liebe nicht nur Männer. (bibibi)
Ich liebe nicht nur Frauen. (bibibi)
ich liebe nur noch Menschen,
denn ich bin bi (wie?).
Bi! (ach so!)
Bibobababisexuell.

3x Das ist der Bisex-Boogie (bibabua).
Bi (wie?)
Bi! (iiih!)
Bibobababubububuh.

Ich will nicht provozieren (nein, nein, nein)
Will andern nix diktieren (nein, nein, nein)
Ich seh das alles locker,
mich schmeißt nix mehr vom Hocker,
denn ich bin bi (wie?)
Bi! (oh Gott!)
Bibobababisexuell.

Das ist der Bisex-Boogie (Bubi ist bi).
Das ist der Bisex-Boogie (Mami ist bi).
Das ist der Bisex-Boogie (Papi ist bi).

Bi (wie?)
Bi! (iiih!)
Bibobababisexuell.

Ich hasse Etiketten (yes, sir).
Ich passe in kein Schema (no, sir).
Wie, sagst du noch schwul?
ich seh das alles cool,
denn ich bin bi (wie?).
Bi! (iiih!)
Bibobababisexuell.

Bisexbisexbisex-Boogie (Lassie ist bi).
Bisexbisexbisex-Boogie (Fury ist bi).
Bisexbisexbisex-Boogie (Flipper ist bi).
Bi (wie?)
Bi! (iiih! Eins, zwei, drei, vier, fünf, sechs bi)

Bibobibobibobibobibobibobisexuell-Boogie (Lenin ist bi).
Bibobibobibobibobibobibobisexuell-Boogie (Engels ist bi).
Bibobibobibobibobibobibobisexuell-Boogie (Stalin ist bi).
Bi (wie?)
Bi! (iiih!)
Bibobababububuh.

Biiiiiiiiaoh! (Daisy ist bi)
Biiiiiiiiaoh! (Donald ist bi)
Kann mich gar nicht entscheiden,
sind ja alle bi hier! (Gustav ist bi)
Bi (wie?)
Bi! (iiih!)
Alle, alle, alle sind bi.

das ist ja wohl ´n neues Übel!
Bi (wie?)
Wahnsinn! Bi!

Fresenhagen ist bi, Omo ist bi, Sunil ist bi, Brühwarm ist bi!

gesprochen:
Du Werner, das hätt ich ja nich gedacht, daß der Lassie auch bi is, du das is schon mal nen Ding!

Written by chezweitausendeins

24. Juni 2008 at 14:55

Begehren, historisch: Subjektivierungsweisen und ethische Substanz

with 34 comments

„Das Projekt war also das einer Geschichte der Sexualität als Erfahrung – wenn man unter Erfahrung die Korrelation versteht, die in einer Kultur zwischen Wissenbereichen, Normativitätstypen und Subjektivitätsformen besteht.“

Michel Foucault, Sexualität und Wahrheit 2: Der Gebrauch der Lüste, Frankfurt/M. 1989, S. 10

„Der Gebrauch der Lüste in der Beziehung zu Knaben war für das griechische Denken ein beunruhigendes Thema. Das ist paradox in einer Gesellschaft, die das, was wir die „Homosexualität“ nennen, „toleriert“ haben soll. Aber vielleicht sind diese beiden Begriffe hier nicht besonders angezeigt.

Tatsächlich ist der Begriff der Homosexualität kaum geeignet, eine Erfahrung, Bewertung und Grenzziehung zu bezeichnen, die von der unserigen so weit entfernt ist. Die Griechen setzen die Liebe zum eigenen und die zum anderen Geschlecht nicht als zwei einander ausschließende, radikal unterschiedene Verhaltenweisen gegenpüber. DieUnterscheidungslinien folgten nicht einer solchen Grenze. Der Gegensatz zwischen einem Mann, der sich zu mäßigen und zu beherrschen weiß, und einem, der sich den Lüsten hingibt, war vom Gesichtspunkt der Moral aus viel wichtiger als der zwischen den verschiedenen Kategorien von Lüsten, denen man sich am liebsten widmen mochte.“

Ebd., S. 237

Written by momorulez

24. Juni 2008 at 8:18

Die Parties von früher

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Die römische Oberschicht pflegte Bacchanale zu feiern. Die begannen normalerweise mit einem üppigen Festmahl mit solch exquisiten Spezialitäten wie einem Adler, der einen Hasen in den Fängen hielt, beide gut durchgebraten wieder ins Federkleid bzw. Fell gepackt, und solche Köstlichkeiten wie Otternasen, Nachtigallzungen und in Auerochsenfett gesottenen Schweinskaldaunen (mit Honig), gewürzt mit Garum, einer aus vergammeltem Fisch gewonnenen Soße mit Pfeffer, Kräutern oder Knoblauch, ohne die kein Gericht komplett war, worauf wiederum der Begriff gar zurückzuführen ist. Nach dem meist sehr opulenten Essen, das 30 Gänge umfassen konnte, wurde aufgespielt, gesungen und getanzt, dann folgte ein allgemeines Gelage, bei dem nicht nur gesoffen wurde, sondern geschnupft, geraucht und gekaut, was die Botanik hergab, und zwischenzeitig recht ungehemmt und öffentlich miteinander gevögelt.

Die vergleichbare Veranstaltung bei den Griechen hieß Symposion und war insofern gehaltvoller, als dass die Tischgespräche philosophische Diskussionen auf höchstem Niveau darstellten. Ansonsten war das Programm sehr ähnlich, mit der Besonderheit, dass Sex weder mit den Ehefrauen noch den Sklavinnen der anwesenden Männer stattfand, sondern mit schutzbefohlenen Knaben und mit Hetären, die so etwas waren wie heutige Escort-Service-Edelhuren mit Hochschulabschluss.

Die ägyptische Orgie unterschied sich von Bacchanal und Symposion durch einen leichten religiösen Einschlag und einen so hohen Konsum von Marihuana, Haschisch, Qat, Betel, Opium und Kanna, dass die Ägypter mitunter ihre Götter wirklich erscheinen sahen. Es gehörte zum Service eines guten Gastgebers, die Gäste auf Tragen nach Hause bringen zu lassen.

Einig waren sich auch Griechen und Ägypter, dass die Feiergewohnheiten der Babylonier dekadent und Schweinkram waren.

Written by chezweitausendeins

23. Juni 2008 at 22:40