shifting reality

Es gibt kein richtiges Lesen im valschen!

Das Recht auf Idylle!?

with 30 comments

2 Wochen hat es gedauert, bis meine Buchhandlung das Büchlein mit den Cobra-Texten beschaffen konnte. Anknüpfungspunkt ist die Frage, ob es ein (ästhetisches) Recht auf Idylle gibt, wie man sie in der Gründerzeitarchitektur, Landhausstil-Einfamilienhäusern uws. gibt.

„Das was wir über die Formen der Pflanzen und Tiere gesagt haben, gilt auch für den Menschen. Der Mensch ist aber imstande, die eigenen Formen zu verändern, sich seinem Instinkt entgegenzusetzen oder ihn zu korregieren. Er kann sich und seine Umwelt schöner machen.
So tarnt sich der Mensch auf mehr oder weniger bewußte Weise. Das beste Beispiel dafür scheinen mir die Vereinigten Staaten zu sein, wo die Milliardäre sich wie Angestellt und die Angestellten sich wie Milliardäre kleiden, was den Amerikanern erlaubt, sich als sehr demokratisch zu erklären.
Wir finden genauso in der Architektur, in der Mode, in der Malerei, der Poesie und der Musik – diesen ebenso instinktiven wie bewußten Ausdrucksmitteln – ’sympathische‘ und aggressive Formen. Und wie bei den Blumen oder den Quallen finden wir trügerische Formen – zum Beispiel die Pin-up-Girls, die attraktiv sind, deren Inhalt aber abstoßend ist.
Wir finden aber beim Menschen unserer Gesellschaft beinahe nur trügerische Formen: Während bei Pflanzen und Tieren die Übereinstimmung des ‚Inhalts‘ mit der Form die Regel ist, bildet sie heute beim Menschen die Ausnahme. Daher die Wichtigkeit der Architektur, der Malerei, der Poesie und der Kunst – vielleicht die allerletzte Reserve des Instinkts.“
Asger Jorn (1949) Die Formen als Sprache, in: COBRA, No.2, zitiert nach P. Gallissaires (1995) COBRA. Nach uns die Freiheit!, Hamburg: edition nautilus, S. 24.

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Written by lars

3. Juni 2008 um 15:38

30 Antworten

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  1. Dass jemand die Gruppe Cobra noch kennt rührt mich ja direkt!

    che2001

    4. Juni 2008 at 7:30

  2. Die taucht gar nicht soooo selten in Diskussionen auf.

    Ich frage mich eher, was am Inhalt des Pin-Up-Girls abstoßend ist und wieso man instinkt beschwören muß, um Poesie, Kunst und Malerei aufzuwerten …

    MomoRules

    4. Juni 2008 at 7:37

  3. @Che: Du hast die doch selbst eingebracht. 😉

    @MomoRules:: Finde das Beispiel selbst auch nicht so passend. Wenn ich deren ästhetischen Position aber richtig verstehe, dann war das ja die Behauptung, dass sich Kunst nicht in der theretischen Reflexion gründe, sondern im Umgang mit dem Materiel Deshalb wohl der Instinkt (als ungeformte Äußerung des Lebens). Und das richtete sich ja gegen den Surrealismus und DADA.
    Das Pin-UP ist ja nichts anderes als eine inadäquater bezug von Form und Inhalt: Shcön anzusehen, aber Sex kann man haltt doch nicht mitiihm haben. Ist jetzt erstmal kaum eine Differenz hzur Kulturindustruethese.

    Nachdem ich doch mit talbert diese Diskussion in Wuppertal hatte, ob man ein Recht auf Idyll habe, dann sind ja diese ganzen Biedermeioerbilder, deswegen so unheimlich., weil wir wissen, dass das eine idealisierung ist, dass diese Familienverhältnisse eben diesen Inszenierzu ngen nicht entsprechen.. auseinanderfallen von Form und Inhalt. Ist ja auch die klassische Technik von Horrorfilmen.
    Bin prinzipiell auch skeptisch, wenn jemand so unvermittelt Instinkt anruft.

    lars

    4. Juni 2008 at 8:24

  4. „Recht auf Idyll“ – das klingt für mich so wie „Recht auf Zufriedenheit“ oder „Recht auf Liebe“- ein „Recht“, das nirgendwo einklagbar ist, aber auch kein Grundrecht (wie etwa das Recht auf freie Meinungsäußerung oder das Recht auf Unverletzlichkeit der Wohnung), das jemand mir streitig machen könnte.
    Es hängt allein von mir selbst ab, ob ich Idylle mag, oder meine Lebensverhältnisse möglichst idyllisch zu gestalten versuche.
    Dass Idylle so oft nur eine (verlogene) Fassade ist, die Zuckerglasur aus gespielter Harmonie auf dem verkohlten, klitschigen Kuchen einer unbefriedigender und unharmonischen Alltagsrealität, dass Biedermeier-Bilder oft so gruselig wirken, weil man ahnt, dass sich Form und Inhalt nicht entsprechen, dass ändert nichts daran, dass das Bedürfnis nach Idylle ebenso legitim ist, wie das Streben nach Zufriedenheit oder die Sehnsucht nach Liebe.

    Historisch gesehen war das Biedermeier, die Zeit zwischen Wiener Kongress und 1848er Revolution, eine keineswegs harmonische Zeit. Eine Zeit, in der in den meisten deutschen Staaten ein Klima obrigkeitlicher Repression herrschte, eine Beschränkung der Möglichkeiten, die auf alle, die nicht direkt Nutznießer dieser Ordnung waren, höchst frustrierend gewirkt haben muss.
    „Biedermeier“ ist nicht nur (notgedrungener) „Rückzug ins Private“, sondern auch der Versuch, wenigstens im persönlichen Umfeld so etwas wie harmonische, geborgene und gemütliche Verhältnisse zu schaffen – wenn man es sich denn leisten konnte (es war ja auch in Deutschland das Zeitalter der Früh-Industrialisierung – und einer Zeit nicht eben seltener Hungersnöte).

    MartinM

    4. Juni 2008 at 9:44

  5. Der Begriff „Biedermeier“ entstand ja auch erst in den 1860ern als eine Spottbezeichnung.

    che2001

    4. Juni 2008 at 11:26

  6. Wie kommt man auf so kranke Fragen? Ob es ein Recht auf Idylle gibt? Natürlich gibt es das! Muss man für die Infragestellung von Idylle Achitektur studiert haben, idealerweise bei Universitätsgelehrten, die in ihrer schieren Un-Universalität Architektur fast ausschließlich nur als „umbaute Räume“ oder als „Funktion“ begreifen wollen, ohne dabei soziale Funktionen angemessen zu berücksichtigen?

    Fernab von angeblich reinweg nur verlogenenen Ausdrucksformen des Biedermeier: Was ist das für eine Frage nach dem „Recht auf Idyll“ und was ist ihr Zweck?

    Ist es die geistige Glückseligkeit stiftende Freude daran, weite Zusammenhänge auf eine kurze Formel zu bringen, ist es die Freude an der Denunzation oder evtl. der eitle Glaben daran, dass die Ablehnung biedermeierlicher Verlogenheit sonderlichen Erkenntniswert besäße?

    Für mich ist eher die Frage (wenn überhaupt), für wen eine Idylle zustande kommt, wie „echt“ sie ist, wie idealisiert sie ist und auf auf wessen Kosten eine gedachte Idylle geht.

    Spannend finde ich auch, dass „Idylle“ für jeden Menschen etwas anderes sein kann. Naturnähe kann dazu zählen, der Rückgriff auf das Vertraute. Auch Kitsch und „Giebel-Architektur“ und Fachwerke können dazu gehören (für mich: teils). Eine Ästhetik, die sich an großbürgerlichen Träumereien ausrichtet inkl. Rückgriff auf eine idealisierte Antike kann für „Idylle“ gehalten werden, ein englischer Landschaftsgarten mit golfplatzähnlich präzise geschorenen Rasenflächen oder eben auch das Gegenteil, eine ansprechend gestaltete innerstädtische Liegefläche, wo die Anwohner grillen, spielen oder ausspannen können.

    Idyll kann auch weitgehend naturbelassener, sehr „un-englischer“, jedenfalls naturnah und wild eingerichteter Garten sein oder – diesmal naturfern – auch ein rege genutztes getäfeltes Gäste- und Speisezimmer, wo sich Gleichgesinnte regelmäßig zu Wein, Speis und Gespräch treffen. Oder ein familiärer Waldspaziergang mit ausgiebiger Pilzsuche. Usw. usf.

    Aber kann man ohne ernsthaft beginnende Blödheit – in einem eigentlich totalitaristischen Ton angemaßter Autorität nach einem „Recht auf Idylle“ fragen?

    Geht das? Ja, leider.

    Und falls man da zu einem schönen oder gar den Geist erweiterndes Ergebnis dieser Fragestellung gelangt, welcher Nutzen steht im Verdikt, im „Recht auf Idyll“ bzw. in seiner Bestreitung?

    Asger Jorn hat eine Menge interessante Texte verfasst – und oft sind sie ziemlich verschliffen, eigentlich ungenau, und dennoch ahnt man, worum es ihm geht bzw. gegangen sein könnte. Und vielleicht hätte Asger auch jenen mit Worten ins Gesicht gespuckt, die ihre engen Ansichten über ein zu bestreitendes „Recht auf Idyll“ im Sinne eines ästhetischen Dogmas zu formulieren versuchen. Zwar mag auch Asgar Jorn so manches geschrieben haben, was in seinem Wortlaut bestreitbar ist, aber bei ihm wird dabei immerhin noch ein Ringen um Freiheit und Begreiung spürbar, ganz anders als jenen, denen es vorwiegend um ästhetische Distinktion geht, mithin um soziale Distinktion.

    Sollte das stimmen, erkläre ich Anti-Ästhetik, Pop, Kitsch, Biedermeier, Tümpeltauchpumpen und Bauernmalerei zum Kern wahrer Ästhetik und das hochbildungsbürgerliche Herumästhetisieren zum Feind der Menschen.

    So – und jetzt kommt die Auflösung, meine Antwort:

    Vermutlich liegt die Wahrheit der Ästhetik ohnehin nur in einem Pluralismus divergierender ästhetischer Ideale…

    Recht auf Idylle? Ja, auch.

    Dr. Dean

    4. Juni 2008 at 15:49

  7. „Wie kommt man auf so kranke Fragen?“

    Was is’n das für’n Jargon?

    MomoRules

    4. Juni 2008 at 16:59

  8. @ Momorulez

    Das ist ein ziemlich kranker und un-ästhetischer Jargon, sehr holzschnitzartig – im Grunde genommen also sprachlich un-idyllisch – und abgesehen von den letzten 18 Worten v.a. als Provokation zu verstehen: als un-ästhetische Entsprechung zur auf ein Verdikt mündenden Frage:

    Recht auf Idylle!?

    Sprachform und Inhalt sollten eine Reaktion auf die von mir als ltotalitär empfundene Verdikthaftigkeit der Fragestellung sein.

    Schön ist das nicht.

    Genau das wollte ich damit sagen .)

    Dr. Dean

    4. Juni 2008 at 17:13

  9. Aargh! Kaum denke ich, dass ich die Sache mit den Smilies kapiert habe, wird mir das Gegenteil bewiesen…)

    Dr. Dean

    4. Juni 2008 at 17:13

  10. Dr.Dean: Mach mal halblang.
    Du unterstellst da eine Verdikthaftigkeit die nicht intendiert war.

    Man kann ja schon fragen, ob eine Standardisierung von Idyllen inicht ein ´ästhetisches Problem darstellt, iund inwieweit das in der Beziehung von Form und Inhalt beschreibbar ist.. Für mich ist die Frage noch längst nicht geklärt.. Würde mich deswegen auch sofort dagegen verwehren, irgend jemand irgend etwas vorschreiben zu wollen.

    lars

    4. Juni 2008 at 20:07

  11. Wo siehst Du Idyllen standardisiert?

    Dr. Dean

    4. Juni 2008 at 20:09

  12. Der Hintergrund ist eine Diskussion zwischen Talbert und mir, in der talbert das Beispiel der Häuserfassaden in der Gründerzeit erwähnte, was eben Katlogware waren. Darauf wurde die Frage gestellt, warum diese Katalogware dennoch so beliebt sei – Antwort: es sei schließlich „idyllisch“.

    lars

    4. Juni 2008 at 20:21

  13. Aber Asger Jorn, Constant, Dotremont (von Spöttern „D ´Autremonde“ genannt), Nieuwenhuis wollten ja gerade eine „Volkskunst“ begründen, die nicht affirmativ-platt daherkommt, sondern einen spontanen Ausdruck von unten, d.h. außerhalb des etablierten Kunstkanons ermöglicht. Das hat nichts mit Idyllen im Sinne des Biedermeiers zu tun, im Gegenteil, es bedeutet eine Befreiung der individuellen Kreativität völlig unabhängig von einem prägenden Stil. In diesem Sinne führt das Recht auf Idylle zum „Recht eines jeden Menschen, genial und wahnsinnig zu sein“, wie es der Situationist Lucifer Dyonysios in seinem Text „Graue Tauben auf zerfallenden Dächern – genießen Sie den Untergang des Abendlandes“, Vorwort zur Neuausgabe von „Das Recht auf Faulheit“ von Paul Lafargue ausdrückte.

    che2001

    4. Juni 2008 at 23:01

  14. Dazu wäre immer auch noch zu bemerken:

    Seifenblasen fallen in die Nachmittagswolken.
    Flipperkugeln klingeln fern halbacht.
    Honka Zonka – Oh Mann – deine Schenkel, deine Locken
    Lecken – deine Schwingen schneiden sacht

    Refrain:
    Harikafulas lauern
    in Winnetous Garagen
    unter den Traumfabriken,
    die farsch und sterntaub rasen.

    Affenwesen klamern sich an Kleotapierfesten.
    Palmen singen Kara-Melodien.
    Zahnpasteten schwärmen aus, den Ziegenpilz zu mästen.
    Leichenteile schnuppern Evergreens.

    Auf Lustfontänen springen.
    Die Papageien tanzen
    aus spiegelleichten Rosen
    mit fischverzierten Lanzen.

    In schwülen Sümpfen lieben,
    die Amazonen jagen
    nach unfruchtbaren Moosen,
    die wild und mondfeucht schlafen.

    Kettentiger atmen unter Wildfetzen versiegelt,
    saugen sich an Wespenstichen satt,
    beichten ihre Unschuld stolz und lautlos jedem Spiegel
    und ihre Gesichter blättern ab.

    Siehst du dort den roten Tropfen?
    Morgentau, brauchst du ihn jetzt.
    Schwarzer Engel, Gesicht verbrannt.

    Sei gewarnt! Dingding dangdang.
    Auf meinem Lager ist die Süße
    immer gewesene, Schlangensohn.

    Schweig! Lauter! Ich versuche.
    Spezialitäten Babylons
    Himmel – wie alles hier – eiskalt

    Geht vorüber – Leiden lassen
    Verspricht so viel – nach dem Tod
    Durch Messer und Nadel – Dingding dangdang
    Der tödliche Foxtrott reitet salzig
    Die falschen Zeilen – den falschen Akkord
    Ich bin weit weg – weltweit Musik
    Der große Besen oder New York.

    Oder Verbannung, geh weg, nie wieder,
    dunkle Flecken auf der Moral.
    Heut oder Morgen verschlingt mich lachend
    Babylons verwirrtes Tal.

    Dein Kreis kein Feuer – da verdirbt Essen!
    Politik ist böse – aber Ding Ding
    DingDingDingDing DingDingDingDing
    DingDingDingDing DingDingDingDing

    Krank ist die Zündung nach der Schlacht
    Bleibt wie’s ist – Saturngericht
    Himmel und Höllen – Palast des Wahnsinns
    Ich bin dein Krieg – Liebesgeschichte

    Sieben lange lange Jahre
    Seelige göttliche Symphonie
    Himmlisch duftend – Ganz tief unten
    Suche ich – Liebe – ja oder nie

    Letzte Flut – Ich bin nicht Niete
    Ich bin Tränen – Bring mir was mit
    Aus Babyloniens Supermärkten
    Gebrochene Herzen – Du oder ich

    So heiß wie ein Ausweg – Erde – ach
    Ich weiß ich komme – Anfang – warum
    Mit Haut und Haaren – Alles ist viel
    Und viel ist nichts – luftig zu dir.

    Heiß, heiß, kochend heiß,
    heiß, heiß, hundert Grad,
    heiß, heiß, glühend heiß,
    heiß, heiß, blühend weiß.
    Jenseits von Eden.
    Euphrat und Tigris
    Allah wollte es – so
    Sechshundertsechsundsechzig
    schütze uns vor Gestern
    Eins neun dreiunddreißig
    In 3D und Farbe
    Dann ist Sendepause.
    Das war der Wilde Westen.
    Hält Gott die Zehn Gebote?
    Ich will nicht,
    daß du in schwarz gehst
    weil ich tot bin.

    Wo warst du im Krieg?
    Weißt du, was ich meine?
    Du warst auf der Suche,
    ich war auf der Flucht.
    Hörst du die Räder rollen?
    Durchsichtig und klar
    Irgendwann in der Nacht
    In Musik gebadet
    Jede Blume hat ihren Schatten
    Zweitausend Lieder
    Zweitausend Tode
    Mamamama, warum hast du mich gebor’n
    oder hat mich der Esel im Galopp verloren?

    Ach ich spring ins Leere.
    Halleluja Schwestern
    Ich hab den Text vergessen,
    ich bin mein Fragezeichen.
    Doch ich komm morgen wieder,
    gib mir deinen Segen.
    Liebe, was ist das?
    Das ist das Leben in der Stadt,
    was soll daran schlecht sein?
    Liebe kommt von unten.
    Liebe hat schwache Worte.
    Ach ich bin so müde.
    Ich geh hier nicht weg,
    geh zurück ins Meer,
    such mir meinen Engel.
    Wer ist hinterm Spiegel?

    che2001

    4. Juni 2008 at 23:10

  15. Huch, habe ich jetzt den Thread gekillt?

    Zum Biedermeier wäre übrigens zu sagen, dass die Fünfziger Jahre einmal als „motorisiertes Biedermeier“ bezeichnet wurden. 1965-69 waren dann wohl die zweite Gründerzeit.

    che2001

    5. Juni 2008 at 14:23

  16. Ne, aber ich ärgere mich gerade über die geschäftsbedingungen eines Notebookhändlers, der mir Re-Importe als Neuware verkaufte! Da bleibt die Idyledefinitiv auf der Strecke.

    Bin ja prinzipiell auch für Idyllen, halte sie auch unter Umständen für sozial äußerst funktional (wer will schon in Löchern wohnen, die Fabrikhallen gleichen, obwohl: so eine Loft…) und durchaus dem Anspruch gerecht, ein möglichst gutes Leben führen zu können. Aber die Frage bleibt natürlich, ob die materialen Realisationen dessen, was wir „Idyll“ nennen, tatsächlich den Ansprüchen eines guten Lebens gerecht wird, sofern es über das rein subjektive Empfinden hinaus geht – etwa indem es durch Verdrängung von Armut (Gentrification) oder Selbstghettoisierung in gated communities erkauft wird.

    lars

    5. Juni 2008 at 14:34

  17. Und dann wäre ja durchaus auf Charleas Fourier und die Utopisten, auf die Akteure der Pariser Kommune oder meinetwegen auch auf Saint-Simon und deren ganz konkreten Vorstellungen und Versuche eines guten Lebens/Idylls zu verweisen.

    lars

    5. Juni 2008 at 14:37

  18. Meinerseits finde ich es verlogen zu sagen, ich wollte die Idylle nicht. Jetzt kann man ja fragen, wie die Idylle aussieht, oder andere Leute ihrer Biedermeierlichkeit bezichtigen, aber dass es ein Recht darauf gibt glaube ich selbstverständlich. Das ist eben nicht nur eine Frage nach „richtiger“ oder „falscher“ Ästhetik; es ist eine Frage nach Lebensverhältnissen. Wir sägen ja am eigenen Ast mit dieser Art der Fragestellung, denn sie selbst hilft mit, dass als „idyllisch“ denunzierte Lebensverhältnisse – ungeachtet ihres „Stils“ als Architektur oder Design oder Städtebau – zum Statussymbol zu machen. Ich verstehe nicht, wo da der Sinn liegen sollte. Linke Theorie und Politik hat ja nun nicht ihren Sinn darin, das Unterschichtige an der Proleten-Existenz zu erhalten und fortzuschreiben.
    Dann muss man mir mal das Gegenteil der „Idylle“ zeigen und beschreiben, wie sieht das denn aus? So, wie es aussieht, wenn ich durch Viertel oder Weltgegenden gehe, in denen ich bei Besichtigung keinesfalls leben möchte, andere Leute aber müssen? Davon kenne ich sehr viele.
    Als Le Corbusier, um wieder auf Stil-Fragen zu kommen, sah, dass seine Arbeitersiedlung Pessac von allen möglichen kleinen An-und Vorbauten und kitschigen Kaufhaus-Haustüren von ihren Bewohnern ästhetisch in nicht eben vorteilhafter Weise verändert worden war, sagte er: Das Leben hat immer Recht. Der Witz war nur, dass es ihm natürlich auch um die Idylle gegangen war, wie auch schon dem jungen Hannes Meyer, Kommunist, bei seiner Werkssiedlung Magarethenhöhe in Essen, die auch ganz „idyllisch“ aussah.
    Ich halte „Idylle“ bei längerem Nachdenken nicht für eine Kategorie dieser Diskussionen, auch historisch nicht, ich kann den Begriff nicht mit einer Ästhetik veknüpfen und gleichzeitig eine andere Ästhetik dagegen setzen wollen. Das geht bezüglich ästhetischer und sozialer Intentionen schlicht nicht auf, es sei denn, ich würde von einer Kriegsästhetik aus argumentieren, die „Idylle“ auch nicht mehr als Camouflage benötigen würde, weil sie rein instrumentell „vernünftig“ ästhetische Unterwerfung betriebe. Oder von einer totalisierenden Produktionsweise aus, aus der sich alle Ästhetik speisen würde. Was sich ja gerade entwickelt, und Kriegsästhetik wie Produktionsweise ähneln sich ja auch immer mehr. Unter diesen historischen Umständen wird idylle vielleicht widerständig, wie handlungsfähige Familien.

    T. Albert

    5. Juni 2008 at 22:56

  19. @“Linke Theorie und Politik hat ja nun nicht ihren Sinn darin, das Unterschichtige an der Proleten-Existenz zu erhalten und fortzuschreiben.“ — Da zitiere ich besagten Lucifer Dyonysios: „Das Recht auf die persönliche Kathedrale muss ebenso selbstverständlich werden wie das auf die massiv goldene Klobrille, ohne vom Primat des Mangels rationiert zu werden. Sozialismus ist nicht uniformiertes Elend, sondern Luxus für alle, verbunden mit dem Recht eines JEDEN Menschen, genial und wahnsinnig zu sein.“

    che2001

    6. Juni 2008 at 9:40

  20. Na gut, holen wir es von der ästhetischen Dimension herunter. Und wir müssen glaube ich nicht sofort auf alternative Modelle zielen.

    Nur muss man eben berücksichtigen, dass die Proletarisierung und Verelendung sich eben nicht nur als eine ökonomische Differenz realisiert, sondern auch als eine ästhetische, soll heißen: das Selbstverständnis des Bürgertums ist eben auch eines der Selbstästhetisierung, erkauft mit der Abwertung des Nichtbürgerlichen – soviel ist wahr an der Bourdieu’schen These der Distinktion.

    Nur bin ich bei der These skeptisch, dass das Private (familienförmig oder nicht, denn die Familie kann sehr wohl ein Hort privater Solidarität darstellen, aber sie kann auch die erzieherische Hölle sein, und manchmal kann sie die Hölle sein, weil man sich Solidarität erwartet und nicht erhält) heute ein privilegierter Hort von Widerständigkeit sein könnte – mein Erleben ist da eher umgekehrt. Und ich trauere ja eher dem Absterben öffentlicher Strukturen hinter her und ärgere mich über die zunehmende Gestaltung öffentlicher Beziehungen in den terms des Privaten – damit meine ich nicht zuerst die Privatisierung öffentlicher Strukturen (das auch!) sondern die qualitative Gestaltung öffentlicher und politischer Orte als privat, persönlich, intim.
    Und vor diesem Hintergrund ist der Terminus des „Recht auf“ vielleicht nicht angemessen, aber die Frage, welche städtebaulichen, architektonischen und ästhetischen Maßnahmen zur Gestaltung von Umwelt dieser Tendenz entsprechen oder sich widersetzen, die finde ich, kann man stellen.
    Idylle ist ja zunächst auch nur als insuläre Gegebenheit zu denken, die sich gegen das normale, profane, materielle abgrenzt. Die Suche nach Idylle ist ja schon auch eine Fluchtbewegung und enthält auch damit ein Widerstandspotential.

    lars

    6. Juni 2008 at 13:01

  21. Übrigens kommt privat von privare und bedeutet ursprünglich dem Anderen geraubt oder der Allgemeinheit abgetrotzt. Ein Privatier war einstmals ein Freibeuter.

    che2001

    6. Juni 2008 at 13:09

  22. Der „Rückzug ins Private“ ist meiner Meinung nach janusköpfig. Die Möglichkeit zum Rückzug ins Private ist – und das kann man m.E. nicht hoch genug schätzen – ein Schutz- und Freiheitsraum.

    Ein vollständiger Rückzug aus dem gesellschaftlichen Leben ist wiederum etwas anderes, hat einen anderen Charakter.

    Ist eine Gesellschaft sehr ungleich, dann erlangt dieser Rückzug m.E. einen hohen Grad an Verlogenheit, an Gesellschafts- und Wirklichkeitsverleugnung, und die damit verbundene Schaffung von abgegrenzten Sonder-Idyllen ist – meiner Meinung nach -:

    falsch.

    Dr. Dean

    6. Juni 2008 at 17:24

  23. Ich frage mich gerade, ob die immer noch aktuellen Architekturdogmen, die in Folge der Neuen Sachlichkeit entstanden sind, in ihrer folgerichtigen Asthetik nicht sogar noch kataloghafter (!) sind als z.B. ein eklektizistischer Historismus. Ab welchem Punkt wird eine überflüssiger Erker, ab welchem Punkt wird ein ausladendes Krüppelwalmdach zu einer bekämpfenswerten und nach Idylle strebenden Ästhetik – und ab welchen Punkt ist eine dazu entgegen gerichtete sachlich-funktionale Ästhetik das im Vergleich größere Übel bzw. vielleicht bereits sogar in ihrem ästhetischen Kern a-sozial?

    Ich muss sagen, Architektur-Ästhetik überfordert mich. Ich bin – allerdings nur recht vorsichtig – ein Freund der Architekturideen des Bauhauses, besonders dort, wo sie das menschliche Maß gesucht haben.

    In meiner Vorstellung war der Vorzug des Bauhauses vor auch ein sozialer Vorzug, indem das Bahaus in seinem Funktionalismus sich am Menschen ausgerichtet hat, und eben danach fragte, wie man Innen-Architektur (weg also mit dem falschen Biedermeier in engen Arbeiterwohnungen!) und Architektur so gestaltete, dass diese sozialen Fortschritt und ein Plus an Lebensqualität ermöglichten.

    Es ist aber nicht die funktionalistische Ästhetik, die den nützlichen Gegenpol zu einem falschen Biedermeier und einem überkommenen Schmuck darstellt, sondern die Ausrichtung am menschlichen Maß, die Ausrichtung zunächst an der Frage, was dem Menschen dient – also ein sozialer Gehalt.

    Fehlt dieser, droht Funktionalismus als Ästhetik selbst-gerecht und als Dogma sogar grausam zu werden – denn die Erzwingung totaler Schmuck- und Idylle-Losigkeit wird dem Menschen m.E. eher nicht gerecht.

    Es sind also die sorgsam bedachten und am Menschen ausgerichteten Mittelwege der Ästhetik, es ist sozialer Fortschrittsgeist, aber auch ein Empfinden für Eleganz – inklusive der Eleganz reiner Formen und Proportionen, was ich verbinden würde, wenn man mich nach einem ästhetischen Programm in der Architektur fragen würde. An dessen Spitze setze ich aber das Identifikationspotential von Architektur, eigentlich also ihre Nutzer.

    (Da bin ich also, leicht unbeabsichtigt, am Ende wieder bei der vorher schon angeführten Tümpeltauchpumpe angelangt, und setze – anders gesagt – den Wunsch nach Idylle und Identifikation als ästhetisches Korrektiv. Ich glaube nicht, dass das zu irgendeiner real existierenden ästhetischen Theorie passt – und doch glaube ich, dass man damit sehr weit kommen kann.)

    Dr. Dean

    6. Juni 2008 at 18:19

  24. @Lars e tutti:
    Nee, ich seh das alles andersrum: Die sogenannte Idylle ist nur möglich bei funktionierendem öffentlichen Räumen, die nicht privatisiert sind, oder auf eine enteignende, privatisierende Weise genutzt werden, wie es gerade üblich wird.

    Den Rest denk ich hier mal morgen weiter. Ich merke aber, dass das ein enormes Thema ist, anknüpfend an die wuppertaler Veranstaltung, und vermute, dass hier auch der Zugang zu den soziologischen kritischen Interventionen liegt, die wir ja nicht richtig erwischt haben damals.

    (Dean,

    „(….)Fehlt dieser, droht Funktionalismus als Ästhetik selbst-gerecht und als Dogma sogar grausam zu werden – denn die Erzwingung totaler Schmuck- und Idylle-Losigkeit wird dem Menschen m.E. eher nicht gerecht.(…)

    Also, das ist so`ne Sache mit der Schmucklosigkeit und Idylle-Losigkeit.
    Die erste war ja nur eine Losung von Adolf Loos, dessen Bücher allerdings kritisch sehr lesenswert sind, besonders bei Beachtung der historischen Adressaten. Schon Loos selber ging mit Material auf eine repräsentative Art um, dass von Schmucklosigkeit nicht die Rede sein kann. Aber der Schmuck wird nicht mehr appliziert – was auch ein Ideal ist – sondern verlegt sic in die Fläche und die Form selbst. Oder kann, wie bei Mies, die Tragkonstruktion selbst sein. Wenn man genau hinsieht, dann gibts jede Menge Schmuck, nur nicht aufgklebte falsche antike Grammatik, die weder mit dem Leben noch mit der Baukonstruktion was zu tun hat.
    Die Idylle – Losigkeit als zweite Behauptung bezügl. klassischer Moderne glaube ich schlicht nicht, auch aufgrund eigener leiblicher Lebenserfahrung dessen, der so aufgewachsen ist: idyllischer ging es kaum, die Idylle sah halt formal ein bisschen anders aus. Ausserdem ging es doch genau darum: die Idylle sozusagen wieder herauszuarbeiten aus all den historistischen und aufgeklebten ideologischen Gipsprofilen und – köpfen. )

    T. Albert

    6. Juni 2008 at 21:27

  25. T. Albert, ich bin weit weg davon, einzig in aufgeklebten klassizistischen Fassadenelementen Schmuck zu sehen. Architektonischer „Schmuck“ ist für mich auch eine gekonnte Behandlung von Backstein, die sich trotz Formenfreude und Eleganz in die Umgebung einfügt. „Schmuck“ in der Architektur ist auch ein etwas überdimensioniertes, lichtdurchflutetes Treppenhaus, eine großzügige Terasse – oder eben das Grün in der Umgebung. Insofern ist für mich z.B. die berühmte Tiergartensiedlung zur Weltausstellung geradezu die Definition meiner Vorstellung von architektonischen „Schmuck“.

    (Hmm, soll nicht arrogant oder pseudo-kompetent klingen, zumal ich in Architekturfragen ein ziemlicher Banause bin: Ich verstehe Architekturschmuck nicht bloß als Fassadenelement, sondern auf eine ganzheitlichere Weise, und zwar vor allem als besondere Bezugnahme auf das „Wohlfühlen“ der Architekturnutzer. Als Hinwendung zum Menschen, zur Schönheit und als ein bewusstes Überschreiten rein formaler/funktionaler Gesichtspunkte beim Bauen.)

    Und was diese Klassizismus-Nachäfferei betrifft: Ich hab sowieso noch nie Leute so recht begreifen können, die in im Schinkelstil (zumeist: grässlich zu nutzende Gebäude) irgendetwas Maßgebendes für die heutige Zeit sehen. Aber tatsächlich ist eine gewisse Dosis Fassadenschmuck, unter Umständen sogar ein paar Butzenscheiben und so Kram (so weit würde ich im Extremfall gehen), einfach ein Hilfsmittel, um ein gewisses ästhetisches Wohlbehagen auszulösen, und zwar seitens derjenigen, auf die es ankommt.

    Man kann natürlich auch mal komplett ohne derartige Rücksichten bauen. Nur halte ich eine gewisse Annäherung an den Geschmack und das Wohlbehagen der Anwohner/Architektur-Nutzer, ja auch eine Annäherung an den Stil der Umgebung – im Regelfall – für sinnvoll. Was nützt mir die schönste ästhetische Doktrin, wenn sich die Anwohner ernstlich gruseln und/oder unwohl fühlen?

    Architektur – so sehe ich das – ist anders, als es Architekturdozenten verstehen, nicht in erster Linie Kunst, sondern vor allem Handwerk und die Annäherung an den Kundenwunsch. Zur echten Kunstform wird sie m.E. auch eher durch soziale Progressivität, durch gelungenen Ausgleich und Berücksichtigung unterschiedlicher Interessen – deutlch eher als durch rein formale ästhetische Dogmen…

    (Was zugleich auch ein Argument gegen allzu aufwändigen und rigide durchgesetzten pseudoklassizistischen Fassadenschmuck darstellt – sowas gibt es ja heutzutage in Gestalt lokaler Bauordnungen, leider)

    Dr. Dean

    6. Juni 2008 at 23:06

  26. Ich schätze ja immer sehr die Zwischentöne und alternativen Aggregatzustände. So mag ich die altniederländische Malerei und den Manierismus und finde beides in verschiedener Hinsicht interessanter als die Malerei der Hochrenaissance, Ich tendiere trotz Verehrung von Renaissance-Kuppelbauten und Säulenordnungen dazu, die Mudeja-Architektur und den Manuelismus spannender zu finden als den Mainstream der Renaissance-Architektur, und bezogen auf die Baustile der Neuesten Zeit schätze ich den Jugendstil, Gaudí, die20er-Jahre-Reformarchitektur und auch Sullivan, Frank Lloxd Wright, Hundertwasser (den Tausendsassa) oder auch Zaha Hadid, während ich Le Corbusier nicht mag und die postmoderne Architektur hasse (von letzterer habe ich allerdings einen sehr enggefassten Begriff, das sind so Dinge wie Stahlbetonbauten mit roten Backsteinfassaden, funktionslosen Erkern und Just-to-look-Dachziegeln).

    che2001

    7. Juni 2008 at 12:42

  27. …Und wenn ich schon Lob hudele, dann auf jeden Fall auch für Hans Scharoun und Moshe Safdie.

    che2001

    7. Juni 2008 at 13:52

  28. Ja, Safdie, der is ne Supernummer! Scharoun könnte ein Anknüpfungspunkt sein, heutzutage. Da steckt einiges drin an Alternative.

    T. Albert

    7. Juni 2008 at 14:37

  29. Nebenbei, um das mal andernorts zu bebildern und ein wenig Schleichwerbung zu betreiben…

    http://che2001.blogger.de/stories/1144865/

    che2001

    7. Juni 2008 at 15:06

  30. Aus meiner Sicht findet man in der heutigen Zeit bei den Menschen unserer Gesellschaft beinahe nur noch uniforme
    Formen – alles Gleichmacherei ….

    Peter Panther

    14. Juli 2008 at 12:50


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