shifting reality

Es gibt kein richtiges Lesen im valschen!

Begehren, historisch: Subjektivierungsweisen und ethische Substanz

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„Das Projekt war also das einer Geschichte der Sexualität als Erfahrung – wenn man unter Erfahrung die Korrelation versteht, die in einer Kultur zwischen Wissenbereichen, Normativitätstypen und Subjektivitätsformen besteht.“

Michel Foucault, Sexualität und Wahrheit 2: Der Gebrauch der Lüste, Frankfurt/M. 1989, S. 10

„Der Gebrauch der Lüste in der Beziehung zu Knaben war für das griechische Denken ein beunruhigendes Thema. Das ist paradox in einer Gesellschaft, die das, was wir die „Homosexualität“ nennen, „toleriert“ haben soll. Aber vielleicht sind diese beiden Begriffe hier nicht besonders angezeigt.

Tatsächlich ist der Begriff der Homosexualität kaum geeignet, eine Erfahrung, Bewertung und Grenzziehung zu bezeichnen, die von der unserigen so weit entfernt ist. Die Griechen setzen die Liebe zum eigenen und die zum anderen Geschlecht nicht als zwei einander ausschließende, radikal unterschiedene Verhaltenweisen gegenpüber. DieUnterscheidungslinien folgten nicht einer solchen Grenze. Der Gegensatz zwischen einem Mann, der sich zu mäßigen und zu beherrschen weiß, und einem, der sich den Lüsten hingibt, war vom Gesichtspunkt der Moral aus viel wichtiger als der zwischen den verschiedenen Kategorien von Lüsten, denen man sich am liebsten widmen mochte.“

Ebd., S. 237

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Written by momorulez

24. Juni 2008 um 8:18

34 Antworten

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  1. Hieß das nicht sorforsynye, diese Mäßigung, in der korrekte Umgang mit allen Dingen lag?

    che2001

    24. Juni 2008 at 9:07

  2. Ja, Diätik der Lüste und Selbstbeherrschung war der alten Griechen Trumpf und Programm im Falle der Männer. Und gegen „Tunten“, efiminierte Männer, haben sie auch harsch gelästert.

    momorulez

    24. Juni 2008 at 9:24

  3. @effeminierte Männer: das große Problem der antiken Pädagogik: wie und unter welchen Bedingungen darf man sich gegenüber einem anderen hingeben. Die Übernahme einer aktiven Rolle gegenüber den anderen Männern (egal ob jetzt sexuell, ökonomisch oder politisch) wäre wohl das antike Gegenstück zu unserer heutigen Konzeption der Adoleszenz/Pubertät. Nur dass die bei uns gemäß der Foucault’schen Einlassungen stets im Hinblick auf eine sexuell-identifikatorische Krise gedeutet wird.

    lars

    24. Juni 2008 at 9:34

  4. Sich gar nicht erst über eine Rolle identifizieren, da beginnt das Reich der Freiheit.

    che2001

    24. Juni 2008 at 9:48

  5. You name it! Allerdings gibt es ja auch schöne Rollen, und ohne das Theater wär die Welt noch ärmer

    lars

    24. Juni 2008 at 9:57

  6. Das rollenlose Sein, also in gewisser Hinsicht das soziale Nicht-Sein als Ideal? Der Mensch, der einer Rolle auffallend nah kommt (z.B. „Mann“) fällt in solchen Kreisen aus der Rolle, ist hier gar völlig unerträglich und verachtet, ob seiner Rückständigkeit. Das also ist der Fortschritt.

    Genau gefragt: Wofür? Und für wen?

    Oder ist es nicht eher eine Form der Maskerade, ein Spiel von Bürgerkindern, eigentlich nur eine andere Form des Rollenspiels, und zwar diesmal bestimmt von Politdogmatiken?

    Wofür?

    (Aah! Na klar, für dieses wunderbare Gefühl, jeglichen Bereich bürgerlicher Einengung verlassen zu haben, und – das bloß nicht – ein Spießer zu sein, sondern Teil einer sozialen Avantgarde. Nee, eigentlich – das kanns nicht sein. Ist zwar eine hübsche Abgrenzung – hübsch? – zum Kleinbürgertum, und was man sonst noch so als „Linker“ verachtenswert findet, und natürlich, ist es auch die ultimative Absage an die bürgerliche Familie, aber ehrlich: Zugleich ist es eine überaus dogmatische Fixierung auf eine Rolle als ganz besonders Linker, und, richtig, eine Quelle von Unwohlsein und eine Lachnummer: ist es auch, oder? An Stelle der Frage nach dem richtigen Rollenverhalten eines Mannes einer Frau trat in derartigen Gruppen das Rollenverhalten „als Linker“, und all diese angeblich fortschrittliche Rollenlosigkeit war am Ende sogar repressiv. )

    Dr. Dean

    24. Juni 2008 at 23:53

  7. Du musst Deine Begriffslosigkeit aber auch nicht jedesmal von Neuem unter Beweis stellen 😉

    che2001

    25. Juni 2008 at 8:49

  8. Zuerst müsste man mal das Rollenverständnis abklären.
    Was Che meint, ist vermutlich die Rollenkonzeption von Dahrendorf. Und das ist z.B. immer noch eine ander Konzeption als die des amerikanischen Pragmatismus, die Rollen viel situativer und weniger festgefügt verstanden. Die Aufgabe einer Identifikation mit einer Rolle heißt umgekehrt nicht, dass man sofort asozial würde, sondern den Ansprüchen reflexiv gegenüber tritt.

    Und dann gibt es ja, – vermutlich oute ich mich jetzt schon wieder als linksextremistischer Spinner – diese ganze Tradition von Deleuze, Guy Debord, Bachtin usw. die eben den lustvollen Umgang mit einander stark machen, und aus deren Perspektive Rollen immer etwas eigentümliches (im Strengen Sinne des Wortes) an sich haben. Diese Eigentumsbezeihung über sich selbst und über andere wäre vis a vis einer Frage nach der eigenen Freiheit ja durchaus diskutierbar.

    Das ist ja, wenn ich Momo richtig verstehe auch das Kernproblem der Differenz Homo/Hetero, dass hier symbolische Hoheiten (egal worauf gegründet) zur Fremddefinition aufgebaut wurden und werden. Dass man überhaupt eine Sexualität haben kann, über die man verfügt), dass es eine symbolische Währung der Lust gibt, Bedingungen ihres Wechsels (diese Lust ist weniger wert, gar nichts Wert, oder gar verdächtig: „Woher hast Du diese Lust? Das ist Falschgeld! Damit kommen wir nicht ins Geschäft“…. dass alles trägt schon auch die Züge des Kapitalismus.“ Wenn man jetzt noch Webers protestantische Ethik und Benjamins Überlegungen zum Kapitalismus als Religion dazu nimmt… Rolle ist dann eben ein identifizierbares Schuldverhältnis und das ist eigentlich kein Konzept, das ich zur Selbst- udn Fremddeutung heranziehen möchte. Dann schon lieber den anderen in seinem Hier und Jetzt berücksichtigen.

    Und naja, die Klassen. Den Versuch, sich von herrschenden Rollenmustern zu trennen, als repressiv auszulegen, das ist doch dasselbe Prinzip wie das 68er Bashing. Was wäre denn die Alternative, damals wie heute?

    Wir versuchen doch die ganze Zeit, Theorie aus Erfahrung zu generieren. Und es sind zunächst diese Erfahrungen, die zu universalisieren immer problematisch ist. Man kann das, aber dabei verändern sich diese Erfahrungen auch qualitativ, werden anders interpretiert usw. So habe ich den Habermas zumindestens immer verstanden, und den Foucault auch, generell die Kritische Theorie.

    lars

    25. Juni 2008 at 10:31

  9. Dahrendorf spielt bei mir da weniger eine (hihi) Rolle. Das ist zunächst mal der utopische Anspruch, ein freier Mensch zu werden, frei von Fremdbestimmung, frei von entfremdeter Arbeit, frei von einer Geschlechtsrollenfixierung (die Anarchos waren ja die ersten, die diesen Aspekt thematisierten).

    Dann die Tatsache, dass die Geschlechtsrollen etwas historisch Gewordenes, keine anthropologische Grundkonstante sind, und die ganze Entwicklung von den Sexy Sixties über die Neue Frauenbewegung bis zur Genderdebatte-was ist das Anderes, als die Rollenfixierungen der bürgerlichen Gesellschaft historisch überwinden zu wollen?

    Mit Foucault, Debord, Deleuze usw.bin ich ebenso wie der Kritischen Theorie ganz bei Dir, auch noch mit Reich und einer Art umgedrehtem Freud – der „polymorph-perverse Charakter“ als positives Ideal, die neue Gesellschaft als lustig durcheinanderpoppende bisexuelle Horde (ohne den Zwang, dies sein zu müssen).

    Ansonsten ist Überwindung von Geschlechtsrollenfixierungen der Austritt des Menschen aus seiner selbst verschuldeten Unmündigkeit.

    che2001

    25. Juni 2008 at 11:00

  10. Den Verweis auf Dahrendorf tat ich nur, weil er eben diese Konzeption von Rolle als konstantes Identifiaktionsgefüge ausgearbeitet hatte, aber Mead, Goffman und die Pragmatisten da eine etwas andere Konzeption vorschwebte: vor allem was den Charakter des Sozialen betrifft. Das nur als Zurückweisen des Arguments, dass eine Verabschiedung starrer Rollenmuster automatisch in den Bereich des Nicht-Sozialen führen würde.

    lars

    25. Juni 2008 at 11:25

  11. Diese Eigentumsbezeihung über sich selbst und über andere wäre vis a vis einer Frage nach der eigenen Freiheit ja durchaus diskutierbar.

    Insofern kann man auch gut bezweifeln, ob eine Verhaltensmode namens „Rollen-Losigkeit“ tatsächlich Freiheit schafft.

    Es ist ein anderer Gesichtspunkt (ich dachte, das wäre klar), ob man stur und starr an alten Rollenmustern festhält und jegliche Abweichung als bekämpfenswert erachtet (-> Konservatismus), ob man sich also von diesem Rollen-Konservatismus frei macht, oder – und hier beginnt der Dissenz zwischen uns – ob man sich plötzlich neue, angeblich „linke“, repressive Dogmen bzw. Verhaltensideale ausdenkt, die auf die eben un-freiheitliche Diskriminierung von abweichendem bzw. unererwünschten (Rollen-)Verhalten hinaus laufen.

    Was soll das sein, „Rollen-Losigkeit“? In meiner Erinnerung waren das dann z.B. „linke“ Männer (bzw.: linke „Männer“), die sich zu ihren eigenen Geschlecht nicht zu bekennen trauten und (in vermeintlicher Solidarität zu den weiblichen Feministen) z.B. sich über „Tussen“ aufregten, wenn eine Frau ihre Weiblichkeit inszenierte.

    Hinter der „Rollenlosigkeit“ stand also kein Rollen-Pluralismus und gegenseitige Toleranz (das wäre meine Position), sondern das exakte Gegenteil.

    Und das im Namen des Fortschritts.

    Natürlich gab es damals – und gibt es auch heute – Leute, die sich mit Rollen-Pluralismus schwer tun, während sie selbst, leicht eitel, gender-Pluralismus für ideal halten (aber eigentlich nur für exotische gender-Vorstellungen schwärmen) – ohne den eigenen, sogar fundamentalen Widerspruch zwischen den Auffassungen von „Rolle“ und „gender“ auch nur zu ahnen.

    Dr. Dean

    25. Juni 2008 at 12:46

  12. „ob man sich plötzlich neue, angeblich “linke”, repressive Dogmen bzw. Verhaltensideale ausdenkt“.

    Aber gerade die dekonstruktivistische Perspektive auf „gender“ versucht ja zu öffnen, ohne gleich wieder neue Ideologien und Repressionen aufzustellen. Darum geht es doch. Und das ist eine Gradwanderung ganz klar. nichtsdesto trotz verlangen relativ starre ideologische Strukturen auch einer scharfen Formulierung. Aber das sind strategische Artikulationen, die erst einmal Herausfordern müssen. Vielleicht bin ich einfach zu jung, um die ideologischen Kämpfe mit dem Feminismus in aller Schärfe gespürt bekommen zu haben. ich war nie in einer Männer- oder Frauengruppe, musste mich dafür auch nie rechtfertigen. Bin aber auch nie wirklich in den Verdacht gekommen, sexistisch, rassistisch oder homophob aufzutreten.

    lars

    25. Juni 2008 at 14:07

  13. Mag ja sein es im ach-so-verdienstvollen Gender-Dekonstruktivismus ursprünglich um Toleranz gegangen ist. Seine „linke“ Praxis ist repressiv.

    Genau darum kann man fragen: Was soll das?

    Ich brauche das nicht. Butler ist mir egal, und „Linke“, die auf dieser dürren Basis anderen ziemlich idiotische Verhatlensvorschriften machen, bevorzugt auf der subtilen Ebene – und nicht minder repressiv, haben Widerspruch verdient. Das gilt auch dann, wenn es bei bestimmten Linken als progressiv gilt, wenn man ggüber den mitunter bekloppten Theorien aus Femi-Umfeld grundsätzlich die Klappe zu halten hat (…es sei denn, man verhält sich affirmativ dazu). Die richtige Antwort auf Butler u.ä. lautet einfach:

    Nein.

    Dr. Dean

    25. Juni 2008 at 16:32

  14. Korrektur:

    Es muss heißen:

    Mag ja sein, dass es im ach-so-verdienstvollen Gender-Dekonstruktivismus ursprünglich um Toleranz gegangen ist. Seine “linke” Praxis ist repressiv.

    Dr. Dean

    25. Juni 2008 at 16:34

  15. @Oder ist es nicht eher eine Form der Maskerade, ein Spiel von Bürgerkindern, eigentlich nur eine andere Form des Rollenspiels, und zwar diesmal bestimmt von Politdogmatiken?
    — Also so, wie ich das erlebte, wurden eher die Politdogmatiker nach Strich und Faden kritisiert und veralbert. Paar Kostproben:

    Pathetische Szenemacker werden von Frauen wegen ihres Mackerverhaltens kritisiert und als Vorturner abgesägt. Am Geburtstag eines Szenegurus singt ein gemischter Chor vor seiner Tür „Wir wollen hier eine Revolution und nicht Dich auf dem Thron.“

    Bei der Selbstvorstellung einer neugegründeten autonomen Gruppe der ganz moralinsauer-spaßfreien Richtung brüllt eine Genossin von mir (Butler-nah): „Was hast Du da für einen Button an der Brust stecken? Nen Orden? Wieviele hast Du dafür ins Gulag gebracht? Finde ich aber gut, dass wir jetzt auch in Bremen ein paar Schießbudenfiguren haben, über die wir lachen können.“

    Dieselbe, nachdem Veganer einem Ökometzger den Laden zerdengelt hatten, vor laufenden Kameras von Radio Bremen: „Du bist Du ein propperer kräftiger junger Mann richtig im Saft – Du wirst Dich doch wohl gegen ein paar halbverhungerte Gurkenkinder zur Wehr setzen können!“

    Oder diese Szene hier:

    Mit wichtigem Gesichtsausdruck meint Herbert: „Also, für mich steht die Frage im Mittelpunkt, welche langfristigen politischen Impulse und Synergieeffekte sich hier ergeben…“ „Synergie?“ wirft Britt lachend ein „Klugscheißereffekte oder was?“ Herbert schweigt beleidigt, während Britt lustig weitermacht. „Weiß doch jeder, daß die Akademer der letzte Kegelverein sind!“

    Oder ich, der ich vor einem Antisexismzustribunal von 60 Leuten, das gerade zwei Genossen wegen angeblichem aber nicht tatsächliche sexistischem Verhalten ausgeschlossen hat das Vorgehen des Plenums als in der Art und Weise, mit Stimmungen Politik zu machen faschistoid bezeichnete und bei einem Antiimkperialimuskongress in der veganen Volksküche Pute zubereitete und in einer Männer-Szene-Kader-WG wohnte, auf deren Tür: „Restricted Area – Spackenfreie Zone -mehr Sex“ stand.

    Those were the days…

    che2001

    25. Juni 2008 at 18:44

  16. P.S.: Gegen ein paar halbverhungerte Gurkenkinder mit Deinen Schlachtermessern zur Wehr setzen war der O-Ton.

    che2001

    25. Juni 2008 at 18:45

  17. @Dean:

    Wie Du ein „erfinde Dich selbt und laß Dich nicht durch Fremdzuschreibungen bestimmen“ repressiv umdeuteln willst, das ist trotz der Menge der Worte noch nicht verständlich geworden …. weil das ja gar nicht ausschließt, daß man sich ruhig auch über Fremdzuschreibungen definieren kann, man kann sie nur nicht als natürlich behaupten.

    Und mit dieser „Befreiungstheologie“, die in der älteren Kritischen Theorie noch drinsteckt, dieses „der Mensch ist Utopie, mir müssen ihn erschaffen“, diese ganzen Entfremdungstopoi, die auch hinter der Kritik der kleinbürgerlichen Familie steckten, haben diese Modelle ja gerade aufgeräumt. Du bekommst da was durcheinander.

    momorulez

    25. Juni 2008 at 19:17

  18. Ich habe ganz den Eindruck, da werden Erfahrungen mit der ganz rigiden Variante des moralingesäuerten PC-Antisexismus mit den ursprünglichen theoretischen Ansprüchen völlig unterschiedslos gleichgesetzt.

    che2001

    26. Juni 2008 at 7:37

  19. Na, und da muss man ja auch noch zwischen Theorie als Praxis und ihrer Aneignung unterscheiden. Das ist ja nichts anderes als den Adorno ständig ein autoritäres Arschloch zu nennen, weil er einmal die Piolizei gerufen hat. Und das wird dann auf die Theorie zurück gebügelt. Deine Beispiel klingen auch eher danach, als ob die theoretischen Legitimationen recht unsystematisch für die Aktionen herhalten mussten. Gibt halt auch Moden bei den Linken. Zudem sind es ja die üblichen verdächtigen: Veganer und Frauen, zusammen mit dem Schwarzen Block die Lieblingsfeindbilder der Anti-Linken, die schon immer dafür herhalten müssen, wenn es darum geht die radikale Linke zu desauvieren. Das soll ja nicht heißen, dass es realiter solche zwangshaften Praktiken nicht gäbe – aber das dann als „die repressive Linke“ auszulegen, das geht einfach nicht.

    lars

    26. Juni 2008 at 7:41

  20. Theoretisch habe ich mit Butler bzw. der Kombination Butler-Foucault dann in einem ganz anderen Bereich zu tun gehabt, nämlich in der Wissenschaft, genauer gesagt, in der Kritik biologistischer (rassistischer, sexistischer, normalisierungsautoritärer) Theoreme in der Anthropologie und Ethnologie. Und da war Butler ungeheuer hilfreich.

    che2001

    26. Juni 2008 at 9:02

  21. Eben. Das ist ja die nicht zu unterschätzende wissenschaftliche Relevanz.

    lars

    26. Juni 2008 at 12:03

  22. Falls das im Anekdotischen meiner Erzählweise oben untergegangen ist: Ich persönlich habe den Umgang mit Debatten um Gender und Rollenfixierungen gerade im „harten“ Teil der autonomen Szene verhältnismäßig locker, moralinfrei und inhaltlich orientiert erlebt, in der studentischen Linken hingegen ätzend moralisch, rigide und mit persönlichen Aversionen aufgeladen. Ins Auge springt hierbei, dass die studentischen Linken Bürgerkinder mit einem hohen Anteil Lehrer- und Pastoreneltern waren, die „harten“ Autonomen hingegen Leute aus dem richtigen Leben.

    che2001

    26. Juni 2008 at 12:07

  23. Hmm, die meisten studentischen Linken, die ich kannte, waren zu dem Zeitpunkt stärker auf den Kampf gegen Studiengebühren als auf alles andere fixiert.

    lars

    26. Juni 2008 at 14:06

  24. Den gab es damals noch nicht.

    che2001

    26. Juni 2008 at 14:44

  25. @ Momorulez

    Wie Du ein “erfinde Dich selbt und laß Dich nicht durch Fremdzuschreibungen bestimmen” repressiv umdeuteln willst, das ist trotz der Menge der Worte noch nicht verständlich geworden ….

    Tjanun, wenn ich es mit Worten nicht schaffe – ich habe gehofft, im anderen Thread wäre das Angesprochene deutlicher geworden.

    Gut, Momorulez, dann nimm ein einziges Wort von Che.

    Antisexismustribunal.

    Dr. Dean

    26. Juni 2008 at 18:28

  26. Ja, das hat nun aber mit der Gender-Theorie nicht allzu viel zu tun bzw. ergibt sich nicht aus dieser … das ist wenn, dann mit diesen Kurzschlüssen zwischen normativ und deskriptiv bei unseren liberalen Gegenübern zu vergleichen, das Antisexismus-Tribunal.

    MomoRules

    26. Juni 2008 at 19:05

  27. Und im Übrigen habe ich darauf hingewiesen, dass meine Leute und ich selber sich genau gegen so etwas gewandt haben, und ziemlich polemisch, auch, dass die VertreterInnen der Gender-Debatten in meinem Umfeld eben genau so etwas nicht meinten. Im Gegentum, die Tribunal-Leute vertraten implizit Positionen, die von dekonstruktivistischen Gender-ArgumentatorInnen als biologistisch kritisiert wurden.

    che2001

    26. Juni 2008 at 21:22

  28. Und dazu muss auch meine Antwort auf Dein von Dir, Dean, verlinktes Statement gelesen werden.

    che2001

    26. Juni 2008 at 21:24

  29. Ja, das hat nun aber mit der Gender-Theorie nicht allzu viel zu tun

    Nunja, es ist immerhin das, was aus dieser Theorie gemacht wurde. Woher willst du wissen, dass die Praktiker eines neuen Dogmas, das sie sich aus Gender-Theorie zusammenbauten, die Gender-Theorie falsch verstanden haben? Ich weiß nur, dass da kluge Menschen darunter waren, dumme Mensche freilich auch, und erstere wie letztere soffen sich die neuen Sexualdogmata an wie Absinth. Anders als die 68er aber nicht primär als Befreiungsakt, sondern – so habe ich es eben erlebt – als Repressionsakt, der als „Befreiung“ – oder jedenfalls Fortschritt verkauft wurde, besonders begeistert vorgetragen von jenen, die sicherlich – teils sogar habituell, aber in szenegerecht linker Verkleidung – auch einen guten wilhelminischen Juristen gemacht hätten, wenn sie 100 Jahr zuvor auf die Welt gekommen wären. Widerliche Kneifgesichter, die durch nichts in der Welt glücklicher gemacht werden konnten als dadurch, dass sie anderen Menschen Regeln verkünden durften. Ja, Tribunale gab es auch.

    Es war als eigentlich harmloser, als es gerade von mir geschrieben wurde, aber, worauf ich hinweisen wollte, das ist eben der Umstand, dass die ach-so-fortschrittliche neue Sexual- und Rollenmoral teils eben alles andere als freiheitlich und tolerant war.

    Das ist doch interessant oder? Zumal es unmittelbar mit Butler & Co zusammenhängt. Die Leute, die ich hier so unerfreulich beschrieb, beriefen sich unmittelbar darauf, und wirklich nichts wäre bei ihnen imstande gewesen, ihr pseudolinkes neues Sexualspießertum nicht unmittelbar mit Butler in Verbindung zu sehen.

    Vielleicht kann man sagen, dass schlampige, extremistische Theorien, sofern diese kulturelle Hegemonie in politischen Gruppen und Grüppchen erlangen, üble Nebenwirkungen erzeugen. Die Einseitigkeiten Butlers und ihrer AdepteInnen mögen in der theoretischen Auseinandersetzung hilfreich gewesen sein (ich bezweifle auch das), in der Prasis jedenfalls war es nicht hilfreich.

    @ Che

    Unsere Tribunalisten konnten Butler beten.

    Dr. Dean

    26. Juni 2008 at 23:21

  30. @Dean:

    Na, es beruft sich ja auch manch liberaler Rechtsausleger auf Hayeks sponatne Ordnung, de er de facto qua Agitation verhindert …. dann sind auch die Beatles verantwortlich für Herrn Manson, und Jesus für die Inquisition. Aus den Gender-Theoremen kann man gar keine Dogma machen, das wäre in sich widersprüchlich. Und Du nimmst weder den Übergang von den Entfremdungstheoremen zu den dekonstruktivistischen Ansätzen noch realen Sexismus in der ganz normalen Alltagswelt wahr -die meisten Bewerbungsgespräche z.B. für weibliche Führungskräfte sind doch bis heute eben ein sexistisches, nur kein antisexistisches Tribunal, ons5t gäbe es z.B. ein paar mehr Professorinnen …. bei der Generalisierung individueller Traumata sollte man doch immer ein wenig vorsichtig sein, das ist sonst so, als würde man aus einer blöden Begegnung mit einem Türken eine generelle Negativ-Türkologie basteln …

    MomoRules

    27. Juni 2008 at 8:20

  31. Ganz recht, die ganzen moralinaufgeladenen Sexismusdebatten und -Tribunale in der linken Szene hatten das Bekanntwerden real passierter Vergewaltigungen (und zwar eine ganze Reihe solcher Fälle) zum Anlass, mit denen in der Szene anders umgegangen werden sollte als in der Bürgerwelt, z.B. ohne Einschalten der Justiz. Zeitlich kulminierte das in etwa mit der PorNo-Kampagne und der Inhaftierung Ingrid Strobls, was den Bodensatz für eine bestimmte Stimmung schuf. Diese wirkte sich weit überwiegend, aber nicht nur moralisch repressiv gegen heterosexuelle Männer aus (die subjektive Sichtweise einer Frau zu dieser Zeit kenne ich nicht).

    Die TribunalistInnen, die ich erlebte, hätten mit dem Namen Butler nichts anfangen können, sie bewegten sich zwischen Dworkin, Schwarzer, Strobl und durchaus Abdullah Öcalan und Leila Khaled. Vom Sex-Gender-Diskurs nahm ich erst Kenntnis, als der Höhepunkt dieser Sexismusdebatten schon vorbei war, und das kam aus England, nicht aus den Binnendiskussionen der linken Szene in Deutschland. Ich fand das ungemein erfrischend, weil es von diesem in der deutschen Linken verbreiteten Schuld-Sünde-Denken wegführte zu einer eher anthropologischen, körpergeschichtlichen Sichtweise.

    che2001

    27. Juni 2008 at 9:03

  32. Und dazu noch Eines: Vor dem Bekanntwerden von Vergewaltigungen in der Szene wurde abstrakt über ein zur bürgerlichen Welt, gegen die Linke ohnehin waren gehöriges Patriarchat diskutiert. Die eigenen Beziehungen (offene Zweierbeziehungen mit erlaubten Seitensprüngen galten vielfach als favorisiertes Modell) wurden als den bürgerlichen Ehen überlegen betrachtet. Das Bekanntwerden massivster sexualisierter Gewalt in den linken Szenezusammenhängen stellte das Selbstverständnis der Szene infrage. Damit verantwortungsvoll und sich selbst gegenüber ehrlich umzugehen ist alles andere als leicht.

    Btw: Momo, Du hast Mail.

    che2001

    27. Juni 2008 at 9:16

  33. Aus den Gender-Theoremen kann man gar keine Dogma machen, das wäre in sich widersprüchlich.

    Hmm. Ich glaube ja eher, dass sich aus extremen Theoremen ziemlich leicht Dogmen machen lassen. In der Praxis linker Gruppen: war das bei den Gender-Theorien der Fall. Die galten im Wesentlichen als eine Art Munitionsmaterial.

    bei der Generalisierung individueller Traumata sollte man doch immer ein wenig vorsichtig sein, das ist sonst so, als würde man aus einer blöden Begegnung mit einem Türken eine generelle Negativ-Türkologie basteln.

    Halten wir doch einfach mal fest:

    (ich glaube, man kann das)

    1. Das von mir Beschriebene gab es in ziemlich vielen linken Gruppen.

    (Che meint, als Besonderheit linker Gruppen in Norddeutschland der 80er und 90er Jahre.)

    2. Repression – zumal über private Zusammenhänge und gruppendynamisch ausgeübt – ist auch Repression, und mitunter – das Wort stimmt – „traumatisch“.

    (Obgleich das Adverb „traumatisch“ das gewöhnliche Geschehen doch zu stark dramatisiert – im Einzelfall mag es dennoch eine adäquate Darstellung sein)

    Da stellt sich die Frage, was da schief gegangen ist.

    Dr. Dean

    27. Juni 2008 at 12:11

  34. Dazu schreibe ich heute abend mal was Längeres, zu der Frage, was da schief gegangen ist. Ich finde an Gender-Theoremen übrigens nichts Extremes, sie drücken nur einen aktuellen Diskussionsstand in der Soziologie, Ethnologie, Geschichtswissenschaft und Geschlechterforschung aus, bis hin in die Anthropologie. Wenn ethnologische Studien zeigen, dass es Völker in Sibirien und Papua-Neuguinea gibt, die 7 verschiedene Geschlechter unterscheiden, für die es eigene grammatikalische Formen gibt (also statt „ihm“ und „ihr“ vielleicht noch „ihmt“, „ift“ etc.), weil Transen, Hermaphroditen,Lesben,Schwule und u.U. auch Kinder und nicht mehr zeugungsfähige Alte als eigenständige Geschlechter angesehen werden, wenn man weiß, dass noch im europäischen Mittelalter Transgenität als normal angesehen wurde und im Verständnis der damaligen Leute eine Frau im Verlauf ihres Lebens zum Mann mutieren konnte und umgekehrt, dann stellt sich die Frage, inwieweit die aktuelle Festlegung auf zwei biologisch definierte Geschlechter eine Konstruktion ist, die für bestimmte Gesellschaften gilt, aber nicht für alle. Das ist so ähnlich wie mit dem von der modernen Humanbiologie verworfenen Rassenbegriff.

    So, das war der eigentliche Ausgangspunkt der Gender-Debatte, wie ich sie kenne. Auf dieser begrifflichen Grundlage Rollenverhältnisse zu diskutieren mit der Stoßrichtung „was ist progessiv, was trägt zur Emanzipation bei, welche Verhaltensweisen zementieren Machtstrukturen und welche transzendieren sie“ finde ich sehr in Ordnung.

    Was der politisch korrekte moralische Teil der radikalen Linken (übrigens hauptsächlich studentische Bürgerkinder, die eher aus Alternativjobbern, Langzeitarbeitslosen mit Arbeiterfamilien-Hintergrund, 40+Altlinken und Asylbewerbern/Bürgerkriegsflüchtlingen bestehende sozialrevolutionär-autonome Szene, der ich angehörte hatte damit nichts zu tun) dann daraus gemacht hat ist eine andere Diskussion.

    che2001

    27. Juni 2008 at 12:31


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