shifting reality

Es gibt kein richtiges Lesen im valschen!

Das linke Menschenbild – was ist das?

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Zum Thema Sexismus, Linke, Moral und Menschenbilder füge ich hier mal einen literarischen Beitrag  aus einem von mir verfassten Roman  ein, der zwar Anfang der 90er geschrieben wurde, aber zu den aktuellen Debatten recht gut passt.

Also: Was ist das linke Menschenbild?

Oder gibt es so etwas überhaupt? Diese Frage stellt Alfie sich in der letzten Zeit immer häufiger. Dabei sollte e r es eigentlich wissen – seit den späten Siebzi­gern dabei, in allen Szene-Zusammenhängen gerne gesehen, theoretisch außeror­dentlich bewandert…

Die Wahrheit ist, er kennt sich nicht mehr aus. Das Verständnis von Verhaltens­normen, Rollenzuweisungen etc pp hat in der Szene niemand eindeutig definiert, aber niemals haben die Leute sich darüber so sehr den Kopf zerbrochen wie ge­rade zur Zeit. Nun ja, wir leben ja auch, was die Linke angeht, in einer Saure­Gurkenepoche. Politischer Durchsetzungsmöglichkeiten und Utopien beraubt, nach langen, immer genauso ablaufenden Kämpfen ausgelaugt, die stets gegen Wind­mühlen geführt wurden, unterlag sie zu schlechter Letzt der Wiedervereini­gungsdepression.

Nun leckt die Linke ihre Wunden, und ihr studentisch-akademischer oder sonst­wie sich intellektuell definierender Teil betrachtet fasziniert den eigenen Bauch­nabel. Nicht, daß dabei nichts Produktives herauskommen könnte; Kritik an den eigenen, oft gar nicht libertären Strukturen und Verhaltensweisen ist allemal angebracht.

Da gibt es linke Macker mit übelst frauenfeindlichem Verhalten und Frauen, die, firm in feministischer Theorie, mit eindeutigem Jargon und Outfit, keine Frauen­demo auslassend, auf harte Männer mit markigen Sprüchen abfahren und sich in ihrer jeweiligen Beziehung bereitwillig dominieren lassen. Da rennen mindestens zwei Drittel der Szene mit einem moralinsauren Schuld-und-Sühne-Denken durch die Gegend, an dem der olle Siegmund seine helle Freud hätte… und nebenbei gesagt, geht wohl kaum ein soziales Millieu mit sich selbst so grausam um, wie eben die linke Szene.

Dazu kommt die Aufweichung des subkulturellen Millieus durch verpunkte Bürgers und verbürgerlichte Punks (die mit ks, nicht die mit x), das Verschwinden früher selbstverständlicher gesamtlinker Verbindlichkeiten. „Die neue Unübersichtlichkeit macht uns noch alle, wirst sehen!“ wie Sabine seit zwei Jahren ständig meint.

– Früher, so um 1980 herum, schien alles vergleichbar einfach.

Da fuhr mensch, falls motorisiert, nen Käfer mit kleiner Heckscheibe oder n R4 mit einsteckbarer Anlasserkurbel und Anti-AKW-Aufkleber. Einheitlich wie das Fahrzeug waren Musik und Kleidung: Hannes Wader, Ton Steine Scherben, Fehl­farben; der Text war wichtiger als der Sound. Auf Feten: Deep Purple, Led Zep­pelin, Uriah Heep, White Snake, Blue Oyster Cult. Die Kluft: entweder selbstgehäkelt bzw Kamelhaar oder Afghan-Kammgarn oder aber Leder, drei Jackenmodelle zur Auswahl: Motorradjacke schwarz mit geflochtenen Schulterstücken und massiver Polsterung (Modell Streetfighter), Antiklederjacke olivbraun mit spitzem Kragen (Modell Fritz Teufel) und schließlich der bodenlange Original-Fünfziger-Jahre-Motorradmantel. Verkehrt wurde ausschließlich in Szenekneipen, von denen es in den kleineren Städten immer nur eine gab: in Osnabrück den PH-Keller, in Braunschweig erst den Golem, dann die Chimäre, später das Eusebia, in Salzgit­ter das Wilde Huhn, in Göttingen den Theaterkeller, in Bremerhaven die

Haifischbar, in Kassel das Lohmann’s. Diese Kneipen hatten ebenfalls einen Ein­heitslook: eng, schmuddlig, große, mit Einritzungen verzierte Holztische, die Wände voll Plakate, die oft bis 1967 zurückreichten, oder völlig schwarzes PVC. Die oben genannte Musik aus einer quäkenden, schlechten Anlage. Discos wurden gemieden, stattdessen in Jugend- und Kommunikationszentren abgehottet, in denen Jugendliche oft eine Minderheit bildeten: Die Fabrik, das Onkel Pöh, das KOMM, das E-Werk, die Brunsviga, die Kampnagelfabrik, die Ufa-Fabrik. Später, im Verlauf der Achtziger, sollte es noch ein paar Nachzügler-Projekte dieser Art geben: Tempodrom, Schwarze Katze, JUZI, Alhambra.

Wie der linke Lebensstil, das linke Lebensgefühl so einheitlich wirkten, daß Bul­lenspitzel in aller Regel dadurch enttarnt wurden, daß ihnen trotz perfektem Aussehen und plausibler Legende ein gewisses Flair, wie Alfie sagt, „der Stallgeruch“, fehlte, so legte eine kollektive Aversion fest, was „out“ war: Popperlook bzw Schleifchen im Haar, Taco- und Culture-Club-Musik, Bodybuilder und Edelfreßlokale waren Haßobjekte. Inwieweit diese Normierungen des linken Alltagslebens richtig und rational begründbar waren, mag eine interessante Frage sein; gestellt wurde sie nicht. Tatsache war, daß die subkulturelle Festgelegtheit der Szene identitätsstiftend wirkte und so eine Art linkes Heimatgefühl schuf, das im Verlauf der Achtziger Jahre zumindest außerhalb von Szenestädten wie Berlin, Hamburg, Frankfurt, Bremen oder Göttingen allmählich verloren ging.

Auf der anderen Seite hatten die alten Szenenormen aufgrund ihres formalen Charakters viele zentrale Fragen ausgeklammert; ganz abgesehen davon, daß sie die Szene für Angehörige ganzer sozialer Gruppen fast unzugänglich machten, vernebelten sie den selbstkritischen Blick auf ihre internen Strukturen. Diese waren auch bei sich als undogmatisch verstehenden Gruppen durchaus hierarchisch und autoritär, mit Opinionleaders und Gefolgschaften. Während ständig die Verbunden­heit von Politischem und Privatem betont wurde, wäre niemand auf die Idee gekommen, die eigenen privaten Verhältnisse, Beziehungskisten etc ernsthaft zu thematisieren. Mancherorts sonnten sich die linken Gruppen in Selbstbeweihräucherung, was die Spontis und Autonomen den orthodoxen MarxistInnen oft zum Vorwurf machten, sie selber aber genauso drauf hatten. Ein ziemlicher Inno­vationsschub kam, was die universitäre Linke anging, dann mit der Streikwelle an den Hochschulen im Jahre 1988, der sogenannten „Unimut“-Bewegung. Eine Generation von Studis, die keinerlei Szene-Biographie und auch an den Aktionen der Friedensbewegung oder dem Wackersdorf-Kampf keinen Anteil ge­habt hatte, politisierte sich selbst und organisierte sich spontan. Hierbei kam es zu einer Art „Generationskonflikt“ mit den etablierten politischen Hochschulgrup­pen. Einerseits wurden alle Bevormundungs- und Umwerbungsversuche, wie sie vor allem aus der Juso-SHB-MSB-Ecke, aber auch von radikaleren Gruppen ka­men, entschieden zurückgewiesen. Zum Anderen weigerten sich die jüngeren Stu­dis ebenso entschieden, solidarisch gemeinte Kritik oder auch nur Ratschläge jeder Art von Älteren (wobei „Ältere“ zwei Semester bedeuten konnte) anzuhören oder sich die Erfahrungen früherer Auseinandersetzungen zunutze zumachen. Da die politischen Vorstellungen der „Unimut“-Bewegung heterogen und oft unzu­sammenhängend waren, stellte sich ihr Abgrenzungsverhalten gegen die eta­blierten politischen Hochschulgruppen und die älteren Semester eher als hilfloser Akt dar; es ging auch keine neue politische Kraft aus dieser Bewegung hervor.

Aber die „VeteranInnen“ der „Unimut-Bewegung“ , die nun sukzessive in die linken Gruppen, die Hochschullisten und Basisgruppen hineingingen, taten dies mit einem anderen Selbstbewußtsein und Rollenverständnis, als dies bis dahin bei Newcomern üblich gewesen war.

Überkommene Gruppenstrukturen, existierende Hierarchien, auch „mackerhaftes“ Verhalten von Leuten (auch Frauen) wurden von ihnen schonungslos kritisiert. Dabei ging es, was die Stoßrichtung dieser Kritik anging, allerdings weniger darum, daß die tatsächlichen Strukturen linker Gruppen deren Idealen von Egalität und befreitem Leben nicht entsprachen, son­dern schlicht und platt um den Wunsch nach menschlich netteren Umgangsfor­men.

Eine andere Entwicklung hatte ihren Ausgangspunkt genommen, als sich nach und nach in weiteren Kreisen herumsprach, daß es innerhalb von Szene-Zusam­menhängen Vergewaltigungen gegeben hatte, und keineswegs etwa nur am Rande und vereinzelt, sondern über Jahre hinweg erschreckend häufig. Die Vergewalti­ger- und Sexismusdebatte bekam dadurch eine bisher unbekannte Brisanz: sie richtete sich nicht mehr ausschließlich gegen ein erstmal abstrakt als System begriffenes Patriarchat oder die frauenfeindliche Anmache durch Normalo-bürgerliche Männer, sondern es mußte sich prinzipiell jeder linke Mann die Frage nach der Glaubwürdigkeit seines antipatriarchalen Anspruchs (wenn er denn einen hatte) stellen lassen, nicht abstrakt-theoretisch, sondern ganz konkret, nicht in der Vertrautheit der eigenen Beziehung, sondern öffentlich. Parolen wie „Jeder Mann ist ein potentieller Vergewaltiger“ hatten die linken Männer zwar ausdrücklich nicht ausgespart, aber solange Vergewaltigungen in der Szene kein Thema waren, ließ sich das bequem beiseite wälzen. Es bedurfte recht wuchtiger Auseinandersetzungen, um daran zumindest vom Begreifen her etwas zu ändern. Auch Alfie hatte da keine Ausnahme gebildet, wenn er auch von so klischeehaften Reak­tionen wie tumber Ignoranz oder dem verlogenen Selbstbezichtigungsgeseiere à la Herbert frei geblieben war. Es ist heutzutage leider nötig, auf „Selbstverständlichkeiten“ gesondert hinzuweisen. Nicht kurz und gut, sondern vielmehr lang und kompliziert, im Augenblick sind die Debatten, wie sie in vielen Gruppen geführt werden, keine Theorie- und Strategiediskussionen mehr, sondern befassen sich mit Gruppenstrukturen und Rollen­verständnis.

Auf der Ebene des trivialen Alltagslebens führt das Ganze dann allerdings mit­unter zu merkwürdigen Resultaten, wie etwa vor zwei Wochen in Alfies WG, als Bernward gemeint hatte, daß es auch mal interessant wäre, sich zu überlegen, was linke Frauen daran besonders emanzipiert finden würden, sich so unerotisch wie nur möglich zu kleiden. Seitdem redet Dorit, die gerade hereingeschaut hatte, kein Wort mehr mit ihm.

„Der Typ erzählt zwar viel Müll, aber deshalb mußt du ihn doch nicht gleich zur Unperson machen!“ hatte Henning – während Bernie übrigens dabei war! – ne Woche später gemeint und dafür „Euch ist in eurer Macho-Solidarität auch nichts zu blöde!“ geerntet. Alfie hatte nichts ge­sagt, sondern noch ein Flens gekippt. Die Tatsache, daß er bei solchen Napfsül­zen wie Dorit oder Herbert, die er nicht fürn Pfennig ernstnimmt, selber so be­liebt ist, hängt nun mal damit zusammen, daß er sich bei solchen Gelegenheiten raushält. Nicht aus Taktik oder Konfliktscheue, sondern weil er keine Lust hat, ernsthafte Auseinandersetzungen auf der Ebene der an den Kopf geschmissenen Plattheiten zu führen. Son Löres interessiert ihn nicht. Immerhin, die ideologi­sche Verbissenheit um Alltagsbagatellen hat sich über die Jahre gehalten.

Früher gab es mal die Diskussion um die sozialistische Kartoffel, und die ging so

: „Ist eine sozialistische Kartoffel nur dann eine sozialistische Kartoffel, wenn sie ohne entfremdete Arbeit hergestellt wurde, oder reicht es, wenn sie aus einem realso­zialistischen Land kommt? Wie steht es mit der Ökologie? Ist eine Kartoffel, die privatwirtschaftlich, aber ökologisch hergestellt wurde, einer Industriekartoffel aus einem sozialistischen Land vorzuziehen oder umgekehrt?“ Na ja, und so wei­ter. Alfie ist nicht mehr so ganz bei der Sache, der Kater wirkt nach. Verwendba­rer sind vielleicht die Gedanken, die Azad zu dem Thema mal geäußert hat. „Eure Probleme mit eurem Selbstverständnis und euren Strukturen sind deshalb so kompliziert, weil es in eurem Land keinen revolutionären Prozeß gibt, auf den ihr euch beziehen könnt,“ hatte er argumentiert.“Der Neue Mensch entsteht aus der kämpfenden Konfrontation mit der alten Welt. Was ihr braucht, sind keine immer neuen Theo­riediskussionen, sondern neue Verhältnisse, und dazu müßt ihr die herrschenden Verhältnisse angreifen.“ Doch weitere Gedanken überlassen wir lieber der lieben Leserin und dem nicht minder sympathischen Leser, denn Azad ist gar nicht da, und Alfie nicht mehr in der Stimmung. Auch in einem Buch muß man ja mal seine Ruhe haben und mit sich allein sein. Verlassen wir also die Szenerie und bege­ben uns nach Hamburg St Pauli, in eine Kneipe namens „Onkel Otto“. Aber das ist ein anderes Kapitel…*

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Written by chezweitausendeins

27. Juni 2008 um 21:23

Veröffentlicht in Aufklärung?, Baggage, die Moral, Links?

5 Antworten

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  1. Wir sind ja gewissermassen wieder auf den Anfang der Sache zurückverwiesen worden: Gleicher Lohn für gleiche Arbeit, überhaupt Lohn, und Zugang zu Bildung, Stärkung des Subjekts. Das Problem ist, dass wir zu lange zu viel „Kultur“ gemacht haben, dabei schlug dann irgendwann alles ins Private um, in Lifestyle, was niemandem mehr nützt, dessen Ästhetik aber mittlerweile bei allen möglichen Leuten und Gruppen, mit denen man sonst eher ungern zu tun hat, Alltag geworden ist. Es gibt aber nicht nur „überbau“.

    T. Albert

    28. Juni 2008 at 9:56

  2. Ja, eben, vollste Zustimmung. Deshalb kann ich diese Reflektionen auf eine an Lebensstil orientierte Szene gar nicht lesen, ohne schlechte Laune zu bekommen. Die ist doch Symptom genau dessen, was sie selbst kritisiert.

    Genau das, was Du schreibst, ist das „nach der Dekonstruktion“, genau deshalb mußte sie aber stattfinden – weil die verneindliche linke, kulturelle Dominaz seit den 60ern, an der Neocons sich immer reiben, bis sie abspritzen, eine Lifesytle-orientierte war. Deshlqab haben die besserverdienenden Grünen in Ottensen ja auch so wenig Probleme, anderen in den Lifestyle hineinzuregieren.

    Ja, Che, ich weiß, daß im Innner Circle eurer Szenen knallhart und unter hohem persönlichen Risiko politisch gearbeitet wurde. Das waren aber nur sehr, sehr wenige, der Rest war sowas wie die Beatles. Und da war Elvis immer schon weiter als John Lennon;-) …

    MomoRules

    28. Juni 2008 at 12:08

  3. Das ist ja auch nur Schleichwerbung für meinen autobiografischen Roman, aus dem es auch noch ganz andere Kapitel zu lesen geben wird 😉

    chezweitausendeins

    28. Juni 2008 at 15:49

  4. Übrigens, Momo, auch wenn ich mich wiederhole: Du hast Mail!

    chezweitausendeins

    28. Juni 2008 at 16:20

  5. Pelvis, Beatles und so: In diesem Kontext waren wir eher die Doors. Lennon war sicher intellektueller als Elvis, aber der brachte es in seinem Tennessee-Vorstadtkinderinstinkt höchst proletarisch auf den Punkt. „In the Ghetto“ ist zielgenauer als alle Diskussionen von Antirassismusplena.

    chezweitausendeins

    28. Juni 2008 at 23:51


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