shifting reality

Es gibt kein richtiges Lesen im valschen!

Ja, wie is’n das nun?

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Wie ist denn nun die Relation dieser Formel zu dem, was sie – ja, was denn nun? Aussagen? Abbilden? Beschreiben? Erzeugen? – will?

Wieso macht sich jemand die Mühe da noch diesen – ja was denn nun? Feuerball? Sonne? Supernova? – dahinter zu peppen im hübschen Rot? Und in welcher Hinsicht ist die Formel denn „wahrer“ als das Bild, und warum?

Wieso jedoch läßt das Bild noch die Möglichkeit zu, das ganze als abstrakte Kunst sehen können zu wollen, während es unmöglich ist, hat man die Zeichensysteme gelernt, aus denen die Formel besteht, diese nicht als Formel aus Buchstaben und mathematischen Zeichen zu sehen?

Und worin besteht die Differenz zwischen einem Satz wie „Hier bin ich Mensch, hier darf ich sein!“ und der Formel? Wieso kann der Satz „Hier bin ich Mensch, hier darf ich sein!“ auch dann wahr sein, wenn er von ganz vielen verschiedenen Leuten geäußert wird, obwohl doch „ich“ dann jeweils jemand und was ganz anderes meint, ebenso „hier“, und wieso ist das eine andere Ebene als die Aussage, daß doch auch „Mensch“ je nachdem, wer da spricht, etwas ganz anderes meinen kann? Kann man am Kreuz der Domina ebenso ausrufen wie beim Briefe abstempeln oder während man sich in’s Gras fallen läßt, oder nicht, den Satz? Und wieso ist der olle Goethe-Satz nicht im selben Sinne überprüfbar wie „Alle Schwäne sind weiß“?

Wenn ein Text beginnt mit „Am Anfang war das Wort“ oder „Es war einmal“, wieso können sehr viele das Textgenre sofort unterschieden und zuordnen, das die jeweiligen Sätze bestehen? Und wieso gewinnt der Satz dann erst in diesem Kontext seine Relevanz, ebenso wie „Er ging heim“ zunächst mal keinerlei Relevanz verspricht, im Kontext eines Romans jedoch sowohl das Agieren eines Serienmörders als auch die Rückkehr von einem, der seine Familie verließ, bedeuten kann oder auch den Tod eines Priesters -oder eine Trauerrede desselben?

Und wieso sollen solche Fragen nichts mit Sozialwissenschaften zu tun haben? Oder gar mit Freiheit?

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Written by momorulez

29. Juli 2008 um 19:36

23 Antworten

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  1. Lies nicht so viel Faust.

    David

    29. Juli 2008 at 20:13

  2. Ich mußte gerade aus wirtschaftlichen Zwängen heraus, sozusagen 😉 …

    momorulez

    29. Juli 2008 at 20:16

  3. Und was ist ‚Johannes-Evangelium‘ überhaupt für ein Genre? Und kennst Du überhaupt die umzensierten Faust-Zeilen?

    „Schönes Fräulein, darf ich’s wagen
    Euch die Faust hineinzujagen?“
    „Bin weder Fräulein noch schön,
    kann ungefistet nach Hause geh’n.“

    David

    29. Juli 2008 at 20:36

  4. 😀 – nee, kannte ich nicht …

    Genre: Religiöser Text. Die liest man anders als Märchen, normalerweise.

    momorulez

    29. Juli 2008 at 20:48

  5. Ach so, Genre „religiöser Text“ beginnt mit „Im Anfang war das Wort“ so wie das Genre Märchen mit „Es war einmal das Wort“?

    David

    29. Juli 2008 at 20:52

  6. 😉

    David

    29. Juli 2008 at 20:54

  7. Na ja, weil man’s weiß, halt – so konstituiert das ja das, was wir „Kultur“ nennen, und interessant ist, ob man hier – bzw. wer hier – auch bei ersten Worten des Koran oder der Upanishaden diese dem Genre zuordnen würde … für Dean sind solche Fragen nur weibisches Gewäsch. Vielleicht wurde er einfach nicht oft genug gefistet? Wurdest Du schon?

    momorulez

    29. Juli 2008 at 20:58

  8. „Na ja, weil man’s weiß, halt – so konstituiert das ja das, was wir ‚Kultur‘ nennen“

    Klar, aber noch keine Genre-Markierung wie die Märchen-Klammer oder „§34102 a)“

    „Wurdest Du schon?“

    Nee, nicht so richtig, bloß – He! Ich habe immerhin eine offene Identität und Du versteckst Dich hinter Deiner Anonymenmaske! Du zuerst, Unbekannter!

    David

    29. Juli 2008 at 21:04

  9. Nee, ich kenne das auch nur flüchtig rein visuell, nicht sensuell aus Pornos, und diese Praktik hat mich bisher auch nicht sonderlich gereizt … was jetzt aber keine allgemeine Wertung impliziert …

    „Klar, aber noch keine Genre-Markierung wie die Märchen-Klammer oder “§34102 a)”“

    Glaube aber, das genau diese Unschärfen das Wirksame sind, kulturell …

    momorulez

    29. Juli 2008 at 21:19

  10. Aber es gibt da doch ziemlich klar herausarbeitbare Unterschiede: Die Märchenklammer klammert zig Texte, „Im Anfang…“ leitet nur einen und vielleicht ein paar Parodien oder so ein. Klar ist „Im Anfang…“ eine kulturelle „Catchphrase“, philosophisches Tiefenmarketing für eine Weltreligion sozusagen, aber wenn man’s liest denkt man eben „ah, Johannesevangelium“ und nicht allgemein „oh, religiöses Getexte von Christenmenschen“. Aber bei „Es war einmal…“ denkt man eben „oh, ein Märchen“, selbst wenn’s nicht von einem Politiker kommt.
    Daß „Im Anfang…“, ebenso wie die Märchenklammer, zu einer Art prominenten kulturellen Menschheitserbes gehört streite ich aber ja gar nicht ab.

    Oder welche Unschärfe meinst Du?

    David

    29. Juli 2008 at 22:08

  11. Na, bei dem „Am Anfang war“ – was doch das erste Buch Mose ist, oder? – ist ja ziemlich deutlich auch die Ursprungs- und Sinnfrage beantwortet, das ist bei offensiv zeitlos – es war zu unbestimmter Zeit – Märchen ja anders, verleiht aber den Religionen dann doch ein besonderes Gewicht.

    Der griechische
    Ursprungsmythos geht ja ähnlich los, da gebärt Uranus irgendwas, und ob es sich beim Urknall nicht um eine religiöse Konstruktion handelt, das ist ja die Frage, wo Unschärfen in’s Spiel kommen: Gerade „naturwissenschaftliche“ Fragestellungen werden oft sehr ähnlich wie religiöse Texte im Allagsmalltalk gehandelt, und genau da entsteht sowas wie ein wirksamer „kultureller
    Kitt“, wo also Propositionales in narrative Strukturen übergeht.

    Bemerkenswerterweise geht der Koran nicht mit der Ursprungsfrage los, sondern mit einer Lobpreisung des Barmherzigen, der einem den richtigen Pfad weisen solle. Also eher appelativ denn narrativ.

    Das ist ja hier alles noch’n Kommentar zu der Poststrukturalismus/Postmoderne-Diskussion beim Che, und ich will einfach darauf hinaus, daß die „Erzählungen“ nicht minder relevant im Falle der Sozialwissenschaften sind als Korrelationen zwischen Einkommen und Wohnungsgröße. Und daß man selbst für so Triviales noch über Formelwerke gehen muß – Korrelationskoeefizienten und so – ,die alles andere als Abbilder von sind, wo also auch das Erkenntnismedium den Zugang zu Welt erst konstituiert.

    momorulez

    30. Juli 2008 at 8:23

  12. Zum Bild, mit dem die berühmte Einsteinsche Formel unterlegt ist: es ist eine Infrarotaufnahme der Sonne – etwas deformiert wegen einer ungeschickten Bildbearbeitung. Sie passt als Illustration sehr gut, denn nach dem Weltverständnis der klassischen Physik war die Frage, wie die Sonne es schafft, schon seit Jahrmillionen Energie abzugeben, ein unlösbares Rätsel. Die Umwandlung von Materie in Energie, die sich aus der Speziellen Relativitätstheorie ableiten ließ, war die Lösung dieses Rätsels.
    Die Formel wie das Bild stellen Annäherungen an die Wahrheit dar, „wahr“ sind sie beide nicht.

    Zu den Ursprungsmythen:
    Der „Urknall“ ist in der Tat ein Mythos – nicht im umgangssprachlichen Sinne von „unbelegter, aber weithin geglaubter Behauptung“ ( „die Überlegenheit von Breitreifen ist ein Mythos“), oder „ideologisierender Erzählung“, sondern in dem Sinne, dass eine nicht anschaulich vorstellbare Theorie durch eine erzählte Handlung vermittelt wird – wobei der „Mythos Urknall“ zu Vorstellungen führt, die in der „Theorie Urknall“ nicht enthalten sind. Insofern besteht der „kulturelle Kitt“ des „Alltagswissens“, der unsere Zivilisation zusammenhält, aus Mythen – heute wie vor 36.000 Jahren.

    Ein wesentlicher Inhaltlicher Unterschied zwischen den zahlreichen inhaltlich nicht übereinstimmenden altgriechischen Ursprüngsmythen und den beiden inhaltlich nicht deckungsgleichen Schöpfungmythen im 1. Buch Mose ist, dass in den griechischen Mythen die Welt *entsteht* während sie in der Bibel *erschaffen* wird.
    Somit entspricht der moderne Ursprungsmythos „Urknall“ formal den griechischen (germanischen, indischen, keltischen usw.) Ursprungsmythen: die Welt entsteht.
    „Relgiös“ im heutigen Verständnis sind diese Ursprungsmythen nicht, selbst wenn in ihnen Götter auftauchen.

    Dass der Koran nicht mit einer mythischen Erzählung beginnt, liegt daran, dass er von der Funktion her eine Sammlung von Verhaltensregeln und Gesetze, mal mit Begründung, mal ohne, ist. Gesetzbücher beginnen normalerweise mit Präambeln – und genau das ist die Lobpreisung Gottes.

    MartinM

    30. Juli 2008 at 11:41

  13. „Die Formel wie das Bild stellen Annäherungen an die Wahrheit dar, “wahr” sind sie beide nicht.“

    Was ist denn dann „die Wahrheit“, an die man sich annähern könnte – und wie denn? Ist Wahrheit nicht eher sowas wie eine „Eigenschaft“ von Sätzen, Formeln und Bildern?

    „Insofern besteht der “kulturelle Kitt” des “Alltagswissens”, der unsere Zivilisation zusammenhält, aus Mythen – heute wie vor 36.000 Jahren. “

    Ja, eben! Deshalb die Relevanz des Narrativen in den Sozialwissenschaften.

    Auch ansonsten spannend, was Du schreibst. Was ist denn die zweite, nicht deckungsgleiche Variante des Schöpfungsmythos im 1. Buch Mose? Bin echt nicht bibelfest …

    MomoRules

    30. Juli 2008 at 11:52

  14. Der Laie dankt!

    T. Albert

    30. Juli 2008 at 14:08

  15. Wenn ich relativistische Physiker bzw. Quantenphysiker lese, erscheint mir da auch keine Diskrepanz zum Narrativen. Die Position, ein empirisches Experiment sei nur aus Sicht des Beobachters objektiv, und jedes denkbare Universum existiere auch in einer Art Blasenschaum der kosmischen Möglichkeiten, ist m.E. jedenfalls mit der Schulbuchweisheit traditionell-positivistischer Naturwissenschaft nicht mehr beschreibbar.

    che2001

    30. Juli 2008 at 17:55

  16. @MR: In der einen Schöpfungsgeschichte werden zuerst Himmel und Erde erschaffen und geformt, dann Pflanzen und Viehzeuch und erst zum Schluß der Mensch. In der zweiten sind Himmel und Erde nicht so wichtig; es kommt zu erst der Mensch, dann kommen die Viecher und der Mensch darf sich witzige Namen für sie ausdenken.

    @Che: Was zur Hölle ist eigentlich „traditionell-positivistische Naturwissenschaft“ und wie zieht man die Grenze zwischen dem was sie beschreiben kann und was sie nicht beschreiben kann, obgleich sie es offenkundig tut?

    David

    30. Juli 2008 at 18:17

  17. In Ergänzung: in der ersten Schöpfungsgeschichte heißt es: „Gott schuf den Menschen nach seinem Bilde, er schuf Mann und Frau“ – (Gen. 1,27) also gleichzeitig, in der zweiten schuf Gott zuerst den Mann aus der Erde, dann. damit er nicht alleine ist, die Tiere, denen Adam Namen gab, und dann erst: „Da versetzte Gott, der Herr, den Menschen in einen tiefen Schlaf, nahm eine seiner Rippen und füllte die Stelle mit Fleisch. Aus der Rippe machte er eine Frau und brachte sie zu dem Menschen“ (Gen. 2,22-23).

    Zum Wahrheitsbegriff: die meisten Naturwissenschaftler sind „unverbesserliche Naturalisten“ (was dem Beruf eher förderlich ist), d. h. normalerweise geht ein Forscher davon aus, dass es „da draußen“ irgendwo eine „objektive Wahrheit“ gibt.
    Allerdings ist spätestens seit der Quatenphysik der 1920er Jahre klar, dass diese Wahrheit für uns buchstäblich unvorstellbar ist.
    Wir können nur entscheiden, ob sich eine Theorie bewährt, d. h. dass sie zutreffende Vorhersagen macht, und darüber, wie viele Phänomene eine Theorie abdeckt. Die Newtonsche Physik hat sich hinsichtlich der Planetenbewegungen gut bewährt, allerdings zeigt die Bahn des Merkurs Abweichungen von den theoretischen Vorhersagen nach Newton, die sich aber nach Einstein korrekt vorhersagen lassen. Die Einsteinsche Gravitationstheorie ist also „wahrer“ als die Newtons, wobei Newton ja nicht falsch lag – die Newtonschen Gleichungen sind Sonderfälle der Relativitätstheorie.

    Der für mich entscheidende Punkt: von der Vorstellung einer dem Menschen zugänglichen „absoluten Wahrheit“ hat sich die Naturwissenschaft seit etwa 100 Jahren verabschieden müssen. Die Vorstellung, dass unsere Theorien der „Wahrheit da draußen“ immer näher kommen, ist meiner Meinung nach eine nützliche metaphysische Annahme.

    MartinM

    30. Juli 2008 at 19:13

  18. Die „traditionell-positivistische“ Naturwissenschaft beruht auf dem Weltbild der klassischen Physik – das Universum ist im Prinzip eine Art riesiges Uhrwerk, dass nach eindeutigen Gesetzmäßigkeiten abläuft und im Prinzip völlig vom menschlichen Verstand erfasst werden kann. Zeit und Raum sind unveränderlich und vom Beobachter unabhängig – es ist also im Weltbild der klassischen Physik möglich, objektive Erkenntnisse zu gewinnen.
    In der Physik, in der Chemie und seit einiger Zeit auch in der Biologie gilt dieses Weltbild als überholt. Allerdings hält es sich erstaunlich lange bei „abgeleiteten“ Wissenschaften, wie z. B. in der Medizin – und bestimmt nach wie vor das „Alltagsverständnis“ von Naturwissenschaft.

    MartinM

    30. Juli 2008 at 19:23

  19. Chapeau, ist hätte erst wieder endlose erkenntnistheoretische Debatten hervorkramen müssen, während Du es toll und allgemeinverständlich auf den Punkt bringst!

    che2001

    31. Juli 2008 at 10:19

  20. „ich“, nicht „ist“!

    che2001

    31. Juli 2008 at 10:20

  21. – “ich”, nicht “ist”! –

    Was eine Aussage! 😉 …

    MomoRules

    31. Juli 2008 at 10:24

  22. […] möchte keine Stellungsnahme des Redakteurs oder fordere keine Korrekturspalte. Das sind eben nur zwei Versionen derselben Wahrheit. Morgen schreibt der Herr Scholz vielleicht noch, dass Hamburg die Stadt des neuen deutschen […]


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