shifting reality

Es gibt kein richtiges Lesen im valschen!

Kunst! Intelligenz!

with 6 comments

Ich danke christianK sehr herzlich, mich darüber:

http://hinterwelt.net/2008/03/godard-und-youtube/

dahin:

http://www.zeit.de/2007/49/Interview-Godard?page=1

gebracht zu haben. Wirklich.

Das Interview von Frau Nicodemus mit Godard in der „Zeit“, das christianK verlinkt hat, ist ein unser aller Geschwafel der Selbstvergewisserung( – natürlich nicht nur unseres hier, sondern auch das unserer totalökonomistischen Denkfeinde, die „Ästhetik“ für eine extra softe Toilettenpapiermarke zu halten scheinen, wenn man ihnen so zuhört und zuliest -) beleuchtender Blitz der Erkenntnis.

Es beginnt schon hell leuchtend:

Jean-Luc Godard: Gibt es ein Problem mit den Aufnahmegeräten?

DIE ZEIT: Nein, aber irgendwo in der Handtasche muss noch ein kleiner Stecker sein.

Godard: Es gibt übrigens nicht den geringsten Grund, nervös zu sein.

Und es finden sich glitzernde Stellen ästhetisch-ökonomischer Aufklärung wie diese:

Godard: Ja, doch, da gab es etwas, ein kleines Gefühl der Gemeinsamkeit. Obwohl Dogma vor allem eine Vermarktungsidee war. Der interessanteste Film von Lars von Trier war Idioten. Leider hatte er weniger Erfolg als seine anderen. Und Dogma war schnell wieder vorüber. Ich will mich gar nicht über das Gegenwartskino beklagen. Ich sage nur, dass die meisten Regisseure und Dreiviertel der Leute, die jetzt in Berlin Preise bekommen, die Kamera nur benutzen, um selbst zu existieren. Sie benutzen sie nicht, um etwas zu sehen, was man ohne Kamera nicht sieht. So wie ein Wissenschaftler manche Dinge nicht ohne Mikroskop erkennen kann. Oder der Astronom manche Sterne nicht ohne Teleskop. Andererseits: Die Kamera existiert ja noch. Es gibt sogar 100 Millionen Modelle. Oder 36000. So wie Sie dieses Interview mit 36000 Aufnahmegeräten führen.

ZEIT: Drei.

Godard: Gut, dann drei.

ZEIT: Jetzt nur noch zwei. Eins hat gerade den Geist aufgegeben.

Und unbedingt sollte man sich mit diesen Gedanken zum mittlerweile generellen Umgang mit Bildern als geschriebener Sprache mehr beschäftigen, deren Existenz in ökonomistischer Selbstreferentialität nur noch durch eben diese Gleichsetzung legitimiert wird:

Godard: Ja, ich habe den Wandel vorausgesehen. Aber er vollzog sich anders, als ich glaubte. In den meisten Fernsehsendungen dient das Bild zu gar nichts. Versuchen Sie mal, die Nachrichten ohne Ton anzusehen. Es ist, als ob man das Radio abstellt, es bleibt kein Bild.

ZEIT: Na ja, ein paar Panzer, Frau Merkel und die Wetterkarte.

Godard: Um zu beweisen, dass es kein Radio ist, zeigt das Fernsehen eine Karte des Iraks, wenn vom Irak die Rede ist. Nirgends wird das Bild so schlecht behandelt wie im Fernsehen. Gerade streiken in Hollywood die Drehbuchautoren. Die Produktion der Fernsehserien und vieler Sendungen wird eingestellt. Warum? Weil es keine Autoren gibt? Gleichzeitig wird man nicht müde, von der Allmacht der Bilder zu reden. Aber wenn das Bild nicht vorher geschrieben ist, existiert es offenbar nicht.

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Written by talbert

2. August 2008 um 13:41

6 Antworten

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  1. Was ich nicht verstehe, ist, was du meinst, wenn du „Bild als geschriebene Sprache“ mit „ökonomistischer Selbstrefentialität“ in Beziehung setzen willst. Erklär mal 😉 …

    „Ökonomistisch“ im Fernsehen sind ja oft gerade auch Ästhisierungen, die als „populär“ gelten und mit komplexer Sprache wenig, mit Signalen aber sehr viel zu tun haben.

    Und die Nachrichten-Sprache versucht, genau darauf zu verzichten, um nicht unangemessen zu „locken“ mit „Effekten“.

    Fernsehspezifische Bildsprachen findest Du auch eher in den RTL“-News, da wird gejinglet und ge“slowmot“ und mit der digitalen Effektkiste gespielt wie nix Gutes. Und das sehr weit jenseits von Bildern als „geschriebener Sprache“.

    Finde auch, daß es seltsam ist, nun ausgerechnet auf
    Nachrichten, die ja bilderte Information, nicht geschriebene Sprache sind, die gleichen Kriterien anzuwenden wie auf ’nen Dogma-Film. Zudem im Irak im Falle irgendeines Bombenattentats auch niemand rumspaziert wie Herr Godard am Set, um in aller Ruhe eine spezifische Bildsprache zu generieren, wie denn auch?

    Und auch ’n Bild in einer Pilcher- oder von mir aus auch Mankell- oder Dürrematt-Verfilmung ist ja was ganz anderes als in einem Tierfilm (wo übrigens der Umgang mit Bildern oft bemerkenswert ist) oder in einem Videoclip oder in einem Film, der LSD-Erfahrungen thematisiert.

    „Ökonomistisch“ kommt da auch nur hinsichtlich der „Kommerzialität“ der narrativen Struktur in’s Spiel, nicht hinsichtlich irgendwelcher Selbstreferentialität – es sei denn, man betrachtet das das Reproduzieren narrativer Muster als eine selbstreferntielle Form, aber ich weiß nicht, ob du das gemeint hast ; und in der Tat ist bei einem TV-Spielfilm nur eine bestimmte Form der Narration und des Umgangs mit Bildern, die diese stützen, unter aktuellen Bedingungen zu verkaufen, und das ist sehr, sehr traurig, aber nicht unbedingt auf der Ebene des Bildes selbst diskutierbar.

    Fand es damals auch faszinierend, das zu lesen, das Interview, aber was er über Fernsehen sagt, da weiß ich nicht wirklich, wie er darauf kommt und was er da eigentliich wollen würde. Da gibt’s fürchterlich viel zu kritisieren, aber ob es das nun gerade ist?

    Interessant ist freilich der Satz:

    „Sie benutzen sie nicht, um etwas zu sehen, was man ohne Kamera nicht sieht.“

    Aus vielen Gründen. Zum einen, weil er den Schnitt und die Musik – oder auch den Sound, die Atmo im Allgemeinen – nicht erwähnt, und all die Postproduktionstechniken auch nicht. Hätte ja nahe gelegen bei Dogma. Wirkt ja so, als würde er das Kino als Fortsetzung der Fotografie begreifen, und das halte ich für falsch.

    Zum anderen aber ja auch, weil ich vermute, daß Du indirekt diesen Eintrag auf die Diskussionen rund um den „Linguistic Turn“ hier im Blog bezogen haben könntest. Ist ja nicht so, daß dieser den Bildern nicht genau so auch ihr recht ließe, er sagt lediglich, daß der wissenschaftlichen Erkenntnis immer auch Sprache voraus ginge, nicht jedoch, daß es da nix außer Sprache gäbe – nur wenn wir drüber sprechen und schreiben, dann tun wir’s nun mal sprachlich, auch über Bilder. Wobei ein rein visueller Dialog zwischen Bildern damit nicht ausgeschlossen ist.

    Und nicht umsonst haben ja Ende der 90er auch Leute den „Pictoral Turn“ oder so ähnlich ausgerufen, mit guten Gründen. Alles, worum es geht, ist, immer das Medium der Erkenntnis selbst auch zu thematisieren im Sinneder Reflexion, und genau das macht Godard hier ja auch hinsichtlich seines Mediums, der Kamera.

    Glaube auch, daß die Bild/Text-Realtion (oder auch nicht) tatsächlich noch ein völlig unzureichend beschrittenes Feld ist.

    Glaube, man sollte Cassierer mal wieder genau lesen, weil der in seiner „Philosophie der symbolischen Formen“ versucht hat, beides anzugehen …

    momorulez

    2. August 2008 at 16:00

  2. Ich bin mir nicht sicher, wie weit der Name Katja Nicodemus bekannt ist. (In meinem Umfeld kennt den Namen inzwischen jeder, was wahrscheinlich auch ein bisschen an meinem Groupie-Dasein für sie liegt …)

    Ich denke, dass Nicodemus regelmäßig das Beste liefert, das es in der deutschen Filmkritik so gibt. – Und das zeigt sich wohl auch in solchen Interviews. (Ein ähnlich abgefahrenes Interview hat sie vor zwei, drei Jahren mit Lars von Trier geführt.)

    christianK

    3. August 2008 at 6:56

  3. Ich habe das Interview mit Lars von Trier gerade wieder gefunden …
    http://www.zeit.de/2005/46/Trier-Interview

    […]
    ZEIT:Manderlay wurde von Pauline Réages Buch Geschichte der O . inspiriert. In diesem Roman wird das Sklavendasein als sexuelle Unterdrückungsfantasie inszeniert. Auch Ihre weiße Filmheldin sehnt sich nach erotischer Unterwerfung. Vermischen Sie da nicht zwei Ebenen?

    von Trier: Ich bin davon überzeugt, dass sich das Sexuelle und das Politische im menschlichen Bewusstsein nicht unbedingt trennen lassen.

    ZEIT: Aber warum muss sich Grace, die Heldin von Manderlay, nach dem starken schwarzen Mann sehnen?

    von Trier: Warum denn nicht?

    ZEIT: Es ist einfach ein bisschen billig.

    von Trier: Sexuelle Fantasien sind meistens billig.

    ZEIT: Trotzdem ist es seltsam, dass Sie innerhalb eines Films, der versucht, alle Klischees zu hinterfragen, ausgerechnet eine abgedroschene Pornofantasie verwenden.

    von Trier: Sie könnten mich ein bisschen ernster nehmen. Ich bin kein pubertierender Junge.

    ZEIT: Sie sitzen hier in einem ehemaligen Kasernenhangar. Sie tragen Militärklamotten, und auf dem Hof steht ein Panzer. Sie inszenieren doch auch Ihre eigene Männlichkeitsfantasie.

    von Trier: Vielleicht sollte ich doch darauf bestehen, dass Sie mich König Lars nennen. Also gut. Wenn man ein Sklave ist, […]

    Hoffe, dass es in Ordnung ist, wenn ich das hier einfach so poste … aber hat mich gerade einfach wieder gefreut, das zu lesen.

    christianK

    3. August 2008 at 7:11

  4. Klar ist das in Ordnung!

    Mir war die namentlich tatsächlich noch nicht aufgefallen, aber die Passagen aus dem Lars von Trier-Interview lesen sich schon lustig – wobei er ja „mit Sexuelle Fantasien sind meistens billig.“ ziemlich richtig liegt 😉 …

    momorulez

    3. August 2008 at 8:30

  5. mist! jetzt wollt ich hier meine superschlaue medienkritische, bildertheoretische antwort liefern und habe alles weggehauen, weil ich wieder mit dem falschen finger auf die falsche taste gehackt habe. ach!
    jetzt fahr ich in die berge und bedenke ein paar tage die materielle lage.

    T.. Albert

    3. August 2008 at 10:17

  6. “A life in art is an unimaginable and unpredictable experience.”
    Sol LeWitt

    T.. Albert

    3. August 2008 at 10:22


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