shifting reality

Es gibt kein richtiges Lesen im valschen!

Der Schluckauf des amerikanisches Traums

leave a comment »

Es gibt Momente im Leben eines jeden, der Musik im Allgemeinen und großes Songwritertum im Besonderen liebt und verehrt und als Erfahrung braucht wie die Luft zum Atmen, gibt Momente, die haben etwas Feierliches.

Wahrscheinlich haben frühere Generationen sowas beim Fahneneid gespürt, und ja, ich erlebe mich da als Träger eines historischen Fortschschritts, der sich im Laufe der 60er entwickelte, daß ich so ein Gefühl beim Einladen des neuen Randy Newman-Albums empfinde und nicht beim Zapfenstreich. Dessen erste Töne, die hier aus dem Computer scheppern – herrlich altmodisch hört sich das an, wer sich das traut, der hat was zu sagen.

Ich war ja nie in Baltimore, aber als dieser Antiheld in Look & Feel das einst im Rockpalast der späten 70er oder frühen 80er schmetterte, da gehörte ich ganz ihm. War versunken in seinem Bann, dieser so eigenen Stimme des Mannes am Flügel, der die Halle ausfüllte kraft seiner Präsenz und auch seines schon damals wirksamen Mythos.

Ja, damals habe ich irgendwann Heinz-Rudolf-Kunze und solche gehört, die beriefen sich auf ihn, und HRKs erste 3 Platten finde ich ja bis heute gut, ganz unabhängig von dem, was später aus ihm wurde.

Und doch, lange kam mir Randy Newman dann doch abhanden, muß zu meiner Schande gestehen, daß erst eine „Songs“-CD des allseits bekannten Kaufhauses Saturn ihn mir dann erneut schenkte. Da versteckte sich „Every time it rains“ ziwschen anderen Perlen, und das ging mir durch und durch, und einmal mehr merkte ich, wie viel man so aufzuarbeiten hat im Leben, wenn man beruflich bedingt zu viel auf neue Hypes gepolt ist.

Hörte mich dann rein in seinen Kosmos, und Songs wie „Christmas in Capetown“ oder „Sail away“,  die beweisen immer neu, daß es sehr wohl noch Möglichkeiten gibt,  literarisch und mittels Musik auch Politik zu erschließen, so, daß es unter die Haut geht.

„Wenn er zum Beispiel in einem seiner berühmtesten Stücke, dem Titelsong seines Albums „Sail Away“ von 1972, zu verführerischen Hollywood-Streichern die Werbetrommel für die Sklaverei rührt und ein paar Afrikaner becircet, um sie auf sein Schiff ins gelobte Land zu verfrachten („You’ll just sing about Jesus and drink wine all day/ It’s great to be an American“), erscheint das, so Greil Marcus in „Mystery Train“, „wie eine Vision des Himmels , die auf die Hölle projiziert wird“. Was der Song eigentlich beschreibt, ist genau die Utopie, die wir den amerikanischen Traum nennen, „Während sie über den Ozean treiben, lieben der Sklaventreiber und seine Sklaven einander.“ (Marcus) Es ist das Wissen um die (amerikanische) Geschichte, das einem hier übel aufstößt, Gift und Galle ins amerikanische Bewußtsein spritzt.“

Maik Brüggemeyer, Der amerikanische Patient, in: Rolling StoneAuguist 2008, S. 31 ff.

Auch die few words, die er zur Defense seines Countries hier in meinem Wohnzimmer gerade singt, die werde ich mir erst mal allmählich erschließen müssen – aber zum Glück ist der bereits zitierte, sehr erhellende Artikel im aktuellen Rolling Stone zu lesen.

Dort berichtet der Songwirting-Gigant, manchen im Netz kursierenden Versionen der Weltgeschichte zum Trotze, wie er sich in den USA immer als Außenseiter gefühlt habe, weil er Jude ist. Und das sei so ziemlich das Gegenteil eines Südstaatlers – in denen lebte er, als sein Vater gerade sein Leben auf’s Spiel setzte, um Europa zu befreien, damals, ’43.

Daß es ihn anpißt, daß die von Bush eingesetzten Mitglieder des Surpreme Courts ihn überleben werden, berichtet und besingt er auch.  Ebenso, daß der amerikanische Traum – vom Tellerwäscher zum Millionär – dort längst gestorben sei, man könne sich dort anstrengen, immer mehr, wie man wolle, man käme doch nicht mehr voran.

Und, bevor irgendjemand jetzt unkt, der Mann liefere mir doch nur eine Folie für meinen tiefsitzenden Anti-Amerikanismus, nee, ist nicht: Genau dafür liebe ich ja die US-Kultur, daß sie ihre Kritik und global gewichtige Kritiker geradezu notwendig mit hervor bringt, und genau davon will ich weiter lernen. Und mir ist Randy Newmann doch noch näher als Bruce Springsteen:

„Wenn Springsteen die Stimme des amerikanischen Traums ist, ist Newman sein Schluckauf. Als antikes Vorbild könnte der griechische Tragödiendichter Aristophanes aus Platons „Gastmahl“ dienen, der auf die pathosbeladene Rede des Pausanias (der antiken Entsprechung zu Springsteen) mit einem Schluckauf reagiert, als wolle er ihm das allzu Menschliche ironisierend entgegenhalten.“

Maik Brüggemeyer, Der amerikanische Patient, Ebd., S. 30

Advertisements

Written by momorulez

7. August 2008 um 21:30

Veröffentlicht in Nicht kategorisiert

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s